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Fabriken ohne Chefs

An diesem Mittwoch rufen Arbei­t­erIn­nen des griechis­chen Betriebs Vio.Me zu einem inter­na­tionalen Aktion­stag auf. Seit über vier Monat­en pro­duzieren sie unter eigen­er Regie

Fabriken ohne Chefs

// An diesem Mittwoch rufen Arbei­t­erIn­nen des griechis­chen Betriebs Vio.Me zu einem inter­na­tionalen Aktion­stag auf. Seit über vier Monat­en pro­duzieren sie unter eigen­er Regie //

In ganz Griechen­land entste­hen kleine Läden der sol­i­darischen Ökonomie. Man kann dort ökol­o­gis­che Pro­duk­te aus dem In- und Aus­land zu niedri­gen Preisen kaufen. Seit eini­gen Monat­en ste­hen in jedem solchen Geschäft neben dem Biooliven­öl und dem Fair-Trade-Kaf­fee auch Putzmit­tel: Die Flaschen voller Glas- bzw. Allzweck­reiniger oder Waschmit­tel tra­gen keinen Marken­na­men. Aber auf den schwarz-weißen Etiket­ten kann man ein Zah­n­rad und eine Fab­rik sehen.

Dieses Logo ste­ht für Vio.Me, eine Baustof­fab­rik in Thes­sa­loni­ki. Sie ist seit über vier Monat­en von ihren 38 Arbei­t­erIn­nen beset­zt. Am 12. Feb­ru­ar 2013 haben diese die zwei Jahre zuvor von ihren BesitzerIn­nen ver­lassene Pro­duk­tion­sstätte wieder in Betrieb genom­men. Da Bau­ma­te­ri­alien, die Vio.Me seit Jahrzehn­ten pro­duzierte, zur Zeit auf dem krisen­geschüt­tel­ten griechis­chen Markt wenig gefragt sind, entsch­ieden sich die Arbei­t­erIn­nen für die Her­stel­lung von Biop­utzmit­teln.

Am kom­menden Mittwoch, dem 26. Juni, wer­den Gew­erkschaft und Sol­i­dar­itätsini­tia­tive an die Öffentlichkeit gehen: Seit Monat­en verkaufen sie die Pro­duk­te in ganz Griechen­land über sol­i­darische Net­zw­erke, aber nie ganz offiziell (mit Logo, jedoch immer ohne Namen). Auf ein­er öffentlichen Ver­anstal­tung im sozialen Zen­trum “Sxoleio” im Zen­trum von Thes­sa­loni­ki (in ein­er ehe­ma­li­gen religiösen Schule) wer­den sie die Vio.Me-Produkte nun erst­mals der bre­it­en Öffentlichkeit vorstellen. Am sel­ben Tag sollen weltweit Sol­i­dar­ität­skundge­bun­gen stat­tfind­en, darunter auch in Berlin.

Direkte Demokratie

Makis Anag­nos­tou ist ein großer Mann mit Hän­den wie Bärenpfoten. Er ist Präsi­dent der Gew­erkschaft – aber nur, weil das Gesetz einen solchen Posten ver­langt. “Wenn ich meinen Kol­le­gen ‘Vizepräsi­den­ten’ nen­nen würde, wür­den die Arbeit­er uns beschimpfen”, so Anag­nos­tou. Denn alle Entschei­dun­gen wer­den gemein­sam in der Ver­samm­lung getrof­fen, der Präsi­dent hat dort das gle­iche Stimm­recht wie die anderen 37 Arbei­t­erIn­nen. Seit 2009 hat­te die Betrieb­s­gew­erkschaft das Prinzip der direk­ten Demokratie etabliert, und als die Fir­ma Insol­venz anmeldete, ohne die ausste­hen­den Löhne gezahlt zu haben, wurde in Ver­samm­lun­gen über alle Kampf­maß­nah­men disku­tiert. “Wir wussten, dass wir keine Chance hat­ten, irgend­wo anders Arbeit zu find­en”, erin­nert sich Anag­nos­tou. “Also blieb uns keine andere Wahl, als die Fab­rik selb­st zu betreiben.”

In Griechen­land ste­hen heute bis zu 2.000 Werke still. Mehr als 1,5 Mil­lio­nen Men­schen sind arbeit­s­los, und die Dik­tate der Troi­ka aus Europäis­ch­er Union, Inter­na­tionalem Währungs­fonds und Europäis­ch­er Zen­tral­bank treiben das Land immer tiefer in die Rezes­sion. Wenn Vio.Me, wo vor der Krise 70 Men­schen gear­beit­et haben, zu einem Erfolg wer­den sollte, kön­nte das kleine Exper­i­ment eine große Ausstrahlungskraft haben.

