Frauen und LGBTI*

Workshop: Feminismus in Zeiten von Krieg und Krise

Am 19. Dezember veranstaltete Waffen der Kritik München einen feministischen Workshoptag in den Räumen des Kurt-Eisner-Vereins. Am Programm beteiligten sich außerdem RIO Berlin (Revolutionäre Internationalistische Organisation) und YXK Jin (Verband der Studierenden aus Kurdistan, autonomer Frauenflügel). Über den Tag kamen 40 Menschen zu Diskussionen über Sexismus, das Verhältnis von ökonomischer Ausbeutung und geschlechtlicher Unterdrückung, die Errungenschaften der Frauen* von Rojava, den Kampf der Frauen* im „Arabischen Frühling“ und die Verbindung von Feminismus mit Antikapitalismus und Anti-Imperialismus.

Workshop: Feminismus in Zeiten von Krieg und Krise

„In der Erfahrung jeder Frau* ist Sexismus greifbar“

Der Sexismus ist die „Vorstellung, nach der eines der beiden Geschlechter dem anderen von Natur aus überlegen sei, und die [daher für gerechtfertigt gehaltene] Diskriminierung, Unterdrückung, Zurücksetzung, Benachteiligung von Menschen, besonders der Frauen, aufgrund ihres Geschlechts“. Das meint zumindest der Duden. Die Teilnehmer*innen des ersten Plenums fanden diese Definition ungenügend. In Wortbeiträgen wurde der Sexismus stattdessen als ein strukturell und individuell wirksames Verhältnis definiert, das eine geschlechtliche Konstruktion mit Privilegierungen erschafft und damit Menschen unterdrückt und spaltet.

Arbeitsgruppen zum Thema Sexismus diskutierten unter anderem, was es mit dem „biologischen Geschlecht“ und der „Natur“ eigentlich auf sich hat. Es gibt kein „essenzielles“ Geschlecht, das von Natur gegeben und binär in „männlich/weiblich“ eingeteilt ist, so die überwiegende Position (darauf soll auch das „Gender-Stenchen*“ hinweisen). Was wir unter Geschlecht verstehen, wird sozial hergestellt, nicht etwa durch klar definierbare Körpermerkmale.

Trotzdem und gerade deshalb gibt es Sexismus: „Auch bei der nationalen Unterdrückung brauchen wir nicht an eine „Idee der Nation“ oder angebliche empirische Merkmale der Nationalität zu glauben, um zu wissen, dass es nationale Unterdrückung gibt. Sie ist eine Tatsache der alltäglichen Erfahrung. Und genauso ist in der Erfahrung jeder Frau* Sexismus greifbar“, so eine Wortmeldung im Plenum.

„Sexismus gibt es auch als ‚Bevorzugung‘, die aber meist objektifizierend ist. Zum Beispiel beim Weggehen: Frauen* kommen ermäßigt in die Disco, aber warum? Als Dekoration, als ‚Frischfleisch‘, zu kommerziellen Zwecken“, meinte eine Teilnehmerin*. Eine andere ergänzte, sie würde gern mehr Eintritt bezahlen, wenn sie dafür als selbstbestimmtes Subjekt anerkannt wird.

Selbstbestimmtheit und Subjekt-Status der Frauen* werden durch männliche* Dominanz und Gewalt im Alltag ständig angegriffen. Auch innerhalb der Linken, wo es genauso Mackertum und geschlechtliche Unterdrückung gibt wie im Rest der Gesellschaft. Männer* sollten sich der Privilegien, die sie in der kapitalistischen Klassengesellschaft bekommen, bewusst sein, und als Verbündete gegenüber Frauen* auftreten – zum Beispiel wenn jemand einen sexistischen Witz macht, den Mund aufmachen und sagen, dass das nicht in Ordnung ist. Feminismus sollte nicht „reine Frauensache“ sein.

