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Interview bei Leeroy: Spielte ein Mitarbeiter der Polizei einen „Linksextremen“?

Der bekannte YouTuber Leeroy hat ein Interview mit einem Polizisten und einem angeblichen Antifaschisten veröffentlicht. Besonders glaubwürdig ist der selbsternannte „Linksextreme“ nicht. Der Verdacht liegt nahe, dass er ein verdeckter Mitarbeiter von Polizei oder Verfassungsschutz sein könnte.

Interview bei Leeroy: Spielte ein Mitarbeiter der Polizei einen „Linksextremen“?
Markue / shutterstock.com

Polizist: „Neben mir sind Polizisten in Flammen aufgegangen, weil sie mit Molotow-Cocktails beworfen worden sind.“

Linksextremer: „Ich war leider nicht beim G20-Gipfel. Ich wäre auch gerne dabei gewesen, hätte Steine geschmissen und Sachen angezündet.“

Mit diesem dramatischen Einspieler beginnt das Video „Polizist trifft Antifaschist“, das innerhalb von nur einer Woche über eine Million Aufrufe bekommen hat. Als Teil des ARD- und ZDF-Online-Netzwerks funk erreicht der YouTuber Leeroy Matata regelmäßig ein großes Publikum vor allem in der jungen Zielgruppe. Und die darf sich in besagtem Video fast jedes Klischee anhören, die sich ein verdeckter Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden über Linke ausdenken könnte.

Mit einer Kufiya (im arabischen Raum verwendets Kopftuch) vermummt sitzt der angebliche Antifaschist im Interview. Warum braucht er die Vermummung? Er sagt, er müsse mit Repressalien von der Polizei rechnen. Möglicherweise will hinter der Verkleidung aber nur ein verdeckter Polizist seine Tarnung bewahren. Er habe auch Angst vor Gewalt von Nazis und anderen Linken, weil diese angeblich gegen die eigenen Leute vorgehen würden. Von welcher Gewalt innerhalb der Linken er spricht, bleibt offen.

Sein Name sei „Punk“ – darauf kann auch nur ein Cop oder Verfassungsschützer kommen. Er trägt eine nagelneue Lederjacke mit linken Aufnähern und Buttons, darunter Camouflage-Klamotten, Springerstiefel und einen geklauten Mercedes-Stern. Ein Faschingsumzug wäre ein geeigneterer Ort für sein Outfit. Er sieht aus, als wollte er einen – vollkommen überzeichneten und mit allen Klischees ausgestatteten – Hausbesetzer der autonomen Szene der 1980er darstellen. Ihm gegenüber sitzt Michael, seit über 30 Jahren im Polizeidienst in Hamburg.

„Ich gehöre zur linksextremen Szene“, meint „Punk“. Ein Begriff, der von den meisten Linken abgelehnt wird. Denn er wurde von den konservativen Politikwissenschaftlern Uwe Backes und Eckhard Jesse geprägt – um zu zeigen, dass Rechts- und Linksextremismus einfach zwei unterschiedliche Spielarten von Extremismus seien. Eine Definition, die vom Verfassungsschutz übernommen wurde. Welch ein Zufall, dass „Punk“ von sich sagt, früher selbst Nazi gewesen zu sein und dann die Seiten gewechselt zu haben. Scheint ja keinen Unterschied zu machen.

Auch sonst sind seine Aussagen zu inhaltlichen Motiven für seinen Aktivismus dünn. Er sei gegen Faschismus und rassistische Diskriminierung. Der Staat sei überfordert damit, Nazis Einhalt zu gebieten und würde sie nicht gerecht bestrafen, deswegen sei Selbstjustiz angebracht, auch bis hin zur Tötung. Auch das klingt eher wie eine Diffamierung der linken Szene als gewalttätig. Auf die Frage von Leeroy, warum er Gewalt mit Gewalt bekämpfen will, sagt er: „Die Fronten zwischen links und rechts sind so verhärtet. Keine Front wird aufgeben und sich den Gesetzen beugen. Die Gruppen sind teils so autonom und staatsfeindlich, dass von staatlicher Seite aus fast keine Repressalien möglich sind, die einen positiven Einfluss haben.“ Besser aus einem Lehrbuch des Verfassungsschutzes hätte er hier kaum zitieren können.

