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Ein proletarisches Hotel

ARGENTINIEN: Das "Hotel Bauen" in Buenos Aires – seit 2003 von der Belegschaft verwaltet – geht nun endgültig in deren Besitz über.

Ein proletarisches Hotel

Das „Hotel Bauen“ ist ein prachtvoller Turm in der Mitte von Buenos Aires, in Sichtweite des Nationalkongresses. Das Foyer ist mit Messing und Holz dekoriert, die Zimmereinrichtung genügt gehobenen Ansprüchen. In der Gegend stehen viele solche Unterkünfte für Reisende. Dennoch fehlt dem „Bauen“ etwas, was fast jedes andere Hotel auf der Welt hat: Besitzer*innen.

Denn vor vierzehn Jahren gaben die Besitzer*innen auf. Mehr als 100 Arbeiter*innen sollten ihren Job verlieren. Doch statt sich damit abzufinden, haben sie 2003 das Haus besetzt und unter eigener Verwaltung wiedereröffnet. So läuft der Betrieb seit mehr als zehn Jahren.

Nun hat der argentinische Kongress am 26. November die Enteignung der alten Besitzer*innen und die Übergabe des Hotels an die Kooperative der Arbeiter*innen beschlossen. Dafür stimmte die „Front für den Sieg“ (FpV), Anhänger*innen der noch amtierenden Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, zusammen mit dem trotzkistischen Wahlbündnis „Front der Linken und der Arbeiter“ (FIT).

Vertreter*innen der Arbeiter*innen warteten auf die Entscheidung auf den Tribünen der Volksvertretung. Um 12.30 Uhr sollte die Sitzung eröffnet werden. Doch die rechten Abgeordneten hatten diese geschlossen boykottiert – so fehlte ein*e Mandatsträger*in für das Quorum, also die notwendige Anzahl von Parlamentarier*innen, um überhaupt beginnen zu dürfen. Erst um 18.28 Uhr wurde die Anwesenheit der nötigen 130 Abgeordneten festgestellt. Dann ging alles ganz schnell: Nach wenigen Minuten war das Gesetz beschlossen.

Die Arbeiter*innen der Kooperative standen in den vergangenen zehn Jahren immer wieder vor der Räumung. Die Kirchner-Regierung hat ein Gesetz zur Enteignung des Hotels immer wieder verschoben. Erst nach dem Sieg des rechten Kandidaten Mauricio Macri bei den Präsidentschaftswahlen im November hat die parlamentarische Mehrheit gehandelt.

Das „Hotel Bauen“ wurde 1978 von einem Unternehmer errichtet, der über gute Verbindungen zur Militärdiktatur verfügte und deswegen billige Staatskredite erhielt. 2001 ging das Hotel in die Insolvenz, nur eine Woche nach der „sozialen Explosion“ vom 19./20. Dezember 2001. Die mehr als 100 entlassenen Arbeiter*innen wurden Teil der Millionen Erwerbslosen im krisengeschüttelten Land.

Doch im März 2003 haben sie ihren Arbeitsplatz „zurückerobert“, das heißt besetzt. In dieser Zeit wurden 200 Betriebe, die von ihren Besitzer*innen geschlossen wurden, unter Arbeiter*innenselbstverwaltung wiedereröffnet. Das berühmteste Beispiel ist die Keramikfabrik Zanon in Neuquén, die heute unter dem Namen „Fabrik ohne Bosse“ (FaSinPat) Fliesen produziert und mehr als 500 Menschen beschäftigt.

Die „Bauen“-Arbeiter*innen mussten erst mühsam renovieren – die großen Straßenschlachten hatten direkt vor der Tür stattgefunden, das Hotel war geplündert worden. Doch Mitte 2004 konnten sie den Betrieb wieder aufnehmen. Neben Gästezimmern gibt es ein Restaurant und große Säle, die kommerziellen Veranstalter*innen, aber auch sozialen und politischen Bewegungen zur Verfügung stehen. So fand beispielsweise an einem Tag im Frühjahr im Keller eine Messe für Katzenliebhaber*innen statt, während eine Etage höher die „Partei Sozialistischer Arbeiter“ (PTS) eine Neuausgabe der Werke von Leo Trotzki vorstellte.

Die Front der Linken streitet seit Jahren für die Enteignung des Bauen, und im zentral gelegenen Hotel finden die wichtigsten Veranstaltungen der FIT statt. In den vergangenen zwölf Jahren haben die Beschäftigten zusammen mit anderen besetzten Betrieben und der revolutionären Linken gekämpft. Dadurch haben sie nun endlich eine gewisse Sicherheit bekommen.

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