Unsere Klasse

„60 Überstunden pro Monat sind Normalität“

Hafenarbeiter:innen kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen und Inflationsausgleich. Ein Gespräch mit Jana Kamischke, Vertrauensleutesprecherin und Mitglied der Tarifkommission, die aktuell für einen neuen Flächentarifvertrag für die Seehäfen der Norddeutschen Bucht kämpft.

In den vergangenen Wochen sind zum ersten Mal seit 44 Jahren die Hafenarbeiter:innen der Norddeutschen Bucht in den Streik getreten. Warum?

Wir kämpfen für einen realen Inflationsausgleich von derzeit sieben bis acht Prozent für alle sowie für eine pauschale Lohnsteigerung von 1,20 Euro pro Stunde, damit auch die unteren Lohngruppen eine deutliche Verbesserung bekommen. Die Wut in den Häfen ist groß, weil sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren erheblich verschlechtert haben.

Was genau ist schlechter geworden?

Die Arbeit wird immer weiter verdichtet, es herrscht Personalmangel. 60 Überstunden und mehr pro Monat sind Normalität. Durch die Automatisierung werden gutbezahlte Arbeitsplätze vernichtet, es entstehen zunehmend prekäre Jobs. Die Gesamthafenbetriebe in Bremerhaven und Hamburg haben neben ihren festen Beschäftigten Hunderte unständige Beschäftigte, sprich: moderne Tagelöhner. Insgesamt bewegen sich Stundenlöhne in einer Spanne zwischen 14 und 28 Euro. Diese Spirale hat sich jahrelang abwärts gedreht. Aber mit der Inflation lassen wir uns das nicht mehr gefallen.

Wie bewerten Sie die von den Unternehmen angebotenen 12,5 Prozent?

Das klingt erst einmal gut, aber wir haben eine Forderung mit maximal zwölf Monaten Laufzeit aufgestellt. Die Arbeitgeber bieten 12,5 Prozent auf 24 Monate, also 6,25 Prozent auf zwölf Monate an, und das ausschließlich für Kolleginnen und Kollegen der Containerterminals. Die Fläche besteht aber auch in weiten Teilen aus konventionellen Betrieben und Automobilumschlag. Die Löhne für die untersten Gruppen sollen lediglich um 2,78 Prozent steigen. Das ist nicht vertretbar.

Die Verhandlungsführerin der Unternehmerseite, Ulrike Riedel, meint, die Gewerkschaft Verdi sei von ihren langjährig konsensorientierten Kurs abgekommen. Stimmt das?

Wir sind bereit, über viele Punkte zu reden. Aber von unserer zentralen Forderung nach einem Inflationsausgleich für alle Beschäftigte lassen wir uns nicht abbringen. Und auch unsere Forderung nach einer Laufzeit von nur zwölf Monaten beziehungsweise ein Sonderkündigungsrecht bei hoher Inflation ist nicht verhandelbar. Über die letzten 20 Jahre gab es sehr sozialpartnerschaftlich in nahezu jeder Lohnrunde drei feste Verhandlungstermine, und dann stand das Ergebnis. Dass wir jetzt unsere Forderungen nicht aufgeben, das sind Ulrike Riedel und Torben Seebold – der ehemalige Leiter der Verdi-Bundesfachgruppe Maritime Wirtschaft, der jetzt für die Arbeitgeber mit am Verhandlungstisch sitzt– nicht gewohnt.

Weshalb kämpfen Sie jetzt entschiedener als die letzten 20 Jahre?

Wir hatten lange wenig kämpferische Funktionsträger, die die Tarifkommission fest im Griff hatten. Irgendwann hat die Abwärtsspirale genervt. In den letzten Jahren gab es bei den Vertrauensleuten der Einzelbetriebe einen Generationswechsel. Als wir dann teilweise in die Tarifkommission gewählt wurden, brach das alte System ein Stück weit auf. Auch wenn es immer noch Probleme der Transparenz gibt, sind die Abläufe demokratischer geworden.

Bis Ende August dürfen die Hafenarbeiter:innen nicht mehr streiken. Sie haben eine Petition gegen diese Einschränkung mitinitiiert. Worum geht es da?

Als wir am 14. Juli in den 48stündigen Warnstreik gingen, reichten Arbeitgeber wie z. B. die HHLA und Eurogate gemeinsam 17 Anträge auf einstweilige Verfügungen ein, um unseren Protest zu verbieten. In Niedersachsen schmetterte das Arbeitsgericht die einstweiligen Verfügungen ab. In Hamburg soll es laut der zuständigen Anwältin formale Fehler gegeben haben. Daraufhin sicherte Verdi in einer außergerichtlichen Vereinbarung den Arbeitgebern zu, bis zum 26. August nicht mehr zu streiken und in dieser Zeit dreimal mit den Vertretern des Zentralverbandes der deutschen Seehafenbetriebe zu verhandeln. Wir als Tarifkommission wurden vor der Unterzeichnung der Vereinbarung nicht vollständig hinzugezogen und hatten auch Tage danach keine umfassenden Informationen zur Sachlage. Jetzt müssen wir Wege finden, um den Druck aufrechtzuerhalten. Die Petition ist auch ein Versuch, kämpferische Gewerkschaftsarbeit nach vorne zu bringen. Die Zeiten des sozialpartnerschaftlichen Händeschüttelns sind vorbei.

Dieses Interview erschien zuerst in der Jungen Welt.

2 thoughts on “„60 Überstunden pro Monat sind Normalität“

  1. Jojo sagt:

    Einer von 12000 und er steht voll dahinter

  2. Gabriele Eichelmann sagt:

    Genauso möchten es die Kollegen. Vor allem unsere Ver.di Mitglieder!!! Standhaft bleiben müssen wir bei unsere Verhandlungen!!!! Viele sind für den nächsten Streik berei.!!!!

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