Jugend

Zur Aktualität einer marxistischen jugend

Das Parteiensystem in Deutschland ist instabil geworden und eine legitime Vertretung ist nicht mehr selbstverständlich. Die parlamentarische Normalverwaltung des Kapitalismus, mit Agenda-Politik, Kriegseinsätzen, Kaputtsparen, Abschiebungen und allem, was dazu gehört, ist heute viel schwieriger als vor der 2008er Krise.

Zur Aktualität einer marxistischen jugend

Die alte Wel­tord­nung der „friedlichen Koex­is­tenz“, die in Jal­ta zwis­chen den let­zten Weltkriegs-Alli­ierten aus­ge­han­delt wurde, gilt seit der „kap­i­tal­is­tis­chen Restau­ra­tion“ 1990 nicht mehr. Und eine neue Wel­tord­nung wird nicht ohne große Umwälzun­gen entste­hen. Der Kap­i­tal­is­mus kann sich von selb­st nicht von Gestal­ten wie Trump, See­hofer und Erdo­gan befreien, denn sie sind Aus­druck sein­er Krise und reak­tionäre Ver­suche, mit der Krise umzuge­hen.

In dieser Sit­u­a­tion schla­gen wir mit der marx­is­tis­chen jugend ein Pro­jekt vor, dass sich gän­zlich von dem unter­schei­det, was es derzeit in Deutsch­land gibt. Denn wieso sind die recht­en Vari­anten des Kap­i­tal­is­mus über­all auf dem Vor­marsch? Weil die linken Ver­wal­tungs­for­men gescheit­ert sind und sich unglaub­würdig gemacht haben! Im Laufe der 2008er-Krise haben sich Pro­jek­te wie Podemos im Spanis­chen Staat oder Syriza in Griechen­land daran ver­sucht, den Kap­i­tal­is­mus mit seinen eige­nen Mit­teln in der Mitver­wal­tung zu zivil­isieren und sind knall­hart an die Wand gefahren. Inzwis­chen sind sie bei­de selb­st Parteien des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems, gegen das die Men­schen zu Mil­lio­nen auf der Straße waren. Sie ver­wal­ten die Armut und die Unter­drück­ung bere­itwillig mit. Auch in Deutsch­land sehen wir, dass selb­st die Linkspartei mit massen­hafter Pri­vatisierung sozialer Woh­nun­gen, Out­sourc­ing im Gesund­heits­bere­ich und Abschiebun­gen keine generell andere Poli­tik macht, sobald sie an der Macht ist. Wir kämpfen zwar zusam­men mit den vie­len aktiv­en Genoss*innen der Linkspartei, wo es um echte Verbesserun­gen geht. Wir weigern uns aber zu glauben, dass es sich dabei in Bay­ern um eine ganz andere Partei han­delt als die des „Regierungssozial­is­mus“ in Bran­den­burg, Berlin oder Thürin­gen.

Zyniker*innen mögen all­ge­mein zus­tim­men und sagen: „Es ist sowieso alles scheiße“ oder „Macht kor­rumpiert eben“ oder „Man kann nur ver­suchen im Kleinen etwas zu verän­dern“. Solche Ansicht­en teilen wir nicht.

Ein­mal, weil wir gar keine andere Wahl haben, als etwas Neues zu ver­suchen: Die Gesellschaft, in der wir leben, ver­ro­ht durch Ras­sis­mus, Sex­is­mus, Homo­pho­bie und nationalem Chau­vin­is­mus in einem Aus­maß, das längst Geschichte geglaubt war – mit ihrem deut­lich­sten Aus­druck im Auf­stieg der AfD und in der recht­en Poli­tik der CSU und Groko ins­ge­samt. Und nicht nur um die Gesellschaft in Deutsch­land ste­ht es schlecht: Eine ökol­o­gis­che Katas­tro­phe ist inner­halb des Kap­i­tal­is­mus unauswe­ich­lich und bedro­ht unsere ganze Exis­tenz als Zivil­i­sa­tion — ger­ade wieder führt RWE uns dies im Ham­bach­er Forst vor Augen. Auf Wel­tebene toben an allen Eck­en und Ende Kriege. Armut hält große Teile der Welt­bevölkerung in ihrem fes­ten Griff und führt zu riesiger Verzwei­flung und Hoff­nungslosigkeit.

Keine umfassende Antwort zu geben ist für uns also inakzept­abel.

Aber nicht nur, dass wir keine andere Wahl haben als uns zu organ­isieren, wir haben auch die Möglichkeit. Die lohn­ab­hängige Bevölkerung umfasst heute die Mehrheit der Men­schheit. Dieser Teil der Welt pro­duziert fast alles und bes­timmt fast nichts. Nur in einem Teil der Welt haben die Lohn­ab­hängi­gen über­haupt Möglichkeit­en zur Mitbes­tim­mung, und dann nur alle paar Jahren in Wahlen für Parteien, die sie in ver­schiede­nen Far­ben verkaufen oder auf ihnen herumtreten. Wenn man zum Beispiel die Grü­nen in Bay­ern wählt, koalieren die gut möglich mit der CSU und wir haben wieder den gle­ichen Salat. Die let­zte „linke Regierung“ in Deutsch­land hat, unter Schröder, Hartz IV, Koso­vo und Afghanistan sowie die Fall­pauschale ver­brochen. Wir haben aber als Arbeiter*innen – und damit meinen wir lohn­ab­hängig Beschäftigte aller Geschlechter und Eth­nien sowie Branchen – eine viel größere Macht, wenn wir uns bewusst organ­isieren.

