Hintergründe

Falscher Universalismus

Rezension zu „Trigger Warnung. Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen“.

Falscher Universalismus

Kaum ein anderes The­ma wurde in der Linken zulet­zt so inten­siv disku­tiert wie das Ver­hält­nis von Identitäts‑, Inter­essen- und Klassen­poli­tik. Wie ver­schiedene Unter­drück­ungs- und Aus­beu­tungs­for­men Sub­jek­te unter­schiedlich tre­f­fen und wie sich linke Poli­tik dazu ver­hal­ten kann. Trotz­dem gibt es erbit­terte Kämpfe, ins­beson­dere gegen Queer-Fem­i­nis­mus und Anti­ras­sis­mus wird fleißig polemisiert.

Über die ver­schiede­nen szenein­ter­nen Kon­flik­te hin­aus gibt es eigentlich viele gesamt­ge­sellschaftlich span­nende Fra­gen; in welchem Zusam­men­hang ste­hen #MeToo und die Frauen*streik-Bewegung, das Bewusst­sein von Sex­is­mus betrof­fen zu sein und der poli­tisch-ökonomis­chen Aktion? Sind anti­ras­sis­tis­che Kämpfe gegen Abschiebun­gen Teil eines Kampfes ein­er transna­tionalen Arbeiter_innenklasse, in der kap­i­tal­is­tis­chen Periph­erie nicht zusät­zlich aus­ge­beutet zu wer­den? Wie kön­nen Migrant_innen ein „migrantis­ches Iden­titäts­be­wusst­sein“ gewin­nen, um gegen den „migra­tion pay gap „zu kämpfen? Inwiefern kön­nen queer­fem­i­nis­tis­che und anti­ras­sisitsche iden­tität­spoli­tis­che Kämpfe zu ein­er gemein­samen klassen­poli­tis­chen Inter­essen­bil­dung beitra­gen? Viele dieser Fra­gen sind noch offen und die Beant­wor­tung wird linke Poli­tik auf Jahre prä­gen.

Der Sam­mel­band „Trig­ger­war­nung. Iden­titäts­bil­dung zwis­chen Abwehr, Abschot­tung und Allianzen“ spricht zwar die zur Phrase verkommene Banal­ität aus, dass man das Iden­titäts- und Klassen­poli­tik nicht gegeneinan­der ausspie­len dürfe. Real wird jedoch weit dahin­ter zurück­ge­fall­en, wieder beschäftigt man sich haupt­säch­lich mit Kri­tik an soge­nan­nter „Iden­tität­spoli­tik“. Während die anti­deutschen Hard­lin­er mit Beißre­flexe „dem“ Queer­fem­i­nis­mus u.a. gle­ich „Wahnsinn“ vor­war­fen, sprechen die wohl als anti­deutsch einzuschätzen­den Herausgeber_innen Eva Berend­sen, Seba-Nur Cheema und Meron Mendel nun von „vul­gär­er Iden­tität­spoli­tik mit fun­da­men­tal­is­tis­chen Zügen“.

Laut Klap­pen­text würde Empow­er­ment auf „Gen­der-Sternchen und die Ver­mei­dung des N‑Worts“ verkürzt. Welche rel­e­vante linke Gruppe ihren Aktion­is­mus auf Gen­der-Sternchen und Sprach­poli­tik beschränkt bleibt hier, wie an vie­len anderen Stellen, allerd­ings unklar. Die Herausgeber_innen machen „fun­da­men­tal­is­tis­che Züge“ inhaltlich exem­plar­isch an den Konzepten wie „Trig­ger­war­nung“ und „Safe space“ fest. Diese Kri­tik ist kaum neu, allerd­ings in ihrer Aus­prä­gung doch erstaunlich. So sei das Über­schreiben von Tex­ten oder Tweets mit „Trig­ger­war­nung“ eine Fehlanwen­dung eines Begriffs der Trau­math­e­o­rie, die dazu benutzt würde, „Gegenredner*innnen oder unbe­queme Posi­tio­nen aus dem öffentlichen Raum zu ver­drän­gen“.

Zwar wird auf der näch­sten Seite in ein­er Klam­mer eingeräumt, dass auf Social Media „zur Zeit der Druck­le­gung“ „Trig­ger War­nun­gen“ gar nicht mehr genutzt wür­den, son­dern das traumapoli­tisch unvor­be­lastete Konzept „Con­tent Notes“ oder „Con­tent War­nung“. Statt dies aber als Lern­prozess zu ver­ste­hen ger­ade kein Konzept der Trau­ma-The­o­rie zu ver­wen­den, wird unter­stellt, dass es dabei um den Inno­va­tion­s­geist des „Beschei­d­wis­ser­tums“ gin­ge. Den als pro­voka­tiv emp­fun­de­nen Titel „#Trig­ger­war­nung“ wollte man wohl nur ungern aufgeben.

