Deutschland

#CoronaRealität Nr. 2: “Unsere Gesundheitsversorgung ist auf Krisen wie diese nicht vorbereitet”

Weitere Zusendungen zu unserer neuen Serie #CoronaRealität: Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, unhaltbare Zustände im Krankenhaus.

Postet unter #CoronaRealität oder in Kommentaren eure eigene Erfahrungen aus dem Alltags- und Arbeitsleben. Lasst uns unsere Stimmen stärken, damit nicht die Arbeiter*innen für diese Krise bezahlen.

#CoronaRealität Nr. 2:

“Die Auswirkun­gen der sich ver­schär­fend­en Maß­nah­men sind spür­bar bei uns in der Arbeit angekom­men. Aber auch die Stim­mungen der Bevölkerung.
Täglich gibt es Verän­derung: neue Hygie­n­ean­weisun­gen, Infor­ma­tio­nen über die aktuelle Sit­u­a­tion und grobe Pläne, wie wir weit­er machen sollen. Aber wie auch in der nor­malen Bevölkerung, denken wir darüber nach, was noch auf uns zukommt. Die Sit­u­a­tion ist unsich­er und es gibt keinen vorstell­baren Plan, der für uns Beschäftigte und die Patient*innen gut sein kön­nte.

Es gibt jet­zt schon materielle Prob­leme. Desin­fek­tion­s­mit­tel wird viel aus den Lagern geklaut und die Vor­räte wer­den weniger. Schein­bar gibt es Lief­er­eng­pässe bei den Schutz­masken, die wohl in abse­hbar­er Zeit nicht mehr ver­füg­bar sein wer­den. Wir müssen sparsam sein und deswe­gen jet­zt schon so arbeit­en, wie es eigentlich nicht sein darf.

Wie sollen wir uns schützen? Wie sollen wir unsere Patient*innen schützen?
Wir wollen weit­er­hin gute Arbeit machen, aber diese Kapaz­ität hat das Gesund­heitssys­tem nicht.

Seit Ende let­zter Woche gibt es das Besuchsver­bot. Die Stim­mung im Kranken­haus wird anders, aber wir wollen in Ruhe weit­er arbeit­en.

Doch in der Sta­tion­sar­beit müssen wir fach­fremde Patient*innen ver­sor­gen, zum Beispiel geri­atrische und unfallchirugis­che Patient*innen. Dafür sind wir nicht aus­ge­bildet und unsere Patient*innen wer­den nicht angemessen betreut. Ich muss Sit­u­a­tio­nen ein­schätzen und Pflegear­beit übernehmen, die ich max­i­mal the­o­retisch gel­ernt habe. Der Bet­ten­man­gel und der Per­sonal­man­gel, lang vor der Coro­n­akrise beste­hende Prob­leme, ver­schär­fen sich jet­zt. Wir und unsere Patient*innen sind die Lei­d­tra­gen­den.

Wir wis­sen noch nicht, wie es für uns als Per­son­al weit­er gehen soll. Ich habe Angst vor der kom­menden Krise, wenn ich weiß, was die aktuellen Maß­nah­men schon sind. Angst, in Bezug auf die Arbeitssi­t­u­a­tion.

Momen­tan sollen Eltern bzw. Müt­ter für die Kinder­be­treu­ung unbezahlten Urlaub oder Freizeitaus­gle­ich nehmen. Es wird von einem Urlaub­sver­bot für Beschäftigte gesprochen, wenn sich die Sit­u­a­tion weit­er zus­pitzt. Die Rich­tung ist klar, wir arbeit­en in sys­te­mer­hal­tenden Berufen und müssen vor allem in Krisen­zeit­en arbeit­en.

Doch das Gesund­heitssys­tem kann die Coro­n­akrise nicht stem­men, die Ver­ant­wor­tung lastet auf den Beschäftigten. Jahre­lang wur­den akute Prob­leme bewusst nicht beachtet. Genau diese Prob­leme wer­den jet­zt noch akuter. Und das macht mich wütend, weil unsere Gesund­heitsver­sorgung auf Krisen wie diese nicht vor­bere­it­et ist.