Wir sagen, dass der Marx­is­mus aktuell ist. Mit Marx­is­mus meinen wir die unab­hängige Selb­stor­gan­i­sa­tion von Aus­ge­beuteten und ras­sis­tisch, sex­uell, nation­al oder geschlechtlich Unter­drück­ten. Unab­hängig, das bedeutet für uns nicht isoliert vor sich hin, son­dern in Verbindung mit den wichtig­sten Kämpfen unser­er Zeit – wie gegen den Recht­sruck und die Prekarisierung – und sou­verän in dieser Organ­isierung, nicht abhängig vom Kalkül inner­halb des Staates oder kap­i­tal­is­tis­ch­er Inter­essen. Sou­verän bedeutet für uns, dass die sozialen und demokratis­chen Auf­gaben nur von den bewusstesten Teilen der Arbeiter*innenklasse als Anführerin aller Unter­drück­ten gelöst wer­den kön­nen. Wir gehen die post­mod­erne Wende von Ernesto Laclau, Chan­tal Mouffe und Kolleg*innen nicht mit, die das Ende der Arbeiter*innenklasse als rev­o­lu­tionäres Sub­jekt erk­lärte, son­dern hal­ten diese unsere Klasse für die einzige, die die notwendi­ge soziale Macht hat, um ein würdi­ges Dasein für alle zu erkämpfen.

Wir wollen mit der marx­is­tis­chen jugend als eine von vie­len Grup­pen weltweit einen Beitrag leis­ten hin zu ein­er Organ­i­sa­tion aus der Arbeiter*innenklasse für die Arbeiter*innenklasse, aus­ge­hend beson­ders von ein­er Aktiv­ität der bewusstesten Sek­toren: der mul­ti-eth­nis­chen Jugendlichen, Arbeiter*innen und Frauen. Das heißt, wir wollen dort sein, wo es bren­nt. Dafür kämpfen wir zum Beispiel Seite an Seite mit Geflüchteten-Grup­pen wie Refugee Strug­gle for Free­dom oder mit Beschäftigten in der Pflege im Volks­begehren gegen den Pflegenot­stand sowie für den Auf­bau sou­verän­er Betrieb­s­grup­pen.

Unsere weltweit­en Inspi­ra­tio­nen für den Marx­is­mus, den wir meinen, sind die Jugend- und Arbeiter*innenkämpfe der let­zten Jahre in Frankre­ich gegen die Arbeits­ge­set­ze und den Bona­partismus; die Kämpfe der Arbeiter*innen, Jugendlichen und Frauen im Iran oder in Kur­dis­tan für eine freie Gesellschaft und gegen den Neolib­er­al­is­mus; die Kämpfe der Frauen von Pan y Rosas (Brot und Rosen) und der Arbeiter*innen in Argen­tinien für kosten­lose und legale Abtrei­bung sowie gegen die sozialen Angriffe der Macri-Regierung; und viele mehr. Unser Ver­ständ­nis des Klassenkampfes ist also nicht auf die Ökonomie beschränkt, son­dern wir sehen die bewusstesten Teile der Arbeiter*innenklasse in der Rolle, die tat­säch­liche Befreiung aller unter­drück­ten Teile der Gesellschaft anzuführen. Wieso kön­nen die bish­eri­gen Parteien selb­st diese ein­fache Losung, sich nicht an neolib­eralen Kürzun­gen und Recht­sruck zu beteili­gen, nicht ein­hal­ten? Weil dieses Bünd­nis inner­halb der Wahl-Logik ihr einziger Weg ist, Poli­tik zu machen – und wenn ihr Parteien­sys­tem nach rechts geht, gehen sie selb­st nach rechts. Auch lehnen wir die NGO­isierung der Poli­tik ab, die den Staat und die Kapitalist*innen in Ruhe lässt und stel­lvertre­tend für Betrof­fene Poli­tik zu machen ver­sucht. Wir wollen unsere Zukun­ft nicht an den Staat oder ver­meintlich unab­hängige Expert*innen delegieren. Wir sehen mit einem Pro­gramm der Arbeiter*innenklasse einen anderen Weg, der über die eigene Organ­isierung und die eige­nen Kämpfe geht.

Unser Ziel ist die klassen­lose, befre­ite Gesellschaft, der Kom­mu­nis­mus.

Wir sehen dieses Ziel nicht abge­tren­nt von den Kämpfen des All­t­ags um gute Pflege und Bil­dung, einen gut aus­fi­nanzierten öffentlichen Dienst statt inner­er und äußer­er Aufrüs­tung, gute Arbeits- und Aus­bil­dungs­be­din­gun­gen, das Ende von sex­is­tis­ch­er oder ras­sis­tis­ch­er Schikane im Job, auf der Straße oder durch den Staat, die Senkung der all­ge­meinen Arbeit­szeit bei vollem Lohn- und Per­son­alaus­gle­ich für alle, keine Repres­sion gegen Arbeit­slose, … Marx­is­mus bedeutet für uns, das Ziel und der Weg gehören zusam­men – es bedeutet, jeden Tag einzuste­hen für Verbesserun­gen und damit eine Organ­isierung erre­ichen, damit wir irgend­wann nicht mehr kämpfen müssen. Dieses Pro­gramm ist real­is­tis­ch­er als die Mitver­wal­tung eines kaput­ten Sys­tems. Dabei sind wir eine sehr junge Gruppe. Wir wollen noch viele Erfahrun­gen machen und ler­nen, was es bedeutet, eine marx­is­tis­che jugend in diesem Sinne aufzubauen. Dazu laden wir euch ein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.