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Die Talfahrt am Ölmarkt – Schlachtfeld der kapitalistischen Krise

Mitte Januar erreichte der Ölpreis seinen niedrigsten Stand seit 2003, nachdem er sich schon eineinhalb Jahren im Abwärtstrend befand. Er löst dabei immer wieder Verluste auf den Aktienmärkten aus. Diese Entwicklung ist das Ergebnis des Kampfes der ölproduzierenden Länder um Marktanteile und der ungelösten kapitalistischen Krise, die in eine neue Phase eingetreten ist.

Die Talfahrt am Ölmarkt – Schlachtfeld der kapitalistischen Krise

Am 18. Januar erreichte der Ölpreis seinen tiefsten Stand seit 2003, als der Preis für ein Barrel der Sorte Brent die 28 Dollar Marke unterschritt. Damit setzte sich ein Abwärtstrend fort, der Mitte 2014 begonnen hat. Seitdem ist der Ölpreis um etwas mehr als 75 Prozent gefallen, allein um 25 Prozent seit Jahresbeginn. Das Rekordtief Mitte Januar führte wiederum zu einem Fall der Börsenkurse weltweit – und war gleichzeitig eine Reaktion auf den schon vorher einsetzenden Abwärtstrend der Aktienmärkte.

Grundlegender Auslöser für den Preisverfall ist die schwache Konjunktur der Weltwirtschaft, die zu einem Nachfragerückgang geführt hat. Ein sich verlangsamendes Wachstum der Weltwirtschaft führt einerseits zu einer schrumpfenden Nachfrage nach Erdöl, andererseits wird ein Ölpreisverfall immer auch als Indikator für eine Verlangsamung gesehen und dämpft so die Wachstumserwartungen weiter, was sich vor allem an den Aktienmärkten widerspiegelt. Vor allem die Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft und der Einbruch der dortigen Kurse waren in den letzten Monaten ein wichtiger Faktor. Aber auch geopolitische und ökonomische Kämpfe um Einfluss und Marktanteile spielen eine Rolle.

Der Kampf um Marktanteile

Der akute Fall des Ölpreises wurde diesmal ausgelöst durch die Ankündigung der Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen den Iran. Der iranische Vizeölminister Amir Hossein Zamaninia hatte verkündet, die Ölexporte, die bisher bei 1,2 Millionen Barrel täglich lagen, um 500.000 Barrel zu erhöhen. Und das bei einem schon länger offensichtlichen weltweiten Überangebot. Die Organisation Erdölproduzierender Staaten (OPEC) bezifferte das Überangebot an Erdöl auf täglich 530.000 Barrel. Dabei hatten die OPEC Mitglieder die Produktion schon im Dezember gesenkt, allerdings ohne dies zu koordinieren und ohne den Preisverfall tatsächlich zu stoppen.

Einige Tage später stabilisierte sich der Preis wieder auf einem Niveau von knapp über 30 Dollar. Das war unter anderem eine Reaktion auf die Ankündigung der Europäischen Zentralbank, die Niedrigzinspolitik und den Ankauf von Wertpapieren fortzusetzen und ab März die Geldpolitik möglicherweise noch weiter zu lockern. Auch von der Japanischen Zentralbank werden ähnliche Maßnahmen erwartet. Dadurch stiegen die europäischen Aktienkurse und zogen den Ölpreis mit sich.

Es sah bisher so aus, also ob die Strategie von Saudi Arabien, dem größten Erdölproduzenten und Anführer der OPEC, darin bestehen würde, mit dem niedrigen Preis andere Produzenten aus dem Markt drängen zu wollen. Danach würde sich der Markt dann irgendwann wieder bei einem höheren Preis stabilisieren, ohne dass Saudi Arabien oder seine Verbündeten in der OPEC Marktanteile abgeben müssten. Auch die geopolitische Konkurrenz zum OPEC-Mitglied Iran, der jetzt versucht seinen Marktanteil zu erhöhen, spielt hier eine Rolle.

