Unsere Klasse

AKUT München: Junge Krankenhaus-Beschäftigte organisieren sich selbst

Wir sind eine Gruppe junger Beschäftigter an Münchener Krankenhäusern. Die Arbeitsbedingungen und die Versorgungsmöglichkeiten im Gesundheitssystem werden immer schlechter, der Profitwahnsinn wird immer extremer – die Politik hat keine Antworten, Initiativen zur Verbesserung scheitern. Deshalb organisieren wir uns selbst, als direkt Betroffene. Denn wir haben gemeinsam mehr Kraft als wir denken. Wir arbeiten jeden Tag in diesem System, wir wissen, wo die Probleme genau liegen – deshalb können auch wir sie am besten selbst bekämpfen.

AKUT München: Junge Krankenhaus-Beschäftigte organisieren sich selbst

Foto: Streik an der Char­ité Berlin 2015

Gesundheit für Profite oder für Menschen?

Das deutsche Gesund­heitssys­tem ist längst ein prof­i­to­ri­en­tiert­er Sek­tor. Das wird durch das DRG-Sys­tem (Fall­pauschalen) deut­lich, aber zieht sich von der Per­son­alpoli­tik über die Aus­bil­dung durch alle Bere­iche der Kliniken. Durch die Gewin­n­max­imierung kann das All­ge­mein­wohl nicht aus­re­ichend gesichert wer­den, wed­er für Patient*innen noch für die Belegschaft. Wir alle, ob Pfleger*innen, Ärzt*innen, Hebam­men, Reini­gungskräfte, Pädagog*innen, Azu­bis oder Studierende, sind von Per­sonal­man­gel und hohen Arbeits­be­las­tun­gen bei Niedriglöh­nen betrof­fen. Die Spar­poli­tik in den Kliniken führt ver­stärkt zu Maß­nah­men wie Out­sourc­ing und Zeitar­beit, wodurch die Belegschaft ges­pal­ten wird.

Deutsch­landweit organ­isieren sich bere­its viele von uns, um für bessere Bedin­gun­gen zu kämpfen, in Streiks, die auch Erfolge zeigen: An über einem dutzend Kranken­häusern wur­den von gew­erkschaftlich organ­isierten Beschäftigten schon höhere Per­son­alschlüs­sel erkämpft, unter anderem in Augs­burg. Daran nehmen wir uns ein Beispiel, ver­net­zen uns mit ihnen, um selb­st auch gehört zu wer­den! Zu unseren Zie­len gehört ins­beson­dere eine mas­sive Erhöhung des Per­son­als, wofür die Arbeits­be­din­gun­gen verbessert wer­den müssen, damit über­haupt Men­schen in der Pflege arbeit­en wollen und die Arbeit erträglich ist. Um unsere Ziele zu erre­ichen, wollen wir uns über die Spal­tun­gen in ver­schiedene Sta­tus­grup­pen hin­aus zusam­men organ­isieren.

Lassen wir uns nicht spalten!

Die aktuellen Struk­turen der Gesund­heitsver­sorgung verur­sachen zusät­zliche soziale Ungle­ich­heit­en. Beson­ders Frauen und Migrant*innen haben Grund zu kämpfen und bilden daher oft die erste Rei­he von Arbeit­skämpfen, die uns alle voran brin­gen. In der Pflege arbeit­en 80 Prozent Frauen, zusät­zlich ste­hen Frauen häu­figer als Män­ner unter ein­er Dop­pel­be­las­tung: Neben der Lohnar­beit sind sie häu­figer für die Ver­sorgung von Kindern und pflegebedürfti­gen Ange­höri­gen ver­ant­wortlich. Auch an dieser Stelle ver­sagt das Gesund­heitssys­tem – unbezahlte Care-Arbeit ist fes­ter Bestandteil der Gesellschaft. Bei den Arbeits­be­din­gun­gen von Hebam­men wird beson­ders deut­lich, wie sehr die Inter­essen von Beschäftigten und Frauen zusam­men fall­en, und dass unsere Arbeit eine sehr poli­tis­che Frage ist. Alle reden zwar von Vere­in­barkeit von Beruf und Fam­i­lie, aber wir fordern umfassende Kinder­be­treu­ung mit guten Arbeits­be­din­gun­gen.

Unsere migrantis­chen Kolleg*innen lei­den häu­fig unter noch schlechteren, unsicheren Arbeits­be­din­gun­gen als deutsche. Viele miese Jobs wie in der out­ge­sourcten Reini­gung wer­den an Kolleg*innen ohne deutschen Pass vergeben, weil sie ver­meintlich leichter auszubeuten sind. Das ist aber nicht der Fall, wenn wir geeint kämpfen. Daher sind wir nicht nur entsch­ieden gegen die Spal­tung in ver­schiedene Tar­if­grup­pen und Unternehmen, son­dern fordern auch gle­iche Rechte für alle. Außer­dem fordern wir einen Tar­ifver­trag, der für alle gilt, und gle­ichen Lohn für gle­iche Arbeit.

Die Zukunft von Auszubildenden und jungen Beschäftigten

Auf­grund der abschreck­enden Arbeits­be­din­gun­gen kommt nicht genug Per­son­al nach. Dadurch wer­den Auszu­bildende als bil­lige Arbeit­skräfte benutzt und junge Beschäftigte über­fordert. Häu­fig tra­gen wir junge Beschäftigte und Auszu­bildende Ver­ant­wor­tung, die unsere Kom­pe­ten­zen über­schre­it­en. Die Qual­ität der Aus­bil­dung nimmt ab und damit auch die Ver­sorgung für die Patient*innen. Sowohl Auszu­bildende als auch Aus­bildende brauchen eine höhere Per­son­aldecke.