Leeroy lenkt das Interview anschließend auf den G20-Gipfel in Hamburg 2018. Damals war „Punk“ laut eigener Aussage noch zu jung, um an den Protesten teilzunehmen, er wäre aber gerne hingefahren um „Steine zu schmeißen“. Der Polizist, Michael, fragt ihn darauf, ob es nicht reiche, „bunten, lauten Protest vorzubringen“, anstelle von Gewalt und, mit welchem Ziel er denn Steine schmeiße.
„Punk“ antwortet daraufhin, dass er dies für Antifaschismus, weniger Racial Profiling und das schnellere behördliche Bearbeiten von Anträgen rassistisch diskriminierter Menschen tue. Leeroy schlägt daraufhin die Lösung vor, dass der beste Weg dies zu erreichen, Liebe zu geben sei, weil man dadurch auch viel Liebe zurück bekomme. Dies wird auch nicht weiter beantwortet oder diskutiert in dem Video und es bleibt der Eindruck, als wäre Leeroy und diese Lösung die einzig vernünftige. Nur Liebe zu geben, ist natürlich stark vereinfacht und nicht ausreichend.

In diesem Teil des Interviews ist die einseitige Darstellung für die Polizei mit am konkretesten, weil sie direkt an die Ereignisse von G20 geknüpft ist. Allerdings ist die massive, von der Polizei ausgehende Gewalt an G20 bestens schriftlich festgehalten, es existiert auch eine Video-Dokumentation der Repression. Im Interview findet sie nur in einem kurzen Nebensatz von Leeroy Erwähnung. Danach darf Michael seine Erfahrungen im Einsatz schildern, wie Linke bei G20 Autos anzündeten.

Fast sämtliche Demonstrationen an G20 waren das Ziel polizeilicher Repression. Selbst Journalist:innen und Demonstrationen mit sehr bürgerlichem Charakter haben heftige Polizeigewalt erfahren. Die Frage des Polizisten an „Punk“, warum man nicht einfach friedlich demonstrieren könne, ist abgeglichen mit den Ereignissen während des G20 Wochenendes in Hamburg blanker Hohn. Genauso wirkt „Punks“ Wehmut über das Verpassen des fröhlichen Steineschmeißens an diesem Wochenende mehr als surreal für jemand, der angeblich Verankerung in den Strukturen hat, die diese extreme Polizeigewalt zum G20 Gipfel in Hamburg erfahren haben. An einer Stelle sagt er allen ernstes, die Gewalt auf Demonstrationen treffe ihn ja nicht zuerst, sondern die Polizei würde nur auf Angriffe der Linken reagieren – als ob er versuchen würde, die Linken als Gewalttäter zu diffamieren. Dazu kommt seine Schwäche, klar zu benennen, wofür er eigentlich auf Demonstrationen einsteht. Auch hier ist er wieder klischeehaftes Abziehbild eines „Krawalltouristen“.

Nachdem er im gesamten Video sagt, wie gerne er Steine schmeißen will, meint „Punk“ auf Nachfrage, er sei für die Verfassung und den Artikel 1 im Grundgesetz („Die Würde des Menschen ist unantastbar“). Auf die Frage, wie das zusammengehe, meint er, die linke Szene sei nunmal „widersprüchlich“. In seinem Fazit sagt er gar: „Die Intention auf eine Demo zu gehen sollte nicht sein, sich prügeln zu wollen, was wohl Einige tun. Und man sollte nicht mehr die Gesetze so übertreten, dass die Polizei eingreifen muss, also weniger Sachbeschädigung begehen.“ Also bleibt die einzige Kritik seinerseits bei den Demonstrant:innen, denn innerhalb eines Interviews ist der angebliche linnksextreme Gewalttäter plötzlich gemäßigter und nimmt gar die Polizei in Schutz, die ja nur gezwungen sei, zu reagieren.

