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Zehn Tage ArbeiterInnenkontrolle in Frankreich

Zehn Tage ArbeiterInnenkontrolle in Frankreich

Interview mit Manu Georget, Gewerkschaftsführer der CGT von Philips Dreux

Wie bist du zur Fabrik Philips gekommen, wann hast du angefangen, dort zu arbeiten?

Ich fing 1987 an, bei Philips in Dreux zu arbeiten. Dort gab es zwei Montagewerke für Fernsehgeräte. Damals gab es 7.000 ArbeiterInnen, die zusammen mit den prekär Beschäftigten ca. 12.000 Beschäftigte in der Fabrik ausmachten.

Es gab mehrere wichtige Kämpfe in den 80er Jahren. Aber einer der wichtigsten Kämpfe fand 1997 statt, als die Festangestellten und prekär Beschäftigten zusammen für gleiche Arbeits- und Lohnbedingungen der prekär Beschäftigten und Festangestellten gekämpft haben. Von nun an fing Philips an, Sparten der Produktion auszulagern. Dafür gründeten sie ein Joint Venture mit dem Unternehmen LG, wohl um sich der Verantwortung zu entziehen. Von dem Zeitpunkt an gab es Personalentlassungen.

Wie fing deine politische Tätigkeit in der Fabrik an?

Es ging los als ich im oberen Werk arbeitete, das sogenannte „Radio 1“. Es hieß so, weil das Werk, als das Unternehmen noch in staatlicher Hand lag, Radiola hieß. Dieses Unternehmen war in zwei Werke geteilt: Radio 1 und Radio 2. Ich arbeitete im Bereich der Komponentenherstellung, dort war die Arbeit am konzentriertesten. Im anderen Werk arbeiteten überwiegend Frauen und dort wurden die Geräte zusammenmontiert. Also, ich wurde zum Werk „Radio 2“ versetzt, zu den Frauen. In diesem Werk hatten noch nie Streiks stattgefunden, und die Gewerkschaft CGT wurde von einer jungen Kollegin, einer Ingenieurin, geleitet. Ich wollte das Feld testen und aus dem Test wurde ein Streik um Lohnerhöhungen. Da sah ich, dass die Kollegin nicht nur den Streik voll mitgetragen hat, sondern es auch schaffte, dass ich als Gewerkschaftsdelegierter anerkannt wurde, damit ich nicht aus dem Unternehmen rausfliege, weil ich in den Streik verwickelt war.

Zusammen mit dieser Kollegin haben wir angefangen, die Gewerkschaft CGT bei Philips aufzubauen. Für uns sollte die Gewerkschaft eine Gewerkschaft der Massen mit klassenkämpferischem Charakter sein, jedoch merkten wir, dass wir uns dafür von der verräterischen Politik der Mehrheit der CGT trennen müssen.

Wie habt ihr angefangen, die Gewerkschaft zu organisieren?

Um eine eigene Gewerkschaft, eine „abtrünnige“ CGT, aufzubauen, mussten wir uns legal absichern. Gleichzeitig haben wir dafür gekämpft, dass leitende Angestellte nicht bei den Fabrikwahlen abstimmen konnten. Früher gab es drei Kategorien oder Sektoren, die sich an den Wahlen beteiligt hatten: die ArbeiterInnen, das technische Personal und die (Verwaltungs-)angestellten, und die Angestellten konnten bei den Wahlen der ArbeiterInnen abstimmen. Die ArbeiterInnen und das technische Personal konnten aber lediglich in ihrem eigenen Sektor abstimmen, die Angestellten dagegen konnten in ihrem eigenen Sektor, und in dem der ArbeiterInnen abstimmen.

Wenn eine Fabrik sehr groß ist, wegen der Anzahl der Beschäftigten, richtet diese Situation keine größeren Schäden an, aber angesichts der großen Anzahl der bis dahin vorgenommenen Entlassungen konnten auf einmal die Angestellten kommen, und über die Politik der ArbeiterInnen entscheiden. Diese Situation zu ändern, war das Erste, was wir als abtrünnige CGT mit initiiert haben.

Es wurde zu einem wichtigen juristischen Kampf, der aber sehr lang gedauert hat. Letztendlich haben wir ihn gewonnen. Dies wurde sogar zu einem bindenden Gesetz für alle ArbeiterInnen Frankreichs. Von nun an haben wir die Politik verfolgt, die abtrünnige CGT von Philips aus, auf andere Sektoren der Region auszuweiten. So haben wir eine Art Koordination mit den Arbeitern zahlreicher Sektoren der Industrie und des Handels in Dreux auf die Beine gestellt. So haben wir es geschafft, die Finanzen der Gewerkschaft zu stärken, wir konnten Politik betreiben, wir haben angefangen eine monatliche Gewerkschaftszeitung herauszugeben.