Hohe Fahrtkosten und teure Mieten erschw­eren den Start in das Beruf­sleben zusät­zlich. Junge Men­schen, die migri­ert oder geflüchtet sind und in der Pflege arbeit­en wollen, wer­den durch diskri­m­inierende Aufen­thalts- und Arbeits­ge­set­ze belastet. Wir dage­gen wollen eine gute und sichere Aus­bil­dung, in der man keine Angst um Miet­zahlun­gen oder Aufen­thalt haben muss.

Wir Auszu­bildende und junge Beschäftigte haben noch unser ganzes Arbeit­sleben vor uns und müssen schon in der Aus­bil­dung und beim Beruf­san­fang erleben, dass es so nicht weit­er gehen kann. Wir möcht­en ein Ange­bot machen, wenn ihr wie wir nicht euer ganzes Leben für ein Prof­it­sys­tem hergeben wollt: Organ­isiert euch, damit es „Aus­bil­dun­gen statt Aus­beu­tung“ gibt und damit die Gesund­heits­berufe den Men­schen dienen, weshalb wir uns für diese Berufe entsch­ieden haben.

Wie können wir etwas verändern?

Wir soll­ten nicht auf die Poli­tik warten, damit etwas passiert. Das zeigt das Volks­begehren für mehr Per­son­al in der Pflege, das vom bay­erischen Ver­fas­sungs­gericht kassiert wurde – trotz über 100.000 Unter­schriften! Das zeigte, dass es eine riesige Sol­i­dar­ität für unsere Fra­gen in der Bevölkerung gibt, aber auch, dass Druck­mit­tel nötig sind. Das Druck­mit­tel, das am Ende wirkt, ist die gemein­same Organ­isierung in den Häusern. Wir brauchen eine aktive Basis der Beschäftigten, die mit und in den Gew­erkschaften Druck auf­baut.

Wir sind nicht für Vertre­tung, son­dern für sel­ber machen. Schließlich sind wir die Profis und wis­sen am besten, was für uns und das Gesund­heitswe­sen gut ist. Und um wirk­lich etwas zu erre­ichen, reicht Bittstellerei nicht aus, son­dern wir brauchen Streiks, die den Prof­iten weh tun – im Inter­esse der Belegschaften und im Inter­esse der Patient*innen. Es ist kein Prob­lem einzel­ner Beruf­s­grup­pen, son­dern alle, die in den Kliniken arbeit­en, sitzen im gle­ichen Boot.

Damit gew­erkschaftliche Arbeit erfol­gre­ich ist, muss sie demokratisch sein und von der Basis kom­men, von euch und uns. Deshalb rufen wir zur gew­erkschaftlichen Organ­isierung auf und fordern, dass alle wichti­gen Entschei­dun­gen in Ver­samm­lun­gen von den Beschäftigten getrof­fen wer­den, nicht in Büros weitab von unser­er Arbeit. Nur so kön­nen die notwendi­gen Kämpfe zu Ende geführt und auch über einen Tar­ifver­trag hin­aus Erfolge erzielt wer­den. Notwendig ist eine Gew­erkschaft, die den Beschäftigten gehört und von der Basis bes­timmt wird. Die Per­spek­tive sind poli­tis­che Streiks für ein Gesund­heitswe­sen, das angemessene, ver­füg­bare Gesund­heitsver­sorgung für alle Men­schen gewährleis­tet und uns nicht aus­beutet. Einen Schritt dahin kön­nen wir schon jet­zt gehen, indem wir uns der bun­desweit­en Streik­be­we­gung für mehr Per­son­al anschließen.

Komm zu unseren Treffen!

Unsere Vision ist ein nicht-kap­i­tal­is­tis­ches Gesund­heitssys­tem. Schritte dahin sind zum Beispiel die Ver­staatlichung der Ein­rich­tun­gen, der Krankenkassen und der Medi­zin-Unternehmen unter Kon­trolle der Beschäftigten. Dazu gehört neben der Erhöhung der Per­son­aldecke eine Senkung der Arbeit­szeit bei vollem Lohnaus­gle­ich. Dazu gehört auch, dass unsere Arbeitsabläufe und Arbeits­be­din­gun­gen nicht vom Man­age­ment weit oben bes­timmt wer­den, son­dern von den Belegschaften, die die Arbeit auch machen müssen. Neue medi­zinis­che Entwick­lung sollen genutzt wer­den, um den Lebens­stan­dard zu erhöhen, nicht um Prof­ite zu machen. Unsere Arbeit soll nicht krank macht, son­dern erfül­lend sein. Die Kliniken sollen der Gesellschaft dienen, nicht den Prof­iten von Wirtschaft­sun­ternehmen.

Warte nicht auf Poli­tik und Vertre­tun­gen, ver­tritt dich selb­st. Werde Gew­erkschaftsmit­glied, organ­isi­er’ dich darüber hin­aus in Betrieb­s­grup­pen und als Kolleg*in mit uns in AKUT. Da wir im Schicht­di­enst arbeit­en, haben wir für unsere Tre­f­fen keinen fes­ten Ter­min, son­dern machen ein- bis zweimal im Monat etwas aus. Du kannst uns schreiben oder ansprechen, wenn du dabei sein möcht­est: akut.muc@gmail.com

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