Deutschland

#CoronaRealität Nr. 3: “Ich hoffe, dass ich so schnell wie möglich einen Job kriege, weil ich einfach vor die Tür gesetzt worden bin.”

Weitere Zusendungen zu unserer neuen Serie #CoronaRealität: Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, unhaltbare Zustände im Krankenhaus.

Postet unter #CoronaRealität oder in Kommentaren eure eigene Erfahrungen aus dem Alltags- und Arbeitsleben. Lasst uns unsere Stimmen stärken, damit nicht die Arbeiter*innen für diese Krise bezahlen.

#CoronaRealität Nr. 3:

„Hal­lo.

Ich bin Stu­di und lei­de an Depres­sio­nen mit aus­geprägten Suizidgedanken, her­vorgerufen durch trau­ma­tis­che Erleb­nisse in der Kind­heit und Jugend.
Durch Coro­na muss Ich meine Bach­e­lo­rar­beit ver­schieben, weil die Bib­lio­theken geschlossen sind, habe seit Wochen keinen Job mehr, weil ich in der Gas­tro tätig bin und muss jet­zt natür­lich aus nachvol­lziehbaren Grün­den auf die Grup­penther­a­pie verzicht­en.
Ich hoffe, dass ich wenig­stens so schnell wie möglich einen Job kriege, weil ich ein­fach vor die Tür geset­zt wor­den bin. Nach vier Jahren im Betrieb und als bekan­ntes Gesicht, füh­le ich mich mas­sivst im Stich gelassen. Die Unter­stützung durch meine Eltern ist begren­zt, weil sie sel­ber Arbeiter*innen sind und selb­st um ihre Zukun­ft ban­gen.
Mein­er Mei­n­ung zeigt Coro­na nochmal die großen sozialen Unter­schiede im Land auf.“
Anonym, Studierende*r

„Ich arbeite in ein­er Neuköll­ner Grund­schule in einem Pro­jekt der AWO, in dem es darum geht, die sozialen Kom­pe­ten­zen der Fün­ft- und Sechstklässler*innen zu verbessern. Ich arbeite wenige Stun­den die Woche, als klein­er Neben­job. Es war aus­geschrieben als Hon­o­rartätigkeit an der Schule und wir haben ein Gehalt aus­ge­han­delt, was mehr oder weniger 450 Euro beträgt, was für mich bedeutet, dass ich nur Geld bekomme, wenn ich die Stun­den abar­beite, da ich kein Gehalt bekomme. Ich muss mich natür­lich als Selb­st­tändig melden und darauf acht­en, dass ich einen gewis­sen Betrag nicht über­schre­ite, da ich anson­sten nicht fam­i­lien­ver­sichert bleiben kön­nte, was für mich als Stu­dentin unnötige Unkosten bedeuten würde. Ich habe diesen Job genom­men, da ich keinen mir zeitlich passenderen und flex­i­blen Job gefun­den habe, den ich mit meinem Studi­um hätte vere­in­baren kön­nen.

Coro­na bedeutet für mich, dass ich nicht mehr zur Arbeit gehen kann, da die Schule geschlossen ist und ich ein­fach keine Arbeit­szeit mehr habe. Die Teile des Pro­jek­ts, die nicht im nor­malen Schu­lall­t­ag stat­tfind­en, wie Ver­net­zungstr­e­f­fen, find­en auch nicht statt. Ich kann also in kein­er Art und Weise Geld ver­di­enen und würde die Stun­den auch nicht nach­holen kön­nen, da ich nach der Sperre wieder studieren werde und nur zwei Tage die Woche Zeit hätte. In den Semes­ter­fe­rien hätte ich Stun­den auf­s­tock­en kön­nen. Da in zwei Monat­en aus­gezahlt wird, habe ich nur bis dahin Zeit, um Stun­den zu machen.
Ich habe abso­lut keinen Schutz und kein Anrecht auf irgen­dein Geld, außer­dem habe ich meine let­zte Bezahlung über einen Monat später erst erhal­ten.
Wäre ich vorher selb­st erkrankt, hätte ich kein Recht auf Lohn­fortzahlung gehabt, wie es nor­maler­weise für sechs Wochen der Fall ist. Wenn du als Hon­o­rarkraft selb­st­ständig bist hast du kein Anrecht darauf, weil du für dich selb­st ver­ant­wortlich bist. Das ist das Prekäre an der Sit­u­a­tion, vor allem in dieser Phase der Coro­na-Epi­demie.

