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9 tote Jugendliche: Polizeigewalt bei Party in Brasilien

In São Paulo wurden am 1. Dezember neun Jugendliche bei einem Polizeiangriff auf eine öffentliche Party getötet. Die staatliche Gewalt insbesondere gegen Arme und Schwarze nimmt in Brasilien immer weiter zu. Ein Gastbeitrag von Gabriel Silva, Heloisa Yoshioka und Paulo Marcondes.

9 tote Jugendliche: Polizeigewalt bei Party in Brasilien

Im Bild: Anwohner*innen protestierten am 1. Dezember in Paraisópolis gegen Polizeigewalt. Foto: Autor*innen

Am Sonntag, den 1. Dezember, wurden bei einem Polizeiangriff während der Party „Baile da 17“ in Paraisópolis, der zweitgrößten Favela im Süden von São Paulo, Brasilien, 9 junge Menschen getötet: Luara Victoria de Oliveira (18 Jahre), Marcos Paulo Oliveira dos Santos (16 Jahre), Bruno Gabriel dos Santos (22 Jahre), Eduardo Silva (21), Denys Henrique Quirino da Silva (16), Mateus dos Santos Costa (23), Gabriel Rogério de Moraes (20), Dennys Guilherme dos Santos Franca (16) und Gustavo Cruz Xavier (14). Es gab mindestens 20 weitere Verletzte.

Diese jungen Menschen starben inmitten einer vorsätzlichen Belagerung durch die Militärpolizei, die beiden Enden der Straße abriegelte, in der sich etwa 5.000 Menschen trafen, um Musik zu hören, zu tanzen und Spaß zu haben. Dutzende von Polizist*innen begannen, gegen die Gruppe vorzugehen, die gezwungen war, deren Gewalt auf zwei schmalen Gassen von je zwei Metern zu entkommen oder sich in Bars und Häusern zu verstecken.

Auf Videos, die von der Bevölkerung mit Handys aufgenommen wurden, sind Polizist*innen zu sehen, die Jungen und Mädchen schlagen, wahllos Sprengsätze werfen und mit Gummigeschossen auf Menschen schießen, die verzweifelt versuchen, dem Massaker zu entkommen. Die Anwohner*innen berichteten, dass die Polizei sie durch mündliche Drohungen und Schläge gehindert habe, den Verletzten zu helfen. Darüber hinaus blockierte die Polizei auch einen Krankenwagen, der zum Tatort gerufen wurde.

Die Regierung erklärte, dass die Ursache für den Tod der Jugendlichen und jungen Erwachsenen darin lag, dass sie während des Fluchtversuchs zu Tode getrampelt wurden. Die ersten medizinischen Berichte deuten jedoch auf Schläge und Erstickungen hin, und die Kleidung der Opfer hat keine Fußspuren. Auch im Gegensatz zur offiziellen Version des Sprechers der Militärpolizei – wonach die Polizei zwei Verdächtige auf einem Motorrad jagte, die auf Polizist*innen schossen und in die Party flohen – bestätigen solche Szenen, was wir seit langem angeprangert haben: Der brasilianische Staat ist dagegen, das Leben und die Sicherheit der armen und Schwarzen Bevölkerung zu gewährleisten, löscht ihre Leben aus und vernichtet ihre Körper, verstümmelt und foltert sie ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Nach Angaben der Anwesenden gab es keine Verfolgung von Verdächtigen auf einem Motorrad und der einzige Grund für die Polizeipräsenz und ihre gewalttätige Haltung war, die Menge zu unterdrücken. Der Vorbericht der Zivilpolizei selbst erwähnt keine Verfolgung verdächtiger Motorradfahrer*innen, was im Widerspruch zu der von der Militärpolizei unterstützten Version steht und eindeutig auf die Möglichkeit der Fälschung von Informationen hinweist – eine gängige Praxis der Polizei, um ihre tägliche Gewalt zu vertuschen.

Bei Funk-Partys kommen viele junge Menschen auf öffentlichen Plätzen zusammen, vor allem in Favelas und armen Stadtvierteln. Dort werden Autos geparkt und ihre Soundsysteme eingeschaltet, um den brasilianischen Rhythmus zu spielen, der seit fast einem Jahrzehnt in der globalen Kulturindustrie erfolgreich ist. Enstanden und historisch gewachsen als Musikstil, der mit armen und Schwarzen Menschen verbunden ist, ist Funk das Ziel ständiger Kriminalisierung und sozialer Vorurteile, die von den lokalen Eliten als „niedere“ Kultur angesehen werden.