Letztlich schadet der Sexismus auch den allermeisten Männern*, obwohl sie innerhalb von patriarchalen Gesellschaftsordnungen relativ zu Frauen* privilegiert sind: Er hindert sie an gemeinsam Kampf für bessere Lebensverhältnisse, er spaltet die Arbeiter*innenklasse täglich neu durch Lohndiskriminierung und sexistische Belästigung am Arbeitsplatz. Und er drängt Männer*, eine machistische, reaktionäre Haltung zu entwickeln, die die freie Entwicklung der eigenen Identität und Person verhindert und überdeckt.

Was ist „Klassenkämpferischer Feminismus“?

Lilly Freytag und Resa Luxemburg teilten ihrer Erfahrung aus der theoretischen und klassenkämpferischen Tradition von Pan y Rosas (Brot und Rosen), die in Lateinamerika und im Spanischen Staat große Frauen*gruppierungen aufbauen. „Brot und Rosen“ war 1911 die Losung eines Streiks migrantischer Arbeiterinnen* in den USA, in dem sie neben besseren Löhnen – „Brot“ – auch ein besseres Leben – „Rosen“ – forderten). Dieses Jahr fand in Barcelona ein gemeinsames Seminar von Frauen* der Trotzkistischen Fraktion – Vierte Internationale (FT-CI) aus Deutschland, Frankreich und dem Spanischen Staat statt, an dem die beiden Referent*innen teilnahmen.

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„Es gibt eine Doppelbewegung gegen die Lebensbedingungen von Frauen* in der kapitalistischen Krise“, so die These von Lilly und Resa. Doppelt deshalb, weil sie erstens als Frauen*, zweitens als (prekäre) Arbeiter*innen angegriffen werden.

Prominentes Beispiel für die Rücknahme hart erkämpfter Rechte ist die Abtreibungsgesetzgebung, gegen deren Verschärfung im Spanischen Staat viele Frauen* auf die Straße gingen. Gleichzeitig zu den gesetzlichen Repressionen gegen körperliche Selbstbestimmung nehmen die Gewalt gegen Frauen* und die Mobilisierung rechter antifeministischer Kräfte in Europa wieder zu.

Trotz Integration der Frauen* in die europäische Arbeitswelt, sind es überwiegend Frauen* mit schlecht bezahlter und prekärer Arbeit und einer Zusatzbelastung durch Reproduktionsarbeit (Familie, Haushalt, Pflege). Der Abbau der Sozialsysteme in der Krise bedeutet einerseits, dass Frauen „zurück ins Haus“ zur kostenlosen Reproduktionsarbeit gezwungen werden, und andererseits auch, dass ihre Arbeitsbedingungen selbst verschlechtert werden.

Viele Probleme, die Frauen heute betreffen, seien also Probleme, die vom Kapitalismus ausgelöst werden, so die Referent*innen. Wenn das gesamte Leben von Frauen* in und LGBT*-Menschen (lesbische, schwule, bi, transgender und andere Identitäten) den Blick genommen werden soll, reiche es nicht aus, für allgemeine Frauenrechte zu kämpfen, sondern auch gegen ein ökonomisches System, das sie unter miserablen Bedingungen leben lässt. Der klassenkämpferische Feminismus, den die Frauen* von RIO und der FT-CI vorschlagen, nimmt deshalb keine „abstrakte Gleichheit“ wie der bürgerliche Feminismus an, sondern geht von den tatsächlichen Lebensumständen der lohnabhängigen Frauen* aus.

