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Gelbe Westen: Immer brutalere Repression, doch Macron beklagt “extreme Gewalt gegen die Republik”

Neues Anwachsen der Proteste in Frankreich: In Toulouse und Bordeaux wurden am Samstag jeweils mindestens 10.000 Menschen mobilisiert. Auch in Paris waren mehrere tausend Demonstrant*innen zu sehen, die weiterhin den Rücktritt Macrons und soziale Verbesserungen fordern. Auch an vielen anderen Orten des Landes geht die Bewegung beständig weiter.

Gelbe Westen: Immer brutalere Repression, doch Macron beklagt

Selb­st das Innen­min­is­teri­um spricht von ins­ge­samt 50.000 Demon­stri­eren­den, was wie üblich eine Untertrei­bung sein dürfte. Damit geste­ht die Regierung aber auch ein, dass der Rück­gang der Bewe­gung über die Feiertage nur vorüberge­hend war. Für das ver­gan­gene Woch­enende hat­te sie 32.000 Demon­stri­erende ver­meldet.

Gelbwesten in Toulouse

Gelbwesten am Bahnhof von Toulouse

Vielerorts wurde dabei die bru­tale Polizeire­pres­sion der ver­gan­genen Wochen angeprangert. So wur­den immer wieder Men­schen durch “Flash­balls” (Gum­migeschosse) oder Trä­nen­gas- und Schock­granat­en schw­er ver­let­zt. Min­destens zwei Men­schen musste nach ihren Ver­let­zun­gen eine Hand amputiert wer­den, anderen wurde ein Auge aus­geschossen. Eine unbeteiligte Frau wurde bere­its Anfang Dezem­ber durch eine Trä­nen­gas­granate am Kopf getrof­fen und getötet.

Bordeaux: Schild gegen Schusswaffen der Polizei
Gelbwesten in Bordeaux mit Banner gegen Polizeigewalt

Macron verurteilte der­weil die “extreme Gewalt” der Gilets Jaunes, mit der sie “die Repub­lik attack­ieren”. Während er wohl recht hat, dass die Bewe­gung die fün­fte franzö­sis­che Repub­lik in Frage stellt, ist seine Kri­tik angesichts der Polizeige­walt unglaublich heuch­lerisch.

Nichts­destotrotz sprin­gen viele Medi­en der Regierung zur Seite. Der größte Nachricht­ensender BFMTV zeigte am Abend in Dauer­schleife das virale Video eines Box­ers, der inmit­ten ein­er Gelb­west­en-Demo einige behelmte Polizis­ten mit seinen Fäuste zum Rück­zug zwingt. Während er in den sozialen Medi­en gefeiert wurde, nah­men die Kommentator*innen ihn als wichtig­stes Beispiel für die ange­blich ausufer­nde Gewalt.


 

Eben­so ange­führt wurde eine tat­säch­lich außergewöhn­liche Aktion: Einige Gelb­west­en brachen mit Hil­fe eines Gabel­sta­plers die Tür zu einem Min­is­teri­um auf, woraufhin das gesamte Gebäude evakuiert wurde. Abseits des Sach­schadens an der Tür passierte allerd­ings nicht viel.

Nicht gezeigt wurde dage­gen das Video eines prügel­nden Polizis­ten, der ohne ersichtlichen Grund einem offen­sichtlich friedlichen Demon­stran­ten mehrfach ins Gesicht schlägt:

Nach den Recherchen des Senders Pure TV han­delt es sich dabei um ein ehe­ma­liges Mit­glied ein­er Spezialeinein­heit, der zu Beginn des Jahres für eine Ausze­ich­nung nominiert wurde.

Der jüng­ste Aktion­stag hat gezeigt, dass die Wut keines­falls nachge­lassen hat und trotz des steigen­den Risikos, von har­ter Repres­sion getrof­fen zu wer­den, weit­er­hin Zehn­tausende in Bewe­gung bleiben. Damit hat sich die Hoff­nung Macrons, die Bewe­gung nach und nach mit Gewalt und gerin­gen Zugeständ­nis­sen erstick­en zu kön­nen, in Luft aufgelöst.

Die kom­menden Wochen wer­den zeigen, ob die Gelb­west­en eigene Struk­turen schaf­fen, um sich zu koor­dinieren und ihren Anliegen Nach­druck zu ver­lei­hen. So gab es vor der Wei­h­nachtspause bere­its einige Ver­samm­lun­gen, in denen jew­eils hun­derte Gilets Jaunes über die für sie wichtig­sten Forderun­gen abstimmten. Außer­dem ist zu erwarten, dass sich auch die franzö­sis­chen Schüler*innen und Studieren­den erneut formieren und der Bewe­gung zusät­zliche Dynamik ver­lei­hen.

Anmerkung der Redak­tion: Eine frühere Ver­sion dieses Artikels enthielt die Angabe, dass eine Bel­gierin, die sich in Paris an den Protesten beteiligt hat­te, durch ein Gum­migeschoss getötet wor­den sei. Das stellte sich inzwis­chen als Falschmel­dung her­aus und wurde entsprechend aus dem Artikel ent­fer­nt.

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