Geschichte und Kultur

Dreamland: Kapitalistische Krise und Heroin-Epidemie

Millionen Menschen in den USA sind abhängig von Opiaten. In einem Quartal 2012 wurden ganzen elf Prozent der Bevölkerung von Ohio solche Pillen verschrieben. Wie konnte das passieren? Ein journalistisches Buch sucht nach den Ursachen dieser Epidemie, redet aber am Problem vorbei: Kapitalismus. Eine Rezension von „Dreamland“, von Sam Quinones (Bloomsbury, 2015).

Dreamland: Kapitalistische Krise und Heroin-Epidemie

Seit der Amt­süber­nahme von Georg W. Bush lebe ich außer­halb der USA, deshalb habe ich die Hero­in-Epi­demie sel­ber nie so nah miter­lebt. Aber ich habe die Geschichte mit Fasz­i­na­tion und mit Schreck­en ver­fol­gt, schon bevor wir Philip Sey­mour Hoff­man durch Hero­in ver­loren haben. Als junger Mann wuchs ich mit emo­tionalen Prob­le­men in einem lang­weili­gen, rück­wärts­ge­wandten Teil der USA auf. Es ist ein­fach so leicht vorstell­bar, wie ich selb­st von den Begleit­er­schei­n­un­gen der Hero­in-Sucht dahinger­afft wor­den wäre. Denn tat­säch­lich sind es nicht die Opi­ate an sich, die den Betrof­fe­nen zu schaf­fen machen, son­dern der durch die Pro­hi­bi­tion verur­sachte unregelmäßige Zugang, die damit ein­herge­hen­den Verun­reini­gun­gen und der schwank­ende Rein­heits­grad, wodurch es oft­mals zu unbe­ab­sichtigten Über­dosierun­gen kommt.

Ich denke nicht, dass ich in der Lage wäre, mich selb­st mit ein­er Nadel zu stechen, aber wenn jemand mir eine Pille ange­boten hätte, ver­schrieben von einem*einer Arzt*Ärztin, hergestellt von einem Phar­makonz­ern, ver­trieben von ein­er Apotheke? Eine Pille, die ver­spricht den Schmerz zu been­den – würde ich nein sagen?

„Dream­land“, ein langes jour­nal­is­tis­ches Buch von Sam Quinones, schaut aus ver­schiede­nen Per­spek­tiv­en auf die Hero­in-Epi­demie. Ich las die 384 Seit­en in ein­er Sitzung. Ökonomis­che, poli­tis­che und intellek­tuelle Trends kamen zusam­men, und sorgten für diese Aus­maße der Sucht. Quinones benutzt nie das Wort Kap­i­tal­is­mus, doch er macht klar, dass Opi­ate, wie jedes Pro­dukt in unser­er Gesellschaft, pro­duziert und ver­trieben wer­den, um Prof­it zu machen. Er beschreibt, wie ver­schiedene große und kleine Kapitalist*innen Geld mit der Abhängigkeit ver­di­enen.

1. Ein Net­zw­erk von Dealer*innen aus der kleinen mexikanis­chen Stadt Xalis­co verteil­ten sich über die ganze USA, um bil­liges Hero­in in die entle­ge­nen Städte zu brin­gen. Obwohl in Xalis­co nur 90.000 Men­schen leben, dealen junge Män­ner aus diesem Ort in den USA von Küste zu Küste. Sie wur­den das Ziel der größten DEA-Oper­a­tion der Geschichte, der us-amerikanis­chen Dro­gen­vol­lzugs­be­hörde. Anstatt eines hier­ar­chis­chen Kartells baut­en sie ein Net­zw­erk aus kleinen selb­st­ständi­gen Grup­pen auf – ein mod­u­lares Sys­tem, welch­es zuver­läs­sig qual­i­ta­tiv hochw­er­tiges Hero­in für die Nutzer*innen bere­it­stellt. Lange kon­nten sie die Gewalt und die Abhängigkeit ver­mei­den, die viele konkur­ri­erende Ban­den pla­gen, und kon­nten Leute, die gefan­gengenom­men wur­den, erset­zen. Das bedeutete einen Weg aus der Armut für bäuer­liche Fam­i­lien von Mexikos Paz­i­fikküste.