Worum geht es beim Konzept der Con­tent Notes (CN) eigentlich? Auf Social Media wird heute über so ziem­lich alles geschrieben, auch über Verge­wal­ti­gun­gen, Suizid­ver­suche, Erfahrun­gen von Ras­sis­mus. Oft mis­cht sich eine „time­line“ z.B. mit völ­lig unter­schiedlichen The­men, Urlaub­s­bildern, Leseempfehlun­gen und aber eben auch per­sön­liche Schilderun­gen von Gewalt. Um auf schwierigere The­men aufmerk­sam zu machen, wird dabei z.B. ein „CN Gewalt“, oder ein „CN Suizid“ usw. vor­angestellt, um Leser_innen eine Möglichkeit zu geben, sich zu über­legen, ob sie sich ger­ade damit beschäfti­gen wollen oder kön­nen.

Inwiefern diese Con­tent Notes dazu instru­men­tal­isiert wer­den „unbe­queme Posi­tio­nen auszuschließen“ erläutern die Herausgeber_innen nicht. Diese Trope der poli­tis­chen Recht­en durchzieht den Band trotz anders lau­t­en­der Absichts­bekun­den immer wieder. Auch die Akteur*innen und die quan­ti­ta­tive Rel­e­vanz, mit der diese Auss­chlüsse über Con­tent Notes passieren sollen, bleiben unklar. Der Beitrag im Band von Markus Brun­ner bezieht sich in erster Lin­ie auf us-amerikanis­che Räume, über linke Grup­pen die Con­tent Notes als Auss­chlussprax­is in Deutsch­land ver­wen­den erfährt man nichts.

Eben­sowenig wird die Idee hin­ter dem Konzept des „safe space“ erk­lärt. Gesellschaftliche Räume sind nicht neu­tral und für alle gle­ich zugänglich, son­dern drück­en Machtver­hält­nisse wie Ras­sis­mus aus. Der langjährige Aktivist Rex Osa sprich zum Beispiel davon, dass es im Raum Stuttgart immer noch nicht auch nur einen Raum für Schwarze und Migrant_innen gibt und wie viel schwieriger das kollek­tive Organ­isierung macht. Diese Orte wären „sichere Räume“, in denen zunächst z.B. nicht immer wieder erk­lärt wer­den muss, was Ras­sis­mus ist, son­dern Schwarze oder migrantis­che Min­der­heit­en poli­tisch hand­lungs­fähig wer­den kön­nen.

Safe Space kön­nen also als jene (vor)politischen Räume ver­standen wer­den in denen Min­der­heit­en ihre poli­tis­chen Posi­tio­nen und Schlagkraft gewin­nen. Der Beitrag im Band von Char­lotte Buch fällt hin­ter diese Ein­sicht­en zurück und set­zt wieder ein all­ge­meines uni­ver­sal­is­tis­ches Indi­vidu­um ein, das zum Beispiel nicht struk­turell durch Ras­sis­mus eingeschränkt wird. Sie fordert den Mut „in die Kon­fronta­tion zu gehen, sich vul­ner­a­bel zu zeigen“. Wer ein­mal bei ein­er Nazi-Block­ade den Anteil von Schwarzen und Migrant_innen wahrgenom­men hat, wird ver­ste­hen, dass diese uni­ver­sal­is­tis­che Forderung für poli­tis­che Kon­texte ana­lytisch falsch ist. Statt ein uni­ver­sal­is­tis­ches Indi­vidu­um zu pos­tulieren kommt es viel eher darauf an struk­turelle Ver­let­zlichkeit und „Ver­let­zlich-Machung“ zu the­ma­tisieren und „aufzuheben“.

Darüber lässt sich ein grundle­gen­des inhaltlich­es Prob­lem des Sam­mel­ban­des benen­nen. Das gesellschaftliche Unter­drück­ungsver­hält­nisse zwar all­ge­mein anerkan­nt wer­den, aber diese in konkreten Fällen nicht berück­sichtigt wer­den. Der mit­tler­weile berühmte Stre­it über die Fas­sade der Alice Salomon Hochschule wird im Beitrag von Lena Gor­ing z.B. erneut im Fram­ing von „Kun­st-Ver­bot“ rekon­stru­iert. Dass Student_innen das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gom­ringer von der Häuser­wand ent­fer­nen woll­ten und es schließlich durch ein Gedicht der Schrift­stel­lerin Bar­bara Köh­ler erset­zt wurde.