Wie habt ihr gegen die Entlassungswellen der letzten Jahre gekämpft?

2003 gab es eine erste Entlassungswelle aufgrund des technologischen Wandels von der Kathodenstrahlröhre zum LCD: Damals startete das Unternehmen eine erste Entlassungswelle mit der Kündigung von 250 ArbeiterInnen. Es war ein sehr harter und langer Kampf, der mit dem Verrat der gelben Gewerkschaft zu Ende ging, die vom Unternehmen ein paar Jahre zuvor auf die Beine gestellt worden war, um unsere Hegemonie in der Fabrik zu brechen.

2008 fand wieder eine Entlassungswelle statt, und der Streik war noch härter und dauerte 11 Wochen an. Die ArbeiterInnen kämpften um den Erhalt der Arbeitsplätze, nicht um Abfindungen. Dieser Streik war außerdem offensiv, denn die KollegInnen haben nicht nur einen Streikposten vor dem Fabriktor aufgestellt sondern sie entschieden sich auch dazu, das gesamte Industriegebiet von Dreux zu blockieren. Dafür stellten sie mehrere Streikposten um andere Fabriken der Stadt auf und hielten außerdem zwei Versammlungen pro Tag ab. 11 Wochen lang hat dieser unbefristete Streik die Unterstützung vieler KollegInnen erfahren. In der Tat blockierte er das ganze Industriegebiet, die LKWs konnten die Fabriken der Zone nicht erreichen, wegen den Streikposten der ArbeiterInnen von Philips.

Nach 11 Wochen Streik unterschrieb die gelbe Gewerkschaft Force Ouvrière, die sich am Streik nicht beteiligt hatte und zum Streikanfang von den Arbeitern selbst aus dem Konflikt ausgeschlossen worden war, ohne vorherige beratende Versammlung mit den Arbeitern, eine Vereinbarung mit dem Unternehmen, die die Entlassungen annahm. 2008 wurden insgesamt 287 KollegInnen entlassen. Force Ouvrière unterschrieb dabei nicht nur die Vereinbarung, die die Entlassungen ermöglichte, sie vereinbarte auch mit dem Unternehmen und dem Arbeitsministerium eine Vereinbarung, die die Möglichkeit der Entlassung der Gewerkschaftsdelegierten, jedoch nur die aus der CGT, vorsah. Man muss sich vor Augen halten, dass diese 287 entlassenen KollegInnen die radikale Basis in der Fabrik waren, sie waren die Basis der CGT.

Damals wurde ich selbst nicht entlassen, aber ich blieb allein in der Gewerkschaft, da sie alle meine KollegInnen entlassen hatten. So haben wir den Kampf aufgenommen, um die Wiedereinstellung der KollegInnen der CGT zu erreichen.

Wie begann der Koordinierungsprozess mit anderen Sektoren im Kampf?

Da habe ich verstanden, dass das, was wir auf lokaler Ebene bezüglich Koordinierung und Aktionen in Dreux gemacht hatten, auch auf Landesebene gemacht werden sollte. Daraufhin bin ich ins Auto eingestiegen, und habe angefangen die Fabriken zu besuchen, die sich auch in Arbeitskonflikten befanden. So lernte ich nach und nach die ArbeiterführerInnen von wichtigen Arbeitskämpfen wie bei Molex, Continental und Goodyear kennen, und blieb mit ihnen in Kontakt, da sie die fortschrittlichsten Avantgardesektoren der Arbeiterschaft darstellen. Außerdem war das Ziel die Kämpfe zusammenzuführen. Mit diesen Sektoren haben wir angefangen, die erste Oppositionstendenz in der Geschichte der CGT aufzubauen. Diese Strömung stellt die Weichen für eine klassenkämpferische Gewerkschaft der Massen. Von da an fingen viele an, die bei der CGT waren, sich zu organisieren. So haben wir eine Versammlung einberufen, um eben diese gewerkschaftliche Opposition in der CGT zu organisieren.

Wir haben einen juristischen Kampf geführt und so erreichten wir die Wiedereinstellung der Gewerkschaftsdelegierten der CGT in Dreux. Die Justiz hat uns Recht zugesprochen, da die vom Unternehmen angegebenen ökonomischen Gründe nicht gerechtfertigt seien. So hat man die Wiedereinstellung der Gewerkschaftsdelegierten erreicht. Der Prozess um die Wiedereinstellung aller Entlassenen von 2008 geht unterdessen noch weiter (wenn auch sehr langsam).

