Frauen und LGBTI*

Auch nach Köln: Gegen Sexismus und Rassismus!

„Tausend besoffene Flüchtlinge überfallen massenhaft deutsche Frauen." So klangen die ersten Meldungen zur Silvesternacht in Köln. Klar ist, dass viele Frauen einen Albtraum an sexistischer Gewalt erleben mussten. Doch die Geschichte wird für eine massive rassistische Kampagne missbraucht.

Auch nach Köln: Gegen Sexismus und Rassismus!

Die Sil­vester­nacht in Köln ist in aller Munde: Min­destens 75 Frauen erfuhren dort sex­uelle Gewalt, in der Öffentlichkeit, an einem Ort voller Men­schen, als sie eigentlich nur fröh­lich das neue Jahr begrüßen woll­ten. Jedes Mal, dass so etwas passiert, ist ein­mal zu viel. Es ist eine Qual für die betrof­fe­nen Frauen, viele lei­den noch Jahre später unter dem Über­griff. Und es schafft ein Kli­ma der Angst für alle Frauen, welch­es es ihnen schw­er­er macht, ihr Leben unbeschw­ert zu genießen. Gewalt an Frauen fes­tigt auch immer eine Ord­nung, in der öffentliche Räume männliche Räume sind und Frauen poten­tielle Opfer.

Die Silvesternacht in Köln und die Reaktionen

Sex­uelle Über­griffe sind schlimm für die Betrof­fe­nen, egal von wem sie aus­geübt wer­den. Aber es ist glasklar­er Ras­sis­mus, wenn Sex­is­mus nur bei Migranten erkan­nt und skan­dal­isiert wird, um dann – den Sex­is­mus von weißen Deutschen ignori­erend – von der eige­nen „kul­turellen Über­legen­heit“ zu phan­tasieren. Beobacht­en lässt sich auch das bei den Ereignis­sen in Köln.

Was ist genau passiert? In der Sil­vester­nacht soll sich vor dem Köl­ner Dom eine Gruppe von ca. 1000 Män­nern – wobei die Angabe stark schwanken – ver­sam­melt haben. Einige von ihnen sollen im Schutz der Masse Frauen sex­uell belästigt und dabei aus­ger­aubt haben, auch eine Verge­wal­ti­gung soll stattge­fun­den haben. Die Lokal­presse berichtete und knapp eine Woche danach sind die Ereignisse in aller Munde. Es wur­den bere­its mehr als 100 Anzeigen erstat­tet, min­destens 75 davon sprechen von sex­ueller Beläs­ti­gung und Über­grif­f­en. Weit­ere Infor­ma­tio­nen wer­den noch gesam­melt, über eine wird bere­its heiß disku­tiert: Nach Zeu­ge­naus­sagen sollen die Täter einen nordafrikanis­chen Migra­tionsh­in­ter­grund haben. Dies lieferte natür­lich eine Steil­vor­lage für das rechte Lager, das allein die Herkun­ft als auss­chlaggebend für die Über­griffe ansieht. Sobald Ras­sis­mus mit ver­meintlichen Fak­ten unter­legt wer­den kann, gilt er als gesellschafts­fähig.

Klar ist also, das es sich um krasse Fälle von Sex­is­mus und Gewalt an Frauen han­delt, die abso­lut zu verurteilen sind. Klar ist aber auch, dass nun eine unge­heure Instru­men­tal­isierung durch Rassist*innen stat­tfind­et. Der CSU-Gen­er­alsekretär Andreas Scheuer forderte eine sofor­tige Abschiebung von Geflüchteten, die sex­uelle Gewalt ausüben, der CDUler Jens Spahn forderte einen neuen „Auf­schrei“, den es son­st doch bei jedem kleinen „Dirndl­witz“ gebe.