Der Workshop zum klassenkämpferischen Feminismus schloss an diesen Input an. Wir lasen in Kleingruppen Auszüge aus dem Buch „Brot und Rosen“ von Andrea D’Atri, das voraussichtlich 2016 erscheint und an dessen Übersetzung aus dem Spanischen Lilly und Resa zurzeit arbeiten. Darin stellt die Autorin folgende Beziehung zwischen ökonomischer Ausbeutung und sexistischer Unterdrückung her:

Aus einer marxistischen Perspektive verstehen wir Ausbeutung als diejenige Beziehung zwischen den Klassen, die entsteht aus der Aneignung aus dem überschüssigen Arbeitsprodukt der Arbeiter*innenmassen, und zwar durch diejenige Klasse, die Privatbesitz an Produktionsmitteln hat. Es handelt sich also um eine Kategorie, die in der ökonomischen Struktur verankert ist. Unterdrückung, auf der anderen Seite, können wir definieren als eine Beziehung der Unterwerfung einer Gruppe durch eine andere aufgrund von kulturellen, rassifizierten oder sexuellen Merkmalen. Das heißt, die Kategorie der Unterdrückung bezieht sich auf die Ausnutzung von Ungleichheit, um eine bestimmte Gruppe zu benachteiligen.

Wir können feststellen, dass Frauen verschiedenen, sich im Widerspruch miteinander befindenden sozialen Klassen angehören, und nicht eine eigene Klasse bilden, sondern eine Klassen übergreifende Gruppe. Und wir denken, dass sich Ausbeutung und Unterdrückung auf unterschiedliche Weisen kombinieren. Die Klassenzugehörigkeit einer Person bestimmt die Form ihrer Unterdrückung.

Dass Frauen* geschlechtlich unterdrückt werden, schließe außerdem nicht aus, dass sie selbst zum Beispiel an rassistischer oder nationaler Unterdrückung teilnimmt, so D’Atri. Sie stellt das an folgendem Beispiel dar:

Wenn eine dreißigjährige Frau, einerseits mit dem „gleichen“ Recht wie ein Mann, ihr „Recht ausüben kann“ Offizierin der gemeinsamen Truppen der NATO zu sein, die die semikolonialen Länder bombardiert, oder, im gleichen Alter, in einem afrikanischen Dorf aufgrund von AIDS stirbt, ist es widersprüchlich und sogar zynisch von dem Fortschritt der Frauen als solche zu sprechen. Sollten wir nicht von verschiedenen Frauen reden? Sind die Leben der Unternehmerinnen und der Arbeiterinnen, der Frauen in den imperialistischen Ländern und der in den Semikolonien, der weißen Frauen und der schwarzen Frauen, der Immigrantinnen und Geflüchteten etwa alle gleich? Davon auszugehen, dass nur weil sie Frauen sind, es etwas gibt was die britische Königin mit den arbeitslosen Engländerinnen verbindet, die argentinische Präsidentin mit den einfachen Hausangestellten, die berühmte Sängerin mit den Arbeiterinnen in den mexikanischen Maquiladoras, bedeutet letztlich selber dem biologischen Reduktionismus der patriarchalen Ideologie zu verfallen, den wir Feministinnen richtigerweise ernsthaft kritisieren. Wenn wir so über Geschlecht sprechen, wäre es nur noch eine abstrakte Kategorie, sinnentleert und nicht mehr nützlich für die Transformation, die wir eigentlich erreichen wollen.

Dass der Sturz patriarchaler Unterdrückung und der Sturz des Kapitalismus Hand in Hand gehen müssten, zeige die Erfahrung der russischen Revolution, wie im Abschlussplenum zum Thema festgestellt wurde: Der junge Arbeiter*innenstaat legalisierte die Abtreibung, ermöglichte Scheidungen und unternahm Schritte zur Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit. Auch die „Homo-Ehe“ wurde legalisiert. Alles in allem also die fortschrittlichsten Gesetze gegen geschlechtliche und sexuelle Unterdrückung, und das im ehemaligen Zarenreich. Diese Errungenschaften wurden erst von der Stalinisierung wieder rückgängig gemacht, die unter der Ideologie des „Sozialismus in einem Land“ die bürgerliche Familie rehabilitierte.

