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„Ich hatte mir die Zeit kurz vor der Rente anders vorgestellt.“ – Interview mit einem Kollegen der BVG

Lothar-Erich Kurth war jahrelang outgesourct als Fahrer bei der BVG beschäftigt. Kurz nach einem Wechsel in den Mutterkonzern verlor er unverschuldet seine Fahrtauglichkeit - und verdient nun kaum mehr genug zum Leben. Gegen diese Diskriminierung wehrt er sich. Im Interview erklärt er, warum dies für alle Beschäftigten notwendig ist und warum Kämpfe wie in den Krankenhäusern und bei TVStud so wichtig sind.

„Ich hatte mir die Zeit kurz vor der Rente anders vorgestellt.“ – Interview mit einem Kollegen der BVG

Lothar-Erich Kurth war 14 Jahre bei der Berlin trans­port GmbH (BT), eine 100-prozentige Tochter der BVG, als Fahrer beschäftigt. Nach 1990 baute er die PDS in Nor­drhein-West­falen auf und kam 1999 nach Berlin, wo er 2000 als Fahrer bei der BT angestellt wurde. Nach seinem Wech­sel zur BVG im Jahr 2014 wurde er unver­schuldet fahr­di­en­stun­tauglich und ver­lor dadurch knapp 300 Euro seines Monat­slohns. Die BVG weigert sich, ihm einen Ent­geltaus­gle­ich zu zahlen, da er vorher nicht direkt bei der BVG gear­beit­et hat. Dage­gen wehrt sich Lothar Kurth nun am Mittwoch wieder vor Gericht. Wir haben mit ihm ein Inter­view geführt.

Worum geht es in dem Prozess am Mittwoch?

Mein Prozess geht um die Frage, ob die Arbeit­ge­ber­seite sich an gel­tende Tar­ifverträge hal­ten muss. In unserem Fall der Tar­ifver­trag-Nahverkehr (TV‑N), der für die BVG/BT gilt. Konkret geht es hier darum, dass ich nach 18 Jahren Tätigkeit im Betrieb meine Fahr­di­en­st­tauglichkeit durch einen Augen­in­farkt ver­loren habe. Das hat dazu geführt, dass ich von Lohn­gruppe 5 auf Lohn­gruppe 2 her­abgestuft wurde und meine 86 Jahre alte Mut­ter, die 1.200 Euro Rente im Monat bekommt, mich wieder unter­stützen muss. Die BVG ver­weigert mir einen Ent­geltaus­gle­ich, da ich ihrer Mei­n­ung nach “in einem anderen Betrieb“ gear­beit­et habe. Deshalb kämpfe ich auch dafür, dass dieser Lohn­ver­lust erset­zt wird. Ich möchte die Lohn­gruppe 5 erstat­tet bekom­men und auch meine Renten­punk­te. Ich bin seit 1970 im Erwerb­sleben tätig und seit­dem immer gew­erkschaftlich organ­isiert. Ich hat­te mir die Zeit kurz vor der Rente anders vorgestellt. Aber ger­ade deshalb will ich jet­zt noch ein­mal kämpfen. Für mich und meine Kol­le­gen.

Kannst du kurz die Bedeu­tung des Prozess­es für andere Kolleg*innen bei der BVG/BT erläutern?

Das was mir passiert, kann lei­der jedem passieren. Wir wer­den regelmäßig auf Fahr­di­en­st­tauglichkeit unter­sucht von Betrieb­särzten, die die Arbeits­be­din­gun­gen genau ken­nen – im Gegen­satz zu denen, die ganz oben sitzen. Dabei geht es auch um Hun­derte ehe­ma­lige BT-Beschäftigte, die genau vor dem gle­ichen Prob­lem ste­hen kön­nen, wenn sie ihre Fahr­di­en­st­tauglichkeit ver­lieren. Die BT dient der BVG dazu, gel­tende Tar­ifverträge zu umge­hen und gew­erkschaftliche Struk­turen im Betrieb anzu­greifen. Das ist eine prinzip­ielle Angele­gen­heit. Es kann nicht sein, dass die Geschäfts­führung sich von Fall zu Fall entschei­den darf, ob sie sich an gel­tende Tar­ifverträge hal­ten will oder nicht. Deshalb wer­den wir, wenn wir den Prozess gewin­nen, mas­siv damit in die Öffentlichkeit gehen und die Inter­essen­vertre­tun­gen bei der BT und der BVG davon in Ken­nt­nis set­zen, sowie das Urteil der Geschäfts­führung auf den Tisch knallen. Damit es hier in Zukun­ft keine Diskus­sio­nen mehr gibt.

Wie schätzt du die Kampf­bere­itschaft der Belegschaft aktuell ein?

