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Berlin: TagelöhnerInnen an den Schulen

Berlin: TagelöhnerInnen an den Schulen

Als Will Ramsay* zum letzten Mal in einer Berliner Grundschule Musikunterricht gab, schenkte ihm die Klasse 4a ein Abschiedsbuch, in das jeder etwas gemalt hatte. „Sie sind der beste Lehrer der Welt“, hieß es von einer zehnjährigen Schülerin.

Doch Ramsay, der aus New York stammt, ist kein älterer Herr, der in Pension geht. Er ist 26 und arbeitete ein halbes Jahr als Vertretungslehrer für Musik und Englisch in einer Schule in Berlin-Reinickendorf. Dann kamen die Sommerferien und sein Vertrag lief aus. Bis zum Ende der Ferien musste er sich mit anderen Jobs über Wasser halten: „Ich kann nicht mal Arbeitslosengeld beziehen, ohne meine Aufenthaltsgenehmigung zu gefährden, obwohl die Arbeitslosenversicherung jeden Monat von meinem Gehalt abgezogen wird“, sagt er.

Seit September arbeitet er in einer Reinickendorfer Sekundarschule – wie immer laufen die Verträge nur zwei Monate. Er hat jetzt drei Verträge hintereinander an der gleichen Schule bekommen, doch erst in ein paar Tagen erfährt er, ob er weiterarbeiten wird. Damals an der Grundschule sagte ihm sein Direktor zum Abschied: „Sie sind ein Opfer der Politik.“

In der Tat ist Ramsay kein Einzelfall, sondern einer von etlichen hundert oder gar tausend LehrerInnen in Berlin, die nur befristete Verträge und wenig Geld bekommen. Allein im Jahr 2011 wurden nach Auskunft der Senatsverwaltung für Bildung 2115 sogenannter PKB-Verträge geschlossen. PKB steht für „Personalkostenbudgetierung“ – ein System, das 2006 eingeführt wurde, um die dringendsten Löcher im Berliner Schulsystem zu stopfen. Zahlen fürs vergangene Jahr konnte die Verwaltung nicht nennen, wie viele „PKB-LehrerInnen“ derzeit im Einsatz sind, wisse man nicht.

Die Personalausstattung an Berliner Schulen liegt theoretisch bei 100 Prozent. Das klingt ausreichend, aber sobald ein/e Lehrer/in krank wird, gibt es ein Problem. Bei einer LehrerInnenschaft, die im Durchschnitt weit über 50 Jahre alt ist, tritt das häufig auf.

„Für die Betroffenen ist das PKB-System eine extrem belastende Situation“, berichtet Christoph Wälz, ein junger Lehrer an einer Sekundarschule in Pankow. „Sie wissen oft nicht, wie sie in ein bis zwei Monaten ihre Miete bezahlen werden.“ Er fordert, dass die Prekären durch eine gerechtere Eingruppierung ähnlich verdienen wie die Festangestellten und prinzipiell in den Ferien bezahlt werden. Vor allem will er eine Personalausstattung von 110 Prozent, wie sie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) seit Jahren fordert. Unter den PKB-Beschäftigten gibt es Studierende, ausgebildete LehrerInnen, die auf ein Referendariat warten oder schon hinter sich haben sowie „QuereinsteigerInnen“ – wozu auch Menschen mit einem Hochschulabschluss aus dem Ausland und ohne deutsches Staatsexamen zählen.

María Rojas* nahm eine Stelle als Englischlehrerin an, als ihr Antrag auf Hartz IV abgelehnt wurde. „Ich hatte schon Pulswärmer auf dem Weihnachtsmarkt verkauft, in einem Callcenter gearbeitet und Videospiele bei Mediamarkt vorgestellt“, erinnert sie sich. Für die 27jährige war die auf sechs Monate beschränkte halbe Vertretungsstelle nur ein weiterer prekärer Job – obwohl sie ein in Spanien abgeschlossenes Studium als Englischlehrerin vorweisen konnte. Sie hatte aber Glück: Nach einem halben Jahr bekam sie eine richtige Stelle an der gleichen Schule. Doch als „Lehrkraft nach ausländischem Recht“ kommt sie in eine niedrige Entgeltgruppe und erhält weiterhin weniger Geld als ihre angestellten KollegInnen. Dabei hat sie zwar kein deutsches Staatsexamen, unterrichtet aber an der Europaschule ausschließlich in ihrer Muttersprache, weshalb ein deutscher Abschluss kaum als „Qualifizierung“ zählen dürfte. Sie hat es natürlich besser als die Ein-Euro-JobberInnen, die letztes Jahr als Bürokräfte an der Schule eingesetzt wurden.

Auch Ramsay, der in seinen Lehrfächern Musik und Englisch keinen Titel vorweisen kann, hat mit Bürokratie zu kämpfen. „Ich habe schon in einer Schule in Harlem gearbeitet, und auch bei den Jugendorchestern von ‚El Sistema‘ in Venezuela“, erzählt er. „Manche Direktoren sagen mir, ich wäre eigentlich überqualifiziert.“ Dabei kennt er auch MusiklehrerInnen, die zwar den richtigen Abschluss haben, aber weder Instrumente lesen noch Noten lesen können. Wegen akuten Fachlehrermangels fällt in Berlin viel Musikunterricht ersatzlos aus.

Wenn die Schulen angeben können, dass künftig ein/e andere/e erkrankte/r Lehrer/in vertreten wird als zuvor, hat der/die PKB-Beschäftigte kein Recht auf Bezahlung in den Ferien. Und das kommt nicht selten vor: Ramsay hat nie erfahren, welche/n erkrankte/n Lehrer/in er offiziell vertreten sollte, da er bei vielen verschiedenen Klassen einspringen musste: „Ich sollte zum Beispiel auch als Assistenzlehrer für Schüler mit Lernschwierigkeiten arbeiten – denn diese Schüler hatten ein Recht auf eine zweite Lehrkraft –, aber ich musste so viele Vertretungen machen, dass ich diese Klasse fast nie gesehen habe.“ Und da seine Aufenthaltsgenehmigung an den Arbeitsvertrag gekoppelt ist, muss er alle zwei Monate zur Ausländerbehörde, was immer sechs Stunden Wartezeit und 40 Euro Gebühren bedeutet.

Die Perspektiven für diese Gruppe sind nicht rosig. Rojas hat sich an den Warnstreiks der angestellten Lehrer Mitte Januar beteiligt und ist in der neuen GEW-Gruppe in ihrer Schule aktiv, die sich im Anschluss gründete. „Im Vorfeld gab es Unsicherheit von Kollegen, die einen befristeten Vertrag haben“, berichtet Wälz. „Dennoch haben sich auch PKB-Beschäftigte am Warnstreik beteiligt.“ Ramsay ist erst mal skeptisch: Er würde gern in einer Initiative für Festeinstellungen mitwirken, doch seine 80-Prozent-Stelle lässt ihm wenig Zeit: Er sich um neue Jobangebote und seine Aufenthaltsgenehmigung kümmern.

* Namen geändert

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