Frauen und LGBTI*

Die Kette der Gewalt zerschlagen!

Überall auf der Welt demonstrieren heute Frauen und solidarische Menschen gegen die Gewalt, der wir Frauen tagtäglich ausgesetzt sind. Sie ist das Resultat einer patriarchalen und kapitalistischen Ordnung, die uns ausbeutet, unterdrückt und verstümmelt. Dagegen setzen wir Solidarität und Selbstorganisierung. Flugblatt zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen.

Die Kette der Gewalt zerschlagen!

Sex­is­mus war immer mehr als das, was in der nichtssagen­den Geschmei­digkeit poli­tis­ch­er Rhetorik “die Benachteili­gung der Frau” heißt, oder was Sozi­olo­gen ver­harm­losend mit “tra­di­tioneller Rol­len­verteilung” beze­ich­nen. Sex­is­mus war immer Aus­beu­tung, Ver­stümm­lung, Ver­nich­tung, Beherrschung, Ver­fol­gung von Frauen. Sex­is­mus ist gle­ichzeit­ig sub­til und tödlich und bedeutet die Vernei­n­ung des weib­lichen Kör­pers, die Gewalt gegenüber dem Ich der Frau, Acht­losigkeit gegenüber ihrer Exis­tenz, die Enteig­nung ihrer Gedanken, die Kolonisierung und Nutznießung ihres Kör­pers, den Entzug der eige­nen Sprache bis zur Kon­trolle ihres Gewis­sens, die Ein­schränkung ihrer Bewe­gungs­frei­heit, die Unter­schla­gung ihres Beitrags zur Geschichte der men­schlichen Gat­tung.

– Marie-Louise Janssen-Jur­re­it

Über­all auf der Welt demon­stri­eren heute Frauen und sol­i­darische Men­schen gegen die Gewalt, der wir Frauen tagtäglich aus­ge­set­zt sind. Die Zahlen sind immer wieder schock­ierend: 40 Prozent der Frauen erlebten in Deutsch­land seit ihrem 16. Leben­s­jahr kör­per­liche und/oder sex­u­al­isierte Gewalt, 25 Prozent erlebten Gewalt durch aktuelle oder frühere Part­ner. Im let­zten Jahr wur­den min­destens 165 Frauen von ihren Part­nern oder Ex-Part­nern getötet. Aber nicht nur in der Fam­i­lie und der Part­ner­schaft find­et psy­chis­che, kör­per­liche und sex­u­al­isierte Gewalt statt, auch bei der Arbeit, in den Hän­den der Polizei, in Gerichtssälen, Lagern oder auf Ämtern. Der Bun­destag übt Gewalt aus, wenn er das Recht auf Asyl oder das Infor­ma­tion­srecht über Abtrei­bun­gen ver­weigert – wie zulet­zt im Fall der Ärztin Kristi­na Hänel, die am Fre­itag zu ein­er Geld­strafe von 6.000€ verurteilt wurde. Die Urteils­be­grün­dung des Amts­gerichts Gießen: Der Geset­zge­ber möchte nicht, dass über den Schwanger­schafts­bruch in der Öffentlichkeit disku­tiert wird, als sei es eine nor­male Sache. Die Arbeitgeber*innen üben Gewalt aus, wenn sie unsere Kör­p­er einem bru­tal­en Arbeit­sprozess unter­w­er­fen oder uns weniger zahlen als Män­nern – in Deutsch­land ver­di­enen Frauen durch­schnit­tlich 22 Prozent weniger pro Stunde als Män­ner. Nur in zwei europäis­chen Län­dern ist die Kluft noch größer.

