Frauen und LGBTI*

Strategische Debatten mit dem „Feminismus für die 99%“ in Südfrankreich

Am letzten Tag der Revolutionären Internationalistischen Sommerakademie in Südfrankreich begann eine spannende Debatte rund um das Manifest für einen „Feminismus für die 99%“. Andrea D'Atri betonte die beginnenden Tendenzen zur Entwicklung eines antikapitalistischen Feminismus in mehreren Ländern, die das Manifest aufnehmen will. Gleichzeitig zeigte sie die strategische Schwammigkeit des Manifests auf.

Strategische Debatten mit dem „Feminismus für die 99%“ in Südfrankreich

Von Polen bis Argen­tinien, über den Spanis­chen Staat, die USA und Brasilien waren Frauen in den let­zten Jahren an vorder­ster Front im Kampf für ihre Rechte und gegen ihre reak­tionären Regierun­gen. Nicht umson­st spricht man über eine neue fem­i­nis­tis­che Welle weltweit.

In den let­zten Jahrzehn­ten kam es zu ein­er mas­siv­en Eingliederung von Frauen in den Arbeits­markt – unter oft prekären Bedin­gun­gen. Das hat erlaubt, die Kämpfe um ihre Rechte zunehmend mit arbeits­be­zo­ge­nen Forderun­gen zu verbinden. Dabei kommt immer wieder die enge Verbindung zwis­chen Kap­i­tal­is­mus und patri­ar­chaler Unter­drück­ung ans Licht.

Ein politisches Manifest der neuen feministischen Welle

Vor einem Pub­likum, das sich beson­ders aus Aktivistin­nen der inter­na­tionalen Frauenor­gan­i­sa­tion Brot und Rosen, sowie arbei­t­en­den Frauen aus ver­schiede­nen Sek­toren und Län­dern zusam­menset­zte, erin­nerte Andrea D’A­tri in ihrem Work­shop zunächst an diese neue fem­i­nis­tis­che Welle. Denn in ihren Kon­n­text kann das von drei Akademik­erin­nen aus den USA geschriebene und am 8. März dieses Jahres veröf­fentlichte Man­i­fest für einen “Fem­i­nis­mus für die 99%” klar ein­ge­ord­net wer­den. Als Ergeb­nis der mas­siv­en Mobil­isierun­gen der inter­na­tionalen Frauen­be­we­gung kristallisiert dieses Man­i­fest einige Ten­den­zen.

Erstens han­delt es sich dabei um einen gewis­sen Ver­lust der ide­ol­o­gis­chen Vorherrschaft des neolib­eralen Fem­i­nis­mus, der die struk­turellen Kürzungspläne des Neolib­er­al­is­mus unter­stützte. Indem er den Kampf gegen Unter­drück­ung durch das Wer­ben für mehr Inklu­sion der “Vielfalt” erset­zte, hat dieser Fem­i­nis­mus ver­sucht, die Prekarisierung der Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen der Frauen zu legit­imieren. Dabei hat er sich mit dem Estab­lish­ment ver­bün­det und die Ankun­ft von Frauen wie Angela Merkel oder Hillary Clin­ton in Macht­po­si­tio­nen als fem­i­nis­tis­chen Sieg aller Frauen dargestellt.

Als näch­stes betra­chtete Andrea die Entste­hung des “Frauen­streiks” als Meth­ode des Kampfes. Gle­ich­wohl ist der Frauen­streik zu einem sehr weit gefassten Konzept gewor­den, weil die Gew­erkschafts­bürokra­tien sel­ten echte Streikak­tio­nen zuge­lassen haben und der Fem­i­nis­mus sein­er­seits mit diesem Begriff eine Rei­he von Prak­tiken benen­nt – von Arbeit­snieder­legun­gen bis hin zur Ver­weigerung von Kon­sum oder den Demon­stra­tio­nen selb­st. Den­noch fragte Andrea, ob die Wieder­auf­nahme des Begriffs “Streik” durch die fem­i­nis­tis­che Bewe­gung nicht die zunehmende Inte­gra­tion von Frauen in die weltweite Arbeiter*innenklasse aus­drückt, von der sie aktuell 47% aus­machen.

Ein antikapitalistisches Manifest, das nicht über die linken Reformismen spricht

Was das Man­i­fest selb­st bet­rifft, so betonte Andrea D’A­tri zunächst einige Übere­in­stim­mungen mit diesem Text, beson­ders in der Beschrei­bung der Beziehung zwis­chen dem patri­ar­chalen Kap­i­tal­is­mus und Ras­sis­mus, der Gewalt gegen Frauen oder dem Het­ero­sex­is­mus.