Der übliche Ton in Frankreich im Jahr 2009 war von dem was man als „Teilentlassung“ kennt (Kurzarbeit, A.d.Ü.) bestimmt. D.h. die Unternehmer zwingen die Arbeiter für wenige Stunden zu arbeiten, da es keinen Produktionsbedarf gäbe. Das war einer der Gründe dafür, dass die Demonstrationen Anfang 2009 so massiv waren. Bei Philips konnte man beobachten, dass das Unternehmen die Schließung der Fabrik vorbereitete, obwohl die Sache mit den 2008 vorgenommenen Entlassungen noch nicht gelöst war. Dennoch war für uns klar, dass das Unternehmen wieder einmal in die Offensive überging. So habe ich mit meiner Kollegin Natalie angefangen, über Alternativen nachzudenken, an die ArbeiterInnenkontrolle…, und da sagten wir uns, wir werden keinen Streik mehr machen mit Bratwürstchen vom Grill und so weiter, wir müssen in die Offensive gehen.

Der Koordinierungsprozess wurde weiterhin vorangetrieben und im Juli 2009 haben wir das „Kollektiv gegen die verbrecherischen Bosse“ auf die Beine gestellt. Als die Fabrik New Fabris geschlossen werden sollte, haben die ArbeiterInnen gedroht, die Fabrik mit einem Gastank in die Luft zu jagen. Sie haben zu einer Demo durch die Stadt Ende Juli aufgerufen, also mitten im Sommer, und es kamen 3000 Personen zusammen, was sehr unüblich für Frankreich ist. Von nun an, wurden weiterhin Versammlungen in verschiedenen Städten mit Avantgardesektoren organisiert, und es wurde beschlossen, eine große Veranstaltung zu machen, bei der mehr als 1000 Personen zusammen kamen. Später wurde eine Demo in Paris veranstaltet, zu der von Sektoren der proletarischen Avantgarde aufgerufen worden war.

Wie war die Erfahrung der ArbeiterInnenkontrolle, die ihr in Philips gemacht habt?

Bei einer von den ArbeiterInnen organisierten Feier im November 2009 wurde zum ersten Mal über die ArbeiterInnenkontrolle geredet. Als wir im Januar 2010 vom Urlaub zurückkamen, organisierten wir eine Versammlung, um mit der Belegschaft zu diskutieren, obwohl dies sehr schwer war, da 2008 fast die gesamte Basis der CGT entlassen worden war. Die KollegInnen, die im Betrieb geblieben waren, hatten noch nie an einem Streik mitgewirkt, und als wir alle sahen, wie das Unternehmen mit der Schließung drohte, haben genau diese KollegInnen zu uns gesagt: „Ihr redet immer von ArbeiterInnenkontrolle. Wieso versuchen wir es nicht?“.

Am Anfang, als wir die ersten Schritte in Richtung ArbeiterInnenkontrolle machten, gab es KollegInnen die sagten: „Ich werde von niemandem kontrolliert“. Dann kam ein anderer Arbeiter und sagte zu ihnen: „wenn ihr Eurer Schicksal nicht in Eure eigenen Händen nehmen wollt, dann werden wir Bankrott gehen und der Boss wird uns auffressen“. Und so haben wir alle die Arbeit aufgenommen. Da die Verwaltungsangestellten sich auch am Prozess der ArbeiterInnenkontrolle beteiligt haben, konnten sie als erstes einige mit Teilen zur Herstellung von Fernsehgeräten beladenen LKWs umleiten, um uns fehlende Produktionskomponenten sicher zu stellen. Diese sollten eigentlich nach Ungarn fahren, sie haben sie aber zu unserer Fabrik umgeleitet und dann haben wir angefangen zu produzieren.

Wir hatten nicht viel zum Produzieren. Es gab lediglich Komponenten für 5000 Fernsehgeräte, aber wir konnten das Wichtigste beweisen, nämlich dass die Fabrik doch funktionierte und dass man die Löhne der Beschäftigten weiterhin zahlen konnte. Uns hat aber die Zeit gefehlt, denn wir konnten die von uns hergestellten Fernsehgeräte nicht verkaufen. Das Interessante daran war, dass während der sehr kurzen Zeit von ArbeiterInnenkontrolle, nämlich in nur 10 Tagen, einige große Handelsketten begannen uns anzurufen, um sich nach dem Verkaufspreis der Geräte zu erkundigen. Wir konnten wenige von den von uns produzierten Geräten absetzen. Dies hat jedoch gereicht, damit die ArbeiterInnen angefangen haben zu verstehen, dass wenn man ein Fernsehgerät zu einem Preis von 600 Euro verkaufen kann, bei einer Produktion von 5000 Geräten und einer Belegschaft von 147 ArbeiterInnen, in einem Monat bis zu 20.000 Euro pro ArbeiterIn zusammen kommt. Eine Summe, die man sonst nicht mal mit der Arbeit eines ganzen Jahres erzielen kann.

