Unsere Klasse

Busfahrerin in Paris: Unsere Interessen sind ganz andere als die der Regierung, auch während Corona

Unsere französische Schwesterzeitung Revolution Permanent interviewte die Pariser Busfahrerin Nadia über ihre Arbeitsbedingungen während der Corona-Krise. Sie stand als Angestellte des staatlichen Betriebs für den öffentlichen Nahverkehr in der Region Paris (RATP) bei den Streiks gegen die Rentenreform an der vordersten Front.

Busfahrerin in Paris: Unsere Interessen sind ganz andere als die der Regierung, auch während Corona

Berichte uns bitte über die Arbeits­be­din­gun­gen bei der RATP seit Beginn der Coro­na-Krise.

Seit die Coro­na-Krise begonnen hat, wurde nichts Konkretes für die Men­schen unter­nom­men. Zehn Tage nach ihrem Aus­bruch hat man eine lächer­liche kleine Geste gemacht: Wir haben ein Fläschchen Desin­fek­tions-Gel bekom­men, das alle zehn Tage aufge­füllt wird. Im sel­ben Atemzug hat man uns aber das Tra­gen von Hand­schuhen und Masken unter­sagt, selb­st diejeni­gen, die sich auf pri­vatem Wege Masken besorgt haben, dür­fen sie während der Fahrt nicht benutzen.

Getestet wer­den wir nicht. Ich kenne Men­schen, die befürcht­en, infiziert zu sein, aber kein­er­lei Möglichkeit haben sich Gewis­sheit zu ver­schaf­fen. Wie kann die Regierung behaupten, sie würde ver­suchen die Krise zu bewälti­gen, wenn nicht ein­mal flächen­deck­ende Tests gemacht wer­den? Wenn wir nicht ein­mal wis­sen, wer krank ist und wer nicht, um gezielt die Betrof­fe­nen isolieren zu kön­nen? Denn, mal ehrlich, die jet­zi­gen Beschränkun­gen sind lächer­lich. Man tut so, als ob man sin­nvolle Maß­nah­men träfe, doch die Katze beißt sich in den Schwanz: Ein­er­seits fordern sie von der Bevölkerung, isoliert zu Hause zu bleiben, ander­er­seits fordern sie von den Arbeiter*innen, wie gewohnt zur Arbeit zu gehen.

Im Nahverkehr haben wir nur noch sehr wenige Fahrgäste, selb­st zu den Stoßzeit­en ist nur eine Hand­voll Leute im Bus. Ich wäre in dieser Woche eigentlich im Dienst, aber ich habe beim Man­age­ment angerufen, um her­auszufind­en wer über­haupt noch zur Arbeit geht, denn in Anbe­tra­cht der gerin­gen Fahrgastzahlen sollte auch unser Arbeit­spen­sum sinken. In meinen Augen ist der Nahverkehr ein­er der riskan­testen Orte für eine Ansteck­ung mit dem Virus, auf­grund der Enge und dem gerin­gen Abstand zu Mit­men­schen.

Zudem wer­den die Busse nicht so gere­inigt, wie es nötig wäre. Erst Anfang let­zter Woche hat man damit begonnen, die Fahrzeuge zu desin­fizieren. Ich sehe es mit eige­nen Augen, die Busse sind schmutzig, es ist wider­lich, die Sitze wur­den wahrschein­lich noch nie gesäu­bert. In meinem Bus war ein junger Mann mit einem Eimer, er hat die Fahrerk­abine und den Fahrgas­traum mit dem­sel­ben Tuch und dem­sel­ben Wass­er geputzt – und das Putzmit­tel war nicht ein­mal ein Desin­fek­tion­s­mit­tel. Darüber hin­aus haben wir schon vor eini­gen Tagen das Risiko kri­tisiert, dem die Reini­gungskräfte aus­ge­set­zt wer­den. Auch sie haben ihre Tätigkeit ohne Masken oder andere Schutzvor­rich­tun­gen aus­ge­führt.

Neulich teilte man uns von oben mit, dass von nun an die Sauberkeit der Busse kon­trol­liert wird. Wenn ich das richtig ver­ste­he, bedeutet dies, dass dies erst seit weni­gen Tagen über­haupt passiert – es ist also bere­its Schaden angerichtet wor­den.
Die Fahrgäste nutzen den Nahverkehr im Ver­trauen darauf, dass die Fahrzeuge gere­inigt wer­den, aber sauber sind sie erst seit kurz­er Zeit – das ist unver­ant­wortlich. Man kann also get­rost sagen, dass nichts gegen die Aus­bre­itung des Coro­na-Virus unter­nom­men wurde.