2. Der Phar­makonz­ern Pur­due führt 1995 Oxy­Con­tin ein – im Kern Hero­in in Pillen-Form. Das Unternehmen ver­fälschte und miss­in­ter­pretierte Stu­di­en, um zu behaupten, dass Oxy­Con­tin, wenn es als Schmerzmit­tel in ein­er Retard-Kapsel zur ver­längerten Freiset­zung ein­genom­men wird, keine Abhängigkeit erzeugt. Dann gaben sie Mil­liar­den Dol­lar aus und nutzen eine Armee von Verkäufer*innen, um diese höchst abhängig machende Droge zu Ärzt*innen und in die Öffentlichkeit zu brin­gen. Schließlich zahlten sie ein paar Prozent ihres Gewinns als Geld­strafe für falsche Wer­bung. John Oliv­er erk­lärt das teil­weise ganz gut:


 

3. Ärzt*innen spiel­ten eine aktive Rolle bei der Aus­bre­itung dieser Epi­demie. Einige waren ein­fach kor­rupt und verkauften Dro­gen für Geld, aber der Großteil sah ein­fach keine besseren Optio­nen. Viele Men­schen haben Schmerzen und die Ver­sicherung­sun­ternehmen wollen nicht für Behand­lun­gen zahlen, die kom­plex und arbeitsin­ten­siv sind – aber sie zahlen für Pillen, die schnell ver­schrieben wer­den kön­nen und eine hohe Prof­it-Marge haben.

4. Strafver­fol­gung ist auch eine Branche. Es ist nicht länger ein Geheim­nis, dass der „War on Drugs“ ges­tartet wurde, um Min­der­heit­en und die poli­tis­che Oppo­si­tion in den USA zu krim­i­nal­isieren. Nach­dem die Opi­ate die großen Städte ver­ließen und in das Kern­land der USA ein­drangen, trafen die drakonis­chen Strafen die Kinder der weißen Mit­telschicht, für die sie niemals einge­führt wor­den waren. Dadurch erkan­nten Politiker*innen, die hart gegen Krim­i­nal­ität vorgin­gen, dass die Betrof­fe­nen von der Sucht Behand­lung benöti­gen statt Gefäng­nis­strafen.

Quinones betra­chtet die Geschichte aus ver­schiede­nen Blick­winkeln, aber es gibt einige Dinge, die aus­ge­lassen wer­den. Die kap­i­tal­is­tis­che Krise seit 2007, die vie­len US-Bürger*innen den Arbeit­splatz und sog­ar ihr Zuhause kostete, wird nur unzure­ichend the­ma­tisiert. Und er lässt die US-Besatzung von Afghanistan uner­wäh­nt, welche, neben anderen impe­ri­al­is­tis­chen Aben­teuern, die Hero­in-Pro­duk­tion mas­siv anstiegen ließ.

Gab es etwas neben dem Hero­in-Molekül, was zur dieser zer­störerischen Epi­demie führte? Etwas Kul­turelles? Quinones zeigt mit erhoben­em Zeigefin­ger auf junge Leute, die als ver­hätschelt und ver­zo­gen gel­ten. Opi­ate sollen den Schmerz lin­dern. „Welchen Schmerz“ zitiert er eine*n Polizist*in.