Die USA aus dem Markt drängen

Diese Strategie betrifft vor allem die USA, wo in den Jahren vor dem Ölpreisverfall immer mehr in Frackinganlagen investiert wurde. Diese Anlagen werden bei dem niedrigen Preis jedoch unprofitabel und es ist durchaus vorstellbar, dass bald reihenweise Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden können. Schon im dritten und vierten Quartal 2015 kam es zu deutlich mehr Insolvenzen in der Ölindustrie als in den letzten Jahren. Der vorherige Boom in der Ölindustrie wird so zu einem Risiko für das US-amerikanische Finanzsystem, das durch die langen Jahre der Niedrigzinspolitik stark aufgebläht ist und viel Geld an Energieunternehmen geliehen hat.

Das Kalkül der führenden OPEC Staaten beruhte bisher aber letztlich darauf, dass die Weltwirtschaft sich stabilisiert und dadurch in der Lage ist, das Angebot – nun um wichtige Teile der Produktion der USA und anderer Staaten reduziert – wieder zu absorbieren. Aber eine Lösung für die Probleme der Wirtschaft in China, die an die Grenze des bisherigen Akkumulationsmodells gestoßen ist, ist gerade nicht in Sicht. Auch die Krise der sogenannten Schwellenländer belastet die Nachfrage nach Öl – und die Krise selbst wird von den niedrigen Rohstoffpreisen noch weiter angefeuert. Dies könnte bald zu einem neuen Zyklus von Staatsschuldenkrisen führen, da sich in der Zeit der niedrigen Zinsen in den USA und der boomenden Geschäfte ein hoher Berg an Schulden angehäuft hat.

Eine Reaktion der OPEC?

Den Preisverfall nicht zu stoppen, ist also möglicherweise riskant für die Stabilität der Weltwirtschaft. In der OPEC begann nach dem Rekordtief dann auch wieder die Debatte über eine koordinierte Reduzierung der Fördermengen, um das Angebot zu verknappen. Vor allem Nigeria und Venezuela fordern das schon seit längerem, bisher wurde dieser Vorschlag aber immer wieder verworfen. Venezuela steht vor dem Staatsbankrott und hat höhere Einnahmen dringend nötig. Nun kündigte der irakische Energieminister am Dienstag an, dass Saudi Arabien nun doch über die koordinierte Reduzierung der Fördermengen beraten möchte.

Und auch der Nicht-OPEC Staat Russland, bisher starker Gegner einer Vereinbarung mit der OPEC, signalisierte Verhandlungsbereitschaft. Auch Russland kann höhere Einnahmen dringend gebrauchen, um den Verfall des Wechselkurses und der Rezession im Land etwas entgegenzusetzen. Saudi Arabien hatte die Beteiligung der Nicht-OPEC Staaten immer als Vorbedingung für jedes Abkommen genannt. Die Hoffnung auf eine Absprache allein reichte, um den Preis für die Sorte Brent am Donnerstag auf 35 Dollar zu treiben.

Allerdings ruderte Saudi Arabien prompt zurück und sprach nur noch von einer „Stabilisierung des Preises“. Zwar muss das Land ein hohes Haushaltsdefizit finanzieren, verfügt aber über genug Devisenreserven, um den Preiskampf um Marktanteile weiter fortzusetzen. Auch liegt es nicht unbedingt in seinem Interesse, Russland aus dem ökonomischen Schlamassel zu retten.

Der niedrige Ölpreis und die kapitalistische Krise

Nichts deutet darauf hin, dass sich der Ölmarkt in nächster Zeit erholt – besonders im Hinblick auf die derzeitige Situation im Nahen Osten. Und dass die Ankündigung der EZB, die Niedrigzinspolitik fortzusetzen, nötig war, um die Preise zu stabilisieren, deutet an, wie schwierig ein Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes derzeit ist, trotz oder gerade wegen des ersten Schritts der Federal Reserve, dies zu versuchen.

Klar ist, dass der niedrige Ölpreis ein Ausdruck der schwelenden kapitalistischen Krise ist. Gemeinsam mit der Zinswende in den USA und der gleichzeitigen Niedrigzinspolitik der EZB, dem Einbruch der chinesischen Wirtschaft und der Krise der sogenannten Schwellenländer prägt der Einbruch der Rohstoffpreise eine neue Phase der kapitalistischen Krise. Die Frage, wie sie gelöst wird und auf wessen Kosten ist für die Kapitalist*innen und ihre Staaten noch immer nicht beantwortet. Der Kampf darum geht also weiter und feuert die geopolitischen Konflikte zwischen den Imperialist*innen und ihren Verbündeten an.

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