Wenn ich selb­st erkranken würde, würde ich auch nicht mal mehr schwarz arbeit­en kön­nen, beispiel­sweise Babysit­ten, weil ich dem aus Ver­ant­wor­tung nicht nachge­hen kön­nte. Für viele Stu­dentin­nen ist dies ja auch eine Ein­nah­me­quelle. Viele Eltern müssen auf­grund der Schließung der Schulen und Kindergärten zu Hause bleiben oder sich eine alter­na­tive Betreu­ung suchen, auch die Bib­lio­theken wer­den geschlossen und Ver­anstal­tun­gen an den Unis wer­den abge­sagt Jet­zt gibt es von eini­gen Trägern, die für die Betreu­ung von Schulen zuständig sind, Pro­gramme, dass die Kinder von Coro­n­aerkrank­ten oder ander­weit­ig Pflegebedürfti­gen betreut wer­den kön­nen von Lehrer*innen und Erzieher*innen, die sich dafür bere­it erk­lären. Sie sind dann in Räu­men in der Nähe von Kranken­häusern, wo die Kinder jeden Tag getestet wer­den, damit das gesund­heitliche Risiko ger­ing gehal­ten wird. Sie bekom­men dann pro Woche 100 Euro mehr Gehalt. Ich frage mich da, ob es gut ist, sich dem Risiko auszuset­zen. Meine Kol­le­gin hat mir jeden­falls einen Fly­er von diesem Pro­gramm gegeben aber ich weiß nicht ob ich da genom­men werde, weil ich keine Aus­bil­dung oder abgeschlossenes in dieser Rich­tung habe.

Wenn ich selb­st an Coro­na erkranken sollte, wäre ich min­destens für zwei Wochen raus. Für Men­schen mit prekären Arbeits­be­din­gun­gen oder unfesten Arbeitsverträ­gen in solchen Zeit­en extrem schwierig, über­haupt an Geld zu kom­men. Alle Pläne hän­gen davon ab, ob du gesund bist, oder ob in deinem Umfeld jemand krank ist. Ich kön­nte es nicht mit meinem Ver­ant­wor­tungs­be­wusstein vere­in­baren, arbeit­en zu gehen, wenn ich möglicher­weise infiziert bin, um das Risiko für andere zu min­imieren. Die Studieren­den, deren Eltern sie finanziell unter­stützen kön­nen, sind immer­hin ein biss­chen gesichert­er.“

- M., Stu­dentin in Berlin

„Es gab nun 2 Wochen über­haupt keine FFP3-Masken mehr um uns medi­zinis­ches Per­son­al adäquat vor Ansteck­ung zu schützen. Mit­tler­weile ste­hen zwei Kisten davon in unserem Stützpunkt, bei­de in der Größe eines Schuhkar­tons.
Ich per­sön­lich habe über­haupt keine Angst vor Coro­na, es wird mich nicht umbrin­gen. Aber mein Vater lei­det an ein­er COPD (eine Lun­genkrankheit) und wenn er sich infiziert, kann es übel enden. Das beun­ruhigt mich sehr. In Ital­ien wer­den ja bere­its keine Ü‑70 Patient*innen mit Coro­na mehr behan­delt.
Im OP haben wir Hebam­men teil­weise gar keinen Mund­schutz mehr an, wenn wir die Kinder vom OP-Tisch abnehmen. Das liegt daran, dass ein­er im Moment 8€ statt 5ct kostet.
Für meine Haus­be­suche wollte ich let­zte Woche Desin­fek­tion­s­mit­tel kaufen. In 7 Apotheken in und um meine Stadt ausverkauft. Ich habe es dann aufgegeben.
Kein medi­zinis­ches Per­son­al darf mehr in den Urlaub gehen.
Meine Haus­be­suche im Wochen­bett habe ich auf das Nötig­ste herunter geschraubt, das bedeutet für mich auch finanzielle Ein­bußen, da die Krankenkassen sich bish­er weigern, Vis­iten per Video­call zu zahlen.“
selb­ständi­ge Hebamme aus München

