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Der Krieg in Afrin: die Fortsetzung der türkischen Völkermordpolitik

In den letzten Tagen dauern die türkischen Angriffe auf den nordsyrischen Kanton an, gleichermaßen auch der heroische Widerstand. Die Türkei will in dieser Region die demokratischen Strukturen mit Hilfe der dschihadistischen Banden zerstören. Dabei wird auch das friedliche Zusammenleben der Völker anvisiert. Warum der jetzige Angriffskrieg des türkischen Staates eine Fortsetzung der bürgerlichen Vernichtungspolitik der türkischen Bourgeoisie ist wie sie vor über 100 Jahren im Genozid an den Armenier*innen ihren blutigsten Ausdruck fand.

Der Krieg in Afrin: die Fortsetzung der türkischen Völkermordpolitik

Wir haben es geschafft, ein gemein­sames Leben mit allen Völk­ern hier aufzubauen. Wir ste­hen zu unser­er Stadt. Die Türkei greift die Völk­er wie vor 100 Jahren an. Sie mas­sakri­eren Kinder genau­so wie damals. Jet­zt, nach 100 Jahren, hat der Genozid uns gefun­den.

Harot Kevork, der let­zte Arme­nier in Afrin

#StopAfrin­Geno­cide ist ein Hash­tag, der in den sozialen Medi­en in den let­zten Tagen immer mehr ver­wen­det wird, solange die grausamen türkischen Bom­barde­ments weit­erge­hen. Da die türkische Armee mit­samt ihren islamistis­chen Ban­den am Boden nicht mehr weit­erkommt, kom­met den Luftan­grif­f­en eine immer größere Bedeu­tung zu. Diese dienen nicht nur dazu, die mil­itärischen Stel­lun­gen der YPG anzu­greifen, son­dern auch die Bevölkerung zu töten und zu demor­al­isieren. Aus der Sicht des türkischen Mil­itärs bedeuten die Luftschläge nicht nur Kol­lat­er­alschä­den an der Zivil­bevölkerung, son­dern sind auch kalt­blütig einkalkuliert. Hin­ter diesen Bom­bardierun­gen ste­ht die poli­tis­che Botschaft an das kur­dis­che Volk sowie aller anderen nationalen Min­der­heit­en wie der Jesid*innen, Armenier*innen oder Aramäer*innen, dass der türkische Staat nicht nur ihre Unter­w­er­fung, son­dern die Ver­nich­tung ihrer anstrebt.

Es ist eine Poli­tik gegenüber den nationalen Min­der­heit­en, wie sie sich über die gesamte Geschichte der Türkei wie ein rot­er Faden vol­lzieht. Es ist die Poli­tik des Genozids an den Armenier*innen und christlichen Völk­ern, der Vertrei­bun­gen und Mas­sak­er der Pontus-Griech*innen, der Massen­morde und bluti­gen Nieder­schla­gun­gen gegenüber den Alevit*innen und Kurd*innen. In diesem Sinne ver­wun­dert auch nicht die enge Zusam­me­nar­beit mit bar­barisch-islamistis­chen Milizen, die in der Türkei zuvor aus­ge­bildet und hochgerüstet wur­den. Sie sind für die Türkei der ide­ale Bünd­nis­part­ner, um die Ver­nich­tungspoli­tik fortzuset­zen. Der Ein­satz von Napalm sowie von Streubomben oder auch die Bomabrdierung des wichti­gen Maid­an­ki-Stau­damms sind die Indizien eines gewoll­ten Massen­mordes seit­ens des türkischen Staates.

Ange­fan­gen mit der Herrschaft der Jungtürk*innen 1908, aus denen später die kemal­is­tis­che Partei entste­hen sollte, erblick­en wir bei dem jüng­sten Angriff auf Afrin die hässliche Fratze der türkischen Bour­geoisie, die zur Erhal­tung ihrer Herrschaft über die nationalen unter­drück­ten Völk­er und der Arbeiter*innenklasse eine aggres­sive nation­al­is­tis­che Poli­tik betreibt. Es ist kein Zufall, dass der Genozid an den Armenier*innen 1915 unter einem bürg­er­lichen Regime stat­tfand und einen qual­i­ta­tiv­en Unter­schied zu den Mas­sak­ern unter der Zeit des Blut­sul­tans Abdul Hamid II. aufweist. Der Genozid 1915 zielte in den Städten darauf ab, die armenis­che Bour­geoisie und die Klein­bour­geoisie auszulöschen sowie die poli­tis­che Intel­li­genz der Armenier*innen zu ver­nicht­en, welch­er damals eine Avant­garde-Rolle zukam und die zum Sozial­is­mus neigte. Auf dem Land zielte der Genozid darauf ab, die armenis­che Land­bevölkerung zu vertreiben beziehungsweise zu mas­sakri­eren, um sie dann den türkischen und kur­dis­chen Bauern*Bäuerinnen zur Ver­fü­gung zu stellen — natür­lich unter der eis­er­nen Kon­trolle des türkischen Staates, was beson­ders die Alevit*innen und Kurd*innen nach der Staats­grün­dung der Türkei 1923 zu spüren beka­men. Damals wurde eine Rei­he von Mas­sak­ern an ihnen verübt, deren trau­riger Höhep­unkt Der­sim 1937/38 bildet, als infolge eines Auf­s­tands bis zu 70.000 Ange­hörige der nationalen unter­drück­ten Völk­er ermordet wur­den.

