Unsere Klasse

„Aufstehen. Streiken. Sein Gehirn benutzen und sich organisieren.“

Protest gegen die Querdenken-Bewegung muss nicht heißen, die Regierungspolitik zu unterstützen. Das beweist ein Krankenhaus-Azubi mit seiner Rede, die er auf einer Gegenkundgebung in Memmingen gehalten hat. Darin rechnet er mit den Versprechen der Regierung an die Pflege ab und ruft dazu auf, sich zu organisieren.

„Aufstehen. Streiken. Sein Gehirn benutzen und sich organisieren.“
Bild: Konnex Memmingen

In vielen Städten bundesweit formiert sich derzeit der Gegenprotest gegen die sogenannten Spaziergänge der von Rechten angeführten Querdenken-Bewegung. Vergangene Woche fand in Memmingen im Unterallgäu eine Kundgebung unter dem Motto „Solidarität mit den Arbeiter:innen in Gesundheits- und Sozialberufen statt Geschwurbel und Egoismus“ statt. Als Azubi im Krankenhaus hielt Michi folgende Auftaktrede, in der er die nicht tragbaren Arbeitsbedingungen darstellt und auf die leeren Versprechen der alten und der neuen Regierung eingeht. „Wir müssen uns selbst organisieren, die Motivation und den Frust aufnehmen, uns zusammenschließen und zurückschlagen“, lautet sein Aufruf.

Hey Leute,

ich bin der Michi, ich bin im dritten Lehrjahr der Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger am Uniklinikum Augsburg.

Jede Pflegekraft kennt diese Momente: Mittwochmorgen, sechs Uhr auf Station: zwei examinierte Krankenpfleger und zwei Azubis. Einer im dritten, eine im ersten Jahr – 46 Patienten. 18 Pflegefälle. Neben sechs extra zeitaufwändigen PKMS-Patienten [gemeint sind Patient:innen, die nach dem Pflegekomplexmaßnahmen-Score besonders pflegebedürftig sind, Anm. d. Red.] wohnen dem Spektakel noch sieben Iso-Zimmer [Isolationszimmer für besonders infektiöse Patient:innen, Anm. d. Red.] bei. Volles Haus bringt dem System eben echt viel Kohle.

Was die Personalbesetzung der Pflegekräfte betrifft, wissen wir alle, dass es einem geldgeilen profitorientierten Unternehmen egal ist, ob seine Beschäftigten seit Monaten am Limit arbeiten, Familie und Freizeit links liegen lassen, um in der Arbeit halbwegs fit zu sein oder jede Nacht schweißgebadet aufwachen, weil sie ein Beatmungsgerät pfeifen gehört zu haben glauben.

Die Problematik um Personalengpässe in der Pflege ist bekannt. Doch diejenigen, die nicht aus dem Beruf flüchten, werden Jahr um Jahr weiter hingehalten. Wir werden gezielt vom System verarscht. Dass sich ein Jens Spahn bewusst war, dass Pflegekräfte von der deutschen Sparpolitik missbraucht werden, um die ökonomisierten Krankenhäuser am Laufen zu halten, ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Genauso sicher ist, dass es unseren Klinik-Vorständen klar ist, wie es auf den Stationen zugeht. Die wissen, dass eine gute Pflegekraft lieber zwei unbezahlte Überstunden macht, nach dem Spätdienst in den Frühdienst wechselt oder einen Anruf aus der Arbeit im Frei annimmt, um keine Patienten zu gefährden und den Saftladen am Laufen zu halten.

Soldaten sagen, es gibt diesen Moment, in dem man sich selbst isoliert. Das Chaos auf null stellt, seine Umgebung ignoriert und die körpereigenen Wahrnehmungsrezeptoren ausschaltet. Wenn alles zu viel wird. Wenn sich die unmenschliche Reizüberflutung in Abstumpfung und Rückzug äußert. Wenn man der Situation mental entflieht.

Doch wir Pflegekräfte können das nicht. Die Synapsen klirren lauter als die volle Bettpfanne, die man gerade fallen gelassen hat. Die Emotionen kochen hoch und trotzdem bewahrt man Ruhe. Das vom Stress ausgelöste Adrenalin durchdringt unseren Körper und wir handeln. Handeln in Windeseile. Müssen Prioritäten setzen und triagieren. Lasse ich Patient A noch weitere 15 Minuten in seinen Ausscheidungen liegen oder mache ich Patient B zur Untersuchung fertig, die in zehn Minuten anfängt? Habe ich Patient C 500 oder 1000mg Novalgin gegeben?

Scheiße, ich muss noch fünf Leute waschen und dokumentieren und die Wunderverbände wechseln und die restlichen Antibiosen anhängen. Und die Frau auf 133 liegt jetzt auch schon seit einer Stunde auf der Bettschüssel und den Katheter auf 145 muss ich auch noch legen.

Und so kommen wir wieder zurück zum Soldaten im Kriegsgebiet. Ein Krankenhaus ist kein Kriegsgebiet, sondern ein Ort, an dem kranke Menschen wieder gesund gepflegt werden sollen.