Ich ver­traue dem Man­age­ment nicht mehr. Die Arbeit­skräfte müssen gute Entschei­dun­gen tre­f­fen, denn die Regierung wird das nicht für sie tun. Die Arbeiter*innen der PSA (frz. Auto­mo­bil­w­erke, Pro­duzent von u.a. Peu­geot und Cit­roen – Anm.d.Übs.) haben von ihrem Recht, der Arbeit fernzubleiben, Gebrauch gemacht, weil sie sich gefährdet sahen – und wur­den unter Druck geset­zt, weit­er­hin Autos zu pro­duzieren. Das ist absurd, ins­beson­dere weil einige Arbeiter*innen sich frei­willig zur Pro­duk­tion notwendi­ger Geräte, wie etwa Beat­mungs­maschi­nen, gemeldet haben!

Wenn wir zur Arbeit gehen, sind wir in Gefahr. Wir riskieren es, uns selb­st und andere anzusteck­en. Meine Kinder sind zu Hause, sie hal­ten sich an die Aus­gangssperre, doch die Wahrschein­lichkeit, dass ich ihnen den Virus vom Arbeit­splatz nach Hause mit­bringe, liegt bei 9:10.
In einem solchen Fall ste­ht mir ein Ver­weigerungsrecht zu, das bedeutet, dass ich die Entschei­dung tre­f­fen darf der Arbeit fern zu bleiben, wenn betrieb­sin­terne oder gesund­heitliche Umstände eine Gefahr für mich darstellen.

Als der Staatssekretär für Trans­port vorschlug, einen Sicher­heitsab­stand zwis­chen Fahrer*in und Pas­sagieren einzuricht­en, indem die Vordertür geschlossen bleibt und die Fahrgäste hin­ten ein­steigen, lehnte die RATP dies ab. Wir selb­st fordern seit eini­gen Tagen die Umset­zung dieser Maß­nahme, doch die RATP bleibt bei ihrer Posi­tion: „Ihr habt ein Schutz­glas, das sollte euch reichen, öffnet die Vordertüren!“, das sagen sie uns immer wieder.

Eine mein­er Kol­legin­nen hat von sich aus begonnen, die Leute nur noch hin­ten ein­steigen zu lassen. Ich wiederum habe bei den Vorge­set­zten angerufen. Ich habe ihnen gesagt, wie ver­ant­wor­tungs­los es ist, diese Maß­nahme nicht umzuset­zen, und dass ich es genau so machen werde, wie meine Kol­le­gin. Am näch­sten Tag erhiel­ten wir schließlich einen Brief vom Man­age­ment mit der Erlaub­nis, die Pas­sagiere durch die Hin­tertür ein­steigen zu lassen.

Sie wollen wirtschaftliche Ver­luste ger­ing hal­ten, ob sie uns dafür in Lebens­ge­fahr brin­gen spielt für sie keine Rolle! Jet­zt wird es klar und deut­lich: Sie übernehmen kein­er­lei Ver­ant­wor­tung.
Die RATP hält sich pein­lich genau an die Anweisun­gen der Regierung, selb­st wenn sie riskant sind. Wenn Macron mor­gen beschließen würde, dass wir weit­er zur Arbeit gehen müssen, wird die RATP das umset­zen – selb­st wenn es Tausende Tote bedeuten würde. Das Einzige, das wir tun kön­nen, ist diese Behand­lung nicht mehr länger hinzunehmen. Die Men­schen müssen Mut fassen und kämpfen, um die Kon­trolle über die Sit­u­a­tion zu übernehmen.

Du sagtest, dass die öffentlichen Verkehrsmit­tel nur noch sel­ten genutzt wer­den, selb­st zu Hauptverkehrszeit­en sind sehr wenige Men­schen unter­wegs. Wie find­est du die Idee eines von den Beschäftigten über­ar­beit­eten Fahrplans, mit an die Sit­u­a­tion angepassten Routen und Arbeit­szeit­en?

Ja, das wäre schön. Es bringt nichts, weit­er­hin so viele Busse fahren zu lassen, auch aus ökol­o­gis­ch­er Sicht, obschon das Unternehmen Umweltschutzkam­pag­nen in seinem Namen durch­führt. Wenn die Men­schen wirk­lich zu Hause bleiben dürften, wür­den sie ohne­hin nur noch für Einkäufe in ihrer Nach­barschaft raus gehen und müssten den öffentlichen Nahverkehr gar nicht erst benutzen.
Man kön­nte, bedarf­s­gerecht, Shut­tles fahren lassen, um den Men­schen ein Min­dest­maß an Mobil­ität zu ermöglichen.