Die Zusam­me­nar­beit des türkischen Staates mit den islamis­chen Grup­pen bei der Ver­nich­tung der nicht-türkischen Völk­er und der nicht­sun­ni­tis­che Bevölkerung hat eine Tra­di­tion. Bei dem Völk­er­mord an den Armenier*innen 1915 hat die jüngtürkische Staats­führung mit dem islamis­chen Glauben Pro­pa­gan­da betrieben, dass die Ungläu­bi­gen zu töten und deren Güter und Frauen als Kriegs­beute in Besitz zu nehmen legit­im sei. Die Welt war schock­iert von der Bar­barei des IS, während die Armenier*innen und Christ*innen wie die Aramäer*innen diese Bar­berei bere­its 1915 in voller Wucht selb­st erleben mussten. Die Türkei mobil­isiert wieder islamis­che Ban­den, um das mögliche Ver­brechen gegen die dor­tige Bevölkerung später auf diese Grup­pen abzuschieben. Auch heute sieht die Türkei den Krieg gegen Afrin als einen Krieg gegen Ungläu­bige an.

Damals wie heute

Diese Poli­tik wurde auch nach dem Zweit­en Weltkrieg fort­ge­set­zt, sodass die Geschichte der Alevit*innen und Kurd*innen gekennze­ich­net ist von tragis­chen Dat­en, die sich in das kollek­tive Gedächt­nis einge­bran­nt haben: Maras 1978, Corum 1980, Sivas 1993 oder Gazi 1995 sind die Eck­dat­en grauen­voller Mas­sak­er, die auch schon damals in Ver­bund mit islamistis­chen Ban­den seit­ens des türkischen Staates nicht nur toleriert, son­dern gefördert wur­den. Immer mit dabei waren auch die faschis­tis­chen Kräfte der Grauen Wölfe, die wie beim Mas­sak­er in Maras 1978 die Angriffe sog­ar selb­st anführten und ale­vis­tis­che Vier­tel angrif­f­en, wobei 18 Men­schen star­ben. Das Erdoğan-Regime nahm willig diese Geschichte der Mas­sak­er auf und führte bezüglich des armenis­chen Genozids nicht nur die Leug­nung weit­er, son­dern pro­te­gierte auch weit­er­hin die Ver­ant­wortlichen der genan­nten Mas­sak­er, deren weit­ere Gemein­samkeit ist, dass sie auch expliz­it gegen Linke gerichtet waren.

In rhetorisch-pro­pa­gan­dis­tis­ch­er Hin­sicht kam seit dem Krieg gegen die PKK Mitte der 1980er Jahre auch der Ver­weis auf den Kampf des türkischen Staates gegen den „Ter­ror­is­mus“. Da die PYD eng mit der PKK ver­bun­den ist, richtet sich auch der jüng­ste Angriff auf Afrin gegen den „Ter­ror­is­mus“. Der türkische Staat will mit diesem Angriff deut­lich machen, dass er nicht gewil­lt ist, selb­st an seinen Außen­gren­zen die fortschre­i­t­ende Selb­stor­gan­isierung- und ver­wal­tung nation­al unter­drück­ter Völk­er zuzu­lassen. Die Kon­ti­nu­ität der Mas­sak­er zieht sich durch die gesamte türkische Geschichte also nicht nur inner­halb des Lan­des in den kur­dis­chen oder alevi­tis­chen Vierteln, son­dern auch auf die Nach­bar­län­der Syrien und Irak, wo vor allem über die Luft­waffe die Stel­lun­gen der PKK und PYD bom­bardiert wer­den.

Die Allianz der reg­ulären türkischen Stre­itkräfte mit islamistis­chen Milizen ist auch heute ein charak­ter­is­tis­ches Merk­mal, was den Angriff auf Afrin bet­rifft. Unter dem bil­li­gen Deck­man­tel der „Freien Syrischen Armee“ wurde ein Angriff vol­l­zo­gen, der in Wahrheit Bünd­nis­part­ner wie die Ahrar Al-Sham oder die Fatah-Al-Scham-Front bein­hal­tet, die Al-Quai­da entsprin­gen … oder manch­mal direkt aus dem Islamis­chen Staat.

