Deutschland

Berlin: Protest gegen die Räumung von Obdachlosencamp

Rund 500 Menschen nahmen am vergangenen Freitag bei dem Protest gegen die Vertreibung der Bewohner:innen an der Rummelsburger Bucht teil. "Das war keine Hilfe, das war Räumung."

Berlin: Protest gegen die Räumung von Obdachlosencamp
©Simon Zamora Martin

Der Schnee bedeckt die Ruinen des Wohnungslosencamps an der gefrorenen Rummelsburger Bucht in Berlin. Bis vor einer Woche standen hier die Hütten von rund 100 Wohnungslosen. »Hier war ich zu Hause, und hier wäre keiner erfroren«, sagte ein ehemaliger Bewohner des Camps am Freitag gegenüber jW. Die Unterkünfte seien fast alle beheizbar gewesen. Und trotzdem: In der Nacht vom 5. zum 6. Februar räumten Polizisten das Camp, weil dort schon bald ein privates Aquarium entstehen soll.

»Das war keine Hilfe, das war eine Räumung«, hieß es deshalb am Freitag bei einem Protest gegen die Vertreibung der Bewohner, an dem rund 500 Personen teilnahmen. »Jetzt sind wir wieder da, wo wir angefangen haben: auf der Straße«, so Herbert im Gespräch mit dieser Zeitung. Er ist wütend. Mehr als einen kleinen Rucksack hat er nicht mehr. Den Campbewohnern wurde versprochen, dass sie ihre Sachen holen könnten. Doch am 6. Februar mussten sie mit ansehen, wie ein Bagger ihr Hab und Gut zusammenschob und in Müllcontainer kippte. Josi rechnet zusammen: »Zelt, Bodenplatte, Feldbett, Schlafsack, Ofen, Kochplatte. Über 800 Euro haben sie von mir geklaut.«

Lichtenbergs stellvertretender Bürgermeister Kevin Hönicke (SPD) möchte die Aktion jedoch nicht als Räumung, sondern als Hilfe für die Obdachlosen verstanden wissen. Schließlich wurden ihnen die so raren Kälteschutzplätze angeboten. Dem RBB erzählte Hönicke am vergangenen Dienstag, er habe den Eigentümer des Grundstücks aufgefordert, das Baggern einzustellen, was jedoch nicht geschah.

Ein Teil der Fläche gehört der CWB Coral World Berlin GmbH, die dort ihr Aquarium bauen will. Als Projektleiterin fungiert eine Person, die über beste Verbindungen in die Berliner Politik verfügt: Gabriele Thöne. Sie war als Staatssekretärin für Finanzen unter Thilo Sarrazin (SPD) unter anderem für die Immobilien der Hauptstadt verantwortlich. Ein anderer Teil der Fläche gehört der kommunalen Wohnungsbaugenossenschaft Howoge, der dritte Eigentümer ist der Berliner Senat, auf dessen Grundstück laut Angaben von ehemaligen Bewohnern ein Großteil der Hütten stand. Wer ist also für die Zerstörung verantwortlich?

Die ehemalige Staatssekretärin Thöne, die kommunale Wohnungsbaugenossenschaft oder die von der Linkspartei geführte Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen? Für Betroffene wie Jessi steht fest: »Wir klagen die politisch Verantwortlichen an. Nun wollen wir wenigstens für den Diebstahl entschädigt werden.« Über Twitter sicherte SPD-Mann Hönicke Jessi eine Entschädigung zu. Ob diese aber wirklich gezahlt wird, daran zweifelt sie. Die meisten vertriebenen Bewohner sind nun abgetaucht. Viele sind zurück in ihre Heimat gefahren, andere schlafen jetzt schutzlos unter irgendeiner Brücke.

Dieser Artikel erschien zuerst am 15. Februar bei jungewelt.de.

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