Hintergründe

Ermattung oder Kampf: zwei entgegengesetzte Strategien

Am 21. März präsentierte Matías Maiello das Buch "Sozialistische Strategie und Militärkunst", das er zusammen mit Emilio Albamonte geschrieben hat, an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität von Buenos Aires. Wir veröffentlichen hier seinen Vortrag.

Ermattung oder Kampf: zwei entgegengesetzte Strategien

Marxismus und strategische Reflexion

Zunächst möchte ich dem Lehrstuhl für Kriegssozi­olo­gie für die Ein­ladung danken. Das Buch “Sozial­is­tis­che Strate­gie und Mil­itärkun­st”, das ich zusam­men mit Emilio Alba­monte geschrieben habe, beschäftigt sich mit der mil­itärischen Frage, sowohl in Bezug auf den Auf­s­tand als auch in Bezug auf den Bürger*innenkrieg, die bei­den Weltkriege und den soge­nan­nten “Kalten Krieg”. Es ist aber nicht im Wesentlichen ein Buch der mil­itärischen Strate­gie, son­dern der Strate­gie im weit­eren Sinne, beson­ders ein­schließlich der poli­tis­chen Strate­gie.

In viel­er­lei Hin­sicht kann man den rev­o­lu­tionären Marx­is­mus des 20. Jahrhun­derts nicht ver­ste­hen, ohne Strate­gie zu studieren. Es ist kein Zufall, dass Carl Schmitt darauf hin­weist, dass Lenins Notizbüch­er über Clause­witz “eines der großar­tig­sten Doku­mente der Geschichte der Welt- und der Geis­tes­geschichte” sind. Oder dass Ernesto Laclau und Chan­tal Mouffe gesagt haben, dass jed­er rev­o­lu­tionäre Marx­is­mus die “Sünde” hat, weit­ge­hend von Clause­witz bee­in­flusst zu sein.

In diesem Vor­trag möchte ich mich darauf konzen­tri­eren, die Inhalte des Buch­es einzuord­nen und die Art der strate­gis­chen Prob­leme, die es zu reflek­tieren ver­sucht, und ihre Aktu­al­ität darzustellen.

Reformpartei oder revolutionäre Partei

Zunächst möchte ich einen Beitrag des Vor­sitzen­den von Podemos, Pablo Igle­sias, zitieren, der mein­er Mei­n­ung nach für die Diskus­sion sehr anschaulich ist. Auf die Frage, ob die griechis­che Syriza-Koali­tion “harte” Maß­nah­men gegen die Troi­ka hätte ergreifen sollen, anstatt schließlich die Kürzungs­maß­nah­men vorzunehmen, die sie the­o­retisch bekämpfen wollte, antwortet Igle­sias:

Das Prob­lem ist, dass noch bewiesen wer­den muss, ob jemand inner­halb eines Staats eine solche Her­aus­forderung annehmen kann […] Wenn man aus der Regierung her­aus eine harte Sache machen will, hat man plöt­zlich einen guten Teil der Armee, des Polizeiap­pa­rates, aller Medi­en und alles gegen sich, abso­lut alles. Und in einem par­la­men­tarischen Sys­tem die absolute Mehrheit sich­er­stellen, ist sehr schwierig […] Zunächst hätte man sich mit der Sozial­is­tis­chen Partei eini­gen müssen. [1]

Diese Reflex­ion ist inter­es­sant, weil sie die zwei Wege klar markiert, zwis­chen denen die Strate­gie wählen muss. Man kann sich an den Rah­men der Insti­tu­tio­nen hal­ten und inner­halb ihrer Gren­zen han­deln, natür­lich in Kom­bi­na­tion mit einem “linken” Diskurs. Oder man kann über die Gren­zen der Insti­tu­tio­nen hin­aus­ge­hen, kap­i­tal­is­tis­che Inter­essen angreifen und den bürg­er­lichen Staat kon­fron­tieren. Dafür muss man sich auf die Kon­fronta­tion mit ein­er ganzen Rei­he materieller Kräfte vor­bere­it­en, die sich wider­set­zen wer­den.

