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Eine sozialistische Lösung der Milchkrise: Für einen Milchplan!

"Immer mehr Schwimmbäder füllen ihre Becken mit Milch“. Die Schlagzeile in „Der Postillon“ ist nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Denn für einen Liter Milch kriegen Bauern*Bäuerinnen teilweise weniger als 20 Cent. Viele bangen im ihre Existenz. Wie könnte die Krise gelöst werden?

Eine sozialistische Lösung der Milchkrise: Für einen Milchplan!

Die Proteste in Frankreich gegen die neue Arbeitsmarktreform lassen auch die deutschen Landwirt*innen nicht kalt. Auf der Facebook-Seite „Landwirtschaft“ wurde vor wenigen Tagen ein älteres Video von französischen Landwirt*innen beim Protest veröffentlicht. In diesem wird mithilfe eines landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugs ein Regierungsgebäude mit Gülle angegriffen. Bis in die Innenräume schafft es die stinkende Flüssigkeit, unter tosendem Beifall der Protestierenden.

Der Kommentar zum Video: „So demonstrieren die Franzosen!!! Wir Landwirte brauchen faire Preise für unsere Produkte!!!“

Tatsächlich machen die niedrigen Milchpreise vielen Landwirt*innen zu schaffen. Schuld daran sind aber nicht die gierigen Konsument*innen, die einfach nicht genug Geld ausgeben wollen. Laut Foodwatch erhalten Landwirt*innen 24 bis 29 Cent für ein Kilogramm Milch. Dabei kostet die Milch im Einzelhandel 0,46 bis 1,29 Euro pro Liter. Bei der teuren Variante erhält der*die Bauer*Bäuerin zwar fünf Cent mehr, dafür muss der*die Kund*in aber mehr als das Doppelte zahlen.

Die Milchkrise ist eine typische Überproduktionskrise*: Es wird mehr Milch produziert als Bedarf existiert. Im Prinzip ist Milch ein sehr nützliches Produkt, von dem es im Grunde gar nicht genug geben kann. Aber wer kauft schon 100 Pakete Milch, um damit seine Badewanne zu füllen? Viele landwirtschaftliche Betriebe hätten im Grunde auch kein Problem damit einfach die Hälfte an Milch zu produzieren – solange sie davon überleben können. Doch leider müssen die Milchbauern*bäuerinnen aufgrund niedriger Preise immer mehr Milch produzieren, um über die Runden zu kommen.

Doch steigt die Menge an Milch, sinkt auch der Preis. Dadurch muss jede*r Bauer*Bäuerin wiederum mehr Milch produzieren, um wirtschaftlich zu bleiben. Um diesem Teufelskreis zu entkommen, müsste die produzierte Menge Milch reduziert werden. Doch unter kapitalistischen Bedingungen kann nur der Bankrott einzelner Landwirt*innen die Produktion reduzieren.

Eine Alternative wäre die Regulierung der Molkereien im Sinne eines wirtschaftlichen Plans (eines „Milchplans“): Sie müssen den Milchbauern*bäuerinnen vorher festgelegte Mengen abkaufen. Dadurch würde nur soviel Milch produziert werden, wie tatsächlich benötigt wird. Obendrein müssten die Molkereien für die Milch soviel zahlen, dass die Produzent*innen davon überleben können.

Ein solcher Plan hätte gleichzeitig einen umweltfreundlichen Aspekt. Wenn bei gleichbleibender Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe die produzierte Menge an Milch abnimmt, ermöglicht dies eine weniger intensive Landwirtschaft. Die Kühe müssten nicht mehr übernatürlich viel Milch produzieren. Weniger Tiere würden weniger Treibhausgase verursachen und weniger Tierfutter benötigen. Zusätzlich müssten sich die Milchbauern*bäuerinnen um weniger Tiere kümmen und hätten mehr Freizeit.

Für die Molkerein gibt es keinen Grund sich zu beklagen. Die zehn größten in Deutschland machten 2014 laut dem Milchindustrie-Verband e.V. einen Umsatz von insgesamt über zehn Milliarden Euro. Insgesamt machte die milchverarbeitende Industrie letztes Jahr 23 Milliarden Euro Umsatz. Solche Umsätze sind nur möglich, indem Milch möglichst billig eingekauft und möglichst teuer wieder verkauft wird.

Zu Unzufriedenheit kommt es aber auch hier. Ende Mai traten 60 Beschäftigte einer Molkerei in Wismar für zwei Stunden in einen Warnstreik. Grund für den Unmut der Beschäftigten sind 290 Euro weniger, die sie im Vergleich zu ihren Kolleg*innen in Westdeutschland verdienen. Weiterhin erhalten sie 200 Euro weniger als im Tarif-Ost vereinbart.

Die aktuellen Zustände in Frankreich inspirieren Teile des Proletariats in Deutschland – und sogar potentielle Verbündete des Kleinbürger*innentums. Wenn sich die Milchbauern*bäuerinnen mit der Arbeiter*innenklasse verbinden, wollen können sie gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen in den Molkerein und bessere Milchpreise kämpfen.

* Was ist Überproduktion?:

Marx nannte es einen „Widersinn“: Es gibt eine Krise, weil zu viel Milch produziert wird. Milch ist leichter zu produzieren als je zuvor. In einer rationalen Gesellschaftsordnung würde das bedeuten, dass die Menschen mehr Freizeit haben. Aber im Kapitalismus bedeutet der technische Fortschritt Ruin. Marx schrieb darüber im „Komunistischen Manifest“ aus dem Jahr 1848:

In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt. Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; im Gegenteil, sie sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen. Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; anderseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, daß sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.

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