Frauen und LGBTI*

Alice Salomon würde sich im Grab umdrehen

„Soziale“ Hochschule lässt zu, dass einer migrantischen Reinigerin gekündigt wird. Aus dem Flugblatt von organize:strike und Brot und Rosen für den Semesterstart an den Universitäten.

Alice Salomon würde sich im Grab umdrehen

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„Wir sind doch keine Robot­er!“ Mit dieser ein­dringlichen Aus­sage macht­en Dora und Galy­na im Juli auf die prekären Ver­hält­nisse, in die die Alice Salomon Hochschule (ASH) sie als Reini­gungskräfte drängt, aufmerk­sam. Verträge erhiel­ten sie immer nur für ein halbes Jahr und ihr sowieso schon geringer Lohn wurde ihnen jeden Monat aufs Neue nicht kom­plett gezahlt. Ihre Arbeit bestand darin, in sieben Minuten einen Raum sauber machen zu müssen. Das heißt: Tafel wis­chen, Fen­ster­bret­ter und Tis­che reini­gen, Müll entleeren und Boden wis­chen. Für Löhne, die nicht zum Leben reichen, soll­ten die Reini­gungskräfte bis zur kör­per­lichen Erschöp­fung schuften.

Der Auf­schrei war groß, nach­dem Dora und Galy­na von ihrer Sit­u­a­tion berichteten. Schließlich han­delt es sich bei der ASH nicht um eine beliebige Hochschule, son­dern um eine mit einem gesellschaft­skri­tis­chen, fem­i­nis­tis­chen und anti­ras­sis­tis­chen Ruf, die „mit emanzi­pa­torischem Anspruch dem gesellschaftlichen Auf­trag sozialer Gerechtigkeit und kri­tis­ch­er Auseinan­der­set­zung mit gesellschaftlichen Entwick­lun­gen“ nachkom­men will, wie es im Leit­bild heißt. Auch viele Student*innen iden­ti­fizieren sich mit der ASH. Doch wird die Hellers­dor­fer Hochschule prof­i­to­ri­en­tiert geführt.

Wie in allen öffentlichen Betrieben wird ein Sub­un­ternehmen mit der Reini­gung des Gebäudes beauf­tragt. Das läuft so: Der Betrieb – in diesem Fall die ASH — schreibt öffentlich aus und entschei­det sich für das Unternehmen, das ihm das bil­lig­ste Ange­bot macht – in diesem Fall die Reini­gungs­fir­ma Peter Schnei­der. Dadurch, dass diese ihren Arbeiter*innen extrem niedrige Löhne zahlt und ihre Arbeit­szeit verkürzt, während die Auf­gaben diesel­ben bleiben, senken sie die Aus­gaben und sich­ern sich so Aufträge. Hin­ter dieser schein­bar „logis­chen“ Dynamik ver­birgt sich jedoch ein Sys­tem, in dem Prekarisierung und Aus­beu­tung mit Ras­sis­mus und Sex­is­mus Hand in Hand gehen. Dora und Galy­na sind allein­erziehende Müt­ter, die von Polen nach Deutsch­land gezo­gen sind. So wie sie sind es meis­tens migrantis­che Frauen, deren Arbeits­be­din­gun­gen am schlecht­esten sind. Denn wie die Reini­gung sind es häu­fig jene Arbeit­en, die Frauen zuhause als unbezahlte Hausar­beit leis­ten, die in den Unternehmen als erstes aus­gegliedert wer­den.

Konz­erne kön­nen dabei vorhan­dene Struk­turen nutzen: Auf­grund ras­sis­tis­ch­er Geset­ze haben migrantis­che und geflüchtete Arbeiter*innen weniger Rechte. Hinzu kommt, dass die befris­teten Verträge ihnen gew­erkschaftliche Organ­isierung mas­siv erschw­eren. Die Fes­tangestell­ten befürcht­en ständig, eben­falls aus­gegliedert zu wer­den, wodurch die Belegschaft ges­pal­ten wird. Die Gew­erkschaften ver­tiefen diese Spal­tung sog­ar, indem sie argu­men­tieren, auf­grund von Sprach- und Kul­tur­bar­ri­eren die Betrof­fe­nen – aus­gerech­net die unter­drück­testen Sek­toren der Arbeiter*innenklasse – nicht organ­isieren zu kön­nen.