Im ersten Fall kön­nten wir sagen, dass es keine Strate­gie im eigentlichen Sinne gibt, wenn wir sie – mit Clause­witz – vom Blick­winkel des Ein­satzes tak­tis­ch­er Teilkämpfe, um den Willen des Fein­des zu brechen, ver­ste­hen. Oder wie Trotz­ki sagte, als die Kun­st, das Kom­man­do zu übernehmen. Was wir stattdessen haben, ist die Ver­wal­tung der Inter­essen der Kapitalist*innen mit einem “linken” Diskurs.

Das endet wie bei Syriza, das die Kürzungs­maß­nah­men durchge­führt hat, oder wie bei Podemos, die voll­ständig in das Regime inte­gri­ert sind – sie nehmen an den Lokalregierun­gen in Madrid und Barcelona teil, auch wenn sie bish­er nicht in der nationalen Regierung sind. Ihre Inte­gra­tion ins Regime hat sich zum Beispiel im kata­lanis­chen Unab­hängigkeit­sprozess­es gezeigt. Ganz zu schweigen von den Vorschlä­gen, wie sie der Kirch­ner­is­mus hier in Argen­tinien macht: eine oppo­si­tionelle Ein­heit “aller gegen Macri” für 2019 zu formieren, was sich auf die Wahl des einen oder des anderen bürg­er­lichen Sek­tors reduziert.

Die Arbeit der Strategie

Wenn wir nun den Weg der Kon­fronta­tion mit den Kapitalist*innen gehen, ist klar, dass es dazu materieller (und “moralis­ch­er”, wie wir mit Clause­witz sagen wür­den) Kraft bedarf. Damit kom­men wir zu ein­er zweit­en grundle­gen­den Frage: Welche Art von Kraft ist für diese Kämpfe nötig, und wie formieren wir sie? Eine strate­gis­che Auf­gabe, die offen­sichtlich nicht am Tag des “Sturms auf das Win­ter­palais” begin­nt.

Diese “Strate­giear­beit” an sich wirft eine ganze Rei­he von Prob­le­men auf. Clause­witz hat­te dazu einen sehr anschaulichen Satz: “In der Strate­gie ist alles sehr ein­fach, aber darum nicht auch alles sehr leicht.” Ist der strate­gis­che Kurs ein­mal fest­gelegt, und gehe ich vom “Papi­er” zur Real­ität über, entste­ht Rei­bung, denn das Hand­lungs­feld ist das der Unsicher­heit, des Zufalls und der Angst.

Gle­ichzeit­ig sind die Prob­leme, die sich aus der Arbeit der rev­o­lu­tionären Strate­gie ergeben, noch größer als in der mil­itärischen Strate­gie. Während sich die Kriegskun­st im engeren Sinne (wie von Clause­witz definiert) nur auf den Ein­satz der bere­its geschaf­fe­nen Kräfte bezieht, wo der Armee usw. Mit­tel zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, gibt es in der rev­o­lu­tionären Strate­gie keine “gegebe­nen Mit­tel”: Die Führung muss ihr Recht auf die Führung erkämpfen; die Partei muss aufge­baut wer­den, eben­so wie das Ver­hält­nis zur Massen­be­we­gung. Mit anderen Worten, die Arbeit der Strate­gie umfasst alle Phasen der Schaf­fung ein­er rev­o­lu­tionären Kraft.

“Ermattungsstrategie” und “Niederwerfungsstrategie”

Wie kann also in diesem Rah­men eine rev­o­lu­tionäre Kraft entste­hen? Um diese Frage anzuge­hen, möchte ich auf eine sehr wichtige Diskus­sion im zweit­en Jahrzehnt des 20. Jahrhun­derts einge­hen: die Debat­te über “Ermat­tungsstrate­gie” und “Nieder­w­er­fungsstrate­gie”.

