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Helfen bis zum Burnout – Die Arbeit in der stationären Jugendhilfe

Eine Beschäftigte aus dem Sozial- und Erziehungsdienst berichtet in diesem Artikel über die Situation und Probleme aus ihrer Arbeit und wie die Folgen der Krise diese weiter verschärfen.

Helfen bis zum Burnout - Die Arbeit in der stationären Jugendhilfe
Foto: Africa Studio / shutterstock.com

Ich bin Erzieherin und arbeite in einer betreuten Wohngruppe für Familien. Unsere Klient:innen können oder wollen aus verschiedensten Gründen nicht alleine mit ihren Kindern leben. Oft spielen psychische Probleme der Eltern und damit einhergehende Überforderung eine Rolle, oder die Eltern sind minderjährig und erhalten durch ihr erweitertes familiäres Umfeld nicht genug Unterstützung. Manche Familien haben ihre Kinder in der Vergangenheit auch stark vernachlässigt, sodass das Jugendamt alarmiert wurde.  In unserer Einrichtung können komplette Kleinfamilien leben (zwei Eltern + Kinder), oder alleinerziehende Mütter bzw. Väter, zwischen vier und sechs Familien gleichzeitig. Die Unterbringung in Eltern-Kind-Wohngruppen ist durch das Sozialgesetzbuch VIII geregelt und wird vom Jugendamt finanziert.

Mein beruflicher Alltag besteht aus einem Mix klassischer „Erzieher:innentätigkeiten“, wie die Unterstützung bei der Pflege und Versorgung der Kinder sowie sozialpädagogischen Aufgaben, wie die Kommunikation mit Ämtern und Behörden, aber auch Asylangelegenheiten. Manchmal übernehmen wir auch die Begleitung zu Arztterminen, helfen bei Einkäufen oder ähnlichem. Meine Arbeit macht mir sehr viel Spaß, dennoch bleibt am Ende des Tages oft das Gefühl, nicht genug für die Menschen getan zu haben. Dies hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen, auf die ich in diesem Bericht näher eingehen möchte.

Um eine durchgehende Betreuung gewährleisten zu können, arbeiten wir, wie es in stationären Wohngruppen üblich ist, im Schichtdienst. In der Regel decken wir Dienste alleine ab, manchmal sind für zwei oder drei Stunden auch andere Kolleg:innen da, wenn sie Termine in der Einrichtung haben. Wir arbeiten im Zwei-Schicht-Modell, d.h. es gibt Tag- und Nachtdienste, die jeweils zwölf Stunden andauern. Da im sozialen Bereich und besonders in Berufen mit Schichtdiensten eine hohe Fluktuation bei den Mitarbeiter:innen herrscht, können für Wohngruppen oft nicht alle offenen Arbeitsstellen besetzt werden. Dies führt dementsprechend dazu, dass die vorhandenen Kolleg:innen mehr Schichten übernehmen müssen. So habe ich in einem Monat, in dem wir unterbesetzt waren und zudem Kolleg:innen im Urlaub waren, 30 Stunden mehr gearbeitet, als vertraglich festgelegt ist.

Durch die schon erwähnten Einzeldienste ist meist nur ein:e Pädagog:in für alle Klient:innen Ansprechperson, muss bei Notfällen intervenieren, Kinder trösten, Berichte schreiben, pädagogische Angebote durchführen, mit Ämtern und Behörden kommunizieren und darauf achten genug für sich zu sorgen, um die langen Schichten bis zum Ende durchhalten zu können. Dass wir kaum Dienste zu zweit haben, führt dazu, dass pädagogischer Austausch unter den Kolleg:innen fast vollständig auf die Teamsitzung ausgelagert werden muss. Auch haben wir keine Person vor Ort, bei der wir uns zwischendurch ausheulen können, wenn alles zu viel ist. Die Chef:innen sind jederzeit erreichbar, jedoch ist die Hürde, die Vorgesetzten um Hilfe zu bitten, oft groß und wir müssen natürlich darauf achten, keine Sachen zu erzählen, die uns negativ ausgelegt werden könnten.

Auch bei Krankheiten stehen wir unter einem hohen Druck. Natürlich kann uns niemand verbieten, sich krankzumelden, dennoch wird es von den Chef:innen gern gesehen, wenn wir uns frühzeitig wieder gesund melden, auch wenn wir uns immer noch nicht gut fühlen. Ich wurde bereits gelobt, wenn ich mich gesund meldete, obwohl meine Krankschreibung noch galt. Einige Kolleg:innen sind auch schon mit schwerwiegenden Krankheiten wie Mandelentzündungen oder Beinverletzungen, die die Gehfähigkeit stark beeinträchtigten, zur Arbeit gekommen. Von den Chef:innen heißt es, dass es zwar bedauernswert sei, dass wir unter so einem großen Druck stünden schnell wieder gesund zu werden, aber dass das nunmal in unserem Berufsfeld so sei. Die Betreuung der Klient:innen muss gewährleistet sein und die Gesundheit der Mitarbeiter:innen gerät da schnell aus dem Blickwinkel der Leitung. Wenn Kolleg:innen krank werden, müssen natürlich auch die anderen für sie einspringen. Die Planung von Freizeitaktivitäten gestaltet sich also schwer, da immer die Möglichkeit besteht, dass niemand anderes einspringen kann, oder dass mehrere Kolleg:innen gleichzeitig krank werden. Dass ich weiß, dass jemand anderes Überstunden durch meine Krankheit machen muss und einen oft dringend benötigten freien Tag verliert, ist ein weiterer Grund, dass ich mir sehr gut überlege, wann ich mich krank melde. Besonders, wenn schon eine andere Person krank gemeldet ist, ist es sehr schwer, die zweite kranke Person gleichzeitig zu sein, da das für die gesunden Kolleg:innen eine sehr große Belastung bedeutet. Manchmal sind fast alle Kolleg:innen gleichzeitig krank. Neben der gegenseitigen Ansteckung halte ich die Belastung, die dadurch entsteht, mehr arbeiten zu müssen, wenn andere krank sind und auch das Gefühl, alles alleine stemmen zu müssen, für einen wesentlichen Faktor, der wiederum Krankheiten begünstigt.  Auch in anderen Einrichtungen des Trägers müssen wir im Notfall bereit sein, auszuhelfen – auch spontan. Die Bereitschaft zur Flexibilität ist in der Jobbeschreibung und im Arbeitsvertrag so festgeschrieben und stellt in der Branche die Norm dar. Wohngruppen können nunmal nicht vorübergehend geschlossen werden, wenn kein Personal verfügbar ist.