Gewalt hat System

Die For­men der Gewalt, die wir erfahren, mögen zwar von Land zu Land, von Frau zu Frau, von Moment zu Moment unter­schiedlich sein; diese Erfahrun­gen bilden trotz­dem ein Ganzes und Zusam­men­hän­gen­des, wie eine Kette. Sie ermöglichen sich gegen­seit­ig, zum Beispiel wenn die Gewalt, die wir als junge Mäd­chen in der Schule durch sex­is­tis­che Lehrer erfahren, uns die Wider­stand­skraft raubt, uns als Erwach­sene gegen unseren Part­ner zu wehren, oder wenn unsere niedri­gen Löhne uns abhängig machen von ein­er Fam­i­lie, in der wir Gewalt erfahren. Es geht um ein Sys­tem, das Frauen per­ma­nent gegeneinan­der ausspielt: Wir müssen immer beweisen, dass wir sowohl zu Hause als auch in der Welt außer­halb der Fam­i­lie gut funk­tion­ieren, anson­sten haben wir die Gle­ich­heit, die wir erwarten, auch nicht ver­di­ent. Was die ver­schiede­nen For­men patri­ar­chaler Gewalt vor allem verbindet ist, dass ihre Hin­ter­gründe und Motive einan­der ähneln: Es geht um die Kon­trolle unser­er Kör­p­er und Arbeits­fähigkeit, die Unter­drück­ung unseres Wider­stands, die Aufrechter­hal­tung eines sta­tus quo, der uns abw­ertet.

Die Kapitalist*innen prof­i­tieren davon, weil es uns zu bil­li­gen, flex­i­blen und ver­füg­baren Arbeit­skräften macht, die mit Lohn oder ohne aus­ge­beutet wer­den kön­nen. Der Staat stützt dies, indem er uns mit Fam­i­lien­poli­tik und ‑geset­zen, dem Bil­dungssys­tem und anderen Mech­a­nis­men in bes­timmte Rollen und Sit­u­a­tio­nen bringt, die uns anfäl­lig für Gewalt machen. So find­en beispiel­sweise viele Fem­i­nizide – also Morde an Frauen, weil sie Frauen sind – in Deutsch­land im Kon­text von gerichtlich ange­ord­netem Sorge- oder Umgangsrecht statt. Beson­ders wichtig ist, dass der Staat die Fam­i­lie als Ein­heit stützt, mit Instru­menten wie dem Schei­dungs- und Fam­i­lien­recht, dem Ehe­gat­ten­split­ting, Abtrei­bungsver­boten und fehlen­der finanzieller Unter­stützung von Allein­erziehen­den – dabei ist ger­ade die Fam­i­lie ein Ort, an der ein großer Teil der Gewalt an Frauen stat­tfind­et. Dahin­ter steck­en neben den kap­i­tal­is­tis­chen Inter­essen nach unbezahlter Hausar­beit, geleis­tet meist durch Frauen, und nach einem Ort, an dem zukün­ftige Arbeiter*innen „pro­duziert“ und diszi­plin­iert wer­den, auch die noch immer große Macht der Kirche. Gewalt gegen Frauen ist in unser­er Gesellschaft also struk­turell ver­ankert und staatlich organ­isiert, die Aufrechter­hal­tung der Fam­i­lie ist dabei ein wichtiger Angelpunkt. Auf Basis dieser materiellen Struk­turen gedei­ht dann auch beson­ders gut eine sex­is­tis­che und het­ero­nor­ma­tive Ide­olo­gie, die beispiel­sweise durch die Medi­en oder in der Schule ver­bre­it­et wird.

Gegen rassistische Instrumentalisierung!

In Deutsch­land kön­nen wir auch nicht über Gewalt an Frauen sprechen, ohne die ras­sis­tis­che Instru­men­tal­isierung zu verurteilen, die mit diesem The­ma unter­nom­men wird. Wenn behauptet wird, dass Gewalt vor allem ein Prob­lem mus­lim­is­ch­er Kul­turen sei, geht es darum, die struk­turelle Gewalt gegen Frauen, die in Deutsch­land herrscht, vom deutschen Staat began­gen und gefördert wird und von deutschen, weißen Män­nern aus­geübt wird, hin­ter dem Bild eines ange­blich so aufgek­lärten und emanzip­ierten Deutsch­lands zu ver­steck­en. Doch dass die Real­ität eine andere ist, zeigen die Zahlen, die wir zu Beginn genan­nt haben. Ger­ade die Reform des Sex­u­al­strafrechts mit der Fest­set­zung des Prinzips „Nein heißt Nein“, die im Zuge des Diskurs­es um die Köl­ner Sil­vester­nacht beschlossen wurde, zeigt, dass der Staat und die bürg­er­lichen Parteien zwar ange­blich um den Schutz von Frauen bemüht sind – aber dass dies sich nur auf bes­timmte Frauen bezieht und es lediglich darum geht, ein bes­timmtes Bild abzugeben, um zynis­cher­weise Unter­stützung bei der weit­eren Ausübung von Gewalt zu erhal­ten. Denn im gle­ichen Atemzug wur­den Abschiebun­gen erle­ichtert und der Fam­i­li­en­nachzug von Frauen und Kindern von Geflüchteten aus­ge­set­zt.