Der­jenige, der diese Begriffe in die Debat­te ein­führt, ist Karl Kaut­sky, der the­o­retis­che Anführer der Zweit­en Inter­na­tionale. Er übern­immt die Begriffe “sui gener­is” von Hans Del­brück. Dieser hat­te auf der Grund­lage ein­er Rei­he von Noti­zen, die Clause­witz zur Über­ar­beitung sein­er Arbeit hin­ter­lassen hat, ein Konzept entwick­elt, in dem es zwei Pole der Kun­st der Strate­gie gibt: die “Ermat­tungsstrate­gie”, deren Ziel begren­zte Eroberun­gen an den Gren­zen sind, und die “Nieder­w­er­fungsstrate­gie”, wenn es darum geht, den Feind zu besiegen.

Warum nimmt Kaut­sky diese Kat­e­gorien auf? Um gegen Rosa Lux­em­burg zu argu­men­tieren. In Deutsch­land gab es 1910 große Arbeiter*innenkämpfe und Massen­mo­bil­isierun­gen für demokratis­che Forderun­gen. Rosa schlug vor, für die Notwendigkeit eines poli­tis­chen Gen­er­al­streiks zu agi­tieren. Kaut­sky wandte ein, dass es nicht richtig sei, die sozialdemokratis­che Organ­i­sa­tion (die damals rund 700.000 Mit­glieder, 2 Mil­lio­nen Anhänger*innen in den Gew­erkschaften und 3 Mil­lio­nen Wähler*innen hat­te) in diesen Kämpfen zu riskieren, und dass der Schlüs­sel darin beste­he, bei den näch­sten Wahlen einen großen Stim­menan­teil zu bekom­men.

Daher war für Kaut­sky eine “Ermat­tungsstrate­gie” nötig. Was meinte er damit?

Die mod­erne Kriegswis­senschaft – so Kaut­sky – unter­schei­det zwei Arten von Strate­gie, die Nieder­w­er­fungs- und die Ermat­tungsstrate­gie. Die erstere zieht ihre Stre­itkräfte rasch zusam­men, um dem Feinde ent­ge­gen­zuge­hen und entschei­dende Stöße zu ver­set­zen […]. Bei der Ermat­tungsstrate­gie dage­gen weicht der Feld­herr zunächst jed­er entschei­den­den Schlacht aus; er sucht die geg­ner­ische Armee durch Manöver aller Art stets in Atem zu erhal­ten, ohne ihr Gele­gen­heit zu geben, ihre Trup­pen durch Siege anzufeuern […]. [2]

Rosa Lux­em­burg antwortete, dass seine gesamte Ausar­beitung der “Ermat­tungsstrate­gie” die Grund­lage für eine “Nichts als Parlamentarismus”-Orientierung sei. Obwohl sich diese Prog­nose später als richtig her­ausstellte, war es damals noch nicht ganz der Fall, zumin­d­est in dem, was Kaut­sky sagte. Er argu­men­tierte damals weit­er, dass es zum richti­gen Zeit­punkt notwendig sei, zu ein­er “Nieder­w­er­fungsstrate­gie” überzuge­hen. Lux­em­burg war natür­lich nicht antipar­la­men­tarisch – das war nicht das Prob­lem. Der Unter­schied war, dass Rosa behauptete, dass die Sozialdemokratie eine Vor­re­it­er­rolle bei der Entwick­lung der fortschrit­tlich­sten Ten­den­zen des dama­li­gen Klassenkampfes spie­len und nicht ein­fach auf die Wahlen warten sollte.