Wir sind die, die so viel von dieser Gesellschaft am Laufen hal­ten. Immer und auch jet­zt müssen wir es tun. Jet­zt beson­ders die Beschäftigten im Gesund­heitssys­tem. Wir tra­gen viel Ver­ant­wor­tung, die uns nor­maler­weise nicht zuge­s­tanden wird. Wir wollen jet­zt nicht die sein, die die Ver­ant­wor­tung alleine tra­gen müssen. Wir sind die, die jet­zt weit­er­ar­beit­en und kom­pen­sieren müssen, damit alles weit­er funk­tion­iert. Und wir haben nicht das, was wir brauchen. Uns hil­ft kein Dankeschön. Auch jet­zt, wie immer, soll­ten wir umso mehr klare Forderun­gen für die Berufe im Gesund­heitssys­tem haben.”
- Hebamme im Kranken­haus

“Ich arbeite in ein­er heilpäd­a­gogis­chen Wohn­gruppe der Kinder- und Jugend­hil­fe.
Bei uns leben neun Kinder, die auf ver­schiedene Schulen gehen und unter­schiedliche Jahrgangsstufen besuchen. Jedes einzelne kam durch den Schu­laus­fall mit einem riesi­gen Stapel an Arbeit­saufträ­gen und Schul­stoff nach Hause. Die Beschu­lung zuhause, die in einem nor­malen Haushalt mit Eltern und 1–3 Kindern noch ganz gut zu hand­haben ist, müssen wir in unseren Dien­sten, bei denen wir max­i­mal zu zweit, teil­weise alleine sind, jet­zt mit neun Kindern bew­erk­stel­li­gen. Mit Kindern, die auch alle­samt „sozialpäd­a­gogis­che Bedürfnisse“ haben, auf­grund von diversen psy­chis­chen und trau­ma­tis­chen Belas­tun­gen, eine denkbar utopis­che Auf­gabe.

Darüber hin­aus gibt es bish­er keine Infor­ma­tion vom Arbeit­ge­ber, Jugend- oder Gesund­heit­samt für uns, was im Falle ein­er Infek­tion bei Päd­a­gogen oder Kindern passiert.”
- René, Insta­gram

“My moth­er has a slight­ly sore throat and is not allowed to work (at the hos­pi­tal). At the offi­cial place for get­ting test­ed they won’t test her because she has not been in con­tact with some­one known to be infect­ed and has not been in one of the coun­tries of risk. So far so good.

At the hos­pi­tal they don’t have tests for the staff because it’s too expen­sive and the state won’t pay for it unless 50% of the staff are in quar­an­tine!!! Why????? I get that test­ing peo­ple with heavy symp­toms is more impor­tant but hos­pi­tal staff?????? Nooooo it’s too expen­sive, let’s wait…🤦🏻‍♀️🤦🏻‍♀️🤦🏻‍♀️”
- Paula, Insta­gram

“Hi, ich würde auch gerne sagen inwieweit sich Coro­na auf mein Leben und Umfeld auswirkt.

Erst­mal gehöre ich ein­er­seits, durch Asth­ma, zu ein­er Risiko­gruppe. Ander­er­seits kann ich aus vie­len ver­schiede­nen Grün­den nicht in Quar­an­täne bleiben und habe Angst krank zu wer­den. In meinem Umfeld ist es inzwis­chen so schlimm, dass einige Leute ihre Jobs ver­loren haben, weil der Umsatz fehlt (Gas­tronomie) durch das Absagen von Ver­anstal­tun­gen etc. Die müssen jet­zt schauen wo sie bleiben, meist ohne Erspartes. Ich frage mich, wie solche Men­schen aufge­fan­gen wer­den sollen.”
- Anonym, Insta­gram

“Es ist halt lächer­lich, dass kein­er davon redet, Kassierer*innen jet­zt Krisen­ge­häl­ter zu zahlen. Die Bun­desregierung spricht von unbe­gren­zten Kred­iten für riesige Fir­men und wir sitzen 6–8 Stun­den pro Tag, 4 Tage die Woche. in einem Laden und fassen pro Stunde 100 Hände und unendlich Geld an. Das ist für unter 12 Euro die Stunde halt ein­fach nicht mach­bar, wenn man sich qua­si direkt der Gefahr aus­set­zt.”
- Anonym, Super­mark­tbeschäftigter

“Meine Kol­le­gin saß weinend am Schreibtisch, weil sie zwei kleine Kinder hat und nie­man­den für die Betreuung…unser Chef meinte nur: das ist ihr per­sön­lich­es Prob­lem. Wir sind bei ein­er großen kirch­lichen Ein­rich­tung beschäftigt und berat­en Men­schen in per­sön­lichen Krisen, aber wir Mitarbeiter*innen erfahren keine Sol­i­dar­ität oder christliche Näch­sten­liebe. Es ist so ent­täuschend.”
- Mary Jane

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