Unsere Klasse

“Das ist Unterricht darüber, wie man sich wehrt”

Am Donnerstag streiken die angestellten Lehrer in Berlin. Unterstützung bekommen sie von einigen Schüler*innen. Ein Gespräch mit Florian Griebel (20), Schüler am Oberstufenzentrum Anna Freud in Berlin-Charlottenburg.

Am morgi­gen Don­ner­stag wer­den die angestell­ten Lehrer*innen in Berlin in den Warn­streik treten. Worum geht es bei diesem Arbeit­skampf?

Die angestell­ten Lehrkräfte haben keinen Tar­ifver­trag, der regelt, wer in welche Ent­gelt­gruppe kommt. Sie wollen nun ein Ende des ein­seit­i­gen Dik­tats des Arbeit­ge­bers. Die Forderun­gen der Gew­erkschaft Erziehung und Wis­senschaft, GEW, lassen sich leicht zusam­men­fassen: gle­ich­es Geld für gle­iche Arbeit. Gegen dieses Grund­prinzip wird durch die unter­schiedlichen Gehäl­ter inner­halb des Kol­legiums direkt ver­stoßen. Die Poli­tik kön­nte dies jed­erzeit verän­dern, aber ver­weigert seit Jahren ern­sthafte Ver­hand­lun­gen über Tar­ifverträge. Ver­beamtete Lehrkräfte ver­di­enen nicht nur erhe­blich mehr, son­dern haben auch eine Rei­he von Priv­i­legien im Ver­gle­ich zu Angestell­ten. Dage­gen kämpfen die Lehrer*innen seit Anfang 2013 mit ins­ge­samt 18 Streik­ta­gen bish­er.

Was bedeutet ein Warn­streik für dich als Schüler?

Zuerst natür­lich, dass Unter­richtsstun­den aus­fall­en wer­den. Die einen freuen sich über die freie Zeit, andere sind ein­fach nur gen­ervt. Aber im großen und ganzen beste­ht ein all­ge­meines Wohlwollen gegenüber den Streik­enden. In der Schule wird oft über Par­tizipa­tion gesprochen und wie wichtig es ist, sich in aktuelle poli­tis­che Geschehnisse einzubrin­gen. Dadurch, dass die Lehrkräfte von ihrem Streikrecht Gebrauch machen, sind sie ein pos­i­tives Beispiel dafür, dass man für seine Mei­n­ung auf die Straße gehen kann. Das ist prak­tis­ch­er Unter­richt darüber, wie man sich gegen Missstände wehrt. Nur an einem Streik­tag wird uns direkt vor Augen geführt, wie viele Pädagog*innen von dieser Diskri­m­inierung betrof­fen sind.

Aber hat es für dich irgen­deine Bedeu­tung, ob deine Lehrer*innen ver­beamtet oder angestellt sind?

Direk­te Auswirkun­gen auf die Qual­ität des Unter­richts oder die Moti­va­tion der Lehrkräfte sind kaum merk­lich. Aber genau das ist so para­dox: Wenn alle die gle­iche Arbeit machen, warum gibt es unter­schiedliche Gehalt­sklassen? Ich möchte jedoch nicht auss­chließen, dass es auf­grund von diesen Ungerechtigkeit­en zu Span­nun­gen im Kol­legium kommt.

Wie habt ihr euch beim let­zten Warn­streik einge­bracht?

Vor dem let­zten Warn­streik haben wir im Schul­ge­bäude Plakate ange­bracht und Flug­blät­ter mit Infor­ma­tio­nen verteilt. Wir haben alle Schüler*innen aufgerufen, sich mit den Streik­enden zu sol­i­darisieren. An dem Tag des Streiks standen wir gemein­sam mit den Lehrkräften vor dem Schul­tor. Wir hat­ten Trillerpfeifen und ein Trans­par­ent mit der Auf­schrift: “Sol­i­dar­ität mit den Lehrkräften”. Zusam­men sind wir dann mit der U‑Bahn zur Kundge­bung gefahren.

Wie ist es, mit den eige­nen Lehrer*innen gemein­sam auf der Demo zu ste­hen?

Zuerst war es schon ein komis­ches Gefühl. Aber schnell ent­standen zwis­chen Lehrkräften und Schüler*innen Gespräche, die auch Kri­tik am Schul­sys­tem enthiel­ten. Das war sehr inter­es­sant für bei­de Seit­en. Während der Demo haben unsere Lehrkräfte uns liebevoll mit Snacks und war­men Getränken ver­sorgt, als Zeichen ihrer Freude und Dankbarkeit über unsere Unter­stützung.

Was habt ihr jet­zt für diesen Warn­streik vor?

Auch dieses mal haben wir mit Flug­blät­tern, Plakat­en und Mund­pro­pa­gan­da über den Streik informiert. Gemein­sam mit den Lehrkräften wer­den wir eine Kundge­bung abhal­ten, um dann geschlossen zum Pots­damer Platz zu fahren. Beim Warn­streik am 26. Jan­u­ar waren nur Kol­le­gen von Ober­stufen­zen­tren und aus­gewählten Schulen aufgerufen – 400 haben sich dem Aus­stand angeschlossen. Dies­mal sind alle Lehrkräfte aufgerufen, und Tausende wer­den auf der Straße sein.

Wie engagiert ihr euch son­st an eur­er Schule?

Beim let­zten Schul- und Unistreik für die Rechte von Geflüchteten am 19. Novem­ber let­zten Jahres waren mit ein­er großen Zahl Streik­ender vertreten. Am 27. April soll nun ein bun­desweit­er Streik stat­tfind­en. Hier wollen wir ein klares Zeichen gegen Ras­sis­mus jeglich­er Art set­zen.

Aber auch in der Schule selb­st haben wir einen kleinen Protest gegen het­ero­nor­ma­tives Denken organ­isiert, also die Ein­teilung von allen Men­schen in nur zwei Geschlechter. Damit hat­ten wir einen ersten Erfolg in Form von ein­er geschlecht­sneu­tralen Toi­lette im Schul­ge­bäude. Tatkräftig unter­stützen wir auch die Notun­terkun­ft für geflüchtete Per­so­n­en in unserem Nach­barhaus. Wöchentlich find­et außer­dem ein Kuchen­verkauf zum Wohle der Geflüchteten statt, mit dessen Erlös drin­gend benötigte Sachen gekauft wer­den.

Dieses Inter­view in der jun­gen Welt

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