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Internationale Spendenkampagne: Wie viel ist ein Auge wert?

Gemeinsam mit einigen Freund*innen hat Alexis Osvaldo Donoso Cifuentes eine internationale Spendenkampagne gestartet, um die chilenische Jugend im Kampf gegen die Repression von Polizei und Militär mit Schutzbrillen auszustatten. Wir veröffentlichen hier den Spendenaufruf der Kampagne "Wie viel ist ein Auge wert?".

Internationale Spendenkampagne: Wie viel ist ein Auge wert?

In einem kür­zlich erschiene­nen Artikel hat die New York Times die Kosten für Proteste in Chile ver­an­schlagt: “Eine Kugel ins Auge ist der Preis für das Protestieren in Chile.“1 Wie Amnesty Inter­na­tion­al in seinem neuen Bericht über die Men­schen­rechtssi­t­u­a­tion in Chile fest­gestellt hat, “bege­hen die Sicher­heit­skräfte unter dem Kom­man­do von Präsi­dent Sebastián Piñera — haupt­säch­lich die Armee und Cara­bineros (die nationale Polizei) — weit ver­bre­it­ete Angriffe, bei denen sie unnötig und über­mäßig Gewalt anwen­den, um die demon­stri­erende Bevölkerung zu schädi­gen und zu bestrafen.“2 Mit anderen Worten, wir sehen uns ein­er sys­tem­a­tis­chen staatlichen Poli­tik gegenüber, die der chilenis­chen Bevölkerung irrepara­blen materiellen Schaden zufü­gen will, um den Protest zu beschwichti­gen.

Die Regierung reagierte auf die Kri­tik von Amnesty Inter­na­tion­al mit ein­er Schließung der Rei­hen. Vertei­di­gungsmin­is­ter Alber­to Espina unter­stützte die Stre­itkräfte entsch­ieden gegen den lap­i­daren Bericht von Amnesty Inter­na­tion­al, indem er bekräftigte, dass die Stre­itkräfte und Cara­bineros “sich gegen Angriffe dieser Größenord­nung wehren kön­nen und müssen. Diese Art von Angrif­f­en, die immer auf klare Weise, aber ohne Beweise durchge­führt wer­den, verur­sachen schw­eren Schaden.” Mit anderen Worten, die chilenis­che Regierung fühlt sich durch einen Bericht über die Men­schen­recht­slage bedro­ht und fordert, dass sich die Stre­itkräfte gegen Amnesty Inter­na­tion­al “wehren”. Im Ein­klang mit diesen Erk­lärun­gen, sagte der Gen­er­al der Cara­bineros, Enrique Bas­salet­ti: “Unsere Gesellschaft ist an Krebs erkrankt”. Er fügte hinzu: “Die Kreb­s­be­hand­lung wird mit Chemother­a­pie und in anderen Fällen mit Strahlen­ther­a­pie durchge­führt. Wenn das Kreb­sprob­lem gelöst wer­den soll, wer­den gute und schlechte Zellen getötet. Es ist das Risiko, das beim Ein­satz von Schuss­waf­fen entste­ht”. Wieder ein­mal wird die Meta­pher der Krankheit als Vehikel für gruselige Stereo­typen über die Krankheit, die Kranken und ihre Ange­höri­gen ver­wen­det.

Mit anderen Worten, die Regierung und die Ord­nungskräfte unter­stützen den wahllosen Ein­satz staatlich­er Gewalt zur Bekämp­fung von Jugendlichen, Arbeiter*innen und Anwohner*innen, die auf die Straße gehen, um ihr legit­imes demokratis­ches Recht auf Protest gel­tend zu machen. Wer protestiert, wird mit Kreb­szellen ver­glichen, “wie eine rück­sicht­slose und geheime Inva­sion“3, wie Susan Son­tag sagen würde. Die Krankheit (und ihre Meta­phern), die bekämpft wer­den muss, bis sie besiegt ist.

Das Ergeb­nis der mil­itärischen und polizeilichen Gewalt ist schreck­lich: Seit Beginn der Demon­stra­tio­nen wur­den nach Angaben des staatlichen Nationalen Insti­tuts der Men­schen­rechte (INDH) min­destens 23 Men­schen bei ver­schiede­nen Aktio­nen (Brände, Über­fälle, Kugeln) getötet und mehr als 2.300 ver­let­zt, von denen rund 230 schw­eres Augen­trau­ma erlit­ten.

Diese Augen­ver­let­zun­gen sind das Ergeb­nis der Schüsse, die seit Beginn der Krise auf Demonstrant*innen abge­feuert wur­den. Diese Poli­tik zielt darauf ab, in der Bevölkerung Ter­ror zu ver­bre­it­en, ins­beson­dere unter der muti­gen Jugend, die gegen ein ungerecht­es Sys­tem rebel­liert, das sie zu einem erbärm­lichen, unwürdi­gen und demüti­gen­den Leben verurteilt.

Trotz der ständi­gen Ver­let­zun­gen ihrer Rechte sind die Jugendlichen jedoch entschlossen, ihren Kampf fortzuset­zen und im Zweifels­fall die Augen zu ver­lieren, um diesem Regime ein Ende zu set­zen. Wie die Botschaft, die ein junger Stu­dent der Erziehungswis­senschaft an die Jugend, die gegen die Regierung demon­stri­ert – in einem Fall, der die chilenis­che Gesellschaft erschüt­tert hat: “Ich habe meine Augen gegeben, damit die Men­schen aufwachen.”

