Frauen und LGBTI*

„Drum kämpfen wir ums Brot und wollen die Rosen dazu!“

Vor 107 Jahren, im Jahr 1912, begann in der Stadt Lawrence der Brot-und-Rosen-Streik. Wie organisierten sich die Arbeiterinnen und welche Lehren können wir daraus heute ziehen?

„Drum kämpfen wir ums Brot und wollen die Rosen dazu!“

Bild der New Eng­land His­tor­i­cal Soci­ety

Der Brot-und-Rosen-Streik von 1912 ist eines der machtvoll­sten Beispiele dafür, wie Arbei­t­erin­nen nationale Gren­zen und Sprach­bar­ri­eren über­winden, um erfol­gre­ich Bossen und der Polizei die Stirn zu bieten. Es ist ein Beispiel für junge Frauen, die weit ent­fer­nt vom Stereo­typ ein­er frag­ilen Weib­lichkeit gekämpft und gewon­nen haben. Es ist ein Beispiel für die Organ­isierung der Arbeiter*innenklasse über die Hür­den von Geschlecht, Eth­nie oder Sprache hin­weg – die Hür­den, die unsere Klasse in der Regel tren­nen.

Der Brot-und-Rosen-Streik 1912 geschah im Kon­text ein­er Welle von pro­le­tarischen Mobil­isierun­gen und Streiks, ins­beson­dere in der Tex­tilin­dus­trie. 1908 organ­isierten sich Arbei­t­erin­nen in Chica­go für einen kürz­eren Arbeit­stag und bessere Arbeits­be­din­gun­gen. 1909 half Clara Lem­lich dabei, einen Auf­s­tand von 20.000 Men­schen in New York zu organ­isieren, einen mas­siv­en Streik der vor allem weib­lichen und migrantis­chen Tex­tilin­dus­trie New Yorks.

In diesem Kon­text der Arbeit­skämpfe trat­en am 11. Jan­u­ar 1912 vor­wiegend weib­liche Textilarbeiter*innen in Lawrence, Mass­a­chu­setts in einen Streik, der neun Wochen lang andauern sollte. In der Spitze beteiligten sich 30.000 Men­schen daran. Nach­dem Mass­a­chu­setts ein Gesetz ver­ab­schiedet hat­te, das die Wochenar­beit­szeit für Frauen und Kinder auf 54 statt 56 Stun­den reduzierte, erhiel­ten die Arbeiter*innen eine pro­por­tionale Lohnkürzung, die sie nicht akzep­tierten. Die Löhne der Arbeiter*innen in den Werken waren so spär­lich, dass die Lohnkürzung harte Auswirkun­gen hat­te: Ihre Kinder blieben hun­grig und sie kon­nten sich eine Ver­sorgung mit den grundle­gend­sten Notwendigkeit­en nicht mehr leis­ten.

Obwohl der Streik mit den pol­nis­chen Arbeiter*innen des Everett-Werks begann, ver­bre­it­ete sich die Nachricht, und am näch­sten Mor­gen hat­ten sich Tausende von Frauen dem Streik angeschlossen. Frühere Aktio­nen von Sozialist*innen und die Organ­isierung der Arbeiter*innen hat­ten dazu beige­tra­gen, die Bedin­gun­gen für den Streik zu schaf­fen. Zum Beispiel hat­ten ein Jahr zuvor 87 Frauen eine Arbeit­snieder­legung für eine Lohn­er­höhung organ­isiert und daraus Lehren gezo­gen, die sie später für den Brot-und-Rosen-Streik nutzten. Nach einem kleineren Streik 1911, wandten sich die Inter­na­tion­al Work­ers of the World (IWW) der Stadt Lawrence zu, um Kon­tak­te zu etablieren und Tre­f­fen mit Arbeiter*innen zu ver­anstal­ten. Vor dem Streik gab es mehr als 20 ver­schiedene Grup­pen der IWW in der Stadt. Der größte Gew­erkschafts­bund zu der Zeit, die Amer­i­can Fed­er­a­tion of Labor, ließ sich dort nicht blick­en, da sie damals nur Fachkräfte organ­isierte – auss­chließlich weiße Män­ner. Als der Streik aus­brach, lehnte ihn die AFL tat­säch­lich ab. Dahinge­gen schick­ten die IWW einige ihrer wichtig­sten Organ­isatoren nach Lawrence, darunter J.P. Thomp­son und Eliz­a­beth Gur­ley Fly­nn.

