Deutschland

“Das Blut ist aus meiner Nase geschossen, fast wie ein Wasserhahn”

Über eine Woche nach den Protesten gegen den G20-Gipfel erreichen uns immer noch Erfahrungsberichte über die massive Polizeirepression. Unser Redakteur Stefan Schneider führte ein Interview mit Peter D., Gewerkschafter und Mitglied der FAU, der aus Hamburg mit einer eingegipsten Nase zurückkehrte.

Deine eingegip­ste Nase sieht schlimm aus. Was ist genau passiert?

Am Fre­itag, den 7. Juli, war ich mit mein­er Bezugs­gruppe in der Innen­stadt. Wir hat­ten vor, an der Kreuzung Willy-Brandt-Straße/Her­ren­graben drei Wasser­w­er­fer zu block­ieren, die dort posi­tion­iert waren. Diese Hauptverkehrsstraße war allerd­ings sehr bre­it, und ins­ge­samt waren wir nur 15 bis 20 Leute, die sich dort auf die Kreuzung geset­zt haben. Deshalb ist es uns auch lei­der nicht gelun­gen, die Wasser­w­er­fer tat­säch­lich zu block­ieren. Sie hät­ten ein­fach an uns vor­beifahren kön­nen.

Das haben sie let­zten Endes auch getan. Die Wasser­w­er­fer sind langsam an uns vor­beigerollt, während wir noch auf der Kreuzung saßen. Aber plöt­zlich blieb ein Wasser­w­er­fer direkt neben uns ste­hen. Nie­mand forderte uns zum Auf­ste­hen auf, aber hin­ter dem Wasser­w­er­fer kam auf ein­mal eine Gruppe Robo­cops her­vor, die sich vielle­icht im Sichtschutz des Wasser­w­er­fers angenähert hat­te. So genau kon­nte ich das nicht sehen.

Diese Cops woll­ten uns nun von der Straße herun­ter­schleifen. Es war eine kon­fuse Sit­u­a­tion, mit sehr vie­len Polizist*innen. Ich saß auf der Kreuzung immer noch mit meinem Part­ner einge­hakt. Während andere Leute mehr oder weniger ein­fach weggez­er­rt wur­den, kon­nten die Cops unsere Block­ade nicht so ein­fach lösen. Wir hat­ten immer noch keine Auf­forderung bekom­men, aufzuste­hen, wie es son­st bei Räu­mungen üblich ist. Trotz­dem wollte mich ein­er der Polizist*innen ziem­lich rup­pig hochheben. Ich war wie gesagt noch einge­hakt, und ich kon­nte mich auch mit den Beinen ein wenig freis­tram­peln.

Daraufhin sagte der Bulle auf ein­mal zu mir: “Du trittst mich nicht noch ein­mal”, und schlug mir mit geschlossen­er Faust direkt ins Gesicht. Das Blut ist aus mein­er Nase geschossen, fast wie ein Wasser­hahn. Dann ris­sen mich zwei oder drei Cops aus der Sitzblock­ade und zer­rten mich an den Straßen­rand. Dort gaben sie mir zum Abschluss noch einen harten Stoß in den Rück­en, und ich wäre fast auf den Boden gefall­en. Hin­ter uns haben sie dann direkt eine Kette mit Schildern aufge­baut.

Ich blutete dann immer stärk­er, und wenn ich nicht meine Regen­jacke ange­habt hätte, wären all meine Sachen völ­lig durch­nässt von Blut gewe­sen.

Wie wurde dir in der Sit­u­a­tion geholfen?

Es sind sofort Leute auf mich zu gekom­men, um mir zu helfen. Sie gaben mir Taschen­tüch­er und führten mich etwa 50 Meter weg vom Geschehen. Dort kam eine Anwohner­in aus ihrer Woh­nung, die total fre­undlich war. Sie hat den Kranken­wa­gen gerufen, noch mehr Taschen­tüch­er gebracht, und ihre Unter­stützung ange­boten. Ich habe ihr dann auch gle­ich erzählt: “Mir hat ein Bulle auf’s Maul gehauen.” Sie hat da nicht drauf reagiert, aber sie hat mich auch keine Ablehnung spüren lassen.

Ich wurde vor Ort von einem ASB-Team erstver­sorgt, und dann kam auch schon inner­halb weniger Minuten der Kranken­wa­gen. Die woll­ten mich dann ins näch­st­gele­gene Kranken­haus, das St. Georg, fahren. Das ging aber nicht, auf­grund der vie­len Straßensper­ren. Die Polizei hat sie ein­fach nicht durchge­lassen, trotz Blaulicht. Ich war zwar hin­ten­drin und kon­nte nicht alles mit­bekom­men, aber es war eine richtige Odyssee. Auf jeden Fall sind wir dann zu einem Kranken­haus ins weit­er ent­fer­nte Eppen­dorf gefahren.

