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Brandbrief aus dem Botanischen Garten

Beschäftigte werden zum 1. Januar in die Freie Universität übernommen. Doch in einem Brandbrief kritisieren sie die Art und Weise, wie der Betriebsübergang laufen soll.

Brandbrief aus dem Botanischen Garten

Die Stim­mung unter den Beschäftigten des Botanis­chen Gartens in Lichter­felde kippt. Weil sich die Über­nahme zum 1. Jan­u­ar 2018 an die Freie Uni­ver­sität (FU) schwieriger gestal­tet als gedacht, hat der Betrieb­srat einen fün­f­seit­i­gen Brand­brief ver­fasst. Das Schreiben ging in diesen Tagen an die ins­ge­samt 160 Mit­glieder des Abge­ord­neten­haus­es. In dem Brief bemän­gelt die Arbeitnehmer*innenvertretung, dass es sich beim Botanis­chen Garten um keine ein­fache Über­nahme han­delt. Die Freie Uni­ver­sität ver­sucht, “Betrieb­sän­derun­gen” zu dik­tieren, mit “zum Teil gravierende Auswirkun­gen für die Beschäftigten, die nun im Schweins­ga­lopp umge­set­zt wer­den sollen”.

Der wichtig­ste Stre­it­punkt ist die Tech­nikabteilung. Momen­tan sind sieben Techniker*innen und zwei Elektriker*innen dafür zuständig, die kom­plizierten Anla­gen des Botanis­chen Gartens rund um die Uhr zu überwachen. Die FU will nur zwei davon als Hausmeister*innen behal­ten – der Rest soll in die mehrere Kilo­me­ter ent­fer­nte zen­trale Tech­nikabteilung der Hochschule eingegliedert wer­den, und “nur noch bei Havarien in den Garten aus­rück­en”, wird im Brand­brief kri­tisiert. 80 Beschäftigte haben eine Peti­tion für den Erhalt der Tech­nikabteilung unter­schrieben – bish­er ließ sich die Hochschule davon allerd­ings nicht beein­druck­en.

Anfang 2016 wurde bere­its der Reini­gungsser­vice vom Garten an eine Fremd­fir­ma vergeben, nach­dem die Per­son­aldecke über Jahre immer weit­er aus­gedün­nt wurde. Nun befürchtet der Betrieb­srat ähn­liche Pläne für die Tech­nik. Gle­ichzeit­ig soll jedoch der bish­erige Geschäfts­führer der Tochter­fir­ma vom Garten eine “weiche Lan­dung” mit einem gut dotierten Posten in der Uni­ver­wal­tung bekom­men.

20 Beschäftigte sind nur als Saisonkräfte angestellt, jedes Jahr von Anfang April bis Ende Novem­ber. Dazwis­chen müssen sie sich arbeit­s­los melden. Die FU hat Absicht­serk­lärun­gen gegeben, dass diese näch­stes Jahr wieder eingestellt wer­den, jedoch unter Vor­be­halt der wirtschaftlichen Mach­barkeit – und das, obwohl entsprechende Gelder schon in den Hochschul­verträ­gen vorge­se­hen sind. “Man lässt die Leute zit­tern bis näch­sten März” kri­tisiert Lukas S. vom Betrieb­srat.

Einen umfan­gre­ichen Fra­genkat­a­log zum Botanis­chen Garten beant­wortete die Press­es­telle der Freien Uni­ver­sität am Don­ner­stag zunächst nicht. Die Freie Uni­ver­sität unter­ste­ht dem Land Berlin. Der Berlin­er Sen­at, der auch im Kura­to­ri­um der FU vertreten ist, wirkt eher verärg­ert über die vie­len Rei­bun­gen. “Wir möcht­en, dass die Wiedere­ingliederung im Sinne der Beschäftigten erfol­gt”, sagt Franziska Brych­cy (LINKE) aus dem Abge­ord­neten­haus. Am 13. Novem­ber wird sich der Auss­chuss für Wis­senschaft und Forschung des Lan­despar­la­ments erneut mit dem Botanis­chen Garten beschäfti­gen.

Der Per­sonal­man­gel am Garten hat teils drama­tis­che Auswirkun­gen. Das Vik­to­ri­a­haus mit großen Wasserpflanzen kann ein halbes Jahr nach ein­er aufwendi­gen Sanierung man­gels Per­son­als nicht eröff­nen. Laut dem Direk­tor fehlen am Garten momen­tan 50 Stellen. In der Bezirksverord­neten­ver­samm­lung von Steglitz haben die FDP, SPD, Linke und AfD ein Appell lanciert: “Botanis­chen Garten ret­ten”.

Der Brand­brief der Beschäftigten ist unter­dessen der Höhep­unkt der Stim­mungsver­schlechterung unter den Beschäftigten. Vor einem Jahr war die Freude dage­gen noch riesig: Ein Tar­ifver­trag für alle Beschäftigten am Botanis­chen Garten war erkämpft wor­den. Zehn Jahre lang hat­te zuvor die Hälfte der Belegschaft für eine Tochter­fir­ma gear­beit­et. Sie beka­men Niedriglöhne und mussten teil­weise beim Job­cen­ter auf­s­tock­en. Doch nach einem lan­gen Arbeit­skampf sollte das Prinzip “gle­ich­er Lohn für gle­iche Arbeit” gel­ten.

Für weit­ere Freude sorgte danach die Ankündi­gung, dass die Tochter­fir­ma “Betrieb­s­ge­sellschaft Botanis­ch­er Garten und Botanis­ches Muse­um” (BG BGBM) zum Ende des Jahres aufgelöst wird – und damit die beschlossene Lohn­er­höhung ein Jahr früher kommt als erwartet. Angesichts der nun stock­enden Ver­hand­lun­gen ist die Euphorie aber ver­gan­gen.

FU-Kan­z­lerin Andrea Bör sagte im Som­mer im Par­la­ment: “Die FU hat sich zum Botanis­chen Garten bekan­nt, und sie ste­ht zu ihren Mitar­beit­ern.” Aus Kreisen der Belegschaft wird dage­gen ver­mutet, dass die FU-Leitung “Rache” für den lan­gen Arbeit­skampf und die erzwun­gene Eingliederung nehmen will. Wenn die bish­erige Inter­essen­vertre­tung weit­er für die Rechte der Belegschaft stre­it­et, wird das näm­lich automa­tisch zu höheren Per­son­alkosten führen. Und deswe­gen, so die Ver­mu­tung, soll diese kom­pak­te und kampfer­fahrene Belegschaft auseinan­derge­jagt wer­den.

Dieser Artikel ist zuvor im neuen Deutsch­land erschienen.

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