Doch was tun wir jetzt, wenn die Menschen, die die Kranken pflegen sollen, selber kaputt und ausgebrannt sind? Was sollen wir tun, wenn es für uns nichts weiter als Geklatsche vom Balkon gibt? Wenn die fehlende gesellschaftliche Wertschätzung vom Arbeitgeber missbraucht wird, um uns trotz der ominösen Systemrelevanz weiter auszubeuten? Was tun, wenn der Arbeitgeber die Überlastung des Pflegepersonals mit dem Ende der Pandemie wegrelativiert?

Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Aufstehen. Streiken. Sein Gehirn benutzen und sich organisieren. Forderungen aufstellen und dafür einstehen. Die Berliner Krankenhausbewegung hat uns 135 Jahre nach den Haymarket Riots einmal mehr gezeigt, dass sich was tut, wenn sich die Massen bewegen und man auf den Tisch haut.

Eine unserer Gewerkschaftsforderungen bei der letzten Tarifvertragsverhandlung der Länder Ende November waren hundert Euro mehr für alle Auszubildenden. Jetzt schaut mich nicht so schockiert an.

Wenig überraschend haben die Forderungen mal wieder am Ziel vorbei geschossen. Die stetige Geldforderung ist zwar dringendst nötig, jedoch sicherlich nicht in dieser Form. Seit Jahren werden kontinuierlich kleine Geldsummen mehr gefordert. Sei es Grund der Inflation oder eben einfach nur so.

Die sogenannte Forderungsfindungsphase, um Forderungen für die Tarifverhandlungen aufzustellen, funktioniert leider nicht realitätsgebunden. Wenn man sich mit einem Stand vor eine Berufsschule stellt und unterbezahlte ausgebeutete Azubis fragt, ob sie Lust hätten, hundert Euro mehr zu verdienen, sagen sie natürlich ja. Und wenn nur einer von zehn eine andere Forderung äußert, so haben sich eben trotzdem 90 Prozent der Befragten für mehr Geld ausgesprochen.

Was die letztlich ausgehandelten 70 Euro für Azubis oder 2,8 Prozent mehr für examinierte Fachkräfte im Hinblick auf eine Inflationsrate von gut fünf Prozent bewirken sollen, weiß keiner. Der Frust der Klinikbeschäftigten ist groß und das Vertrauen in die Gewerkschaften schwindet zunehmend.

Ein Quäntchen Hoffnung bleibt jedoch. Viele Pflegekräfte hoffen auf Besserung durch die neue Ampel-Koalition.

Doch auch dieser Schein trügt. Während SPD und Grüne in ihren Wahlversprechungen vor der Bundestagswahl noch davon sprachen, das aktuelle Krankenhausfinanzierungssystem um die sogenannten DRGs, zu Deutsch Fallpauschalen, auf den Prüfstand stellen zu wollen, offenbart sich diese Aussage mittlerweile als falsch. Im mittlerweile veröffentlichen Koalitionsvertrag bleibt kaum etwas davon übrig.

So soll es lediglich eine DRG-Mini-Reform geben. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die DRGs abgeschafft werden, sondern, dass das kranke System kurz und knapp noch auf die ambulanten Bereiche ausgeweitet wird. Demnach ändert sich am Finanzierungsmodell überhaupt nichts und wer wie behandelt wird, entscheidet nun auch im ambulanten Bereich der Preis und nicht der medizinische Bedarf.

Fazit: Der Forderung, das Finanzierungssystem zu verändern bzw. abzuschaffen, wird nicht nachgekommen. Die Pflege wird sich weiterhin unserem kranken, profitorientierten Gesundheitssystem anpassen müssen und entfernt sich zunehmend von echter bedarfsorientierter, patientennaher Pflege.

Entsprechend wird der Beruf trotz Corona-Pandemie, öffentlichem Aufsehen und unzähligen Versprechungen der Politiker nicht attraktiver, die Berufsflucht wird weiter voranschreiten und alt werden wünscht man wirklich niemandem mehr.

Das Uniklinikum Augsburg versucht währenddessen mit einer alternativen Taktik die Beschäftigten bei Laune zu halten. Neben wöchentlichen Müllermilch-Aktionen, bei der sich jeder eine Flasche Kakao umsonst nehmen darf, und einem Weihnachtsgeschenk in Form einer billigen, nicht-spülmaschinen-festen Trinkflasche gibt es jetzt auch den Veggie-Monday. Zusätzlich wurde im November endgültig der Vogel abgeschossen, als unsere Eingangshalle mit meterlangen Schriftzügen unter dem Hashtag UKA-Vorbilder ausgeschmückt wurde.

Die Sorge, dass sich nie etwas ändern wird, nimmt in den Köpfen der Klinikbeschäftigten mehr und mehr Gestalt an. Wir müssen uns selbst organisieren, die Motivation und den Frust aufnehmen, uns zusammenschließen und zurückschlagen.

Schulter an Schulter werden wir uns die Kliniken zurückerkämpfen! Nicht auf diesen Staat vertrauen, Gegenmacht von unten bauen!

In Memmingen finden immer montags um 18:30 auf dem Rathausplatz Kundgebungen zu wechselnden Themen statt. Aktuelle Ankündigungen auf der Instagram-Seite des Soziokulturellen Vereins Konnex Memmingen

One thought on “„Aufstehen. Streiken. Sein Gehirn benutzen und sich organisieren.“

  1. SSV Ulm 1846 Fans sagt:

    Richtig so!
    Solidarität und zusammen stehen gegen das kranke kapitalistische System umd verwirrte und rechte Querdenker!

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