Den­noch, so hob Andrea her­vor, sagt das Man­i­fest mehr dadurch aus, worüber es schweigt, als dadurch, worüber es spricht. Mit dieser Bemerkung bezog sich Andrea auf den fol­gen­den Absatz des Man­i­fest: “In dem Vaku­um, das durch den Nieder­gang des Lib­er­al­is­mus enstanden ist, haben wir die Möglichkeit, einen anderen Fem­i­nis­mus aufzubauen…”. Dabei erk­lärte sie, dass es in der Poli­tik niemals ein “Vaku­um” im engeren Sinne gibt und fragte die Anwe­senden, welche Kräfte in Europa aktuell dieses ange­bliche “Vaku­um, das durch den Nieder­gang des Lib­er­al­is­mus enstanden ist”, aus­füllen.

Genau­so ging sie mit der These II des Man­i­fests vor. Sie las den Absatz vor, der alle antikap­i­tal­is­tis­chen Bewe­gun­gen dazu aufruft, einen Fem­i­nis­mus der 99% aufzubauen, der sagt: “Dieser Weg kon­fron­tiert uns direkt mit den bei­den wichtig­sten poli­tis­chen Optio­nen, die das Kap­i­tal heute anbi­etet. Wir lehnen nicht nur den reak­tionären Pop­ulis­mus ab, son­dern auch den fortschrit­tlichen Neolib­er­al­is­mus.” Anschließend fragte Andrea den Saal: “Wen benen­nt das Man­i­fest nicht, indem es sich nur auf zwei Optio­nen beschränkt?”

Die anwe­senden Genoss*innen antworteten: Syriza, die als linke Mach­top­tion präsen­tiert wurde und die griechis­chen Massen ins Elend stürzte, und Podemos, die sich als Vertreterin der Bewe­gun­gen präsen­tierte und schließlich mit der socialimpe­ri­al­is­tis­chen PSOE koalierte. Auch La France Insoumise von Mélen­chon wurde ange­sprochen, der sich als link­er Pop­ulis­mus präsen­tiert, aber genau­so sou­veränis­tisch und anti-migrantisch ist wie die Rechte. Das heißt, das Man­i­fest schweigt über diese links- bzw. neo­re­formistis­chen Sek­toren, natür­lich ein­schließlich Bernie Sanders in den USA, den die Autorin­nen des Man­i­fests in den Vor­wahlen der Demokratis­chen Partei – eine der his­torischen Parteien der US-Bour­geoisie und des Impe­ri­al­is­mus – kri­tisch unter­stützten.

Eine breite Konzeption der Arbeiter*innenklasse und ihrer Bündnisse

Das Man­i­fest ver­weist in ver­schiede­nen Abschnit­ten auf die Zen­tral­ität der Arbeiter*innenklasse, die zunehmend weib­lich und nicht-weiß zusam­menge­set­zt ist. Die Autorin­nen, unter­stützt von der “The­o­rie der sozialen Repro­duk­tion”, sagen zwar klar, dass sie nicht nur die indus­triellen Lohnarbeiter*innen zur Arbeiter*innenklasse zählen, benutzen jedoch ver­schiedene unklare Def­i­n­i­tio­nen der Klasse.

Andrea D’A­tri bemerk­te aus­ge­hend von der Per­spek­tive von Brot und Rosen, dass wir eben­so die nicht-lohn­ab­hängi­gen Haus­frauen, die zur sozialen Repro­duk­tion der Arbeit­skraft beitra­gen, als Teil der Arbeiter*innenklasse sehen. Den­noch ist unsere Auf­gabe – auch wenn dieser Sek­tor eine große Wichtigkeit in der sozi­ol­o­gis­chen Analyse hat – nicht nur ana­lytisch und beschreibend, son­dern poli­tisch. Wenn wir die kap­i­tal­is­tis­che Gesellschaft rev­o­lu­tionär umwan­deln wollen, müssen wir sagen, dass – strate­gisch gese­hen – die Lohnarbeiter*innen an den zen­tralen Knoten­punk­ten der Pro­duk­tion und der Dien­stleis­tun­gen, die die Prof­i­takku­mu­la­tion, die Waren­zirku­la­tion etc. ermöglichen, eine her­aus­ra­gende Rolle in einem möglichen Auf­s­tand haben. Andrea benan­nte eben­so, dass diese zen­trale Rolle, die ihr eine strate­gis­che Posi­tion in der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft zuweist, nicht aus­re­icht, wenn die Arbeiter*innenklasse es nicht schafft, ein Bünd­nis mit anderen unter­drück­ten Sek­toren aufzubauen, inklu­sive der ver­armten Mit­telschicht­en.