Doch es gab nicht nur solche wider­wär­ti­gen Reak­tio­nen: Am Dien­stag abend gin­gen in Köln mehrere Hun­dert Men­schen auf die Straße, um gegen Gewalt an Frauen, aber auch gegen die ras­sis­tis­che Instru­men­tal­isierung zu protestieren. Dabei hiel­ten sie Schilder mit der Auf­schrift „Gegen Sex­is­mus – Gegen Ras­sis­mus“ hoch. „Die Ereignisse in der Sil­vester­nacht waren ein krass­er Auszug sex­ueller Gewalt gegen Frauen. Das ist schlimm, aber die Gewalt gegen Frauen ist ein All­t­agsphänomen, dem viele aus­ge­set­zt sind“, meinte eine Teil­nehmerin. Die Mod­er­a­torin der Ver­anstal­tung, Tan­ja Wiesen­hof, sagte: „Das Prob­lem von Män­nerge­walt ist kein Einzelfall und schon gar keins, das mit Migranten zu tun hat.“

Rassismus und Alltagssexismus

Viele Politiker*innen war­nen nun zwar vor einem Gen­er­alver­dacht gegenüber Migranten, jedoch ist schon allein die Nen­nung und Fokussierung auf die Herkun­ft der Täter ein Prob­lem. Denn wer käme auf die Idee, sie bei deutschen Män­nern zu erwäh­nen. Das Entset­zten wäre wohl über­haupt nicht so groß, wenn die Täter als bio-deutsch iden­ti­fiziert wor­den wären und es ist fraglich, in welchem Aus­maß darüber berichtet würde. Es ist auch fraglich, ob sich die betrof­fe­nen Frauen getraut hät­ten, die Über­griffe über­haupt anzuzeigen. Denn aus gutem Grund wird nur ein Bruchteil der sex­uellen Über­griffe in Deutsch­land angezeigt: Frauen wird oft gar nicht erst geglaubt und ihnen wird sel­ber die Schuld an den Vor­fällen gegeben.

Es ist gut, wenn Frauen geglaubt wird, wenn sie von Über­grif­f­en bericht­en. Er ist aber ein Zeichen für den krassen Ras­sis­mus, dass das nur dann der Fall ist, wenn weiße Frauen Migranten anzeigen. Es wird so getan, als ob Migranten und Geflüchtete prinzip­iell Sex­is­ten sind – und als ob Gewalt an Frauen durch „Bio-Deutsche“ die Aus­nahme wäre. Dabei gehören sex­uelle Über­griffe zum All­t­ag von Frauen, die in Deutsch­land leben, egal welch­er Herkun­ft. Und sie find­en in allen Teilen der Gesellschaft statt. Frauen sehen sich am Arbeit­splatz und auf der Straße, meist aber im Pri­vat­en, in der Fam­i­lie, sex­uellen Über­grif­f­en aus­ge­set­zt, wer­den zudem per­ma­nent mit sex­is­tis­chen Witzen und Wer­bun­gen kon­fron­tiert. Der #Auf­schrei, der vor zwei Jahren All­t­ags­sex­is­mus the­ma­tisierte, stieß zwar auf viel Res­o­nanz, aber auch auf min­destens so viel Gegen­wehr. Das zeigt die Akzep­tanz, die Sex­is­mus in der Gesellschaft hat.

Das wird in Köln ger­ade im Karneval, Jahraus Jahrein das Fest des nor­mal­isierten sex­uellen Über­griffs, deut­lich. Tra­di­tion des rheinis­chen Karnevals ist zum Beispiel das Bützchen: Oft junge Frauen wer­den von Män­nern aus dem Karneval­sumzug dazu gedrängt, ihnen einen Kuss auf die Wange zu geben – wer nicht mit­macht, ist eine Spielverder­berin. Die Köl­nis­che Rund­schau verkün­det unbeküm­mert: „Das Bützchen […] gehört dem DAV zufolge aber zum Brauch­tum. Wer das als sex­uelle Beläs­ti­gung auf­fasst, sollte dem Karneval fern­bleiben.” So kann man sich die Welt auch zurecht biegen: Sex­uelle Gewalt wird nur anerkan­nt, wenn sie durch „die Anderen“ verübt wird, wenn deutsche Män­ner sie ausüben – und dann sog­ar noch als Teil unser­er guten deutschen Tra­di­tion! — sind die Frauen sel­ber schuld, wenn sie sich dem aus­set­zen. Das ist klas­sis­ches Vic­tim Blam­ing.

