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Frankreich brennt, im Elsass scheint die Sonne

Unsere Autoren verbrachten den vergangenen landesweiten Streiktag am 26. Mai in Strasbourg nahe der deutsch-französischen Grenze. Ein Reisebericht.

Frankreich brennt, im Elsass scheint die Sonne

Eine friedliche Demon­stra­tion, die mit dem Bild ver­gan­gener Tage aus Paris, Nantes oder Toulouse kon­strastiert, fand am 26. Mai in Stras­bourg statt. Keine Wut in den Straßen, keine Bilder wie in Paris oder Le Havre, die an die scharfe Ausein­der­set­zung zwis­chen der Zen­tral­regierung in Paris mit der Jugend und nun immer bre­it­ere Sek­toren des Pro­le­tari­ats Frankre­ichs erin­nern. Wird die Musik woan­ders als im Elsass gespielt?

Wir fahren am mor­gen und schnell erre­ichen wir die Auto­bahn, die Saar­brück­en mit Frankre­ich verbindet. Sofort merken wir die absolute Abwe­sen­heit von franzö­sis­chen Polizist*innen, sei es an der Gren­ze oder hin­ter den Mau­tan­la­gen. Wir fra­gen uns, ob diese selt­same Erfahrung ein Zufall ist, oder vielle­icht doch Aus­druck der Tat­sache, dass die Polizei mit repres­siv­en Maß­nah­men im Inneren beschäftigt ist. Die zweite Über­raschung sollte aber noch kom­men. Kaum in Stras­bourg angekom­men, scheint sich die Stadt zwar erst­mal von ihrer gewöhn­lich lang­weili­gen Seite zu präsen­tieren: Tourist*innen, die umher­laufen, Leute mit Einkauf­s­tauschen, geöffnete Geschäfte, funk­tion­ierende öffentliche Verkehrsmit­tel. Bürg­er­lich­er All­t­ag, anscheinend gle­ichgültig gegenüber den Ereignis­sen, die ganz Frankre­ich aufmis­chen. Doch die Szene hat etwas Unwirk­lich­es, denn der lang­weili­gen Nor­mal­ität der Einkauf­sstraße ste­hen die zahlre­ichen Polizist*innen in Kampf­mon­turge­genüber.

Der Demozug gegen die franzö­sis­che Vari­ante der Agen­da 2010 startet an der Place Kléber, ihm begeg­net an jed­er Ecke Polizei in Kampf­mon­tur – alle mit jen­em charak­ter­is­tis­chen grim­mig-dun­klen Blick, der Angst ein­flösen soll, jedoch angesichts der völ­lig friedlichen Demo etwas lächer­lich wirkt. Sie wis­sen, dass nicht viel pasieren wird.

Die Demon­stra­tion ver­läuft ruhig und geord­net, doch die Anwe­sen­heit der Polizei zieht den­noch has­ser­füllte Blicke auf sich. Ein Funken des Klassen­has­s­es, der sich in den Straßen von Paris mit der Jugend an der Spitze, bei den Hafenarbeiter*innen in Le Havre oder bei den Streiks der Lokführer*innen und viel­er andere entlädt. Als der Demozug an der Grund­schule Schoepflin ent­lang läuft, kom­men Schüler*innen ger­an­nt, klam­mern sich am Zaun und begrüßen her­zlich die Demonstrant*innen. Ihr Gruß wird mit gehobe­nen Fäusten erwidert, einige Kinder streck­en die eben­falls ihre Fäuste hoch.

Der Demozug endete, wo er begonnen hat­te, mit dem Appell der Rock­band vom CGT, den Wider­stand zu erhöhen. Die Demon­stra­tion löst sich auf, Tourist*innen und Pas­san­ten übernehmen das Bild. Die Musik wird heute woan­ders gespielt, 113 km südlich von Stras­bourg, im französichen Peu­geot/C­itroen-Werk Mühlhausen, wo die Kolleg*innen durch die Werkhal­llen marschieren und “Arbeiter*innen in den Streik, Bosse an die Arbeit” skandieren.

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