Lawrence war als „Immi­granten­stadt“ bekan­nt, da sich dort Men­schen aus 51 ver­schiede­nen Län­dern auf 18 Quadratk­ilo­me­tern drängten, um täglich in den Tex­til­fab­riken zu arbeit­en. 65% der Bevölkerung der Stadt waren seit weniger als zehn Jahren in den USA. Die Bedin­gun­gen in den Fab­riken waren schreck­lich: Die Lebenser­wartung der dor­ti­gen Arbeiter*innen betrug weniger als 40 Jahre, ein Drit­tel von ihnen starb inner­halb eines Jahrzehnts nach Auf­nahme ihrer Arbeit. Sie star­ben oft an Atemwegsin­fek­tio­nen wie Lun­genentzün­dung durch den Staub und die feinen Stof­freste in den Fab­riken. Mehr als die Hälfte der Kinder in Lawrence arbeit­ete in den Fab­riken, in dem verzweifel­ten Ver­such ihre Fam­i­lien dabei zu unter­stützen, ihren Leben­sun­ter­halt zu bestre­it­en.

Es wurde ein Streikkomi­tee gewählt, das die Sprach­grup­pen der Streik­enden ver­trat; für jede eth­nis­che Gruppe wur­den vier Repräsentant*innen sowie Stellvertreter*innen für den Fall ein­er Ver­haf­tung gewählt. Joseph Ettor von den IWW sowie Arturo Gio­van­nit­ti von der ital­ienis­chen Abteilung der Sozial­is­tis­chen Partei halfen bei der Über­set­zung von Tre­f­fen in 30 ver­schiedene Sprachen. The Out­look, eine örtliche Zeitung, schrieb:

„Es gibt hier in Lawrence fast so viele Nation­al­itäten wie in dem Babel New York. Die Arbeit­er sind Amerikan­er, Englän­der, Schot­ten, Iren, Deutsche, Fran­zosen, Flan­dern, Franzö­sisch-Kanadier, Polen, Ital­iener, Syr­er, Russen, Arme­nier… Man würde nicht ver­muten, dass ein gemein­sames Gefühl diese ver­schiede­nen Grup­pen beleben und zu ein­er Kampfein­heit ver­schmelzen kön­nte. Nichts­destoweniger haben sie zugeschla­gen – zugeschla­gen als ein einzel­ner homo­gen­er Kör­p­er.“

Am Ende der Woche gab es große Ver­samm­lun­gen, in denen die Arbeit­er über die näch­sten Schritte für den Streik entsch­ieden. Das Streikkomi­tee ver­trat Arbeiter*innen divers­er Nation­al­itäten, die sich an dem Streik beteiligten. Nach jedem der Tre­f­fen san­gen die Arbeiter*innen Die Inter­na­tionale. Einige der ersten Maß­nah­men, die von den Ver­samm­lun­gen beschlossen wur­den, waren die Ein­führung eines Streik­fonds sowie mas­sive Streik­posten vor den Fab­riken, was zu Auseinan­der­set­zun­gen der Streik­enden mit der Polizei führte.

Auf den Streik­posten und auf den Demon­stra­tio­nen tru­gen die Streik­enden Ban­ner, die „Brot und Rosen“ forderten. Der Aus­druck stammt aus einem Gedicht aus dem Jahr 1911. Darin heißt es:

„Und wenn ein Leben mehr ist als nur Arbeit, Schweiß und Bauch,
wollen wir mehr: gebt uns das Brot, doch gebt uns die Rosen auch.
Wenn wir zusam­men gehen, gehen unsre Toten mit.
Ihr uner­hörter Schrei nach Brot schre­it auch durch unser Lied.
Sie hat­ten für die Schön­heit, Liebe, Kun­st, – erschöpft – nie Ruh.
Drum kämpfen wir ums Brot und wollen die Rosen dazu.“