Aber Quinones ignori­ert kom­plett die enorme und wach­sende Ent­frem­dung des Spätkap­i­tal­is­mus. Die Pro­duk­tiv­ität steigt unaufhör­lich, sodass die notwendi­ge Arbeit­szeit, die aufge­bracht wer­den muss, um unsere Bedürfnisse zu befriedi­gen, immer weniger wird. Eine ratio­nal organ­isierte Gesellschaft würde alle mit immer mehr Freizeit beglück­en. Aber der Kap­i­tal­is­mus verurteilt uns stattdessen zu Über­stun­den, Unsicher­heit und Arbeit­slosigkeit. Als men­schliche Wesen brauchen wir mehr als Kon­sumgüter – wir brauchen eine Art sin­nvoller Beschäf­ti­gung. Dies wird immer größeren Teilen der US-Bevölkerung ver­wehrt. (Nicht zu vergessen die Mil­lio­nen Men­schen, die noch nicht ein­mal ihre Grundbedürfnisse befriedi­gen kön­nen.)

Die Hero­in-Epi­demie ist eine kap­i­tal­is­tis­che Epi­demie. Es ver­spricht Glück, doch liefert Leid. Es gener­iert end­losen Prof­it für die Reichen, während es die Arbeiter*innenklasse abhängig hält. Hier wird Quinones Buch lach­haft. Nico­las N. Eber­stadt, der wahrschein­lich viel rechts­gerichteter ist als Quinones, ist in Our Mis­er­able 21. Cen­tu­ry in der Lage, die Opi­ate-Epi­demie mit dem spätkap­i­tal­is­tis­chen Unwohl­sein zu verbinden.

Aber Quinones hat einige schöne kleine Ideen. Im Hin­blick auf die Suche nach Arbeit­splätzen, set­zt er seine Hoff­nung in eine kleine Zahl „patri­o­tis­ch­er“ Kapitalist*innen, die in die ländlichen Regio­nen der USA investieren. Das Beispiel, welch­es er nen­nt, ist eine Schnürsenkel-Fab­rik in Ohio, die einst 1.200 Arbeiter*innen beschäftigte. Seit ihrer Wieder­eröff­nung bietet sie 40 Arbeit­splätze. Das ist das „hoff­nungsvoll­ste“ Beispiel, dass er im ganzen Land find­en kon­nte.

Um diese Epi­demie zu been­den braucht es den Bruch mit dem Wahnsinn des Kap­i­tal­is­mus und die Schaf­fung ein­er demokratisch organ­isierten Wirtschaft, die die Bedürfnisse der arbei­t­en­den Men­schen befriedigt.

Doch wir brauchen auch Über­gangslö­sun­gen. Vie­len suchtkranken Men­schen würde bere­its ein bar­ri­ere­freier Zugang zu Opi­at­en helfen, damit sie eine ver­lässliche Quelle haben, ohne Verun­reini­gun­gen und bei gle­ich­bleiben­der Qual­ität. Auch helfen Opi­ate vie­len Men­schen dabei, ihren All­t­ag zu bewälti­gen. Das Sucht­po­ten­tial und mögliche Neben­wirkun­gen sind mit neueren Psy­chophar­ma­ka ver­gle­ich­bar.

Wir kön­nen generell keinen prof­i­to­ri­en­tierten Unternehmen ver­trauen. Deshalb brauchen wir ein kämpferisches Pro­gramm, zur Ver­staatlichung der Pro­duk­tion von Medika­menten unter Kon­trolle der Arbeiter*innen.

Wir müssen den Kampf führen gegen Niedriglöhne und für Arbeit­szeitverkürzung bei vollem Lohnaus­gle­ich. Wir brauchen ein inter­na­tionales Pro­gramm, welch­es auch auf die Bedürfnisse unser­er Klas­sen­geschwis­ter Rück­sicht nimmt, die in Afghanistan oder Lateinameri­ka den Rohstoff für unsere Medika­mente gewin­nen.

Wir fordern ein Ende der Krim­i­nal­isierung, damit den Pro­duzieren­den und kleinen Händler*innen die sel­ben Rechte zuste­hen, wie das Recht sich gew­erkschaftlichen zu organ­isieren, zu demon­stri­eren, zu streiken und für ihre Rechte zu kämpfen.

Eine abge­wan­delte Ver­sion dieses Artikels ist schon auf Left Voice erschienen.

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