In eine ähn­liche Kerbe schla­gen nun auch die Vorschläge der Ober­bürg­er­meis­terin von Köln. Es solle nun Ver­hal­tensregeln für Frauen und Mäd­chen für Großevents geben – als ob es in der Ver­ant­wor­tung der Opfer läge, sich vor Sex­is­mus zu schützen. Und es solle „Ver­hal­tensregeln für Karneval­is­ten ‘aus anderen Kul­turkreisen’ geben, ‘damit hier nicht ver­wech­selt wird, was ein fröh­lich­es Ver­hal­ten ist in Köln und was mit Offen­heit, ins­beson­dere sex­ueller Offen­heit über­haupt nichts zu tun hat.’ ” Klar, es ist eben nicht immer leicht zu erken­nen, welch­es der Sex­is­mus ist, der eigentlich kein­er ist, weil er ja nor­mal­isiert und von Tra­di­tio­nen gedeckt ist.

In Abgren­zung zu anderen Län­dern gilt die hiesige Gle­ich­berech­ti­gung dann aber als Vorzeige­pro­jekt. Kristi­na Schröder meldet sich mal wieder aus dem Off und fordert nun eine Auseinan­der­set­zung mit „gewaltle­git­imieren­den Männlichkeit­snor­men ander­er Kul­turen“, die rechte „Fem­i­nistin“ Alice Schwarz­er set­zt ihre ras­sis­tis­che Het­ze fort und spricht von ein­er falschen Tol­er­anz gegenüber mus­lim­is­chen Män­nern, die ihrer Mei­n­ung nach nun Ter­ror und Krieg nach Köln brächt­en und die west­liche Errun­gen­schaft der Gle­ich­stel­lung in Gefahr brächt­en.

Gemeinsam gegen Sexismus und Rassismus

Auch der rechte Mob von Pegi­da und Co. inter­essiert sich nur dann für Frauen­rechte, wenn er es für die eigene ras­sis­tis­che Agen­da nutzen kann. Dabei schert er sich son­st nicht im Ger­ing­sten um das Woh­lerge­hen von Frauen, wenn er sie zum Beispiel in ihre tra­di­tionelle Rolle in der Fam­i­lie zurück­drän­gen oder ihnen den Zugang zu Abtrei­bung ver­weigern will. Ihre Besorg­nis um die sex­uelle und kör­per­liche Selb­st­bes­tim­mung von Frauen ist also vorgeschoben und zynisch. Das wird auch klar, wenn man bedenkt, dass nur deutsche weiße Frauen damit gemeint sind – zum Beispiel die geflüchteten Frauen, die ins Elend abgeschoben wer­den sollen, sollen näm­lich nicht beschützt wer­den.

Rechte „Feminist*innen“ um Alice Schwarz­er schaf­fen es meist bess­er, sich als die Verteidiger*innen der Frauen darzustellen. Dabei inter­essieren sie sich nicht für die echt­en Prob­leme der Mehrheit der Frauen. Sie befür­worten impe­ri­al­is­tis­che Inter­ven­tio­nen und küm­mern sich nicht darum, welch­es Elend das für Frauen in den betrof­fe­nen Län­dern bedeutet. Vor allem befeuern sie mit dieser Unter­stützung aber auch den Ras­sis­mus im eige­nen Land und spie­len so Frauen in Deutsch­land gegeneinan­der aus. Sie tun dies, weil ihre Inter­essen nicht denen der Mehrheit der Frauen entsprechen und sie ein vol­lkom­men anderes Leben mit anderen Möglichkeit­en leben – die Mil­lio­nen die Alice Schwarz­er in der Schweiz geparkt hat, sprechen hier Bände.

Um dem Sex­is­mus zu begeg­nen müssen sich hinge­gen Frauen, und sol­i­darische Män­ner jed­wed­er Herkun­ft ohne sich spal­ten zu lassen gegen Gewalt an Frauen, gegen sex­uelle Über­griffe und gegen sex­is­tis­che Ide­olo­gien und ihre Grund­lage organ­isieren. Dafür müssen sie sich aber auch gegen Ras­sis­mus stellen. Denn nur der gemein­same Kampf kann erfol­gre­ich sein. Die Demon­stra­tion gegen Gewalt an Frauen am Dien­stag in Köln kann ein Auf­takt für eine solche Gegen­wehr sein. Alle anderen Wege führen entwed­er zur Rel­a­tivierung der unge­heuren Vor­fälle von Köln, oder leis­ten der aktuellen ras­sis­tis­chen Stim­mung noch weit­eren Vorschub.

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