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“Der Streik ist für die Fahrgäste” – Interview zum BVG-Streik am Freitag

Am Freitag streiken die Berliner Verkehrsbetriebe zum ersten Mal seit Jahren. Wird der Arbeitskampf auf dem Rücken der Fahrgäste ausgetragen? Ganz im Gegenteil, sagt Aimo Tügel, U-Bahn-Fahrer und Mitglied der Basisgewerkschaftsgruppe ver.di aktiv, im Interview.

Die Berlin­er Verkehrs­be­triebe (BVG) steck­en in der Krise. U‑Bahne und Busse sind immer unzu­ver­läs­siger. Jet­zt wollt ihr am Fre­itag noch streiken. Wie sollen arbei­t­ende Berliner*innen das ver­ste­hen?

Die Berliner*innen sind ja nun nicht dumm. Sie wis­sen, dass miese Arbeits­be­din­gun­gen und Kürzung­sorgien miese Fol­gen haben. Deshalb ist der Kampf für bessere Arbeits­be­din­gun­gen auch richtig. Wir nor­male arbei­t­ende Berliner*innen – die Fahrgäste genau­so wie wir Beschäftigte – sind doch diejeni­gen, die den Mist in der Real­ität jeden Tag erleben müssen. Diejeni­gen, die dafür ver­ant­wortlich sind – der Sen­at und das Man­age­ment – haben das Prob­lem ja nicht selb­st. Was die vielmehr selb­st haben sind Neuwa­gen mit Chauffeur*innen.

Das “jet­zt auch noch streiken” macht näm­lich gar keinen Sinn: Ja ger­ade weil unser Nahverkehr seit Jahrzehn­ten plan­mäßig gegen die Wand gefahren wird, streiken wir. Der Streik ist also für die Fahrgäste. Wir von der Basis­gew­erkschafts­gruppe ver.di aktiv haben das deshalb auf drei Parolen geeinigt: Gle­ich­er Lohn für gle­iche Arbeit! ein Betrieb, eine Belegschaft! Ret­tet unseren Nahverkehr!

Was für eine Beteili­gung am Streik erwartest du?

Ich rechne mit ein­er starken Beteili­gung, auch bei der Kundge­bung – trotz Halb­tagsstreik. Die Kolleg*innen und im Fahr­di­enst – aber nicht nur da, son­dern über­all an der BVG-Basis – sind sowas von abgegessen von der Sit­u­a­tion. Dass die BVG inzwis­chen so inten­siv in eine PR-Maschiner­ie investiert macht das ganze nur noch schlim­mer. Wenn die Offiziere der Titan­ic sich aus einem per­sön­lichen Ret­tungs­boot her­aus inten­siv um die Präsen­ta­tion der Band an Deck küm­mern, hil­ft das Pas­sagieren und Besatzung auch nicht ger­ade, mit dem nahen­den Eis­berg klarzukom­men.

Die BVG geht vor die Hunde und die in der Zen­trale täuschen die Bevölkerung – der die BVG eigentlich gehört.

Kannst du etwas über deine Arbeits­be­din­gun­gen bei der BVG erzählen?

Wir haben vor allem an allen Eck­en zu wenig Per­son­al. Ganz beson­ders merk­bar in Fahr­di­enst und Tech­nik. Da wurde mächtig einges­part und jet­zt klappt da logis­cher­weise vieles nicht mehr. Das wird nach unten abgewälzt. Die BVG wurde, wie andere Betriebe der öffentlichen Daseinsvor­sorge, auf kap­i­tal­is­tis­che Pseu­do-Effizienz aus­gerichtet. Es wurde ohne Ende aus­gegliedert – nicht nur die Fahr­di­en­st­tochter BT. Die Arbeit wurde verdichtet und die Kosten für unsere Arbeit­skraft extrem gesenkt. Der Gott des des Fahr­di­en­stes heißt “Dien­st­plan­wirkungs­grad”. Den liebt die BVG wirk­lich.

Konkret habe ich als Zug­fahrer im Tausch für etwa 1.700 Net­to-Euro – Zuschläge inbe­grif­f­en –, eine Arbeitswoche von durch­schnit­tlich 39,5 Stun­den. Dabei sind die Dien­ste – auf halbe Minuten gerech­net – immer unter­schiedlich lang und begin­nen unter­schiedlich. Die freien Tage, mal zwei, mal nur ein­er, wan­dern durch die Woche. Viele Kolleg*innen gehen ohne Lohnaus­gle­ich auf Teilzeit (36,5‑Stunden), um mehr “Dop­pel­frei” (zwei freie Tage am Stück) zu haben.

Welche Forderun­gen sind für dich am wichtig­sten?

Am wichtig­sten ist sicher­lich die Verkürzung der Wochenar­beit­szeit auf 36,5 Stun­den für alle bei vollem Lohnaus­gle­ich. Das muss sofort passieren. Aber auch die Wiedere­ingliederung der Pausen in den Arbeit­stag ist zen­tral. Meine Pause wird in Lage und Länge vom Betrieb vorgegeben und dient der Erhal­tung mein­er Arbeit­skraft während ich vor Ort bin – das ist keine Freizeit!

Die anderen Forderun­gen dür­fen auch nicht ignori­ert wer­den. Einzig auf die Son­derzahlung für Gew­erkschaftsmit­glieder würde ich verzicht­en kön­nen. Als Basis­gew­erkschafts­gruppe ver.di aktiv hat­ten wir let­ztes Jahr einen Kat­a­log von Streikzie­len for­muliert. Die Tar­ifkom­mis­sion, die von langjähri­gen freigestell­ten Per­son­al­räten dominiert wird, ist da sehr zurück­hal­tend.

Es ist schon erstaunlich: Die Manager*innen geben sich viel Mühe, um täglich zu zeigen, wie wenig sie sich um die Belange der Arbeiter*innen scheren – aber unter unseren Funktionär*innen ist der Glaube an die große Idee der Sozial­part­ner­schaft schein­bar uner­schüt­ter­lich.

Alles, was die Tar­ifkom­mis­sion an Verbesserun­gen vorschlägt, sind bere­its Kom­pro­miss­forderun­gen. Das sollte dem rot-rot-grü­nen Sen­at und seinem BVG-Man­age­ment klar sein. Die ganze Ver­ant­wor­tung für die Sit­u­a­tion bei der BVG liegt im Abge­ord­neten­haus. Wir Verkehrsarbeiter*innen und Verkehrsar­beit­er und Fahrgäste müssen mächtig Druck machen, damit ver­hin­dert wird, dass der Laden zusam­men­bricht.

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