Klasse, Partei und Führung

Hier kom­men wir also zu einem der grundle­gen­den Prob­leme von Kaut­skys Schema der bei­den Strate­gien. Die Erk­lärung des Vorschlags von Kaut­sky, die Lars Lih, ein US-amerikanis­ch­er marx­is­tis­ch­er Akademik­er, gibt, ist zur Ver­an­schaulichung sehr inter­es­sant.
Laut Lih:

Kaut­sky erk­lärte, dass die Strate­gie der “Ermat­tung” (die übliche Prax­is der Sozialdemokratis­chen Partei Deutsch­lands der ener­gis­chen sozial­is­tis­chen Bil­dung und Organ­i­sa­tion) für eine nor­male, nicht-rev­o­lu­tionäre Sit­u­a­tion geeignet sei, während die der “Nieder­w­er­fung” (poli­tis­che Massen­streiks und andere außer­par­la­men­tarische Druck­mit­tel) für eine wirk­lich rev­o­lu­tionäre Sit­u­a­tion geeignet sei. [3]

Ist es jedoch möglich, während der gesamten vorheri­gen Etappe die entschei­den­den Schlacht­en zu ver­mei­den, wie Kaut­sky sagte, und plöt­zlich, wenn die Sit­u­a­tion rev­o­lu­tionär wird, entschlossen zu kämpfen? Diese Idee ist in der Tat unzutr­e­f­fend. Nicht zufäl­lig ist für Kaut­sky die Zeit für die “Nieder­w­er­fungsstrate­gie” nie gekom­men.

Warum? Weil die Real­ität viel kom­plex­er ist. Erstens, weil es nicht nur klar “nicht-rev­o­lu­tionäre” und “rev­o­lu­tionäre” Sit­u­a­tio­nen gibt: Es gibt auch kon­ter­rev­o­lu­tionäre Sit­u­a­tio­nen; und die Real­ität ist voll von Über­gangssi­t­u­a­tio­nen, von ein­er Abstu­fung von Zwis­chen- und Hybrid­si­t­u­a­tio­nen, die nicht klar definiert sind.

Clause­witz stand auf dem Gebi­et der Mil­itärthe­o­rie vor einem ähn­lichen Prob­lem. Er sagte, dass der Krieg ein Chamäleon sei. Unter dem gle­ichen Phänomen des Krieges kön­nten die napoleonis­chen Kriege, die er der Kat­e­gorie des “absoluten Krieges” annäherte, bis hin zu Kriegen, in denen nicht über die “bewaffnete Beobach­tung” hin­aus­ge­gan­gen wurde, zusam­menge­fasst wer­den. Wenn es eine ganze Band­bre­ite von Kriegen gibt, wie kön­nen wir dann mit ihnen in ihrer Kom­plex­ität umge­hen?

Der preußis­che Gen­er­al antwortet, dass der Krieg zwar ein Chamäleon ist, doch hin­ter dieser Het­ero­gen­ität immer drei Ele­mente ste­hen, die in jedem Krieg vorhan­den sind (die “wun­der­liche Dreifaltigkeit”): der ele­mentare Impuls oder Hass, den er dem Volk zuschreibt; die Berech­nung der Wahrschein­lichkeit­en, die er den Gen­erälen und der Armee zuschreibt; und die Poli­tik, die er der Regierung zuschreibt. In jedem Krieg sind diese drei Ele­mente in ein­er bes­timmten Beziehung zueinan­der vorhan­den.

Aus der Sicht des Marx­is­mus kann eine sehr pro­duk­tive Analo­gie gezo­gen wer­den, auch wenn dort viele wichtige Unter­schiede verbleiben – die ich hier nicht entwick­eln werde, son­dern für die ich auf das Buch ver­weise: die Beziehung zwis­chen Klasse, Partei und Parteiführung. Unter diesem Gesicht­spunkt ist eine gegebene Sit­u­a­tion für eine wirk­lich existierende rev­o­lu­tionäre Kraft keine Außen­beziehung, die es nur zu beschreiben gilt. Ihre Hand­lung (oder Untätigkeit) ist vielmehr ein inte­graler Bestandteil der Sit­u­a­tion selb­st im Aus­maß ihrer Kräfte.