Immer wieder spielte dabei der Dschi­had eine wichtige Rolle, die nicht nur heute gegen Afrin, son­dern auch beim Genozid gegen die Armenier*innen aus­gerufen wurde – damals wie heute von Vertretern der (jung-)türkischen Regierung.

In diesem Dschi­had ist der türkische Staat ger­ade dabei eine Bla­m­age zu erfahren und am Wider­stand zu scheit­ern. Ähn­lich erg­ing es ihm auch 2015/16 in den nord­kur­dis­chen Städten, als sie trotz wochen­langer Bom­bardierun­gen und Artillerie es nicht schafften, die Stel­lun­gen der YPS in Sur oder Nusay­bin einzunehmen. Murat Karay­i­lan bew­ertete dies in einem kür­zlich veröf­fentlicht­en Inter­view fol­gen­der­maßen:

Es [Das türkische Mil­itär] hat ein Nisêbîn-Syn­drom erlebt. Alle Sol­dat­en, die dort gekämpft haben, sind krank, viele sind ver­rückt gewor­den und in Kranken­häuser ein­geliefert wor­den. Viele sind von der Front geflo­hen und haben ihren Dienst quit­tiert. Und wann kon­nten sie in Nisêbîn ein­drin­gen? Nicht nur in Nisêbîn, wann kon­nte sie in Şirnex, Cizîre und Sûr ein­drin­gen? Erst dann, als sie gese­hen haben, dass den Widerstandskämpfer*innen die Muni­tion aus­ge­gan­gen war, als keine B‑7 Raketen und kein Sprengstoff mehr da war, dann sind sie mit Panz­er­fahrzeu­gen reinge­gan­gen.

Im Grunde genom­men sind diese Fälle nichts neues. Auch der hero­is­che Wider­stand in Afrin zeigt, dass die türkischen Soldat*innen und ihre islamistis­chen Ban­den auch deswe­gen nicht weit­er vor­drin­gen kön­nen, weil sie keine Basis in der Bevölkerung haben. Neben ein­er schlecht­en Kriegstak­tik basiert die Inva­sion auf der mech­a­nis­chen Rech­nung, wonach über­legenes mil­itärisches Equip­ment automa­tisch einen Sieg garantieren. Dem ist aber nicht so. Die unter­drück­ten Völk­er haben sich trotz aller strate­gis­chen Schwächen der YPG um ihr Ban­ner gesam­melt und sind geeint durch den Willen, den türkischen Angriff zurück­zuschla­gen – geeint durch die Geschichte der Völk­er­morde, Mas­sak­er und Vertrei­bun­gen.

Aus dem Wider­stand gegen den türkischen Staat ent­facht die Diskus­sion über den Grund der Kon­tu­nität dieser türkischen Gewalt. Auf der einen Seite sehen Historiker*innen wie Tal­in Suciyan den Grund dieser Aggre­sion in ein­er „Postgenozid-Gesellschaft“, in der die Leugnug zur aktiv­en Unter­drück­ung der demokratis­chen Ansätze führt. Der Sozi­ologe Ismail Besik­ci hinge­gen betra­chtet den kolo­nialen Sta­tus Kur­dis­tans als Schlüs­sel, wobei es eigentlich gar kein Sta­tus hat und immer wieder durch die Besatzer­staat­en und impe­ri­al­is­tis­chen Mächt­en unter­drückt wird. Nach der großen Ernüchterung, dass die Türkei sich demokratisieren lässt, wenn sie wirtschaftlich stärk­er wird, herrscht heute in weit­eren Kreisen die Erken­nt­nis, dass die Türkei sich nicht ein­fach demokratisieren lassen kann, solange Kur­dis­tan als Kolonie ein Teil der Türkei bleibt, solange der Genozid mit seinen materiellen Fol­gen nicht anerkan­nt wird. Die türkische Bour­geoisie, die aus dem Genozid an den Armenier*innen geboren wurde und Kur­dis­tan als Kolonie unter­drückt, ist nicht an einem solchen Weg inter­essiert. Es ist daher kein Dia­log mit der türkischen Bour­geoisie notwendig, wie die SPD ihn im Bun­destag proklamiert, son­dern die Unter­stützung des Wider­standes in Afrin gegen den türkischen Krieg.

Epilog:

Auch wenn Harot Kevork der let­zte Arme­nier in Afrin ist … Der Genozid wird uns nicht find­en, weil unser Wider­stand erfol­gre­ich sein wird.

One thought on “Der Krieg in Afrin: die Fortsetzung der türkischen Völkermordpolitik

  1. Rainer D. sagt:

    Roja­va in Nordsyrien ist ein einzi­gar­tiges föder­al-demokratis­ches Exper­i­ment, ein Hoff­nungsträger im Chaos des nahen Ostens, bish­er erfol­gre­ich. Es darf durch den eth­nisch-motivierten und völk­er­rechtwidri­gen Angriff­skrieg der Türkei nicht unterge­hen! Rain­er D.

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