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#CoronaRealität: “Ich frage mich, wie ich die nächsten Wochen über die Runde komme”

Arbeitslosigkeit, Überlastung, Gefährdung der Patient*innen und Beschäftigten in Krankenhäusern... Wir haben gefragt, welche Auswirkungen der #Coronavirus auf den Alltag und die Arbeitsbedingungen von arbeitenden Menschen hat. Wir haben einige erste Antworten bekommen.

Postet unter #CoronaRealität oder in Kommentaren eure eigene Erfahrungen aus dem Alltags- und Arbeitsleben. Lasst uns unsere Stimmen stärken, damit nicht die Arbeiter*innen für diese Krise bezahlen.

#CoronaRealität: “Ich frage mich, wie ich die nächsten Wochen über die Runde komme”

Schreib deine eigene Erfahrun­gen gerne in die Kom­men­tarspalte.

“Hey! Ich schicke diese Mes­sage wegen eurem let­zten Post. Ich bin eine Dich­terin aus Brasilien, die ihr Leben in Berlin als Baby-Sit­ter, Akt­mod­ell und Kell­ner­in ver­di­ent. Seit ein­er Woche bekomme ich keine Jobs, und die kul­turellen Ver­anstal­tun­gen, die ich in den näch­sten Wochen machen sollte, wur­den abge­sagt. Also bekomme ich kein Geld – wed­er von schlecht­en Jobs, noch von den Jobs in meinem Bere­ich. Dazu habe ich Asth­ma, gehöre also zu der soge­nan­nten Risiko­gruppe und muss so viel wie möglich zu Hause bleiben. Ich bin in Berlin ganz alleine ohne Fam­i­lie und frage mich, wie ich die näch­sten Wochen über die Runde komme. Ich weiß, dass ganz viele Leute im Kul­turbere­ich ger­ade das gle­iche Prob­lem haben.”
- Ade­laide Iváno­va

“Die ange­ord­nete Schließung aller Schulen in Bay­ern bet­rifft nun auch die Berufs­fach­schule für Gesund­heits­berufe, in der ich mit weni­gen weit­eren eine Aus­bil­dung zur Anäs­the­si­etech­nis­chen bzw. Oper­a­tionstech­nis­chen Assis­tenz absolviere. Zur eigentlichen Eindäm­mung der Coro­na-Infek­tio­nen sollen vor­erst auch unsere Unter­richte ent­fall­en. Allerd­ings wer­den wir, anders als in anderen Schulen, nicht zum Selb­st­studi­um nach Hause, son­dern zur Arbeit in die Kliniken geschickt. Der Haupt­grund der Schließung, also die Infek­tion­spräven­tion, wird somit unter­graben. Das Gesetz sieht vor, dass wir als Auszu­bildende keine aus­ge­bilde­ten Fachkräfte erset­zen, son­dern zusät­zlich zum Stamm­per­son­al eingeteilt wer­den müssen. Doch während Arbeiter*innen der Zeitar­beits­fir­men abgemeldet wer­den, arbeit­en wir als Auszu­bildende über­wiegend alleine, da es ein­fach zu wenig Per­son­al gibt, um eine prak­tis­che Aus­bil­dung zu gewährleis­ten.
Die Ver­schiebung nicht zwin­gend notwendi­ger Oper­a­tio­nen, sollte ursprünglich u.a. dem Zweck dienen, mehr Per­son­al bere­it­stellen zu kön­nen. In der Prax­is wurde die eh schon anges­pan­nte Per­son­al­si­t­u­a­tion durch die Kürzun­gen jedoch weit­er reduziert. Auch ohne Pan­demie ist es keine Aus­nahme, dass wir als Auszu­bildende mit dem ärztlichen Per­son­al alleine für unsere Patient*innen zuständig sind. Es ist eben­so nicht ungewöhn­lich, dass eine Pflegekraft über mehrere OP-Säle sprin­gen muss (vorge­se­hen wäre eine 1:1‑Betreuung) und Pausen auf­grund des Per­sonal­man­gels nicht regel­recht stat­tfind­en kön­nen.”
– S., Auszu­bildende an einem Münch­en­er Klinikum

“Hey! ich habe euren Post gese­hen und wollte euch mit­teilen, was ich gestern erlebt habe. Ich war in der Uni, wo ich studiere (UdK) und am Ende des Tages habe ich eine E‑Mail bekom­men, dass ab Mittwoch die Türen für Studierende und Gäste zu machen. Dann kam ich zum Pfört­ner und er war ziem­lich aufgeregt, hat mich gefragt, ob ich diese E‑Mail bekom­men habe und was genau das heißt. Ich meinte, ich wüsste auch nicht, aber dass vielle­icht dann nur Pro­fes­soren und Mitar­beit­er reinkom­men dürften. Er sagte: “Dann bin ich arbeit­s­los, weil alle diese Leute einen Schlüs­sel haben.” Ich habe ihn gefragt, ob er nicht angestellt war, und nein… ich wusste es nicht, aber die Pfört­ner sind aus­ge­lagerte Arbeit­er :/”
- Alice, Stu­dentin