Die aktive Rolle der revolutionären Partei

An dieser Stelle find­en wir eine wichtige Übere­in­stim­mung zwis­chen Lenin und Rosa Lux­em­burg: Was hat Rosa 1910 gegen Kaut­sky einge­wandt? Ihr zufolge war es ein großer Unter­schied, ob die Sozialdemokratie mit dem Ein­treten für den Gen­er­al­streik ver­sucht, die fortschrit­tlicheren Ele­mente des Klassenkampfes zu entwick­eln – oder ob sie auf die Wahlen wartet. Das sei ein­er­seits der Fall, weil die SPD als eine sehr große Partei dazu in der Lage war, die Gesamt­si­t­u­a­tion zu ändern. Dazu müsse sie den Prozess fördern, indem sie die Kämpfe der Arbeiter*innen mit der Bewe­gung, die das poli­tis­che Regime in Frage stellte, zu verbinden ver­sucht. Und damit ver­bun­den würde sich auch der Charak­ter der Partei selb­st verän­dern, je nach­dem ob sie ein­greife oder nicht. Egal ob die strate­gis­che Option, eine rev­o­lu­tionäre Organ­i­sa­tion aufzubauen „auf dem Papi­er“ noch beste­he: Wenn sie die Sit­u­a­tion vorüberge­hen ließe, würde sie weniger rev­o­lu­tionär.

Was ent­geg­net Lux­em­burg Kaut­skys Argu­ment, keine Agi­ta­tion für den Gen­er­al­streik zu betreiben, weil es keine rev­o­lu­tionäre Sit­u­a­tion gab? Sie hielt diese Posi­tion für abstrakt. Schließlich könne man nicht beurteilen, ob sich die rev­o­lu­tionären Ele­mente der Sit­u­a­tion ver­stärken, ohne die Hand­lun­gen der Sozialdemokratie selb­st mit einzu­berech­nen. Und sie hat­te in der Tat Recht. 1912 erlangte die Sozialdemokratie in den Wahlen spek­takuläre Resul­tate: Sie war die am meis­ten gewählte Partei mit mehr als dop­pelt so vie­len Stim­men wie die Partei nach ihr. Sie errang 110 Sitze, auch wenn ihr bei ein­er Ver­hält­niswahl mehr zuge­s­tanden hät­ten.. Doch kurz nach dem Aus­bruch des Ersten Weltkrieges war all diese enorme Kraft, die die Sozialdemokratie im Par­la­ment gewon­nen hat­te, nut­z­los, weil die Partei ihr “Grav­i­ta­tion­szen­trum” weg vom Klassenkampf ver­schoben hat­te.

1914 ver­ri­et die sozialdemokratis­che Führung die Arbeiter*innenklasse und stimmte für die Kriegskred­ite. Aber die Partei besaß auch keine poli­tis­chen Waf­fen, um sich ein­er katas­trophalen Sit­u­a­tion wie dem Krieg zu stellen. Sie fehlten ihr, wie Rosa Lux­em­burg es aus­drück­te, weil die Partei sich außer­halb der wichtig­sten Auseinan­der­set­zun­gen des Klassenkampfes entwick­elt hat­te. Hier zeigt sich wiederum die Unmöglichkeit eines plöt­zlichen Über­gangs von der “Ermat­tungsstrate­gie” zur “Nieder­w­er­fungsstrate­gie”, wie es Kaut­sky Jahre zuvor vorgeschla­gen hat­te.

Eine grundlegende Neuerung Lenins

Schließlich müssen wir noch auf einen großen Unter­schied zwis­chen Lenin und Rosa hin­weisen. Der poli­tis­che Kampf, der in der Kaut­sky-Lux­em­burg-Debat­te zum Aus­druck kam, war nicht ein­fach ein poli­tisch-ide­ol­o­gis­ch­er Stre­it wie diejeni­gen, die die rev­o­lu­tionäre Bewe­gung zuvor geprägt hat­ten, zum Beispiel der­jenige, den Marx und Engels gegen Bakunin und die Anar­chis­ten in der Ersten Inter­na­tionale geführt hat­ten. Es war auch ein Kampf gegen materielle Kräfte: In der Massen­be­we­gung waren riesige poli­tis­che und gew­erkschaftliche Bürokra­tien ent­standen – die von nun an ein unauswe­ich­lich­es Ele­ment in der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung bilde­ten.

