Frauen und LGBTI*

In Gedenken an Sista Mimi, eine kämpferische geflüchtete Frau

Unsere Autorin hat sich im Zuge des internationalen Frauenkampftages am 8. März mit der Situation geflüchteter Frauen befasst. Für diese Frauen sind Sexismus, Rassismus und Ausbeutung Alltag.

In Gedenken an Sista Mimi, eine kämpferische geflüchtete Frau

Bild: Sista Mimi

Was bedeutet es, eine Frau zu sein, die fliehen muss? Was bedeutet es, eine Frau zu sein, die bei allem von neu anfan­gen soll, was sie unter aller Art von Diskri­m­inierung und Aus­beu­tung geschaf­fen hat?

Die Gewalt, der Frauen gegenüberstehen

Wenn man ver­sucht, einen kleinen Teil der physis­chen und psy­chis­chen Gewalt, unter der die geflüchteten (Non-Cit­i­zens) Frauen lei­den, zu schildern, weiß man nicht, wo man anfan­gen soll. Egal ob Herkun­fts- oder so genan­nte „Ankun­ft­slän­der“, nir­gend­wo sind Frauen von Gewalt befre­it, da diese Gewalt die Glieder ein­er Kette bildet, die auf der einen Seite Flucht verur­sacht und auf der anderen Seite in den Tod abschiebt. Sie tren­nt Müt­ter von ihren Kindern, sie raubt ihnen die Möglichkeit auf Bil­dung und Entwick­lung und sper­rt sie in Lager. Sie ver­sklavt geflüchtete Frauen unter prekären Bedin­gun­gen oder zwingt sie dazu sich zu pros­ti­tu­ieren.

In dieser patri­ar­chalen kap­i­tal­is­tis­chen Welt haben wir natür­lich keine Illu­sion, dass es einen Ort gäbe, wo wir, die geflüchteten Frauen, endlich keine Gewalt erfahren. Wo wir endlich frei atmen kön­nen. Nicht nur geflüchteten Frauen – allen Frauen unser­er Klasse, der inter­na­tionalen Arbeiter*innenklasse, fehlt im Kap­i­tal­is­mus dieser Ort frei von Gewalt.

Die besondere Lage geflüchteter Frauen

Wirft man einen Blick auf die Sit­u­a­tion von Frauen in Deutsch­land, dann nehmen geflüchtete Frauen eine spezielle Rolle ein – sie erfahren Sex­is­mus und Ras­sis­mus gle­icher­maßen. Diese Unter­drück­ungs­for­men durchziehen alle Lebens­bere­iche und zeigen sich in vielfältiger Form in physis­ch­er und psy­chis­ch­er Gewalt. Die ständi­ge Bedro­hung durch Abschiebun­gen, Res­i­den­zpflicht, Dublin, Dul­dung beziehungsweise Ablehnung der Asylbeschei­de, Anhörun­gen und die damit ein­herge­hende Krim­i­nal­isierung und nicht zulet­zt durch die Unter­bringung in Lagern und Aus­gren­zung. Geflüchtete Frauen beze­ich­nen diese Lager oft als Gefäng­nisse, in denen sie täglich sex­is­tis­che und ras­sis­tis­che Schika­nen durch Hausver­wal­tung, Secu­ri­ties und anderen Angestell­ten aus­ge­set­zt sind und nur in kleinen Zim­mern Zuflucht vor diesen Angrif­f­en, aber keine Pri­vat­sphäre find­en, da sich Geflüchtete die Zim­mer teilen müssen.

