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BVG-Arbeiter*innen sind in Streiklaune

Bei den Berliner Verkehrsbetrieben stehen schwierige Tarifverhandlungen bevor. Wenn die BVG-Mitarbeiter ernst machen und in den Streik treten, würden – wie im Jahr 2008 – die U-Bahnhöfe verschlossen bleiben

BVG-Arbeiter*innen sind in Streiklaune

Könnte es demnächst zu Streiks bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) kommen? Frank Kulicke, Personalratsvorsitzender bei der Straßenbahn, zögert nicht: „Die Kollegen warten nur auf das Signal.“

Am Montag beginnen die Tarifverhandlungen zwischen BVG und der Gewerkschaft ver.di. Kulicke fordert einen »großen Schluck aus der Pulle, weil viele Kollegen sonst dem Unternehmen den Rücken kehren«. Der Personalmangel bei der BVG war in den letzten Monaten nicht zu übersehen. U-Bahnen kommen mit deutlich weniger Waggons oder fallen ganz aus. Laut Kulicke kommt das daher, dass langjährige BVG-Mitarbeiter*innen zu anderen Unternehmen wechseln, wo Arbeitsbedingungen und Bezahlung besser sind. So kommt die BVG mit der Ausbildung neuer Arbeitskräfte nicht hinterher.

Laut ver.di-Verhandlungsführer Jeremy Arndt seien die Löhne bei der BVG »überhaupt nicht konkurrenzfähig«. Beispielsweise bei der Deutschen Bahn könnten Lokführer*innen 400 Euro mehr verdienen. Auf einer Pressekonferenz am Donnerstag stellte die Gewerkschaft ihre vier Kernforderungen für die 14 000 Beschäftigten von BVG und ihren Tochterfirmen vor: Erstens sollen alle Mitarbeiter*innen eine Wochenarbeitszeit von 36,5 Stunden haben. Momentan gilt das nur für sogenannte Altbeschäftigte, die seit 2005 im Unternehmen sind. Neubeschäftigte arbeiten 39 Stunden. Eine Umfrage der Gewerkschaft habe gezeigt, dass diese Ungleichbehandlung als das größte Problem wahrgenommen wird.

Zweitens will ver.di neue Eingruppierungen der Gehaltsstufen. Viele Altbeschäftigte erhalten einen Sicherungsbetrag aus den alten Tarifverträgen. Dadurch verdienen diese einige hundert Euro mehr pro Monat. Die Höhe dieses Betrags ist individuell unterschiedlich. »Wir sind das größte Nahverkehrsunternehmen in Deutschland«, sagt BVG-Mitarbeiter Lothar Erich Kurth von der gewerkschaftlichen Basisgruppe ver.di aktiv. »Doch bei der Bezahlung liegen wir auf Platz 18.«Drittens soll das Weihnachtsgeld nicht erst nach zwölf Monaten im Betrieb bezahlt werden. Nach einer dreijährigen Ausbildung bei der BVG müssen übernommene Azubis dann über ein Jahr warten. Kurz erinnerte auch daran, dass seit 13 Jahren kein Urlaubsgeld mehr gezahlt wird. Dadurch habe das Unternehmen 200 Millionen Euro bei seinen Beschäftigten gespart, schätzt er. Das Urlaubsgeld gehört jedoch nicht zum gewerkschaftlichen Forderungskatalog.

Als viertes fordert ver.di eine Einmalzahlung in Höhe von 500 Euro für Gewerkschaftsmitglieder. Arndt verweist darauf, dass solche umstrittenen Prämien in letzter Zeit bei Nahverkehrsbetrieben in Sachsen-Anhalt und Hamburg beschlossen wurden.

Beim Thema Streik ist Arndt vorsichtig. Die Verhandlungen werden seiner Meinung nach »äußerst schwierig« sein, und auch wenn man am Liebsten alles am Verhandlungstisch lösen würde, »schließen wir Arbeitskämpfe nicht aus«. Dennoch will die Gewerkschaft, im Interesse der Fahrgäste Streiks mindestens 24 Stunden im Voraus ankündigen.

Die BVG dagegen wollte sich zu ihren Vorstellungen nicht äußern. »Verhandlungen werden am Verhandlungstisch geführt«, sagte ein Sprecher dem »nd«.

Nicht nur die BVG, sondern auch ver.di steht unter Druck. »Nach den letzten Jahren schauen alle Augen auf ver.di«, sagt ein Azubi, der wegen seiner Übernahme nicht namentlich zitiert werden möchte. »Für viele steht und fällt ihre weitere Gewerkschaftsmitgliedschaft mit dieser Tarifrunde.«

Ver.di macht keine Angaben zu ihrem Organisationsgrad. Doch Insider*innen berichten, dass die Mitgliederzahlen massiv eingebrochen seien, seitdem die Gewerkschaft im Jahr 2005 einem Absenkungstarifvertrag zugestimmt hat. Beschäftigte haben damals auf rund sechs Prozent ihres Lohns verzichten müssen, die Belegschaft ist bis heute gespalten.

Aktuell verdienen U-Bahn-Fahrer*innen mit allen Zulagen für die unregelmäßige Schichtarbeit zwischen 1600 und 1900 Euro pro Monat. Zum Vergleich: Das öffentliche Unternehmen zahlte ihrer Vorstandsvorsitzenden Sigrid Evelyn Nikutta laut aktuellem Beteiligungsbericht im Jahr 2017 rund 497 000 Euro.

Dieser Artikel erschien zuerst im neuen Deutschland.

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