Der Zusam­men­hang ist ein­deutig: Kaut­sky war gegen Lux­em­burg, weil er die sozialdemokratis­che Gew­erkschafts­bürokratie nicht provozieren wollte. Warum? Seit 1906 hat­te die Gew­erkschafts­bürokratie der Partei de fac­to das Ver­bot aufgezwun­gen, ohne ihre Zus­tim­mung für den Gen­er­al­streik zu agi­tieren. Wir reden hier also nicht von dem Ver­bot durch eine Regierung, son­dern von der Hal­tung der Gew­erkschafts­führung. Lux­em­burgs Vorschlag war deshalb ein­deutig gegen sie gerichtet. Die Sozialdemokratis­che Partei wiederum hat­te eine poli­tis­che Bürokratie aus­ge­bildet, der die Entwick­lung des Klassenkampfes nicht passte, weil dadurch die guten Beziehun­gen zur lib­er­al-bürg­er­lichen Oppo­si­tion und eine mögliche par­la­men­tarische Zusam­me­nar­beit mit ihr beein­trächtigt wür­den. Die strate­gis­chen Kämpfe inner­halb der Arbeiter*innenbewegung waren nicht mehr nur poli­tisch-ide­ol­o­gis­che, son­dern hier standen sich materielle Kräfte gegenüber.

An diesem Punkt führte Lenin eine grundle­gende Neuerung ein: Rosa und Lenin waren sich einig, dass der Schlüs­sel zu ein­er rev­o­lu­tionären Partei darin beste­ht, die fortschrit­tlich­sten Ele­mente weit­erzuen­twick­eln, die im Klassenkampf zu einem bes­timmten Zeit­punkt vorzufind­en sind. Lenin aber fügt noch ein weit­eres Ele­ment hinzu: Er war der Ansicht, dass dazu rev­o­lu­tionäre Strö­mungen inner­halb der Massenor­gan­i­sa­tio­nen notwendig sind. Lenin kommt zu dem Schluss, dass es uner­lässlich ist, eine materielle Kampfkraft zu haben, die nicht nur den Staat, son­dern auch die Bürokratie der Massenor­gan­i­sa­tio­nen kon­fron­tieren kann, seien es gew­erkschaftliche, poli­tis­che oder soziale. Das ist die Voraus­set­zung für die effek­tive Entwick­lung der fortschrit­tlich­sten Ten­den­zen der Sit­u­a­tion.

Zwei entgegengesetzte Strategien

Was die Debat­te über die Strate­gien der Ermat­tung und der Nieder­w­er­fung ange­ht, so kön­nen wir abschließend sagen, dass es sich nicht um zwei kom­ple­men­täre Strate­gien han­delt, die je nach Sit­u­a­tion aus­tauschbar sind. Vielmehr han­delt es sich um zwei alter­na­tive Strate­gien, die im Ver­lauf des Klassenkampfes sog­ar zu frontal­en Kon­fronta­tio­nen gegeneinan­der neigen. Das Beispiel der deutschen Sozialdemokratie ist dabei alles andere als ein Einzelfall. Vielmehr kommt diese Debat­te in unter­schiedlich­er Form bis heute immer wieder auf.

Wir kön­nen das im Chile der 70er Jahre mit der “Unidad Pop­u­lar” sehen, aber auch bei der Volks­front in der Spanis­chen Rev­o­lu­tion der 30er oder zur gle­ichen Zeit in der rev­o­lu­tionären Sit­u­a­tion in Frankre­ich, neben vie­len anderen Beispie­len. Heute beobacht­en wir diese Debat­te in einem kleineren Rah­men in Griechen­land, wo die Syriza-Regierung the­o­retisch an die Regierung kam, um sich der Kürzungspoli­tik ent­ge­gen­zustellen. Schließlich aber set­zte sie diese selb­st um, obwohl sechzig Prozent der Bevölkerung ihre Unter­stützung für den Wider­stand gegeben hat­ten. Dies ist nur ein aktueller Fall, der illus­tri­ert wohin die strate­gis­chen Optio­nen der Reform in Krisen­zeit­en führen.