Auf dem Weg dor­thin haben wir noch einen weit­eren Ver­let­zten einge­sam­melt, denn ich saß ja hin­ten nur und musste nicht liegen. Der hat­te starke Schwellun­gen an den Augen.

Angekom­men im Kranken­haus, musste ich erst eine Weile warten. Ich habe so ein biss­chen mit­bekom­men, dass ein­er der Pfleger zu anderen Leuten gesagt hat, dass sie ja auch “selb­st Schuld” seien, aber zu mir waren die Kranken­haus­beschäftigten fre­undlich oder neu­tral.

Jeden­falls kon­nte der Arzt vor Ort nicht so viel machen, weil meine Nase zu stark geschwollen war und man deshalb auf dem Rönt­gen­bild nicht wirk­lich erkan­nt hätte, ob die Nase gebrochen war. Ich habe auf jeden Fall noch tage­lang weit­er stark aus der Nase geblutet.

Ich bin dann, nach­dem ich aus Ham­burg weg war, noch zwei Mal in eine andere Klinik gegan­gen, wo ich gerönt­gt wurde. Meine Nase war gebrochen, aber es war nicht ein­deutig, ob der Bruch nicht schon älter war. Ein Arzt meinte, man könne die Nase vielle­icht später oper­a­tiv richt­en. Auf jeden Fall war mein Nasen­knor­pel sehr stark einge­drückt, und ich habe das dann beim zweit­en Besuch ein­renken lassen. Ich habe jet­zt einen fet­ten Gips bis Fre­itag. Danach wird man erst sehen, wie es mein­er Nase wirk­lich geht.

Warum bist du eigentlich nach Ham­burg gefahren? Warum woll­test du die Wasser­w­er­fer block­ieren?

Schon in den Tagen vor dem 7. Juli haben wir gese­hen, wie die Polizei mit Wasser­w­er­fern grund­sät­zlich friedliche Demos ange­grif­f­en hat, und wir woll­ten an dem Tag zumin­d­est bei diesen drei Wasser­w­er­fern ver­hin­dern. Das war für uns ein Akt friedlichen Unge­hor­sams.

Ins­ge­samt bin ich nach Ham­burg gefahren, weil ich der Mei­n­ung bin, dass der Protest gegen die G20 nötig ist. Die Herrschen­den richt­en unsere Welt zu Grunde, und wenn wir auf diesem Plan­eten über­haupt noch eine Zukun­ft haben wollen, wird ein radikales Ums­teuern notwendig sein. Das wollte ich mit meinem Protest aus­drück­en.

Hat dich die mas­sive Repres­sion über­rascht?

Die Sit­u­a­tion war schon heftig. Aber wo ich jet­zt darüber nach­denke, habe ich schon vor der Sit­u­a­tion mit dem Wasser­w­er­fer eine ziem­lich drama­tis­che Szene erlebt. Wir saßen bei ein­er anderen Block­ade, wo wir einen Del­e­ga­tions­bus von eher kleineren Funktionär*innen stop­pen woll­ten, um den Gipfe­lablauf zu stören. Den Bus hat das aber über­haupt nicht inter­essiert: Der ist ein­fach immer weit­er auf uns zu gefahren. Ich bin sich­er, er wäre ein­fach über uns drüber gefahren, wenn wir nicht kurz vorher bei­seite gesprun­gen wären.

Ich habe auch eine Räu­mung an einem anderen Ort mit­bekom­men, an der Auße­nal­ster. Dort war sehr viel Presse vor Ort. Deshalb haben sich die Cops dort wohl beobachteter gefühlt und haben eine deut­lich “san­ftere” Räu­mung durchge­führt. Aber auch da haben sie am Ende Leuten einen unnöti­gen Stoß in den Rück­en gegeben. Die Räu­mung an der Willy-Brandt-Straße war wohl auch deshalb so heftig, weil die Bullen dort von der Presse unbeobachtet agieren kon­nten. Sie mussten sich nicht so sehr an ihre eige­nen Spiel­regeln hal­ten.

One thought on ““Das Blut ist aus meiner Nase geschossen, fast wie ein Wasserhahn”

  1. Franz Barwich sagt:

    Ein weit­er­er ‘Einzelfall’. Es ist schon heftig was sich so langsam aus Video­ma­te­r­i­al und Augen­zeu­gen- bzw. Betrof­fe­nen­bericht­en für ein Bild zusam­men­fügt.

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