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FU Berlin: Nicht hinter verschlossenen Türen

FU Berlin: Nicht hinter verschlossenen Türen

Die Freie Universität Berlin hat am 15. Juni erneut bei der Exzellenz-Initiative des Bildungsministeriums gewonnen. Doch die Studierenden scheinen sich über ihre exzellente Institution nicht zu freuen: Am Mittwoch erschienen auf der Sitzung des Akademischen Senats neben den 25 stimmberechtigten Mitgliedern rund 150 StudentInnen, die gegen die neue, restriktive Rahmenstudien- und -prüfungsordnung (RSPO) protestierten. Seit ein geheimer Entwurf des Präsidiums an die Studierenden gelangte, fanden in den letzten Wochen mehrere Vollversammlungen und Demonstrationen mit bis zu 700 TeilnehmerInnen statt.

Als der Akademische Senat am Mittwoch zusammenkam, stand eine bunte Truppe vor dem Sitzungssaal. Electro-Beats tönten aus einem Lautsprecher, begleitet von Trommel und Flöte. „RSPO ins Klo“, stand auf einem Transparent. Die SenatorInnen mussten ins Audimax umziehen, um Platz für alle Interessierten zu schaffen, und gingen an einem zweiten Transparent vorbei: „Wenn das Präsidium die Studis mobbt, dann bashen wir zurück!“

FU-Präsident André-Peter Alt eröffnete die Sitzung mit Verweis auf den „demokratischen Prozess“, der gerade begonnen hat – eine neue Prüfungsordnung soll voraussichtlich erst im nächsten Semester beschlossen werden, damit möglichst viele Meinungen dazu eingeholt werden können. AStA-Referent Michael Beron machte seine Sicht der Dinge deutlich: „Ich sehe hier einen demokratischen Prozess, aber dieser ging nicht von der Hochschulleitung aus.“ Erst die massenhaften Proteste hätten das Präsidium dazu bewegt, sich auf eine Diskussion einzulassen.

Vor der Sitzung hatte das Präsidium seinen Entwurf aufgeweicht: Zwangsberatungen für Studierende ab dem dritten Semester sind weggefallen. Das dürfte in erster Linie an den DozentInnen gelegen haben, die sich gegen unbezahlte Mehrarbeit – und die „verlorene Zeit“, wie es eine Dozentin im Senat nannte – auflehnten. Auch die Zahl der Prüfungswiederholungen soll nicht mehr zwingend auf zwei beschränkt, sondern zumindest in Fächern mit hohen Durchfallquoten erhöht werden.

Ob die Anwesenheitspflicht, die erst 2010 aufgrund studentischer Proteste an Berliner Universitäten außer Kraft gesetzt wurde, nun für alle wieder eingeführt werden soll, blieb dank der Behördensprache im Entwurf unklar. Timo Schramm, Student der Politikwissenschaft, hatte den Text durchgearbeitet und war sicher: „Durch die Anwesenheitspflicht wird Menschen, die nebenbei arbeiten müssen der Zugang zum Studium, erheblich eingeschränkt.“ Weitere Redebeiträge betonten, die Reform halte Menschen mit Kindern, Krankheiten oder Behinderungen vom Studium ab. Viele waren empörter über die undurchsichtige Prozedur als über die Inhalte der Reform selbst. „Es geht mir nicht nur um die RSPO. Seitdem ich hier studiere, rege ich mich über die undemokratischen Verfahren auf“, so eine Studentin, die nicht namentlich genannt werden wollte. Die Reform soll erst Ende 2014 in Kraft treten, so daß die jetzt Protestierenden kaum davon betroffen sein dürften. Doch Franzi Kappler, die Mathe und Spanisch studiert, protestiert „für nachfolgende Generationen“.

Im Akademischen Senat haben ProfessorInnen die absolute Mehrheit der Stimmen. Anstelle einer Hochschuldemokratie existiert laut AStA-Referent Arvid Peschel, „eher ein feudales Ständesystem“: Studierende als absolute Mehrheit an der Uni und als Minderheit in den Gremien. Nebenbei bemerkt: Ihre Sitzungen finden im Hauptgebäude der FU statt, die nach dem Antisemiten, Hitlervereherer und Automobilkonzernbesitzer Henry Ford benannt ist. Die Hochschulleitung reagierte vor einigen Jahren auf Kritik an diesem Namen mit dem Hinweis, dass das Gebäude in Wirklichkeit nach seinem Sohn, Henry Ford Jr., benannt sei. Freilich lässt sich das nicht in den Archiven nachweisen.

An der FU lassen sich gerade die beiden Formen moderner kapitalistischer Herrschaft beobachten. Der Versuch, die Reform hinter verschlossenen Türen zu verabschieden, ist gescheitert. Nun sollen die Details in vielen Endlos-Runden diskutiert werden, bis die Studierenden schlicht keine Energie mehr dafür haben. Die ProfessorInnen versuchen, diverse Zwangsmaßnahmen als Hilfe für die Studierenden zu verkaufen („alle freuen sich doch Zwangsberatungen!“); diese fühlen sich aber mündig genug, ihr Studium selbst zu gestalten. Der Protest gegen die RSPO kann nur erfolgreich sein, wenn der Druck auf die Hochschulleitung, der diese Diskussion erst ermöglicht hat, aufrechterhalten wird, meint Studierendenvertreter Mathias Bartelt.

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