„Bei uns läuft der Betrieb in einem Reifen­her­steller weit­er. Die, die kön­nen, machen Home Office. Also hat der kleine Mann mal wieder gelit­ten.
Dem ersten und zweit­en Lehr­jahr wurde gesagt, dass sie diese Woche freigestellt sind, wer­den also weit­er bezahlt und müssen nicht kom­men. Das dritte Lehr­jahr musste kom­men, weil die mithelfen, Maschi­nen umzubauen. Ich habe mich darüber beschw­ert, dass die nicht gle­ich behan­delt wer­den und mit einge­bracht, dass die da sind um was zu ler­nen und nicht als bil­lige Arbeit­skräfte einge­set­zt wer­den sollen. Heute Nach­mit­tag, als ich schon weg war wegen einem pri­vat­en Ter­min, wurde entsch­ieden, dass jet­zt das erste und zweite Lehr­jahr wieder kom­men soll. Da sieht man mal wieder, dass die Inter­essen der Kap­i­tal­is­ten vor geht und die sog­ar so weit gehen, dass sie andere wieder gefährden. Ich bin zwar für mor­gen krankgeschrieben, werde aber trotz­dem in die Fir­ma gehen, um mich für die einzuset­zen. Manche Azu­bis des drit­ten Lehr­jahrs haben heute auch die Arbeit niedergelegt und haben nichts gemacht. Und ich rechne mor­gen mit guter Bere­itschaft, gegen diese Entschei­dung gemein­sam mit den Azu­bis vorzuge­hen. Die Fir­men­leitung deutsch­landweit hat ne Mail geschrieben, dass nur noch Leute kom­men sollen, die für die Pro­duk­tion wichtig sind. Azu­bis sind da also mit inbe­grif­f­en.“
D., Arbeit­er

„Wir sind 30 Freiberu­fler* / Kun­stver­mit­tler* in ein­er pri­vat­en Samm­lung und sie mein­ten ger­ade sie bezahlen unsere geplanten Stun­den nicht. Obwohl die Stun­den seit einem Monat geplant sind und die Sau viel Geld haben. Ich weiß nicht, wie wir das über­leben wer­den, wenn wir unsere Miete bezahlen müssen.“
Anonym

„Ich sitze hier in mein­er Woh­nung fest. Ich bin dritte Kon­tak­t­per­son, wobei die erste krank ist und die zweite ger­ade krank wird. Lei­der sind wir bei kein­er Hot­line durchgekom­men. Die erste Kon­tak­t­per­son kann keinen Test machen, weil sie der Land­kreis in dem der Hausarzt ist und der Land­kreis in dem die Kon­tak­t­per­son ger­ade ist, sich darum stre­it­en, wer den Test durch­führen muss. Am Ende stellen die bürokratis­chen Mühlen des deutschen Staates alles still und es ist keine effek­tive Bekämp­fung möglich. Für mich per­sön­lich verdeut­licht das nicht nur die Notwendigkeit von Zen­tral­isierung, son­dern auch die Wirtschaft und Gesund­heit unter demokratis­che Kon­trolle von Arbeiter*innen, Jugendlichen, Migrant*innen, Pflegebedürfti­gen und Expert*innen zu brin­gen.“
Anonym

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.