Die Zerstörung der materiellen Basis des Kapitalismus, in dem es eine spezifische bürgerliche Form des Patriarchats gibt, bedeutet aber keinesfalls, dass Sexismus „automatisch“ endet – wie es die maoistische These von „Haupt- und Nebenwiderspruch“ einst behauptete. Der Kampf gegen Sexismus muss heute bewusst und gerade innerhalb der Organisationen der Arbeiter*innenklasse und der Linken geführt werden. Er kann nicht auf „später“ aufgeschoben werden, darüber herrschte Einigkeit im Plenum.

Der Weg, den die Frauen* von RIO vorschlagen, bedeutet dagegen die Überwindung der Trennung von der Arbeiter*innenbewegung und der Frauenbewegung. Dafür ist die Selbstorganisation von Frauen* in sozialen und Arbeitskämpfen eine wichtige Erfahrung, zum Beispiel in Komitees, die innerhalb eines Streiks die besondere Unterdrückung der Frauen* aussprechen und in der Gesamtbewegung hervorheben.

Erkämpfte Positionen, wie formale Gleichstellung oder Rechte auf körperliche Selbstbestimmung, sollten dabei Ausgangspunkt für neue Kämpfe werden, um Kapitalismus und Patriarchat zu begraben – im Bewusstsein, dass jede Errungenschaft in einer Krise wieder zurückgenommen werden kann. Und letztlich sollte, so die Referent*innen, ein klassenkämpferischer Feminismus besonders aus „westlichen“ Ländern einen anti-imperialistischen, anti-rassistischen Charakter haben, der sich auch gegen diese Formen der Unterdrückung solidarisiert.

Über die Errungenschaften der Frauen in Rojava

YXK Jin berichtete in einem Vortrag von der „Revolution der Frau“ in Rojava (Westkurdistan). Während des syrischen Bürger*innenkriegs haben die Frauen stets in erster Frontlinie gegen ISIS und für demokratische Errungenschaften gekämpft. Dazu gehört ein System der demokratischen Selbstverwaltung des autonomen Rojava (was „Westen“ bedeutet) in Kommunen, Räten und autonomen Frauenstrukturen ebenso wie die Verteidigung verschiedener geschlechtlich, religiös und ethnisch unterdrückten Gruppen in der Vielvölkerregion durch Selbstverteidigungseinheiten YPG und YPJ (letztere sind die Frauen).

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YXK Jin mit einem Vortrag über die Frauen*kämpfe in Rojava

Das Beispiel von Rojava zeigt, dass Frauen als Subjekte ihrer Kämpfe Ansätze für gesellschaftliche Umbrüche erreichen können. Die „Revolution in Rojava“ sei besonders eine Revolution der Frau gewesen, führte YXK Jin aus dem gleichnamigen, 2015 erschienenen Buch über „Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo“ aus. Das Buch gibt zahlreiche Veranschaulichungen dieses Prozesses in Rojava und schlägt ein demokratisches Programm vor.

Die Frauen von Rojava leisten insbesondere politische Bildungsarbeit, sie haben eigene Frauenstrukturen auf allen Ebenen der Verwaltung und des Rechts. Sie sind zusätzlich in allen allgemeinen Gremien und Spitzenpositionen mit einer Quote vertreten. In den Nachbarschaften führen sie einen Kampf gegen das Patriarchat in der Familie, besonders gegen häusliche Gewalt oder die Verheiratung von Kindern. So umfasst die Basiseinheit der „Straßenräte“ zum Beispiel maximal einige Hundert Häuser, sodass sexistische Ereignisse in den Familien bemerkt werden. Der Strafe bei häuslicher Gewalt, die es auch natürlich gibt, ziehen die Selbstverwaltungsstrukturen die Aufklärung über die Notwendigkeit geschlechtlicher Gleichstellung vor.

