Unsere Klasse

Alle sind Teil der Universität

Lateinamerikanische Migrant*innen verteidigten sich in London erfolgreich gegen Outsourcing. Was können wir von ihrem Kampf für den der Reinigungskräfte an der Alice Salomon Hochschule Berlin lernen?

Alle sind Teil der Universität

Es ist der heißeste Tag seit Beginn der Tem­per­at­u­raufze­ich­nun­gen. Die gebür­tige Kolumbianer­in Con­sue­lo Moreno hat­te wie jeden Werk­tag das Haus bere­its um 3 Uhr nachts ver­lassen. Als sie anf­ing, Flure und Büros der Lon­don­er Uni­ver­sität School of Ori­en­tal and African Stud­ies (SOAS) zu wis­chen, war die Sonne noch nicht aufge­gan­gen.

„Mir gefällt diese Arbeit“ erzählt sie, während wir Stun­den später in der prallen Mit­tagssonne ste­hen. An sich habe sie nie ein Prob­lem damit gehabt, Reini­gungskraft zu sein — mit der gerin­gen Ent­loh­nung ihrer Arbeit aber schon. Moreno ist eine von drei Arbeiter*innen, die deshalb 2006 die „Jus­tice for Clean­ers (J4C)“-Kampagne starteten.

Die Kam­pagne rei­ht sich in eine lange Tra­di­tion ein: Während zu Beginn der 1990er Jahre lateinamerikanis­che Hausmeister*innen in den Vere­inigten Staat­en gegen Out­sourc­ing kämpften, migri­erten gegen Ende des Jahrzehnts viele Latein- und ins­beson­dere Südamerikaner*innen ins Vere­inigte Kön­i­gre­ich. Dort woll­ten sie Arbeit find­en, um ihren Fam­i­lien Geld zukom­men zu lassen und ihren Kindern so eine bessere Zukun­ft zu ermöglichen. Wie in allen post­fordis­tis­chen Ökonomien war Out­sourc­ing im Ren­nen um die ger­ing­sten Pro­duk­tion­skosten schon damals eine sehr beliebte Form der Anstel­lung gewor­den. Und schon damals war die Spal­tung zwis­chen aus­ge­lagerten und direkt von Insti­tu­tio­nen angestell­ten Arbeiter*innen eine hochgr­a­dig ras­sis­tis­che. So waren es vor allem Migrant*innen, die für Sub­un­ternehmen arbeit­eten. Auch die meis­ten Ende des Jahrhun­derts Gekomme­nen began­nen also, in aus­ge­lagerten Niedriglohnsek­toren wie der Reini­gung und dem Cater­ing zu arbeit­en. 

Das Land der vie­len Möglichkeit­en und Men­schen­rechte, von dem Moreno zuvor gehört hat­te, ent­pup­pte sich als Land der vie­len Ungerechtigkeit­en. Ähn­lich heuch­lerisch war ihre Arbeit­ge­berin: die sich als kri­tisch und poli­tisch, fem­i­nis­tisch und anti­ras­sis­tisch gebende Hochschule unter­schied sich nicht von anderen Arbeitgeber*innen. Im Win­ter wur­den Gebäude nachts nicht beheizt, Arbeiter*innen stun­den­lang vom Man­age­ment beobachtet, man gab ihnen viel zu große Uni­for­men, ließ sie nicht in die Pausen­räume der anderen Beschäftigten und teilte ihnen wochen­lang Schicht­en im Keller zu.