Die RATP wird pro Kilo­me­ter bezahlt. Sie haben einige Lin­ien still gelegt, lassen die Busse aber weit­er­fahren, um ja kein Geld zu ver­lieren. Sie lassen die Fahrgäste in schmutzige, nicht desin­fizierte Busse steigen, zu Fahrer*innen, denen keine Mit­tel zum Selb­stschutz gestellt wer­den, sie geben dem Virus beste Ver­bre­itungschan­cen, all das nur für ihre wirtschaftlichen Zwecke. Und dann wer­den Bußgelder auf der Straße ver­hängt, das ist unsin­nig. Die Men­schen müssen sich jet­zt erheben, aktiv wer­den und wider­sprechen! Als mein Desin­fek­tions-Gel alle war, ging ich zu den Vorge­set­zten und stellte klar, dass ich nicht weit­er fahre, bis ich Nach­schub bekomme. Jet­zt weiß ich ja, dass sie mit­tler­weile verpflichtet sind, die Hygien­evorschriften zu kon­trol­lieren.

Außer­dem habe ich neulich von ein­er neuen Verord­nung gehört, die es ermöglichen soll, Arbeit­skräfte auch an ihren Urlaub­sta­gen zur Arbeit kom­men zu lassen. Sie wollen, dass wir selb­st an unseren freien Tagen arbeit­en! Für mich ste­ht das außer Frage. Wir sprechen von Gefahren für Leib, Leben und die öffentliche Gesund­heitsvor­sorge. Was die da oben machen, wird Men­schen das Leben kosten. Es reicht! Wir müssen uns organ­isieren und Wider­stand leis­ten. Sie sind nur einige Wenige – wir aber, die Arbeit­skräfte, sind Mil­lio­nen!

Und wie ist es so zu Hause?

Meine Kinder sind sich des Risikos und des Aus­maßes der Pan­demie bewusst. Sie wid­men sich, so gut sie kön­nen, dem Unter­richt. Das Bil­dungsmin­is­teri­um unter Jean-Michel Blan­quer ist nicht bere­it, Fer­nun­ter­richt anzu­bi­eten, daher sind die Schüler*innen gezwun­gen, sich in Eigen­ständigkeit und Moti­va­tion zu üben, um mit dieser Sit­u­a­tion fer­tig zu wer­den. In Zeit­en wie diesen sind die jun­gen Leute auf sich allein gestellt und müssen selb­st Lösun­gen find­en – genau wie wir Arbeiter*innen.

Du sagst, es sei Sache der Arbeiter*innen, die Kon­trolle in der Krise zu übernehmen. Kannst du das etwas weit­er aus­führen?

Entwed­er fügt man sich den skan­dalösen Anweisun­gen der Regierung und der Bosse, und gefährdet damit das eigene Leben und das sein­er Mit­men­schen, oder man organ­isiert sich. Wir müssen an unsere Entschlossen­heit und unsere Macht glauben.

Auf dem Betrieb­shof organ­isieren und koor­dinieren wir uns sys­tem­a­tisch, wir helfen einan­der und hal­ten uns gegen­seit­ig auf dem Laufend­en, und wenn nötig nutzen wir unsere Ellen­bo­gen um uns zu vertei­di­gen. Wir Arbeit­skräfte müssen uns auf uns gegen­seit­ig stützen kön­nen, es liegt an uns. Es ist wie beim Streik [gegen die Renten­re­form], wenn wir uns gemein­sam in Bewe­gung ver­set­zen und uns organ­isieren, funk­tion­iert es auch – wenn nicht, dann nicht.

Unsere Inter­essen sind ganz andere als die der Regierung. Die Bosse und die Politiker*innen sind nicht um unser Wohl bemüht, son­dern um das ihrer Kon­ten, um ihren Prof­it. Es wird immer wieder deut­lich, ob während des Streiks oder jet­zt, in der Krise: Auf der einen Seite ste­hen die Arbeiter*innen und auf der anderen die Bosse, die Men­schen müssen das endlich ver­ste­hen. Es geht um unser Leben, unsere Gesund­heit und unsere Arbeits­be­din­gun­gen. Es liegt an uns, uns zu nehmen, was man uns nicht frei­willig geben wird.

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