Um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen, ist es deshalb wichtig, sich gegen diesen Ras­sis­mus zu Wehr zu set­zen. und die existieren­den Kämpfe zu verknüpfen. Was ist ein fem­i­nis­tis­ch­er Kampf in Deutsch­land, der die Abschiebung von geflüchteten Frauen oder die Prekarisierung der migrantis­chen Frauen als bil­lige Arbeit­skräfte nicht the­ma­tisiert? Was ist ein fem­i­nis­tis­ch­er Kampf, der das Bild der Putzfrau mit dem Kopf­tuch nicht ins Tages­licht zer­rt und dage­gen nicht protestiert? Wir Frauen dür­fen uns nicht gegeneinan­der ausspie­len lassen. Wer Rechte nur auf Kosten ander­er Frauen erhält, ver­liert am Ende den Kampf. Wenn die Gewalt, die wir erfahren, struk­turell ist, dann müssen wir die Struk­turen, die sie stützen, bekämpfen – und zwar alle Struk­turen, egal ob sie uns konkret betr­e­f­fen oder nicht. Der Staat, der eine Ärztin wegen der Hil­feleis­tung an Frauen, die abtreiben müssen oder wollen, krim­i­nal­isiert, uns als bil­lige Arbeit­skräfte aus­beutet, ist der selbe Staat, der abschiebt, Fam­i­li­en­nachzug erschw­ert und die Bur­ka krim­i­nal­isiert.

Selbstorganisiert gegen den Staat!

Aber was bedeutet es, diese Struk­turen zu bekämpfen? Dass wir zwar Refor­men vom Staat fordern, zum Beispiel die aus­re­ichende Finanzierung von Frauen­häusern unter unser­er Kon­trolle, das uneingeschränk­te Recht auf Abtrei­bung, die finanzielle Unter­stützung von Allein­erziehen­den, das Recht auf Fam­i­li­en­nachzug und das Bleiberecht für Alle, ein Ende der Lohndiskri­m­inierung, des Out­sourcings und der Prekarisierung, und noch so viel mehr. Aber wir dür­fen uns nicht darauf ver­lassen, dass das aus­re­icht oder gar annehmen, dass der Staat in unserem Kampf auf unser­er Seite stünde. Denn let­ztlich ist es genau der Staat, der das patri­ar­chale und kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem aufrechter­hält, das die Wurzel unser­er Unter­drück­ung ist. Deshalb müssen wir uns unab­hängig von staatlichen Struk­turen und von den kap­i­tal­is­tis­chen Parteien organ­isieren, und gemein­sam mit allen, die sich gegen den Kap­i­tal­is­mus und seine Auswirkun­gen wehren wollen, für eine ganz andere Gesellschaft kämpfen.

Inter­na­tionaler Tag gegen Gewalt gegen Frauen

Berlin: FLTI-Demon­stra­tion: “Con­tin­ue fight­ing the fem­i­ni­cide“
Wann? Sam­stag, 25.11., 15 Uhr
Wo? U8 Her­man­nplatz
Face­book-Event

Offenes Tre­f­fen von Waf­fen der Kri­tik

Kampf gegen Fraue­nun­ter­drück­ung
Wann? Mon­tag, 27.11., 14–16 Uhr
Wo? FU Berlin, Rost und Sil­ber­laube, vor Men­sa II
Face­book-Event

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