„Die Sub­un­ternehmen haben sich immer darauf bezo­gen, dass es ja nicht unzuläs­sig sei, was sie tun. Es war auch nicht unzuläs­sig. Es war unmoralisch“ sagt Hamish Ander­son, SOAS Alum­ni 1 und jet­zt Teil der von prekären, migrantis­chen Arbeiter*innen gegrün­de­ten Gew­erkschaft Inde­pen­dent Work­ers of Great Britain (IWGB) arbeit­et. Etablierte Gew­erkschaften wie UNISON, von der sich die IWGB 2012 abges­pal­ten hat­te, ver­steck­ten sich lange hin­ter dem Argu­ment, dass es auf­grund von Sprach­bar­ri­eren zu schwierig sei, Reini­gungskräfte zu organ­isieren. Ander­son weiß, was Gew­erkschaftssekretäre, die 50.000 Pfund im Jahr ver­di­enen und in ihrer Mit­tagspause mit Manger*innen der Eli­te­u­ni­ver­sitäten Golf spie­len gehen, beschäftigt: „Sie wollen einen Fall gewin­nen, in dem eine Frau nicht befördert wor­den ist, weil sie eine Frau ist. Das ist ein lib­erales Gle­ich­heit­skonzept: es geht darum, die aus­beu­tende Klasse zu diver­si­fizieren“.

In den ersten zwei Jahren erkämpften die mehr als 60 Reini­gungskräfte eine Anhebung des dama­li­gen Min­dest­lohns von 5,70 auf 7,20 Pfund. Das passte der Uni­ver­sität gar nicht in den Kram. So ließen Repres­sio­nen nicht lange auf sich warten: am 12. Juni 2009 hat­te das Man­age­ment mit dem Vor­wand, tech­nis­che Dinge in Bezug auf den Wech­sel der Reini­gungs­fir­ma klären zu wollen, zu ein­er Ver­samm­lung geladen. Gle­ichzeit­ig rief es ca. 40 UK-Bor­der-Agency-Beamte, die dann aus dem ver­riegel­ten Hör­saal her­aus neun Reini­gungskräfte direkt fes­t­nah­men, in Abschiebe­haft bracht­en und infolgedessen in ihre Heimatlän­der zurück­führten. Sie hat­ten keine gülti­gen Ausweis­doku­mente. Unter den Abgeschobe­nen: eine Frau, die im sech­sten Monat schwanger war.

Da es damals in Eng­land viele Arbeit­slose gab, auf die Unternehmen ein­fach zurück­greifen kon­nten, waren ille­gal­isierte Migrant*innen in dieser Zeit beson­der­er Willkür aus­ge­set­zt. Um jeden Arbeit­splatz konkur­ri­erten so viele Arbeiter*innen, dass Unternehmer*innen schnell began­nen, jene anzustellen, die ihnen am wenig­sten Kosten verur­sacht­en. Diese waren auf­grund der anges­pan­nten Arbeits­mark­t­si­t­u­a­tion jedoch so aus­tauschbar, dass Unternehmer*innen sie genau­so schnell wieder entließen, sobald sie sich zum Beispiel gew­erkschaftlich organ­isierten. „Damals war es genau­so falsch wie es heute ist zu behaupten, Migrant*innen wür­den einem die Jobs weg­nehmen“ erk­lärt Ander­son. „Wer das sagt, kön­nte den Platz, den sie in der Arbeit­steilung haben, niemals ein­nehmen“.

Solidarität der Student*innen mit den Reinigungskräften

Student*innen beset­zen damals infolge der Abschiebung das Büro des Direk­tors. Die sol­i­darische Stu­den­ten­schaft spielte spätestens seit­dem eine wichtige Rolle. Viele der Reiniger*innen mussten noch weit­eren Jobs nachge­hen. Weil die meis­ten Student*innen also deut­lich mehr (Frei-)Zeit hat­ten, über­nah­men sie aufwendi­ge Auf­gaben wie Öffentlichkeit­sar­beit oder Über­set­zun­gen. „Student*innen kom­men aber auch ein­fach mit mehr davon. Sie kön­nen ja nicht so ein­fach gefeuert wer­den“ erläutert Ander­son. Sie seien Manager*innen daher von mor­gens bis abends mit einem Mega­fon in der Hand hin­terge­laufen, haben ihnen furcht­los die Fra­gen der Beschäftigten gestellt, wie Hog­warts Har­ry Pot­ter Tausende von Briefen zukom­men lassen, während ihren Meet­ings laut­stark vor der Tür protestiert und zu Pres­tigev­er­anstal­tun­gen akademis­che Boykotts organ­isiert.