Die Kul­turstaatsmin­is­terin Moni­ka Grüt­ters (CDU) sprach damals von einem „erschreck­enden Akt der Kul­tur­bar­barei“. Auch Gor­ing lässt sich zu der Aus­sage hin­reißen die Ent­fer­nung des Gedichts von ein­er Häuser­wand würde Erin­nerun­gen „an die Bücherver­bren­nung“ der Naz­izeit wachrufen. Solche Ver­gle­iche sind nicht nur pein­lich und ana­lytisch falsch, son­dern auch poli­tisch eine Verz­er­rung des Standes hege­moniepoli­tis­ch­er Kämpfe. Natür­lich spiegelt die Repräsen­ta­tion von Gedicht­en an Häuser­wän­den auch gesellschaftliche Kräftev­er­hält­nisse wider. Die fem­i­nis­tis­chen Stundent_innen ste­hen aber nicht kurz vor der gesamt­ge­sellschaftlichen Machter­grei­fung und der Zer­störung Gom­ringers Werk. Sie wollen ein Gedicht nur nicht als zen­trale Repräsen­ta­tion ihrer Hochschule.

Anhand dieser Einzel­beispiele kön­nte nun eben­so leicht kon­stru­iert wer­den, dass auch hier eher die neue Form von „vul­gär­er Anti-Iden­tität­spoli­tik“ am Werk ist, bei der sich von ortho­dox­en Marx­is­ten über Anti­deutsche bis zum recht­en Kampf gegen Polit­i­cal Cor­rectnes alle einige sind. Während die Recht­en von Sar­razin bis Höcke, je nach Stan­dort, sich mehr oder weniger offen über Ras­sis­mus und Sex­is­mus pro­fil­ieren wollen, pro­jizieren einige Linke die eigene Schwäche teil­weise auf „die Anderen“. Dass aber zum Beispiel fem­i­nis­tis­che Student_innen für eine andere, weib­lichere Repräsen­ta­tion kämpfen hat „der“ Organ­isierung von Arbeiter_innenkämpfen nicht geschadet. Das Ver­sagen von Gew­erkschaften im Kampf gegen neolib­erale Agen­da-Refor­men von Rot-Grün vielle­icht schon eher.

Indem man einen weit­eren Sam­mel­band fast auss­chließlich um Kri­tik von Iden­tität­spoli­tik kreisen lässt, spielt man der Kul­tur­al­isierung des poli­tis­chen Kon­flik­ts übri­gens in die Karten. Was der Sam­mel­band zudem nicht schafft ist sich selb­st poli­tisch zu bes­tim­men. Im Hin­ter­grund, der über­wiegend dem anti­deutschen Spek­trum zuzuord­nen­den linkslib­eralen Akademiker_innen, ste­ht wohl ein impliziter Glaube an ratio­nale Delib­er­a­tion, Diskursethik und Uni­ver­sal­ität. Mit diesem „Vul­gär-Haber­masian­is­mus“ fällt man aber hin­ter die Ein­sicht zurück dass zum Beispiel Anti­ras­sis­mus vielfach kein Kaf­fee-Plausch unter gle­ich­berechtigten Diskursteilnehmer_innen ist. The­o­retisch übri­gens auch hin­ter die frühe Kri­tis­che The­o­rie, die noch partei­isch gegen die Geschichte der Sieger den Stand­punkt der unter­drück­ten Klasse ein­holen wollte.

Gewiss ist Kri­tik an gewis­sen Prax­en von Iden­tität­spoli­tiken notwendig und wün­schenswert, allerd­ings sollte man es sich dabei auch nicht zu ein­fach machen. Viele der Polemiken ste­hen der notwendi­gen Kri­tik und Entwick­lung von rev­o­lu­tionär­er Iden­tität­spoli­tik eher im Wege. Sie scheinen eher der Pro­fil­ierung der anti­deutschen Kritiker_innen zu dienen, die als Gruppe am Mei­n­ungs­markt beispiel­sweise auf Twit­ter in einem Konkur­ren­zver­hält­nis zu iden­tität­spoli­tis­chen Akteur_innen ste­ht.

Der Text erschien in ein­er gekürzten Ver­sion im ND https://www.neues-deutschland.de/artikel/1130107.identitaetspolitik-lob-der-spitzmarke.html

One thought on “Falscher Universalismus

  1. Jo sagt:

    “szenein­ter­nen Kon­flik­te”

    ???

    Was ist das?

    M.E. eine begrif­fliche Ver­wässerung der realen Ver­hält­nisse:

    Es gibt Gegen­sätze in den Klass­en­in­ter­essen.