Der „Baile da 17“ versammelt öfter Tausende von Menschen aus verschiedenen Bezirken von São Paulo, wie auch am 1. Dezember. Obwohl kulturell reich und vielfältig, fehlt es Brasilien an Freizeitmöglichkeiten für diejenigen, die sich keine privaten Clubs leisten können. Und weil sie im öffentlichen Raum stattfinden, mit lauter Musik und weil informell Alkohol verkauft wird, werden Funk-Partys systematisch vom Staat unterdrückt. Die übermäßige und weit verbreitete Unterdrückung von Funk-Partys durch die Staatspolizei São Paulo ist weit verbreitet. Natürlich gibt es in wohlhabenden Stadtteilen und bei Veranstaltungen mit Jugendlichen aus höheren Gesellschaftsschichten keine solchen Massaker.

Gewalt, die diese Veranstaltungen von vorne herein verhindern oder deren Ende erzwingen soll, ist weit verbreitet und hat in den lokalen Medien wenig Beachtung. Vor etwas mehr als 2 Wochen erlebten wir den gewalttätigen Polizeiangriff auf eine andere Funk-Party im Osten von São Paulo. Damals blendete die Militärpolizei mit einer absichtlich ins Gesicht gerichteten Waffe die 16-jährige Gabriela, verweigerte Hilfe und lachte sogar über die Verletzungen, die sie erlitt.

Zu den unzähligen Fällen von Folter und Mord, die die Polizei in diesem Jahr in Brasilien begangen hat, gehören die 80 Schüsse von Armeesoldat*innen auf ein Auto, in dem eine schwarze Familie auf dem Weg zu einer Babyparty war, wobei zwei Menschen starben; der Mord an einem 8-jährigen schwarzen Mädchen namens Agatha Felix, das von der Polizei mit einem Gewehr erschossen wurde; das Video von einem obdachlosen schwarzen Jungen, der von Sicherheitskräften in einem Supermarkt gefoltert wurde; und jetzt, vor kurzem, die Entführung und Ermordung eines 14-jährigen schwarzen Jungen namens Lucas, der zuletzt in ein Polizeiauto stieg. Seine Mutter wurde ohne Beweise wegen Drogenhandels verhaftet, nachdem sie die Regierung unter Druck gesetzt hatte, den Fall zu untersuchen.

Diese Eskalation der polizeilichen Gewalt wird von Präsident Jair Bolsonaro, seinen Minister*innen und mehreren Gouverneur*innen des Landes unterstützt, darunter Wilson Witzel und João Doria, Gouverneure von Rio de Janeiro bzw. São Paulo. In ihren Reden sagen diese vor gut einem Jahr gewählten Politiker, dass der Befehl an ihre Polizei lautet, jede*n, die*der „nicht vertrauenswürdig“ aussieht, „zu erschießen“. Zur Umsetzung schlug Justizminister Sergio Moro ein Maßnahmenpaket vor, das die so genannte „illegale Ausgrenzung“ beinhaltet, einen Artikel, der es Polizeibeamt*innen erlaubt, jemanden zu töten, ohne ihre Handlungen rechtfertigen zu müssen oder eine Untersuchung zur Feststellung der Ereignisse durchzuführen – solange die Beamt*innen behaupten, unter dem Einfluss von „starken Gefühlen“ gehandelt zu haben.

Die Situation in Brasilien ist zunehmend eine offene Diktatur, in der die Gesetze von den Herrschenden und Polizeikräften nicht eingehalten werden, die diejenigen ermorden, foltern und verhaften, die es wagen, sie anzuklagen. Dennoch akzeptiert die arme schwarze Bevölkerung in Brasilien diese Situation nicht still, und für die kommenden Wochen sind bereits Proteste gegen die Polizeigewalt in Paraisópolis geplant. Wir rufen die gesamte globale Linke und die internationale Gemeinschaft auf, den brasilianischen Staat unter Druck zu setzen, die Rechte und das Leben der Armen, Schwarzen und arbeitenden Bevölkerung zu achten. Der Kampf gegen die Unterdrückung des brasilianischen Staates ist dringend notwendig, um Leben zu retten, die täglich ausgelöscht werden.

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