Des Weiteren habe ich nicht das Gefühl, dass mich meine Ausbildung genug auf den Beruf vorbereitet hat. Zwar konnte ich bei den (unbezahlten) Praktika, in denen ich zum Teil wie eine fertige Fachkraft eingesetzt wurde, trotz allen Schwierigkeiten ziemlich viel lernen. Jedoch wurden wir in der Berufsschule meist durch Lehrkräfte unterrichtet, die selbst über keine didaktisch-methodischen Kompetenzen verfügten und oft sehr unmotiviert waren. Dadurch, dass Erzieher:innen in vielen verschiedenen Bereichen (Kita, Hort, Jugendhilfe, Jugendfreizeiteinrichtungen, u.v.m.) arbeiten können, haben wir viele Möglichkeiten bei der Jobwahl – und ich würde das auch nicht ändern wollen. Dennoch konnte uns mangels der Zeit über viele Themengebiete nur oberflächliches Wissen vermittelt werden.

Der Umgang mit der Corona-Pandemie ist in meinem Betrieb meistens gut. Mitarbeiter:innen und Klient:innen bekommen kostenlose Schnelltests, es gibt einigermaßen gut durchdachte Hygiene- und Quarantäneregeln. Wenn sich jedoch Bewohner:innen infizieren, können wir sie nicht in ein anderes Haus umsiedeln oder die Wohngruppe schließen und alle Mitarbeiter:innen nach Hause schicken. So bleibt trotz Vorsichtsmaßnahmen immer ein recht hohes Risiko für uns, uns bei der Arbeit zu infizieren.

Auf der Arbeit werden die Sorgen und Ängste der Angestellten oder Kolleg:innen oft verharmlost. Es sei halt “nicht jeder für den Beruf gemacht”, es sei “nicht jeder für Schichtdienst gemacht”, es sei “nicht jeder dafür gemacht, bei Krankheit die Zähne zusammenzubeißen”. Sind das aber Sachen, für die irgendjemand gemacht ist oder gemacht sein sollte? Manche wählen den Weg des Versuches der Selbstoptimierung und treiben sich so lange an, bis sie die Fehler des Systems nahezu durch ihre Produktivität ausgleichen können. Ich weiß, dass dies für mich keine Option ist, ohne mit meiner Gesundheit zu bezahlen. Am schwersten ist es, dass unsere Klient:innen darunter leiden, wenn wir frustriert sind, nicht alles schaffen, keine Energie haben. Dass sie auf uns angewiesen sind, und dass wir ihnen nie vollständig gerecht werden können.

An manchen Tagen mache ich meinen Job richtig gerne. Ich freue mich, mit meinen Klient:innen im Austausch zu sein und auch die Bürotätigkeiten machen mir Spaß. An anderen Tagen würde ich am liebsten anfangen zu schreien, weil zu viel auf einmal passiert und ich das gar nicht alles auffangen kann.

Durch die langen Schichten habe ich zwar relativ viel Freizeit, diese reicht jedoch kaum aus, um mich zu regenerieren. Einen Schlafrhythmus habe ich durch den Wechsel von Tag- und Nachtarbeit (ich kann in den Nachtdiensten zwar schlafen, jedoch weder gut noch lange) ebenfalls nicht. Ich denke oft an ein Zitat aus einem anderen Bericht über Arbeitsleid: “Ich werde für acht Stunden bezahlt, aber der Kapitalismus hat 24 Stunden gekauft, mein ganzes Leben.” Ich hangele mich von freiem Tag zu freiem Tag und weiß dennoch, dass ich nur mit viel Glück schaffen werde, erholt zu sein, gleichzeitig eine saubere Wohnung zu haben und mich mit Freund:innen zu treffen.

Die Gewissheit, dass wir in diesem System niemals ideale oder auch nur zufriedenstellende Arbeitsbedingungen haben werden und dies in sozialen Berufen auch die Menschen, die wir betreuen oder versorgen sollen, zu spüren bekommen, ist niederschmetternd. Mir gibt sie aber auch den Antrieb, für eine bessere Welt zu kämpfen. Eine Welt, in der in sozialen Einrichtungen und auch im Gesundheitssystem alle die Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen, die sie brauchen, von ausgeruhten und gut ausgebildeten Mitarbeiter:innen, die nicht von Urlaub zu Urlaub oder von Burnout zu Burnout existieren.

One thought on “Helfen bis zum Burnout – Die Arbeit in der stationären Jugendhilfe

  1. Vanessa sagt:

    Woow… Ich bin einfach nur sprachlos …
    Dein Bericht spricht mir aus dem Herzen !
    Gesundheit , , privat leben , Arbeitsstätte und der Berufsschule
    ..auf vier Hochzeiten gleichzeitig tanzen ..
    Liebe Grüße

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