An der ver­meintlich „sozialen“ ASH erfuhren diejeni­gen, die sich gegen die Ungerechtigkeit wehrten, Repres­sio­nen: Obwohl der Ver­trag von Galy­na eigentlich erst am 30. Sep­tem­ber aus­lief, wurde ihr schon zum 4. Sep­tem­ber gekündigt. Damit sollte wohl eine Nachricht an all jene gesendet wer­den, die ihre Stimme erheben. Doch Dora und Galy­na sind weit­er aktiv. Gemein­sam mit dem stu­den­tis­chen Sol­i­dar­ität­skomi­tee an der ASH wollen sie für die kom­menden Reini­gungskräfte gegen die unerträglichen Arbeitsver­hält­nisse ein­treten.

Let­z­tendlich bedeutet das, einen Kampf gegen Out­sourc­ing an sich zu führen. Darin kön­nen wir als Studierende und Beschäftigte die bei­den nicht nur „sup­port­en“. Da wir ale Studierende die größte Sta­tus­gruppe an der Uni sind und (daher) keine Angst vor Repres­sio­nen haben brauchen, müssen wir anfan­gen, ihn als unseren Kampf zu ver­ste­hen.

Wir sind darin auch nicht allein: Der „Auf­s­tand der Töchter“ set­zt sich seit Jahren gegen Out­sourc­ing in den Berlin­er Kranken­häusern ein; die Kam­pagne „Schule in Not“ kämpft für die Rekom­mu­nal­isierung der Reini­gungsar­beit an den Berlin­er Schulen, um den mis­er­ablen Bedin­gun­gen im Bil­dungssys­tem etwas ent­ge­gen­zuset­zen und die Arbeiter*innen des CPPZ an der Char­ité haben ihre Wiedere­ingliederung erkämpft.

Denn bei den Kämpfen gegen Out­sourc­ing und Befris­tung geht es nicht nur um bessere Löhne und Arbeits­be­din­gun­gen. Es geht um die Bekämp­fung ras­sis­tis­ch­er und sex­is­tis­ch­er Struk­turen, die diese erst ermöglichen. Prekarisierung bet­rifft nicht zufäl­lig in erster Lin­ie Migrant*innen und Frauen*. Gekon­nt wer­den wir voneinan­der ent­fer­nt – z.B. arbeit­en Reinigerin­nen oft, wenn wir gar nicht mehr in der Uni sind – sodass wir uns nicht ken­nen und daher auch nicht miteinan­der sol­i­darisieren kön­nen. Diese Spal­tun­gen ver­fes­ti­gen wiederum ras­sis­tis­che und sex­is­tis­che Macht­struk­turen. Deshalb muss jed­er Kampf gegen Sex­is­mus und/oder Ras­sis­mus, der die Wurzel des Prob­lems beheben will, antikap­i­tal­is­tisch sein. Die Tren­nung fem­i­nis­tis­ch­er, anti­ras­sis­tis­ch­er und gew­erkschaftlich­er Kämpfe muss über­wun­den wer­den, da es das gle­iche Sys­tem ist, das sowohl Unter­drück­ung als auch Aus­beu­tung her­vor­bringt: der Kap­i­tal­is­mus.

Wir von organize:strike und Brot und Rosen organ­isieren uns für diese Per­spek­tive an der ASH und allen anderen Berlin­er Hochschulen, Uni­ver­sitäten und Betrieben.

Ter­mine
UNSERE WORKSHOPS IN DER WE4FUTURECAMP AKTIONSWOCHE

(Wiese neben dem Kanzler*innenamt in Rich­tung Reich­stag)

West­liche Fir­men sind für die Kli­makrise ver­ant­wortlich
So, 22. Sep­tem­ber, 15–17 Uhr, FFF Zelt, We4­Fu­ture-Camp

Von Agrar­wüste, Tier­fab­riken, Aus­beu­tung und Unter­drück­ng zu ein­er Welt der blühen­den Gärten! Aber wie?
Di, 24. Sep­tem­ber, Dien­stag, 16–18 Uhr, Work­shopzelt 3, We4­Fu­ture-Camp

Gemein­sam kön­nen wir eine bessere Welt schaf­fen
Mi, 25. Sep­tem­ber, 16 Uhr, FFF Zelt, We4­Fu­ture-Camp

Tre­f­fen des Sol­i­dar­ität­skomi­tees mit der ASH-Reini­gung
Mi, 25. Sep­tem­ber, 18 Uhr, Mehring­hof, Gneise­naus­traße 2a

Offenes Tre­f­fen von organize:strike und Brot und Rosen zur Bilanz von FFF und zum Semes­ter­start
Fr, 27. Sep­tem­ber, 19 Uhr, Hobel Bar, Emser Str. 124