Bei genauer­er Betra­ch­tung fehlte diese Pri­vat­sphäre und Eigenbes­tim­mung schon länger. Sei es nun die Fam­i­lie die Mäd­chen und Frauen dik­tiert, was sie zu tun und lassen haben – die meis­ten geflüchteten Frauen kom­men aus stark patri­ar­chalen Struk­turen – oder die nor­ma­tive Erziehung der Gesellschaft, das Leben der Frauen war schon seit der Ein­rich­tung des Pri­vateigen­tums immer geprägt von sex­is­tis­ch­er Gewalt und Unter­drück­ung. Alexan­dra Kol­lon­tai schildert in ihrer Vor­lesun­gen an der Sverdlov-Uni­ver­sität 1921, wie die Sit­u­a­tion der Frauen in der gesellschaftlichen Entwick­lung durch den Charak­ter der Arbeit, die ihr in ein­er bes­timmten Gesellschaft zugeteilt wird, abhängig ist. Mit dieser marx­is­tis­chen Analyse kann man die beson­dere Sit­u­a­tion der geflüchteten Frauen bess­er ver­ste­hen, denn die Mehrheit von ihnen ist von den Pro­duk­tion­szyklen aus­geschlossen.

Warum wir fliehen

Die Entschei­dung zu fliehen war für uns notwendig, um über­leben zu kön­nen. Frauen fliehen nicht, weil sie Deutsch­land für das Paradies hal­ten, son­dern weil sie sich ein besseres Leben für sich und auch ihre Kinder erhofften, wohl wis­send, dass auf der Flucht noch mehr Gewalt dro­ht.

Wenn der impe­ri­al­is­tis­che und kolo­nial­is­tis­che Prof­it die Infra­struk­tur im Heimat­land zer­stört und Krieg human­itäre Krisen verur­sacht, sind wir gezwun­gen unser Leben auf den Fluchtrouten durch die Sahara, über das Mit­telmeer oder durch die Ägäis aufs Spiel zu set­zen, um die Hölle zu ver­lassen. Verge­wal­ti­gung, Beschnei­dung, Zwangsver­heiratung, keine Entschei­dungs­frei­heit über die Geschlecht­si­den­tität oder die eigene sex­uelle Ori­en­tierung sind die Gründe dafür, dass wir vor den dik­ta­torischen und frauen­feindlichen Reg­i­men fliehen, die von west­lichen Län­dern gebil­ligt und unter­stützt wer­den. Auf­stände unser­er Schwest­ern und unser­er Klasse wur­den und wer­den mit Hil­fe des Impe­ri­al­is­mus unter­drückt. So zum Beispiel die Angriffe der türkischen Armee auf den Kan­ton Afrin in Nordsyrien mit deutschen Waf­fen, wo Frauen eine sehr pro­gres­sive Rolle in der Gesellschaft spie­len.

Uns gibt es schon immer

Wer oder was sind wir eigentlich? Manch­mal scheint es so, dass nicht-geflüchtete Men­schen denken, dass wir ein neues Phänomen sind, das plöt­zlich wie ein Pilz aus der Erde schießt. In diesen Sit­u­a­tio­nen bekom­men wir oft die gle­ichen Fra­gen zu denen wir uns posi­tion­ieren müssen: Wie bist du hier her gekom­men und warum?

Als wür­den nicht alle wis­sen, was in der Welt passiert. Es fol­gen weit­ere Fra­gen wie:

Wow, wie hast du das geschafft? Hast du studiert? Krass! Ver­misst du deine Fam­i­lie? Wie kon­ntest du deine Kinder ver­lassen? Du trägst kein Kopf­tuch obwohl du Mus­li­ma bist? Hat­test du schon Sex?

Da merken wir erst, wie merk­würdig wir für nicht-geflüchtete Men­schen sein müssen.

Worin wir uns sich­er sind: dass wir nicht aufgeben wer­den. Und das ist das Para­doxe an unser­er Tragödie. Obwohl unsere Leben auf der einen Seite von roher, vol­lkommen­er Gewalt geprägt sind, regt sich auf der anderen Seite Wider­stand und Kampf. Dieser Text will sich nicht bekla­gen und soll auch kein Mitleid erweck­en. Denn wir, geflüchtete Frauen, kön­nen uns – als am meis­ten unter­drück­ter Teil der Klas­sen­ge­sellschaft und als wüten­des Sub­jekt des Klassenkampfes – mit den anderen kämpferischen Teilen der Arbeiter*innenklasse zusam­men tun, um für eine bessere Gesellschaft für uns und alle anderen zu rin­gen. Wir wollen ein Vor­bild für Wider­stand und Hoff­nung sein.

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