Frauen und LGBTI*

“Frauenkampftag im Land des Femizids” – Interview mit sozialistischer Feministin aus Mexiko

Joss Espinoza ist Studentin an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) und Aktivistin der sozialistischen Frauenorganisation "Pan y Rosas" (Brot und Rosen). Wir haben mit ihr in Mexiko-Stadt über den Kampf gegen Gewalt an Frauen gesprochen.

Was ist für den 8. März in Mexiko geplant?

Der diesjährige 8. März kön­nte his­torisch wer­den. Der Aufruf zum inter­na­tionale Frauen­streik wird in mehr als 40 Län­dern aufge­grif­f­en. In Mexiko-Stadt ver­anstal­ten Frauenor­gan­i­sa­tio­nen eine Demon­stra­tion um 17 Uhr.

Wir rufen die oppo­si­tionellen Gew­erkschaft­szen­tralen dazu auf, ihre Mit­glieder zu mobil­isieren, damit der Streik ein echter Streik wird – damit nicht nur Frauen, son­dern alle Men­schen streiken.

Als kämpfende Frauen­gruppe Pan y Rosas machen wir Mobil­isierungsak­tio­nen in den Schulen, Fakultäten und Arbeit­splätzen, wo wir aktiv sind – Diskus­sionsver­anstal­tun­gen, The­at­er­auf­führun­gen, Musik­shows, Plakate, Wandgemälden und mehr. Wir wollen nicht nur demon­stri­eren, son­dern eine große Frauen­be­we­gung auf­bauen, die mit der Per­spek­tive unser­er Befreiung kämpft.

Ein zen­trales The­ma ist die sex­is­tis­che Gewalt.

In Mexiko gibt es Fem­izide, also Frauen­mord als Massen­phänomen – pro Tag wer­den sieben Frauen ermordet. Dazu kommt eine blutige Zahl von Frauen, die ver­schwinden. Die Men­schen­han­del­snet­zw­erke arbeit­en zusam­men mit dem Staat.

Aber es gibt auch zusät­zliche For­men der struk­turellen Gewalt: Wir Frauen haben dop­pelte oder dreifache Arbeit­stage. Denn nach der Lohnar­beit müssen wir einen unbezahlten Arbeit­stag im Haushalt leis­ten. Außer­dem haben wir 70 Prozent der prekären Arbeitsver­hält­nisse im Land. Und wir ver­di­enen 25 Prozent weniger als Män­ner.

Sex­is­tis­che Gewalt drückt sich auch in der Uni­ver­sität aus, denn diese ist nicht isoliert von der Real­ität des Lan­des. Beläs­ti­gung hat in den let­zten Jahren zugenom­men, und die Hochschulleitung deckt die Täter. Deswe­gen brauchen wir eine unab­hängige Organ­isierung der Frauen.

Worum geht es son­st am Frauenkampf­tag?

Wir mobil­isieren uns auch gegen den frauen­feindlichen und homo­phoben US-Präsi­den­ten Trump, der unsere Klas­sen­geschwis­ter direkt angreift. Deswe­gen wollen wir am 8. März auf bei­den Seit­en der Gren­ze gegen Trump und seine Mauer kämpfen.

Gle­ichzeit­ig gibt es Maß­nah­men der mexikanis­chen Regierung von Peña Nieto, die uns als Arbei­t­erin­nen und Jugendliche betr­e­f­fen. Hier ist vor allem die Ben­z­in­preis­er­höhung („Gasoli­na­zo“) zu erwäh­nen, die zu einem Anstieg der Trans­port- und Lebens­mit­tel­preise führt. Genau­so müssen wir uns gegen die Ver­suche stellen, die Bil­dung zu pri­vatisieren. Also der Frauenkampf­tag ste­ht im Kon­text der ganzen Kämpfe gegen die Regierung in let­zter Zeit.

Eine große Debat­te im mexikanis­chen Fem­i­nis­mus dreht sich um die Frage, ob Frauen zusam­men mit Män­nern kämpfen sollen. Wie posi­tion­iert ihr euch als Pan y Rosas?

Eine Bewe­gung, die auf unsere Befreiung zielt, darf unser­er Mei­n­ung nach nicht sep­a­ratis­tisch sein. Wir wollen zeigen, dass die Tren­nung zwis­chen Män­nern und Frauen nur im Sinne der Unileitung, der Bosse und der Bour­geoisie ist, denn sie hält uns isoliert und in Konkur­renz zueinan­der. Jede Befreiungs­be­we­gung muss diese Tren­nung, die uns von oben aufge­drückt wird, über­winden.

Gle­ichzeit­ig müssen wir männliche Arbeit­skol­le­gen überzeu­gen, dass die het­eropa­tri­ar­chale Unter­drück­ung auch sie benachteiligt, auch wenn nicht im gle­ichen Aus­maß. Da geht es nicht nur um Stereo­type, mit denen auch Män­ner leben müssen – die niedri­gen Löhne, die wir bekom­men, senken auch die Löhne von männlichen Arbeit­ern. Wir brauchen wir Ein­heit alle Arbeiter*innen, um die Real­ität grundle­gend zu verän­dern.

Aber wenn ihr eine gemein­same Organ­isierung mit Män­nern anstrebt, warum eine beson­dere Frauenor­gan­i­sa­tion?

 Pan y Rosas als Frauenor­gan­i­sa­tion ist ent­standen, um die Frage der Fraue­nun­ter­drück­ung mit ein­er klassenkämpferischen Per­spek­tive anzuge­hen. Wir Frauen wer­den mit dop­pel­ten und dreifachen Ket­ten unter­drückt, und deswe­gen ist es schwieriger für uns, poli­tis­che Sub­jek­te zu wer­den. So sind eigene organ­isatorische Räume für Frauen nötig, damit wir alle Prob­leme ansprechen kön­nen, die uns als Frauen beson­ders betr­e­f­fen. Aber dieses Pro­jekt ist nicht getren­nt von unserem Ziel des Auf­baus ein­er rev­o­lu­tionären Partei der Arbeiter*innen. Also wir haben Räume für Frauen, aber wir kämpfen zusam­men mit männlichen Genossen.

Inter­view: Wladek Flakin

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