“In den Semes­ter­fe­rien hat­te ich einen kleinen, aber gut bezahlten, Hon­o­rar­job in Aus­sicht, der glück­licher­weise auch noch genau in dem Fach war, welch­es ich studiere. Wie so oft bei Hon­o­rar­jobs im kün­st­lerischen Bere­ich wer­den die Verträge nicht Wochen vor Arbeits­be­ginn ver­schickt und unterze­ich­net, son­dern meist während oder nach der Tätigkeit, so auch bei mir. Ich hat­te bere­its begonnen, zwei Tage vor Ort und einen Tag im Home­of­fice für das Fes­ti­val zu arbeit­en, welch­es mir die Entwick­lung eines Work­shops und die Durch­führung dessen bezahlen wollte. Am Tag bevor der Work­shop hätte stat­tfind­en sollen, musste dieses Fes­ti­val, welch­es aus Fördergeldern des Sen­ates finanziert wird, abge­sagt wer­den. Da mir mein Arbeitsver­trag erst zwei Tage vor meinem Work­shop nach Hause geschickt wurde, hat­te ich noch nicht die Möglichkeit, diesen Ver­trag mit allen gewün­scht­en Unter­la­gen an die zuständi­ge Per­son vom Fes­ti­val zurück zu senden. Nun habe ich mir mehrere Tage Arbeit für einen Work­shop, der im End­ef­fekt nicht stat­tfind­en wird, gemacht. Jet­zt befinde ich mich ger­ade in der Schwebe, da immer noch nicht klar ist, ob ich das Geld für den Work­shop bekomme oder nur für die bere­its erbrachte Leis­tung, die bei selb­ständi­ger Entwick­lung im Home­of­fice aber ver­mut­lich schlecht gegenüber meinem Arbeit­ge­ber zu argu­men­tieren ist.”
- Stu­dent aus Berlin

“Es ist eine Ausnahmesituation…keine Frage. Wir haben bewusst den Job in einem Klinikun­ternehmen ange­treten. Da gibt es eben­falls keine Frage.
Was mich abso­lut zur Weißg­lut bringt, ist die Gefährdung unser­er Mitarbeiter*innen und Patient*innen.
Es wer­den dem Covid-19-Virus sämtliche andere Hygien­e­maß­nah­men unter­ge­ord­net.
Bei allem, was nicht Coro­na heißt, wer­den ger­ade ehe­ma­lige Hygien­ebes­tim­mungen run­terge­fahren.
Der ohne­hin schon seit Jahren existierende Per­son­al­druck auf unsere Mitarbeiter*innen wird ver­schärft und nun wer­den sie wieder moralisch erpresst. Während Alt­maier schon vor Wochen nach Steuer­erle­ichterun­gen für die Wirtschaft rief, bleibt die Finanzierung des Gesund­heitssys­tems unterirdisch.
Wie willst du dann Zeit gewin­nen, bis ein Impf­stoff gefun­den ist?”
- Mario, Kranken­haus­beschäftigter

“Seit Jan­u­ar warten wir auf den Virus und sind in den Kliniken weit­er Vol­l­last gefahren. Muss sich ja rech­nen. Sie kön­nen Geräte zur Beat­mung kaufen, aber wer bedi­ent die Teile?
Es war alles auf wirtschaftliche Effizienz getrimmt. So kon­nte und wollte man sich auch keine Lager­hal­tung für Kit­tel, Masken und Co. leis­ten.
Flächen­deck­end musste reduziert wer­den, Häuser und Notauf­nah­men schließen. Usw.
Wer Gesund­heit­sein­rich­tun­gen betreibt wie Aut­o­fab­riken, riskiert das Leben viel­er.
Und ich denke, es tra­gen auch die Chefe­ta­gen der Kliniken ihren Teil. Sie haben die Vor­gaben super umge­set­zt. Ob Kauf­mann, Che­farzt oder Pflegechefin.”
- Anonym, Pflegekraft im Kranken­haus

„Ich möchte als Pflegekraft arbeit­en, werde aber nicht genom­men, weil mein Führungszeug­nis schlecht ist. Die Ein­tra­gun­gen darin haben nichts mit Umgang mit Men­schen zu tun. Die bekla­gen sich über Per­sonal­man­gel, aber lehnen Bewer­ber ab, die da sog­ar Bock darauf hät­ten. Fehler im Sys­tem.”
- sophie

“Bib­lio­theken geschlossen? Was ist mit der Bach­e­lo­rar­beit?”
- luyis­sa

Auch auf Face­book wer­den in diesen Tagen viele Erfahrungs­berichte gepostet. Exem­plar­isch teilen wir hier einen Bericht ein­er Einzel­han­dels-Beschäftigten.

One thought on “#CoronaRealität: “Ich frage mich, wie ich die nächsten Wochen über die Runde komme”

  1. Mary Jane sagt:

    Meine Kol­le­gin saß weinend am Schreibtisch, weil sie zwei kleine Kinder hat und nie­man­den für die Betreuung…unser Chef meinte nur: das ist ihr per­sön­lich­es Prob­lem. Wir sind bei ein­er großen kirch­lichen Ein­rich­tung beschäftigt und berat­en Men­schen in per­sön­lichen Krisen, aber wir Mitarbeiter*innen erfahren keine Sol­i­dar­ität oder christliche Näch­sten­liebe. Es ist so ent­täuschend.

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