Die Kampf­bere­itschaft wird von der Arbeit­ge­ber­seite gefördert durch Ange­bote wie ein oder zwei Prozent Lohn­er­höhung und ein Handy. Das wird all­ge­mein von der Belegschaft als Pro­voka­tion aufge­fasst. Jed­er von uns arbeit­et mit dem Gefühl 250 bis 300 Euro zu wenig zu ver­di­enen. Die BVG liegt beim The­ma Lohn­höhe auf Platz 17 des Öffentlichen Per­so­n­en- und Nahververkehrs (ÖPNV) in Deutsch­land. Junge Beschäftigte müssen teil­weise Wohn­geld beantra­gen, weil der Lohn nicht reicht. Bei vie­len Kol­le­gen ist die Geduld am Ende. Lei­der führt das auch dazu, dass der ein oder andere aus der Gew­erkschaft aus­tritt und in die Res­ig­na­tion geht. Dabei zeigt die Erfahrung, dass die Gew­erkschaften Mit­glieder gewin­nen, wenn sie vernün­ftige Forderun­gen auf­stellen, Streiks durch­führen und der Streik auch erfol­gre­ich ist am Ende.

Eine Kampfer­fahrung im Streik stärkt die Sol­i­dar­ität und das Bewusst­sein, dass wir nur mit ein­er starken Gew­erkschaft unsere Forderun­gen umset­zen kön­nen. Deshalb werde ich mich auch den Rest mein­er Arbeit­szeit – ent­ge­gen mein­er ursprünglichen Leben­s­pla­nung — bis zur Rente bei der ver.di-Basisgruppe ver.di-aktiv engagieren. Die Kolleg*innen von ver.di-aktiv haben auch angekündigt, mich bei meinem Prozess zu unter­stützen.

Was bedeuten für dich die Kämpfe in Kranken­häusern oder auch der Kampf bei TV Stud?

Das ist ein Licht­blick. Und die Kämpfe sind über­fäl­lig. Ich war selb­st im Kranken­haus und ich weiß, mit welch­er Belas­tung die Kol­le­gen und Kol­legin­nen kon­fron­tiert sind. Ich hab das Gefühl, dass wir in einem vor 25 Jahre ent­fes­sel­ter Kap­i­tal­is­mus leben, wo Arbeit­ge­ber schal­ten und wal­ten kön­nen, wie sie wollen. Deshalb ist jede Auseinan­der­set­zung, die die Arbeits­be­din­gun­gen von Beschäftigten verbessert, wichtig und ich füh­le mich damit ver­bun­den. Deshalb war ich auch bei der Aktion von TVS­tud bei der Lan­gen Nacht der Wis­senschaften am Sam­stag und habe meine Sol­i­dar­ität bekun­det.

Es muss Nor­mal­ität wer­den, dass beispiel­sweise wenn die BVG/BT streikt, Studierende, die streiken, sich auf den Weg machen und die Kol­le­gen dort besuchen und wir miteinan­der reden. Umgekehrt natür­lich genau­so. Das sind für mich Grund­vo­raus­set­zun­gen dafür, dass wir die Angriffe auf unsere Lebens­be­din­gun­gen stop­pen und selb­st eigene Forderun­gen auf­stellen kön­nen, wie zum Beispiel die Verkürzung der Arbeit­szeit. Vor 20 Jahren wäre es zum Beispiel noch undenkbar gewe­sen, dass Beschäftigte bei der BVG kein Urlaub­s­geld erhal­ten. Heute gibt es keinen Cent mehr.

Gibt es son­st noch Ereignisse oder Kämpfe, die dich nach so langer Zeit inspiri­eren weit­er zu kämpfen?

Ja. Wir bege­hen dieses Jahr den 100. Jahrestag der Novem­ber­rev­o­lu­tion in Deutsch­land, die von der Okto­ber­rev­o­lu­tion in Rus­s­land inspiri­ert wurde. Damals hat die Arbeit­er­schaft unter anderem den Acht-Stun­den-Tag, Betrieb­sräte und das Frauen­wahlrecht erkämpft haben. Viele der Errun­gen­schaften wer­den heute wieder ange­grif­f­en. Nicht nur in Deutsch­land. Wenn ich sehe, wie die Eisen­bah­n­er in Frankre­ich gegen die Poli­tik von Macron Streiks organ­isieren und welche Unter­stützung sie dort erfahren, dann ist das vor­bild­haft für uns in Deutsch­land. Wir müssen unsere Kräfte bün­deln und den Herrschen­den zeigen, dass unsere Geduld am Ende ist. Ich denke, die Aktion von TVS­tud im Hen­ry-Ford-Bau am Sam­stag war vielle­icht ein kleines Sig­nal, dass wir mit Entschlossen­heit, Mut und Einigkeit etwas erre­ichen kön­nen.

Tre­ff­punkt zur Unter­stützung:
Mittwoch, 13. Juni, 10:30 Uhr: Kundge­bung vor dem Arbeits­gericht Berlin (Magde­burg­er Platz 1)
Prozess­be­ginn um 11 Uhr im Raum 513.

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