„An den Tag des Ver­brechens erin­nern wir uns als wäre er gestern gewe­sen“ sagt Moreno über den Polizeiein­satz. Sie sagt auch, dass es der Schmerz und die Wut war, die ihr und ihren Kolleg*innen die Kraft gab, weit­erzukämpfen. Es begann mit den Drei Din­gen (las tres cosas): Kranken­geld, Urlaub und Rente. 2012 ver­liehen sie ihren Forderun­gen in einem dre­itägi­gen Streik Aus­druck. Dass ihr Kampf min­destens so lange weit­erge­ht, bis die SOAS Out­sourc­ing endgültig been­det hat, ließ sie schon damals durch­scheinen: „Ich habe die Uni­ver­sität dazu aufge­fordert, endlich zu ver­ste­hen, dass wir ein Teil von ihr sind und sie uns die gle­ichen Verträge wie allen anderen geben müssen“. Im Wis­sen, dass auch sie früher oder später aus­ge­lagert wer­den wür­den, zeigten andere sich so sol­i­darisch, dass 2015 der Kampf gegen Out­sourc­ing an sich erk­lärtes Hauptziel der Kam­pagne wurde. Aus „Jus­tice for Clean­ers“ wurde „Jus­tice for Work­ers“.

Da englis­ches Streikrecht seit der Thatch­er-Ära min­destens so kom­pliziert ist wie deutsches, stellte Streiken auf dem Weg zum In-Hous­ing nur eine der Tak­tiken dar. In 13 Jahren J4C wurde nichts unver­sucht gelassen. Student*innen haben Früh­stücke organ­isiert, damit sich die Beschäftigten, die zu sehr ver­schiede­nen Zeit­en arbeit­eten, ken­nen­ler­nen kon­nten. Sie schmis­sen Soli­par­ties, um die anfal­l­en­den (Material-)Kosten stem­men zu kön­nen. Sie errichteten eine Streikkasse, die es vie­len erst ermöglichte, ihre Arbeit niederzule­gen. Sie plakatierten den ganzen Cam­pus. „Das war alles immer von den Arbeiter*innen gewollt“ betont Dim­itri Cau­tain, der lange Vor­sitzen­der der Stu­dent Union war. Bei den Kam­pag­nen­tr­e­f­fen wurde immer als Erstes über Updates der Arbeiter*innen gesprochen. Aus­ge­hend von diesen wurde dann immer gemein­sam erörtert und entsch­ieden, was getan wer­den muss und kann.

Der Sieg kam für alle uner­wartet. Im August 2017 verkün­dete die Uni­ver­sität auf ein­mal, alle Reini­gungskräfte, Men­sa-Angestell­ten und Secu­ri­ties direkt anzustellen. Heute ist kein Bere­ich mehr aus­ge­lagert. Moreno sieht mir an, wie sehr ich staune. Ich erzäh­le ihr, dass auch die Beschäf­ti­gung­sprax­is der Alice Salomon Hochschule (ASH) ein anderes Bild als das ist, was sie selb­st von sich zeich­net. Anfang Juli hat­ten zwei Reinigerin­nen in einem Inter­view über die katas­trophal prekären Arbeits­be­din­gun­gen, in die sie die ver­meintlich soziale Uni­ver­sität drängt, gesprochen. Wie die SOAS bis vor Kurzem hat die ASH die Reini­gung — ein Bere­ich, in dem auch in Deutsch­land in erster Lin­ie migrantis­che Frauen arbeit­en — aus­ge­lagert. Moreno hört mir aufmerk­sam zu und sagt schließlich: „Nena, wenn wir es schaf­fen kon­nten, kön­nt ihr das auch“.

Dieses Inter­view erschien zuerst in der Aus­gabe Nr. 652 der Monat­szeitung analyse & kri­tik vom 17. Sep­tem­ber 2019.

Fußnoten
(1) Hamish Ander­son wurde auf­grund von sein­er Beteili­gung an Protesten im Rah­men des Streiks von Lehrbeauf­tragten 2018 der Uni­ver­sität ver­wiesen und ist deshalb im tech­nis­chen Sinne kein SOAS Alum­ni.

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