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Ausstand in der Jurte

Ausstand in der Jurte

Eine schwarze Jurte unter hohem Schnee – dieses runde Nomadenzelt befindet sich nicht in der mongolischen Steppe, sondern in Hamburg-Stellingen. Es ist das Streikzelt vor dem Verpackungshersteller Neupack, wo die Mehrheit der 200 Beschäftigten der zwei Werke in Hamburg und Rotenburg bereits seit dem 1. November ihre Arbeit niedergelegt hatten.

Doch mehr als die Jurte sieht man aktuell nicht vom Streik. Seit vorletzter Woche sind alle wieder bei der Arbeit. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hatte den Vollstreik am 24. Januar nach über 100 Tagen ausgesetzt und führt nun nur noch einen sogenannten „Flexi-Streik“ durch. Die Streikenden müssen seitdem direkt neben den StreikbrecherInnen arbeiten – darunter sind sowohl langjährige KollegInnen wie Angestellte aus Polen, die ursprünglich als LeiharbeiterInnen beschäftigt waren, nun aber Verträge bis 2014 erhalten haben.

Am Montag und am Mittwoch fanden Verhandlungsrunden statt. Die IG BCE fordert einen Tarifvertrag, doch die Eigentümerfamilie Krüger bietet stattdessen nur eine „Regelungsabsprache“, die nicht kollektiv, sondern nur individuell einklagbar wäre. Außerdem geht es um eine Maßregelungsklausel, damit die zahlreichen Kündigungen und Abmahnungen gegen Streikende zurückgenommen werden.

„Sie sagen, wir hätten keine Leistung erbracht“, sagte Daniel Sykora, ein 28 Jahre alter Packer, der vor einigen Wochen seine Kündigung erhielt. „Dabei packen wir 200 Kartons pro Stunde“, ergänzt sein ebenfalls gekündigter Kollege Ronny Rathsack, 24 Jahre alt. Er will nicht wieder an die Arbeit gehen, bis es einen Tarifvertrag gibt: „Ohne Tarifvertrag kann der Besitzer machen, was er will.“

Gleichzeitig werden Abmahnungen ausgesprochen: Ein Streikender wurde gerügt, weil er bei der Arbeit keine Ohrstöpsel trug, obwohl der Streikbrecher direkt neben ihm für dasselbe „Vergehen“ nicht angesprochen wurde. Die IG BCE prangerte an, dass über 40 ArbeiterInnen, die während des Streiks beurlaubt oder krankgeschrieben sind, für die Streiktage im Februar nicht bezahlt wurden – ein klarer Gesetzesbruch.

Während der Kapitalist mit harten Bandagen spielt, setzt die IG BCE weiterhin auf Sozialpartnerschaft. Der „Flexi-Streik“ soll Verhandlungsbereitschaft signalisieren – und verschafft der UnternehmerInnenfamilie volle Lager. In der Belegschaft herrscht Unmut über die Taktik, die in der Gewerkschaftszentrale in Hannover entschieden wurde. „Die Stimmung ist gedrückt“, sagte eine Kollegin, die seit 16 Jahren bei Neupack arbeitet. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen.

„Die Streikenden werden völlig im dunkeln gelassen“, kritisiert ein Gewerkschafter, der sich im Soli-Kreis für den Neupack-Ausstand engagiert. Er fordert eine bessere Informationspolitik. Doch: „Es gibt nun mal eine streikführende Gewerkschaft, und sie entscheidet, wo es langgeht“, so Sekretär Rajjo Pientka auf einer Versammlung des Soli-Kreises für den Neupack-Streik am Dienstag. Eine Mitgliederversammlung am Donnerstag sollte etwas Klarheit über den jetzigen Verhandlungsstand bringen.

„Diese Belegschaft kämpft entgegen dem gesellschaftlichen Trend für einen Tarifvertrag“, sagte Christin Bernhold vom der Linksjugend-Solid in Hamburg. Ihr Jugendverband engagiert sich von Anfang an im Soli-Kreis, weil „der Klassenkampf ein zentrales Handlungsfeld für die Linken“ ist.

Am Freitag Abend spricht Murat Günes, Betriebsratsvorsitzender und Streikführer von Neupack, auf einer Solidaritätsversammlung in Berlin. Verschiedene politische und gewerkschaftliche Gruppen wollen auch in der Hauptstadt konkrete Solidarität organisieren. Günes hatte bereits im Interview die demoralisierende Wirkung des „Flexi-Streiks“ kritisiert.

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