Da die meis­ten der Streikteilnehmer*innen Frauen waren, ergriff das Streikkomi­tee mehrere Maß­nah­men, um Frauen die volle Teil­nahme am Streik zu ermöglichen. Dazu gehörten Gemein­schaft­skan­ti­nen und Kinder­be­treu­ung. Die IWW organ­isierte auch Kindergew­erkschaft­str­e­f­fen und Aktiv­itäten für Kinder, um die Gründe für den Streik mit ihnen zu disku­tieren. In den Schulen war der Streik als „unamerikanisch“ beze­ich­net wor­den. Fly­nn schrieb: „Den IWW ist vorge­wor­fen wor­den, die Frauen an die Spitze zu stellen. Die Wahrheit ist, dass die IWW sie nicht zurück­hält und sie selb­st nach vorn gehen.“

Früh im Streik erschoss die Polizei Anna LoP­iz­zo. Anführer*innen der IWW wurde die Schuld dafür gegeben, sie wur­den inhaftiert. Der Gou­verneur rief die staatliche Miliz in die Stadt und ging hart gegen Tre­f­fen und Paraden vor. Die Miliz ermordete den achtzehn­jähri­gen John Ramey. Infolge dieser Polizeige­walt schick­ten Frauen ihre Kinder in andere Städte, um mit Freund*innen und Ver­wandten zu leben, solange der Streik anhielt. In Man­hat­tan begrüßten 5000 Men­schen die ank­om­menden Kinder, jubel­ten ihnen zu und stärk­ten auf diese Weise den Streik.

Als immer mehr Frauen in Lawrence ihre Kinder zum Bahn­hof bracht­en, begann die Polizei auf sie einzuschla­gen und sie vor den Augen ihrer Kinder festzunehmen. Dies führte zu einem riesi­gen Skan­dal in der Presse und stärk­te die öffentliche Unter­stützung für den Streik. Aus dem ganzen Land schick­ten Men­schen Geld und Unter­stützungss­chreiben. Sog­ar aus Har­vard kamen Studierende nach Lawrence, um ihre Sol­i­dar­ität mit dem Streik zu zeigen. Trotz der Fülle öffentlich­er Unter­stützung, lehnte die AFL den Streik weit­er­hin ab und nan­nte die Organisator*innen anar­chis­tisch.

Infolge der schlecht­en Presse nach dem Exo­dus der Kinder war die Regierung zum Han­deln gezwun­gen. Der Kongress begann am 2. März eine Anhörung zu dem Streik, was die furcht­baren Bedin­gun­gen in den Fab­riken bekan­nt machte. Am 14. März stimmten die Fab­rikbe­sitzer ein­er Lohn­er­höhung von 15 Prozent sowie einem höheren Über­stun­den­lohn zu und ver­sprachen, keine Vergel­tungs­maß­nah­men gegen die Streik­enden zu ergreifen.

Als Ergeb­nis des Brot-und-Rosen-Streiks erhiel­ten 275.000 Textilarbeiter*innen in Neueng­land ähn­liche Löhne, da die Arbeit­ge­ber befürchteten, die Arbeiter*innen kön­nten dem Beispiel fol­gen und ähn­liche Streiks durch­führen.

Der Brot-und-Rosen-Streik diente als Inspi­ra­tion für eine der größten sozial­is­tis­chen Frauenor­gan­i­sa­tio­nen Lateinamerikas: Pan y Rosas. Diese Organ­i­sa­tion existiert in Chile, Bolivien, Venezuela, Brasilien, Cos­ta Rica, Peru, Mexiko, Argen­tinien, Deutsch­land und Spanien. Allein in Argen­tinien zählt sie über 5000 Frauen.

Die arbei­t­en­den Frauen, die es wagten, sich der Polizei zu stellen, ihre Arbeit und ihr Leben zu riskieren, sind nicht nur ein schönes his­torisches Beispiel. Diese Frauen und Män­ner, die sich über Geschlecht, Eth­nie und Sprache hin­weg organ­isiert haben, sind eine Inspi­ra­tion für diejeni­gen von uns, die es in der Ära des Recht­srucks eben­falls wagen, das Recht auf Brot und Rosen zu fordern.

 

Lit­er­atur zum The­ma
Robert For­rant: The Real Bread and Ros­es Strike Sto­ry Miss­ing from Text­books,2013.
Klein, Christo­pher: The Strike That Shook Amer­i­ca, 2012.
Lawrence His­to­ry Cen­ter: Bread and Ros­es Strike of 1912. Two Months in Lawrence, Mass­a­chu­setts, that Changed Labor His­to­ry, 2013.

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