Die Vio.Me-ArbeiterInnen fordern die Legal­isierung der Pro­duk­tion unter demokratis­ch­er Kon­trolle der Belegschaft. Wie die Sol­i­dar­itätsini­tia­tive in ein­er Erk­lärung schrieb, han­delt es sich um “die Geschichte ein­er Kampfge­mein­schaft, die kollek­tive Lösun­gen auf alltägliche Prob­leme sucht.” Sie sol­i­darisieren sich außer­dem mit dem Kampf der Beschäftigten des staatlichen Rund­funksenders ERT, der von der Regierung geschlossen wurde – und auch mit dem Auf­s­tand der Massen in der Türkei.

Zanon zu Gast

Gew­erkschafts­del­e­ga­tio­nen aus aller Welt haben Vio.Me schon besucht, auch Intellek­tuelle haben ihre Sol­i­dar­ität bekun­det. Nao­mi Klein, Regis­seurin des Doku­men­tarfilmes “The Take” über beset­zte Betriebe in Argen­tinien nach der Krise von 2001, sprach Anfang des Monats vor rund tausend Men­schen, die sich auf dem Hof des Fab­rikgelän­des ver­sam­melt hat­ten. Auch der Vor­sitzende der linken Oppo­si­tion­spartei Syriza, Alex­is Tsipras, war kurz vor der Wieder­auf­nahme der Pro­duk­tion zu Besuch und ver­sprach im Fall eines Wahlsieges die Unter­stützung ein­er von ihm geführten “linken Regierung”.

Ein beson­ders wichtiger Gast war jedoch Raúl Godoy, Arbeit­er aus der beset­zten Keramik­fab­rik Zanon in Neuquén in Argen­tinien. Dort pro­duzieren die mit­tler­weile 450 Beschäftigten seit über zehn Jahren in Eigen­regie. Bei Vio.Me hat­te man schon Texte von der Neuquén­er Gew­erkschaft gele­sen: “Es war so, als hätte jemand unsere eige­nen Gedanken aufgeschrieben”, erin­nert sich Anag­nos­tou. “Daran haben wir gemerkt, dass das Kap­i­tal über­all gle­ich ist und dass die Arbeit­erk­lasse auch über­all eine Klasse ist.”

“Habt ihr eine Legal­ität?” hat­te ein Vio.Me-Arbeiter Godoy bei der ersten Begeg­nung gefragt. Natür­lich war die Beset­zung von Zanon am Anfang auch ille­gal. Die argen­tinis­che Men­schen­recht­sor­gan­i­sa­tion “Müt­ter von der Plaza de Mayo” (“Madres de Plaza de Mayo”) unter­stützte die Belegschaft auch juris­tisch, so dass sie offiziell kaufen und verkaufen kon­nte. Erst nach acht Jahren des Kampfes beschloss das Prov­inz­par­la­ment die Enteig­nung der Fab­rik und die Über­tra­gung auf die Koop­er­a­tive der Arbei­t­erIn­nen. Weit­ere drei Jahre dauert es, bis der Gou­verneur die Vor­lage unter­schrieb und das Gesetz in Kraft trat. Dazu waren über ein Jahrzehnt voller Kämpfe gemein­sam mit Arbeit­slosen, Studieren­den, indi­ge­nen Gemein­schaften und Arbeit­ern aus dem ganzen Land notwendig.

Eigene Kampfkraft

“Wir Arbeit­er kön­nen uns nur auf unsere eigene Kampfkraft ver­lassen”, sagte Godoy und erin­nerte daran, dass Argen­tinien schon eine “linke Regierung” habe, die über die Jahre kein­er­lei Unter­stützung für die “Fab­rik ohne Chefs” geleis­tet hat­te. Sog­ar die großen Gew­erkschafts­dachver­bände mussten mit­tels ein­er Kam­pagne unter Druck geset­zt wer­den, bevor sie sich für die Zanon-Arbei­t­erIn­nen aus­ge­sprochen haben. Die Vio.Me-Belegschaft erhält zur Zeit kein­er­lei Sol­i­dar­ität von den großen Beschäftigtenor­gan­i­sa­tio­nen. Lediglich zu kleineren, kämpferischen Basis­gew­erkschaften gibt es gute Kon­tak­te, wie Anag­nos­tou erk­lärte.

Erst wenn Vio.Me legal­isiert wird, wer­den sie die Möglichkeit haben, die hergestell­ten Pro­duk­te zu exportieren. Aber man kann jet­zt schon den Kampf mit Spenden unter­stützen, und vor allem auch poli­tis­chen Druck dafür erhöhen helfen, damit die Fab­rik nicht nur de fac­to, son­dern auch de jure den Pro­duzen­ten gehört. Denn eine Flasche Glas­reiniger kann ein Beispiel dafür sein, dass es eine Alter­na­tive zu Fab­rikschließun­gen, Masse­nent­las­sun­gen und kap­i­tal­is­tis­ch­er Krise gibt.

dieses Inter­view in der jun­gen Welt
Web­site der Vio.Me-ArbeiterInnen

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