Zu diesem Zeitpunkt ruft die Geschäftsführung von Philips Frankreich die Gewerkschaften auf, in die Zentrale zu kommen, denn die ausgeübte ArbeiterInnenkontrolle sei illegal. Die CGT antwortete, dass sie nichts damit zu tun hätte, dass dies eine Entscheidung allein der ArbeiterInnen sei. Auch Force Ouvriére behauptete, dass sie nichts damit zu tun hätten, und dass das Unternehmen mit ihrer Fabrik alles tun und lassen könnte, sogar sie wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Das Unternehmen fing an, enormen Druck auszuüben: mit einem privaten Sicherheitsdienst, mit Staatsanwälten, die in die Fabrik kamen um mit Prozessen gegen neun KollegInnen zu drohen. Sie haben gedroht, dass diese neun ArbeiterInnen für alles verantwortlich wären, was in der Fabrik geschieht, denn dies sei „illegal“ gewesen. Aufgrund der Drohungen seitens des Unternehmens, haben die Beschäftigten unter der Mitwirkung von Force Ouvriere, das Ende der ArbeiterInnenkontrolle beschlossen. Wir haben argumentiert, dass es notwendig sei, die ArbeiterInnenkontrolle aufrecht zu halten, denn wir konnten uns auf den richterlichen Beschluss berufen, der zu unserem Gunsten ausgefallen war. Dieser Beschluss besagte, dass die vom Unternehmen für die Fabrikschließung angegeben wirtschaftlichen Gründe nicht gültig seien.

Mitte Februar 2010 bekamen ArbeiterInnen Telegramme, auf denen stand, dass sie am Montag nicht zur Arbeit gehen sollten, denn die Fabrik sei geschlossen worden. Wir von der CGT haben nichts ausgelassen: wir haben alle angerufen, wir haben die Medien bestellt, wir haben die KollegInnen aufgerufen, den Brief des Unternehmens einfach zu ignorieren, und am Montag sind alle bei der Arbeit erschienen. An diesem Montag haben wir auch erfahren, dass manche KollegInnen ein weiteres Telegramm vom Unternehmen bekommen hatten, in dem das Unternehmen ihnen das Angebot unterbreitete, sie wieder einzustellen. Die Bedingungen waren folgende: Ein Umzug zur Produktionsstätte nach Ungarn, einen Monatslohn von 450 Euro, und als weitere Bedingung verlangte das Unternehmen fließend Ungarisch zu sprechen. Das war ein Skandal, alle waren entsetzt, denn sie boten den französischen ArbeiterInnen einen Monatslohn von 450 Euro. Aber niemand zeigte sich empört, dass die ungarischen ArbeiterInnen eben schon längst für 450 Euro arbeiten müssen. In diesem Moment wurde der Konflikt landesweit bekannt, und mitten im Skandal sprang der Industrieminister auf, um Philips zu verteidigen. Er sagte, die Führung von Philips bestünde nicht aus Verbrechern, gleichzeitig lud er die ArbeiterInnen und Gewerkschaften zu einem Gespräch nach Paris ein.

Es verging eine weitere Woche, und während die Streikposten noch aufrecht erhalten wurden, wurde ein Justizurteil bekannt. Darin war zu lesen, dass die Aussperrung illegal war, und dass das Unternehmen die Produktion wieder aufnehmen sollte. Genau am selben Tag hatte die Unternehmensleitung den Produktionsstopp bekannt gegeben. Drei Tage nach diesem wichtigen Sieg, vereinbarten das Unternehmen und die Gewerkschaft Force Ouvrière die Schließung der Fabrik, als Gegenleistung wurden Abfindungen vereinbart. In Frankreich gibt es einen skandalösen Mechanismus, der erlaubt, dass sogar eine Minderheitsgewerkschaft, die nicht die Unterstützung der ArbeiterInnen hat, eine Vereinbarung mit dem Unternehmen treffen darf.

Bei Philips Dreux haben wir eine Erfahrung mit der ArbeiterInnenkontrolle gemacht, die zwar in einer Niederlage endete aber uns einen alternativen Weg aufzeigte. Eine Kampfalternative zu der von Reformisten verfolgten Strategie, die sich heute in Frankreich darauf beschränkt, bessere Abfindungen auszuhandeln. Unsere Niederlage bei Philips geht auf das Konto der Gewerkschaftsbürokratie und der gelben Gewerkschaften, die die ArbeiterInnenklasse verraten haben. Auf der anderen Seite hat die ArbeiterInnenkontrolle zu einer Bewusstwerdung einer anderen möglichen Alternative in Frankreich und Europa geführt. Um zu siegen, lautet die Alternative: Kämpfen!

Interview: FT-CI, Übersetzung: Antje Berlinger

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