Deutschland

Autonome Unterhosenwichtel – Zur unsinnigsten Aktion des Jahres

13 Kabelbrände bei der Bahn haben in ganz Deutschland Chaos ausgelöst. Das soll ein linker Protest gegen die G20 sein – und kann nur nach hinten losgehen.

Autonome Unterhosenwichtel – Zur unsinnigsten Aktion des Jahres

Mon­tag früh am S‑Bahnhof Neukölln. Der Bahn­steig ist voll, der Zug kommt nicht, die Men­schen sind gen­ervt. Ein Kabel­brand am Trep­tow­er Park ist Schuld, heißt es über die Laut­sprech­er. Irgend­wann fährt die Ring­bahn wieder. Aber Rich­tung Südosten geht es für den Rest des Tages nur mit Schienen­er­satzverkehr. Wie kon­nte es zu diesem Brand kom­men? Nur eine weit­ere Folge des Kaputts­parens beim öffentlichen Nahverkehr in Berlin, denkt man sich.

Manche Betrof­fene wer­den ihre Smart­phones gezückt und die Nachricht­en gese­hen haben. Nicht die Deutsche Bahn ist dies­mal für die Ver­spä­tun­gen ver­ant­wortlich, son­dern “Chaoten” und “Link­sex­treme”, hieß es beim bürg­er­lichen Het­zblatt “B.Z.”. Einige Wenige – darunter auch ich – wer­den ihren Weg zu Indy­media Linksun­ten gefun­den haben, wo ein Bekenner*innenschreiben stand.

Wir unter­brechen die alles umfassende wirtschaftliche Ver­w­er­tung. Und damit die so stark verin­ner­lichte Entwer­tung von Leben. Wir greifen ein in eines der zen­tralen Ner­ven­sys­teme des Kap­i­tal­is­mus: mehrere Zehn­tausend Kilo­me­ter Bahn­strecke.

Bun­desweit wur­den 13 solch­er Anschläge gle­ichzeit­ig verübt: in NRW, Sach­sen und Sach­sen-Anhalt. Schein­bar war das als Protest gegen den G20-Gipfel in Ham­burg gedacht. (Wir dür­fen nicht vergessen, dass vielle­icht auch eine staatliche Pro­voka­tion dahin­ter­steck­en kön­nte.)

Aber was genau soll damit erre­icht wer­den? Glauben die Aktivist*innen, dass die zen­tralen Kap­i­tal­ströme des deutschen Impe­ri­al­is­mus mit der S‑Bahn durch Ost­ber­lin fahren?

Nein, wer­den die Verfasser*innen argu­men­tieren, dieser Kabel­brand soll viel mehr andere Men­schen ermuti­gen, selb­st Sab­o­tageak­te durchzuführen. Gut. Und? Wird das passieren? Wird die Hypothese aufge­hen?

Wenn wir uns die Geschichte des Kap­i­tal­is­mus anschauen, gab es deut­lich spek­takulärere Atten­tate – auch Kaiser*innen sind in die Luft gesprengt wor­den. Hat­ten sie jemals den erhofften Effekt, die Pas­siv­ität und Res­ig­na­tion unter den Aus­ge­beuteten zu über­winden?

Diese autonome Tak­tik ist let­z­tendlich ein Aus­druck der poli­tis­chen Verzwei­flung. Wenn uns wirk­lich gar nichts ein­fällt, um die Massen zum Kampf anzus­tacheln, dann… naja, immer­hin kön­nen wir etwas anzün­den.

Mich erin­nert dieser Plan ein wenig an die “Unter­ho­sen­wich­tel” bei South Park. Diese magis­chen Krea­turen schle­ichen sich nachts in die Schlafz­im­mer von Men­schen, um ihre Unter­wäsche zu stehlen. Warum? Sie haben einen großen Plan: Schritt 1 ist, Unter­wäsche zu stehlen. Schritt 3 ist Prof­it. Aber was ist Schritt 2? Keine*r der Wich­tel kann sich erin­nern…

Ich denke, der Plan der Autonomen ist in diesem Fall ähn­lich: Schritt 1 ist, Feuer zu leg­en. Schritt 3 ist, eine befre­ite Gesellschaft jen­seits des Kap­i­tal­is­mus zu erre­ichen. Aber was ist Schritt 2?

Low­er Class Mag­a­zine kri­tisiert die Aktion völ­lig zu Recht als “Schuss ins eigene Knie.” Sie zitieren die Bewe­gung 2. Juni und Che Gue­vara – sie wollen Gueril­la-Aktio­nen, die darauf aus­gerichtet sind, die Sym­pa­thie der Bevölkerung zu gewin­nen.

Doch eine Gueril­la-Strate­gie hat immer die Eigen­schaft, dass kleine, verdeck­te Grup­pen im ver­meintlichen Inter­esse der arbei­t­en­den und armen Bevölkerung han­deln. Das kann ihnen bess­er oder schlechter gelin­gen – aber die Massen bleiben auch unter den gün­stig­sten Umstän­den Zuschauer*innen.

Marxist*innen dage­gen set­zen auf die massen­hafte Selb­stor­gan­isierung der Aus­ge­beuteten. Die Massen sollen nicht auf eine*n anonyme*n Kämpfer*in in oliv­grün­er Uni­form oder schwarz­er Has­s­maske set­zen, son­dern auf die eigene Kampfkraft.

Denn die Kampfmit­tel der Massen – Demon­stra­tio­nen, Block­aden, Streiks – stören den Wirtschaft­skreis­lauf viel mehr als isolierte Mil­i­tanz. Wir brauchen nur einen Blick auf die Streiks der Lokführer*innen zu wer­fen, die deut­lich mehr Ver­spä­tun­gen verur­sacht­en als diese 13 Kabel­brände.

Die Aktivist*innen, die diese nächtlichen Aktio­nen durch­führten, haben ihren Mut unter Beweis gestellt. Sie labern nicht nur, son­dern nehmen Risiken auf sich, um ein Zeichen gegen das Sys­tem zu set­zen, das auf der Aus­beu­tung von Mil­liar­den basiert. Das begrüßen wir.

Aber sie brauchen eine ganz andere Strate­gie. Wie wäre es, wenn sie mit ihrem ganzen Mut in die Groß­be­triebe gehen wür­den, um Proletarier*innen zu organ­isieren? Das ist am Anfang weniger spek­takulär – aber kann langfristig dem Kap­i­tal viel größere Schä­den zufü­gen.

Die Organ­i­sa­tion von Mil­liar­den Arbeiter*innen weltweit mit dem Ziel, die poli­tis­che Macht zu erobern und das Kap­i­tal zu enteignen, ist ein müh­samer Prozess. Aber es ist unsere einzige Chance, um die Men­schheit vor dem Kap­i­tal­is­mus zu ret­ten. Und viel real­is­tis­ch­er als Unter­ho­sen­wich­tel-Aktio­nen.

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