Im End­ef­fekt wird die Arbeiter*innenklasse trotz ihrer zen­tralen Rolle in dem Man­i­fest in einem bre­it­en “Alle zusam­men” ver­mis­cht – die 99% –, das auch die höheren Sek­toren der kleinen Bour­geoisie bein­hal­tet, oder auch die nationalen Bour­geoisien der hal­bkolo­nialen Län­der, die zwar manch­mal Wider­sprüche mit dem Imper­al­is­mus haben kön­nen, aber den­noch die Arbeit­skräfte ihrer eige­nen Län­der aus­beuten. Indem er diese Frak­tio­nen der herrschen­den Klassen unsicht­bar macht, neigt der “Fem­i­nis­mus der 99%” zu ein­er pop­ulis­tis­chen Logik, die nur auf die Kon­fronta­tion mit dem 1% des konzen­tri­ertesten Reich­tums abzielt. So schlägt uns der “Fem­i­nis­mus der 99%” let­ztlich ein ger­adeso anti­ne­olib­erales Pro­gramm statt ein antikap­i­tal­is­tis­ches Pro­gramm vor.

Antikapitalistischer Feminismus ohne Strategie?

Wenn das Man­i­fest also in allen seinen Posi­tio­nen gegen den Het­ero­sex­is­mus und den Ras­sis­mus sowie in sein­er Benen­nung anti­im­pe­ri­al­is­tis­ch­er Kämpfe sehr fortschrit­tlich ist und sich für den Inter­na­tion­al­is­mus ausspricht, kommt Andrea D’A­tri zu dem Schluss, dass sein Schweigen zu den erwäh­n­ten Fra­gen in Frage gestellt und disku­tiert wer­den muss, um einen Fem­i­nis­mus aufzubauen, der uns eine Strate­gie geben kann, die fähig ist, dem patri­ar­chalen Kap­i­tal­is­mus ein Ende zu set­zen.

Dem Vor­trag fol­gte eine inten­sive Diskus­sion mit dem Pub­likum. Lucía, eine Aktivistin aus Pan y Rosas in Spanien, stimmte mit Andrea D’A­tri über die strate­gis­che Unbes­timmtheit des Fem­i­nis­mus für die 99% übere­in und ver­wies auf die Gespräche, die sie mit Nan­cy Fras­er während ihrer Spanien-Tournee geführt hat, bei der diese wider­sprüch­licher­weise die Notwendigkeit bekräftigt hat­te, ein fem­i­nis­tis­ches Über­gang­spro­gramm zu entwick­eln und gle­ichzeit­ig reformistis­che Organ­i­sa­tio­nen zu unter­stützen. Ein Genosse aus Frankre­ich verdeut­lichte auch die Unklarheit­en zwis­chen einem “Fem­i­nis­mus für die 99%” – wie im Titel des Man­i­fests –, der mit ein­er Konzep­tion vere­in­bar sein kann, die sich mit der Zen­tral­ität und Hege­monie der Arbeiter*innenklasse verbindet, und einem “Fem­i­nis­mus der 99%” – wie im Man­i­fest eben­falls mehrmals vorkommt –, der in eine pop­ulis­tis­che Per­spek­tive eingeschrieben ist.

Zum Abschluss las Andrea D’A­tri den let­zten Absatz des Man­i­fests vor: “… der Fem­i­nis­mus für die 99% set­zt sich zum Ziel, die existieren­den und zukün­fti­gen Bewe­gun­gen in einem glob­alen Auf­s­tand mit bre­it­er Basis zu vere­inen.” Sie lud dazu ein, einen Absatz zu find­en, der erk­lären würde, wie wir uns auf diesen glob­alen Auf­s­tand vor­bere­it­en kön­nen – doch so etwas find­et sich im Man­i­fest lei­der nicht. Wie Jose­fi­na aus dem Spanis­chen Staat gut mit ein­er Umschrei­bung von Rosa Lux­em­burg her­vorhob: “Was die Reformist*innen von den Revolutionär*innen unter­schei­det, ist nicht das was, son­dern das wie.”

Nach zweistündi­ger Diskus­sion waren sich die Teilnehmer*innen über die Wichtigkeit einig, mit all denen zu disku­tieren, die einen antikap­i­tal­is­tis­chen Fem­i­nis­mus fordern – nicht nur, um sich über das “Wofür” einig zu wer­den, son­dern auch, um die unter­schiedlichen “Wie” gegenüberzustellen, wie wir das erre­ichen kön­nen, das heißt, um eine strate­gis­che Debat­te zu führen. Die inter­na­tionale Frauenor­gan­i­sa­tion Brot und Rosen in Europa nimmt sich vor, einen rev­o­lu­tionären, anti­ras­sis­tis­chen, antikap­i­tal­is­tis­chen und anti­im­pe­ri­al­is­tis­chen Fem­i­nis­mus aufzubauen – genau­so wie unsere Genossin­nen in Lateinameri­ka.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Spanisch bei IzquierdaDiario.es.

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