Gespräch: ASH-Leitung, Reini­gungs­fir­ma, Arbeiter*innen & Stud­is
Di, 1.Oktober, 15:30, ASH, Alice-Salomon-Platz 5

KRITISCHE ORIENTIERUNGSWOCHEN AN DER ASH

“Soziale” Arbeit(sbedingungen) an der ASH?
Fr 04. Okto­ber, 14–16 Uhr in Raum 129, ASH

Antikap­i­tal­is­tis­ch­er Anti­ras­sis­mus in der Prax­is
Mi 09. Okto­ber, 14–16 Uhr in Raum 115, ASH

Kneipen­abend mit organize:strike und B&R
Fr, 11. Okto­ber ab 20 Uhr, Trude Ruth & Goldammer, Flughafen­straße 38

KRITISCHE ORIENTIERUNGSWOCHEN AN DER FU

Was ist Marx­is­mus? Die Welt ver­ste­hen, um sie zu verän­dern.
Fr, 18. Okto­ber, 12 Uhr, FU Berlin

Wofür wir kämpfen

Wir – die antikap­i­tal­is­tis­che Hochschul­gruppe organize:strike und die sozial­is­tis­che FLTI*-Gruppe Brot und Rosen – kämpfen wir für eine Welt ohne Unter­drück­ung und Aus­beu­tung.
Wir wollen eine Studieren­den­be­we­gung auf­bauen, die auf der Straße Seite an Seite mit Arbeiter*innen gegen die Angriffe der Regierung kämpft. Deswe­gen unter­stützen wir die Kämpfe der Arbeiter*innen und ver­suchen uns gemein­sam zu organ­isieren. Für uns sind die Uni­ver­sitäten nicht nur Orte, an denen wir ler­nen, son­dern auch Orte, an denen wir kämpfen. Wir treten für eine Uni­ver­sität ein, die von Arbeiter*innen und Studieren­den sel­ber ver­wal­tet wird, die nicht im Inter­esse der Prof­ite des Arbeits­mark­tes funk­tion­iert und in der alle Entschei­dun­gen in größeren Ver­samm­lun­gen und von Delegierten mit direk­tem Man­dat getrof­fen wer­den.

Wir sind der Ansicht, dass der Kap­i­tal­is­mus für die Kli­makrise ver­ant­wortlich ist und wir deswe­gen eine antikap­i­tal­is­tis­che Per­spek­tive gegen die Macht der Banken und Konz­erne in der Umwelt­be­we­gung brauchen. Es sind die Kapitalist*innen und ihr prof­i­to­ri­en­tiertes Wirtschaftssys­tem, die unseren Plan­eten zer­stören. Für uns liegt der einzige Ausweg aus der Katas­tro­phe in der ökol­o­gisch-sozial­is­tis­chen Umgestal­tung der gesamten Wirtschaft nach einem ratio­nalen und demokratisch kon­trol­lierten Plan.

Wir kämpfen gegen jegliche Form von Unter­drück­ung auf­grund von Geschlecht, Sex­u­al­ität, Herkun­ft, Nation­al­ität usw. und denken, dass all diese Kämpfe eine antikap­i­tal­is­tis­che und pro­le­tarische Per­spek­tive brauchen, um den Kap­i­tal­is­mus und alle Unter­drück­ungs­for­men zu besiegen. Wir kämpfen für die Zusam­men­führung der Frauen- und Arbeiter*innenbewegung und glauben, dass die neue Welle der inter­na­tionalen Frauen­be­we­gung eine neue rev­o­lu­tionäre Bewe­gung der arbei­t­en­den Frauen anstoßen kann.

Wir treten für eine anti­im­pe­ri­al­is­tis­che und anti­ras­sis­tis­chen Per­spek­tive ein und kämpfen gegen jegliche Staats­ge­walt, Krieg und Mil­i­taris­mus. Inter­na­tion­al­is­mus ist für uns keine abstrak­te Kat­e­gorie, son­dern eine strate­gis­che Notwendigkeit. Deswe­gen organ­isieren wir uns gemein­sam mit tausenden Genoss*innen auf der ganzen Welt.

Wir arbeit­en eng mit der Marx­is­tis­chen Jugend München, der Basis­gew­erkschafts­gruppe ver.di aktiv und der Rev­o­lu­tionären Inter­na­tion­al­is­tis­chen Organ­i­sa­tion zusam­men und nutzen die Seite KlasseGegenKlasse.org als Plat­tform.

Falls du Inter­esse an unser­er Poli­tik hast, komm zu unseren Ver­anstal­tun­gen oder offe­nen Tre­f­fen!

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