Welt

“Armes Mexiko – so nah an den USA”

Beim Nachbarn im Süden ist nicht nur der neue Mann in Washington verhasst. Zorn gilt auch dem Vorgänger.

“Armes Mexiko” rief der mexikanis­che Präsi­dent Por­firio Díaz vor mehr als hun­dert Jahren, “so fern von Gott und so nah an den USA.” Noch heute ste­hen die Mexikaner*innen unter dem ständi­gem Druck ihres großen Nach­barn im Nor­den – und erst recht, seit­dem Don­ald Trump mit antimexikanis­ch­er Het­ze die Wahlen gewann.

Am Fre­itag Nach­mit­tag – der 45. US-Präsi­dent war erst seit fünf Stun­den im Amt – ver­sam­melten sich 2.000 Men­schen vor der US-Botschaft in Mexiko-Stadt. “Nieder mit der Mauer!” schallt es von einem alten Lin­ien­bus, der zum Lau­ti­wa­gen umfunk­tion­iert war. “Heute protestieren in mehr als 50 Län­dern Men­schen gegen den ober­sten Frauen­feind der Welt”, rief die fem­i­nis­tis­che Aktivistin Xara Almonte ins Mikro­fon.

Organ­i­sa­tio­nen aus den Armen­vierteln und sozial­is­tis­che Grup­pen hat­ten zur Demon­stra­tion aufgerufen. Nach­dem Trump mexikanis­che Ein­wan­der­er zu seinem Wahlkamp­fauf­takt als “Verge­waltiger” beze­ich­net hat­te, hätte man noch mehr Protestierende erwarten kön­nen, aber die mexikanis­che Linke ist zer­split­tert. Kurz nach 16 Uhr zieht die Demon­stra­tion los – und um 17 Uhr ver­sam­meln sich erneut 200 Men­schen am gle­ichen Ort für eine Anti-Trump-Kundge­bung eines Gew­erkschafts­dachver­bands.

“Seit 20 Tagen erleben wir Mobil­isierun­gen im ganzen Land gegen die Ben­z­in­preis­er­höhung”, erzählt Ale­jan­dro Viadas. Die anlaufende Pri­vatisierung des staatlichen Ölkonz­erns PEMEX und die Amt­se­in­führung des nation­al­is­tis­chen Mil­liardärs in den USA sind für viele Mexikaner*innen zwei Seit­en ein­er Medaille. Unter ihrem Präsi­den­ten Enrique Peña Nieto geht der Ausverkauf des Lan­des voran. “Trump und Peña Nieto sind nicht unsere Präsi­den­ten”, so Viadas, “und Arbeiter*innen auf bei­den Seit­en der Gren­ze wer­den die Mauer nieder­reißen.”

Trump will die mexikanis­che Regierung für die Grenz­mauer zahlen lassen – mehrere dutzend Mil­liar­den US-Dol­lar kön­nte das kosten. Auch wenn zahlre­iche mexikanis­che Politiker*innen eine solche Zahlung kat­e­gorisch aus­geschlossen haben, so zeigte eine Umfrage der Tageszeitung La Refor­ma, dass bis zu 35 Prozent der mexikanis­chen Bürger*innen davon aus­ge­hen, dass ihre Regierung am Ende doch zahlen wird.

Die Spitze der Demon­stra­tion führt jemand mit einem orangenen Trump-Kopf aus Papp­maché an. Neben der Riesen­puppe laufen Men­schen mit Masken von Barack Oba­ma und Hillary Clin­ton. Denn hier ist der demokratis­che Ex-Präsi­dent nicht weniger ver­has­st als sein repub­likanis­ch­er Nach­fol­ger. Oba­ma hat­te in seinen zwei Amt­szeit­en fast drei Mil­lio­nen Men­schen aus den USA abgeschoben. “Bei­de Parteien des Kap­i­tals sind unsere Klassen­feinde”, erk­lärt der Hochschul­dozent Ser­gio Moissen in ein­er Rede.

An Oba­mas let­ztem Arbeit­stag kom­men 135 Abgeschobene in Mexiko-Stadt an. Der Obstverkäufer Adri­an Pon­cé, der 12 Jahre in New York gelebt hat­te, hin­ter­ließ zwei kleine Kinder in den USA, wie er gegenüber der Presse erk­lärte. Trump wird diese Abschiebun­gen fort­set­zen.

“US-MX Sol­i­dar­i­ty” ste­ht auf einem weißen Trans­par­ent, und dahin­ter laufen 50 US-Amerikaner*innen mit englis­chsprachi­gen Schildern. Die “Expats” tre­f­fen sich jeden Monat, um Sol­i­dar­ität gegen Trump zu zeigen – der Organ­isator, Theo Di Cas­tri, ist aber in Wirk­lichkeit Kanadier. Er hütet sich davor, Aus­sagen zur Stim­mung in Mexiko zu machen, da ein Gesetz jegliche poli­tis­che Aktiv­ität von Ausländer*innen ver­bi­etet. Eine Mit­stre­i­t­erin ist red­seliger: “Die Men­schen hier haben eine starke anti­im­pe­ri­al­is­tis­che Stim­mung”, erk­lärt die US-amerikanis­che Jour­nal­istin Andrea Pen­man-Lomeli, “und empören sich darüber, dass ihre Regierung die USA besän­ftigt”. Aber diese Stim­mung wen­det sich nicht gegen US-amerikanis­che Bürger*innen: “Man sieht, dass wir sol­i­darisch sind.”

Als die Demonstrant*innen am zen­tralen Zóca­lo-Platz ankom­men, liegt die Stadt schon im Dunkeln. Der Trumpf-Kopf wird auf dem Asphalt angezün­det. Die Flam­men beleucht­en die Fas­sade des Nation­al­palasts. Hun­derte Jugendliche ste­hen um das bren­nende Bild­nis und rufen: “Yan­kees raus aus Lateinameri­ka!”

Dieser Artikel im neuen deutsch­land

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.