Nach diesen Nieder­la­gen ist die geläu­fige Erk­lärung: “Die Massen haben nicht gekämpft”, oder “sie haben nicht genug Wider­stand geleis­tet”. Doch in Wirk­lichkeit wer­den die Sit­u­a­tio­nen nicht nur durch das Han­deln der Massen, son­dern auch durch das Han­deln ihrer Parteien und Führun­gen bes­timmt. Ger­ade let­zteres wird mit zunehmender Ver­schär­fung der Sit­u­a­tio­nen immer entschei­den­der.

Die Momente der Katas­tro­phen, der Krisen, der Kriege sind ein Kennze­ichen des Kap­i­tal­is­mus. Die mil­itärische Sit­u­a­tion in Syrien schwelt derzeit mit glob­alen Fol­gen. Früher oder später brechen Krisen­si­t­u­a­tio­nen aus, und in dieser Hin­sicht haben wir in Argen­tinien genü­gend Erfahrung, die bis in die Jahre 1989 und 2001 zurück­re­icht, um nur zwei emblema­tis­che Momente aus der jün­geren Geschichte zu nen­nen. Sit­u­a­tio­nen ändern sich und spitzen sich an einem bes­timmten Punkt zu; das Prob­lem ist, ob sich eine Kraft auf­bauen kon­nte, die in der Lage ist, eine rev­o­lu­tionäre Lösung der Sit­u­a­tion anzu­bi­eten. Und das wird zu einem großen Teil schon viel früher entsch­ieden.

Natür­lich sind die Ele­mente, die ich in diesem Vor­trag entwick­elt habe, nur einige Fra­gen – die meis­ten davon beziehen sich nur auf das erste Kapi­tel des Buch­es –, die in der Arbeit der Strate­gie behan­delt wer­den müssen. In gewiss­er Weise begin­nen viele Prob­leme hier ger­ade erst. Dazu gehört die grundle­gende Frage, wie man die große Mehrheit der Arbeiter*innenklasse und der Massen­be­we­gung für die Rev­o­lu­tion erobern kann, mit der Ein­heits­front als Tak­tik für die Ein­heit im Kampf der Arbeiter*innenklasse gegen das Kap­i­tal und gle­ichzeit­ig für die Gewin­nung der Mehrheit für die Rev­o­lu­tion auf der Grund­lage der Erfahrung mit den tra­di­tionellen Führun­gen. Dazu gehören auch das Prob­lem der Ver­bün­de­ten und der Hege­monie, die Prob­leme des Auf­s­tands, das Ver­hält­nis von Vertei­di­gung und Angriff, die “große Strate­gie” für die inter­na­tionale Rev­o­lu­tion, der ein Großteil des Buch­es gewid­met ist, und weit­ere mehr.

Hier habe ich mich auf das erste Kapi­tel konzen­tri­ert, damit deut­lich wird, wie wir die Per­spek­tive der Schaf­fung ein­er rev­o­lu­tionären Kraft ange­hen, um in Zeit­en der Krise, wie Trotz­ki sagte, “das Kom­man­do zu übernehmen”.

Fußnoten

[1] Fort Apache, “¿Qué pasa con Gre­cia?”, 8. Okto­ber 2016. Eigene Über­set­zung.
[2] Kaut­sky, Karl: “Was nun?”, 1910.
[3] Lih, Lars, “‘The New Era of War and Rev­o­lu­tion’: Lenin, Kaut­sky, Hegel and the Out­break of World War I”, in: Anievas, Alexan­der (Hrsg.), Cat­a­clysm 1914. The First World War and the mak­ing of mod­ern world pol­i­tics, Lei­den, Brill, 2014, S. 376. Eigene Über­set­zung.

Aus: Ideas de Izquier­da, Num­mer 42, April 2018

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