    Inner­halb der Klasse aber soll­ten die Gegen­sätze doch eigentlich garicht existieren, son­st wäre es ja keine ein­heitliche Klasse, oder?

    Wie komt es also, daß inner­halb ein­er Klasse plöt­zlich “szenein­terne Kon­flik­te” auf­brechen?

    Das ist eigentlich eine logis­che Unmöglichkeit, deren Para­dox­ie den Forsch­er- und Denker­drang ans­pornen sollte:

    Es ist zu analysieren,
    — WORIN GENAU diese Kon­flik­te sach­lich und inhaltlich beste­hen,
    — ob real vorhan­den, oder kün­stlich gechaf­fen(!)
    — von wem sie befeuert wer­den
    — mit welchen offiziellen Motiv­en sie befeuert wer­den
    — mit welchen ver­bor­ge­nen Motiv­en sie befeuert wer­den:

    + Unin­formiertheit? (aufk­lär­bar!)
    + Man­gel­ndes logis­ches Denkver­mö­gen? (Trainier­bar!)
    + Illu­sio­nen hin­sichtlich der Möglichkeit, in eine andere Klasse wech­seln zu kön­nen, d.h.: Ver­rat (aufk­lär­bar, son­st Auss­chluß)
    + Aktion als bezahlter Agent der Geg­n­er — und das ist gar­nicht so sel­ten, wie manch­er glaubt:

    Beschäfti­gen Sie sich mal mit der Geschichte der US-Arbeit­er­be­we­gung! Da wird tra­di­tionell mit agentes provo­ca­teurs, mit falschen Zeu­gen, mit Unter­wan­derung von Arbeit­er­grupierun­gen durch bezahlte Spitzel (par­don: Detek­teien), falsche Zeu­ge­naus­sagen (bis hin zum Jus­tiz­mord!), gekaufte Jour­nal­is­ten, ja sog­ar gekaufte Ehep­art­ner­In­nen gear­beit­et — eine mit­tler­weile heute in Schwe­den ansäs­sige US-Großde­tek­tei hat noch vor weni­gen Jahrzehn­ten in den USA ver­heerende Aktio­nen gegen die US-Arbeit­er­be­we­gung geplant, organ­isiert und durchge­führt — alles gut doku­men­tiert und nach­les­bar im Inter­net!

    Und: Schon Marx unter­schei­det zwis­chen “Pro­le­tari­at” (das seinen Klass­en­in­ter­essen treu und damit ver­läßlich ist) und dem “Lumpen­pro­le­tari­at” (das für einen Appel und ein Ei seine Klass­en­in­ter­essen ver­rät und sein Erbrecht für ein Lin­sen­gericht verkauft (schauen Sie sich sie heuti­gen “Gew­erkschafts­führer” mal genau an: die meis­ten Dem­a­gogen und Ver­räter rein­sten Wassers — die Mißstände (und deren ANGEBLICHE Unbe­heb­barkeit) beweisen es, beson­ders dort wo plöt­zli­hc andere Kräfte auf­tauche und das innert wochen real­isieren, was diese “Gew­erkschafts­bosse” jahrzezn­te­lang als “undurch­führbar” und “unre­al­is­tisch” beze­ich­net hat­ten (siehe Schaf­fung der Lok­führer- und Pilotengew­erkschaft!!)
    Denen sind diese ver­lo­ge­nen Gew­erkschafts­bosse eiskalt in den Rück­en gefall­en — Macht­poli­tik gegen die eigene Klien­tel!

    Wie aber wollen Sie klare Poli­tik betreiben mit der­art unklaren, vernebel­nden Begrif­f­en wie “szenein­ter­nen Kon­flik­te”?!

    Was Sie mit “szenein­terne Kon­flik­te” vernebeln, ist i nwirk­li­hck­eit zu einem Großteil hin­ter­hältig­ste Wühl‑, Stör- und Agen­ten­tätigkeit zu Gun­sten des poli­tis­chen Geg­n­ers!

    Lesen sie mal Vik­tor Klem­per­ers LTI (lin­gua ter­tii imperii — die Sprache des Drit­ten Reiches):“Sprache, die für dich dichtet und denkt” (Schiller)

    Wie wollen Sie denn aber mit unklaren Begrif­f­en einen klaren, erfol­gsori­en­tierten Gedanken fassen, Herr Philosoph?!

    Also:
    Ein­falt able­gen!
    Ran an den Speck!
    Nach­sitzen, bis es unter der Hirn­schale tagt!

    “Den Teufel spürt das Völkchen nie
    und wenn er es beim Kra­gen hätte.”
    (Goethe, Faust (Mephis­to))

    Jo

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