Auffällig ist, dass es keine einzige kritische Einordnung der Aussagen des Polizisten im Video gibt. Leeroy fragt zwar ein Mal nach Übergriffen der Polizei, als der Polizist jedoch fast wie in einem Zitat aus einer Pressemitteilung behauptet, dass dies nur in Einzelfällen vorkomme und er selber immer jegliches Fehlverhalten zur Anzeige bringen würde, hakt Leeroy nicht weiter nach.

Setzt man sich ernsthaft mit der deutschen Polizei auseinander, so müssen einem selbst aus bürgerlicher und reformistischer Sicht die riesigen Missstände auffallen. Aufgrund der systematisch stattfindenden Polizeigewalt, hat sich beispielsweise die Kampagne „Death in Custody“ gegründet, die Tode von People of Colour in Polizeigewahrsam dokumentiert. Seit 1990 sind es 209 dokumentierte Fälle, laut Kampagne ist die Dunkelziffer wahrscheinlich noch sehr viel höher. Einer der Ermordeten ist zum Beispiel Oury Jalloh, der 2005 in einer Polizeizelle in Dessau laut unabhängiger Gutachter höchstwahrscheinlich von Beamten angezündet wurde. Nie wurde ein Verfahren wegen Verdacht auf Mord gegen die Polizist:innen aufgenommen.

Zusätzlich zur extremen rassistischen Polizeigewalt gibt es sogar von der UN Anschuldigungen gegenüber Deutschland, weil es in hierzulande nicht möglich ist, sich juristisch gegen Polizeigewalt zu wehren. 2021 hat ein UN-Berichterstatter die Bundesregierung um eine Statistik gebeten, wie viele Polizist:innen in Deutschland wegen unverhältnismäßiger Gewalt im Dienst belangt worden seien. Es gab im Zeitraum von zwei Jahren genau einen Fall, in dem dies passiert ist, in vielen Bundesländern gab es nicht einmal Statistiken zu dem Thema. Laut dem UN-Botschafter würden Demonstrierende in Deutschland, wenn sie angeklagt werden, im Schnellverfahren abgeurteilt, während die Verfahren gegen Polizist:innen so lange verschleppt würden, bis sich niemand mehr für sie interessiere und sie eingestellt würden.

Für uns ist klar, dass die extreme Gewalt der Polizei und die fehlenden Konsequenzen aus dem Charakter des bürgerlichen Staates erwachsen. Die Aufgabe der Polizei ist der Schutz des Privateigentums, also hauptsächlich der Kapitalist:innen. Dafür geht sie auch gegen diejenigen vor, die die Eigentumsordnung und die Interessen des Kapitals in Frage stellen.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Interviews ist von funk möglicherweise nicht zufällig gewählt. Es geht im Video viel um den G20-Gipfel und tatsächlich wird am letzten Juniwochenende wieder ein großer Gipfelprotest gegen die G7 in München und Garmisch stattfinden. Das Interview rechtfertigt potenzielle Polizeigewalt schon im Vorraus. Es ist deshalb auch nicht entscheidend, ob „Punk“ wirklich verdeckter Ermittler oder der klischeebelasteste Aktivist ist, den man finden konnte. Fakt ist, dass er Standpunkte vertritt, die keine relevante linke Gruppierung jemals so äußern würde, und die ein Bild von Linken aufbaut, vor dem die breite Bevölkerung Angst hat, und die Position der Polizei stärkt.

Es ist mindestens verantwortungslos von Leeroy, so ein Video zu verbreiten, denn er hilft so mit, eine mediale Stimmung zu erzeugen, in der die Polizei eine Rechtfertigung bekommt, am G7-Wochenende zuzuschlagen. Auf unser Anfrage, wie „Punk“ als Interviewpartner ausgewählt wurde und ob und wie seine Geschichte überprüft wurde, haben wir bisher keine Antwort erhalten. Es wäre allein schon aus journalistischer Sorgfaltspflicht und politischer Unabhängigkeit wichtig, dass Leeroy dies öffentlich transparent macht und zusätzlich unter Berücksichtigung der Inhalte der Dokumentation „Hamburger Gitter“ und anderer Berichte über Polizeigewalt eine kritische Einordnung seines Videos vornimmt..

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