Heute wollen wir dazu beitra­gen, dass dieser Schreck­en aufhört. In dem Bewusst­sein, dass die chilenis­che Regierung und die chilenis­chen Ord­nungskräfte ihre repres­sive Eskala­tion fort­set­zen wer­den, wie sie in den Erk­lärun­gen zum Bericht von Amnesty Inter­na­tion­al bekräftigt haben, und dass sie nicht aufhören wer­den, die Bevölkerung, ins­beson­dere die Jugend, wahl­los zu verspot­ten, wollen wir heute eine Kam­pagne starten, um Geld für die kämpfend­en Jugendlichen zu sam­meln. Im Gegen­satz zu anderen sehr lobenswerten Kam­pag­nen zur Unter­stützung der Opfer wollen wir, dass junge Men­schen, die ihre kör­per­liche Unversehrtheit im Kampf für eine bessere Gesellschaft gegen die Repres­sivkräfte riskieren, dies unter besseren Bedin­gun­gen tun und ihr Augen­licht dabei nicht ver­lieren müssen. Wir wollen nicht, dass junge Men­schen immer wieder die Augen ver­lieren, wenn sie protestieren. Wir wollen kein Geld sam­meln, um Ver­let­zun­gen zu behan­deln; wir wollen, dass sie gar nicht erst passieren!

Aus diesem Grund haben wir beschlossen, eine inter­na­tionale Spendenkam­pagne für den Kauf von Schutzbrillen zu starten, die unter den Jugendlichen, die kämpfen, verteilt wer­den sollen. Anlauf­stellen für die Verteilung sind das Komi­tee für Not­fälle und Schutz in der Bergar­bei­t­erIn­nen­stadt von Antofa­gas­ta, 1800 Km nördlich von der Haupt­stadt San­ti­a­go, das Komi­tee für Not­fälle und Schutz der Uni­ver­sität von Playa Ancha und die Gew­erkschaft Fenats der Beschäftigte des Kranken­haus­es Bar­ros Luco Trudeau (Nationaler Dachver­band der Beschäftigte der Gesund­heit) in San­ti­a­go de Chile.

Wir glauben, dass dies angesichts der Ver­all­ge­meinerung dieser Art von Wun­den unter Demonstrant*innen in ver­schiede­nen Teilen der Welt, wie in Frankre­ich mit den Protesten der Gelb­west­en, in Ägypten während der Demon­stra­tio­nen, die zum Sturz der Regierung von Mubarak führten, oder in Palästi­na, ein immer drin­gen­der Bedarf ist, wo immer deut­lich­er wird, dass es sich um eine bewusste mil­itärische Tak­tik han­delt.

Unser erstes Ziel ist es, das Geld aufzubrin­gen, um tausend Stück zu kaufen. Bei einem Stück­preis von etwa 30–40 Euro müssen wir 30.000–40.000 Euro auf­brin­gen, um unser Ziel zu erfüllen. Wir wis­sen, dass dies das Prob­lem nicht löst, aber wir glauben, dass wir auf diese Weise auf diese schreck­liche repres­sive Prax­is aufmerk­sam machen und zugle­ich die Notwendigkeit her­vorheben kön­nen, die Augen der Protestieren­den zu schützen.

Diese Schutzbrillen sind jedoch nicht klas­sis­che Arbeits­brillen, die gegen Schläge bei niedri­gen Geschwindigkeit­en aus­gelegt sind. Nein, wir wollen junge Men­schen mit ein­er bal­lis­tis­chen Brille ausstat­ten, die Schüssen von Polizeifeuer­waf­fen stand­hal­ten kann, wie dem soge­nan­nten Saber Advanced der Fir­ma Wiley X4 oder ähn­lichem. Dabei gibt es lei­der bal­lis­tis­che Brillen nach zivilen Stan­dards und welche nach mil­itärischen Stan­dards, die natür­lich mehr kosten. Wir hof­fen, den chilenis­chen Jugendlichen die besten Brillen liefern zu kön­nen.

Deshalb bit­ten wir Sie um Ihre Hil­fe, die Beiträge wer­den alle 24 Stun­den trans­par­ent sein und jed­er gesam­melte Euro oder Dol­lar wird voll­ständig für diesen Zweck ver­wen­det.

Inter­na­tionale Spendenkam­pagne: Wie viel ist ein Auge wert?

Hier geht es zur Seite der Pay­pal-Spendenkam­pagne.

“Wir wollen auf das Dra­ma der durch Kugeln zer­schosse­nen Augen hin­weisen”: Inter­view mit Alex­is Osval­do Donoso Cifuentes über die Spendenkam­pagne.

Hier geht es zur Face­book-Seite von Alex­is, wo regelmäßig neuste Infor­ma­tio­nen zur Kam­pagne gepostet wer­den.

Fußnoten

1. New York Times: A Bul­let to the Eye Is the Price of Protest­ing in Chile
2. Amnistía Inter­na­cional: Chile: Políti­ca delib­er­a­da para dañar a man­i­fes­tantes apun­ta a respon­s­abil­i­dad de man­do
3. Son­tag, Susan: La enfer­medad y sus metá­foras. El sida y sus metá­foras (epub­li­bre, 1977).
4. Wiley X SABER ADV. Clear

One thought on “Internationale Spendenkampagne: Wie viel ist ein Auge wert?

  1. Ingo Giesen sagt:

    Super
    Hoch die inter­na­tionale sol­i­dar­ität

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