Vor der demokratischen Umwälzung wurden die Frauen sogar noch bestraft, wenn sie gegen Sexismus aufbegehrten, häusliche Gewalt war gesellschaftlich anerkannt. Nicht zuletzt weil die Frauen nun aber unersetzlich für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Strukturen sind und weil sie die Erfahrung der gemeinsamen Verteidigung ihrer Errungenschaften haben, unterstützen auch die meisten Männer in der Region ihre Gleichberechtigung, ihre Präsenz als Kontrollkräfte und ihren Kampf gegen das Patriarchat.

Eine der Hauptaufgaben bleibt die Verteidigung der Errungenschaften von Rojava gegen die Bedrohung vom IS, ebenso wie gegen den von Erdoğan geführten Türkischen Staat und gegen die Interessen des vom US-Imperialismus gestützten Barzani-Regimes im Nordirak, das von Deutschland anders als Rojava mit Waffen beliefert wird. Dabei haben sich die Kämpfer*innen von Rojava als schlagkräftigste Gegner*innen des IS erwiesen, da sie etwas zu verteidigen haben: eine demokratischere Gesellschaft, an der Männer und Frauen gemeinsam beteiligt sind.

Arabischer Frühling und Herbst für die Frauen* in Ägypten

Im abschließenden Workshop widmeten wir uns den Frauen*kämpfen in der ägyptischen Revolution. Schon 2006 standen die Frauen* der Textilindustrie von El-Mahalla – die für europäische und US-amerikanische Großkonzerne zu Billiglöhnen nähten – an vorderster Front von Streiks, 2011 nahmen sie diese Rolle in der ägyptischen Revolution gegen den Diktator Mubarak wieder ein. Im ganzen „Arabischen Frühling“, der von Tunesien ausging, waren sie die ersten, die kämpften.

Die Frauen* hatten die miesesten Löhne und die schlechtesten Arbeitsbedingungen, außerdem waren sie sexistischer Unterdrückung ausgesetzt. Gegen beides standen sie auf, um die öffentlichen Straßen und Plätze zu füllen und ihre Forderungen für ein gutes Leben zu erheben. In dieser ersten Phase der ägyptischen Revolution kämpften die Frauen* gleichberechtigt mit den Männern* auf der Straße und brachten den Diktator tatsächlich zu Fall. Sexistische Ordnungsvorstellungen, die Frauen* nach Hause verbannten, wurden in der revolutionären Massenmobilisierung zeitweilig aufgehoben. Die Frauen vom Tahrir-Platz in Kairo und anderen Orten des Kampfes wehrten sich sowohl gegen gewalttätige Übergriffe als auch gegen die demütigende staatliche Repressionspraxis von „Jungfräulichkeitstests“ an Demonstrantinnen*, die den Willen der kämpfenden Frauen* brechen und sie von der Straße verjagen sollten.

Doch in einer zweiten Phase schlug der revolutionäre Frühling in einen „konterrevolutionen Herbst“ um. Die Revolution wurde zunächst in den Parlamentarismus kanalisiert, wo nicht mehr die fortschrittlichsten Teile der Gesellschaft – die Jugend, die Frauen*, die Arbeiter*innen – das Sagen hatten, sondern islamistische Parteien, wie die Muslimbrüder Mursis. Ihr Sieg bedeutete gewaltige Rückschläge für die Frauen*rechte.

Erneut regte sich massenhafter Widerstand, jedoch wurde der revolutionäre Prozess dann durch die neue Militärdiktatur Al-Sisis „beschlagnahmt“, der die alte Ordnung wiederherstellte und einen dauerhaften Notstand gegen die Arbeiter*innenklasse verhängte. Diese Niederlage, die es analog in vielen Ländern des „arabischen Frühlings“ gab, findet in einer Phase der anhaltenden Instabilität der gesamten Region statt, die von ungelösten Widersprüchen durchzogen bleibt.

In der Zeit des Aufruhrs konnten die Frauen* ihre patriarchalen Fesseln auf den Straßen und in den Fabriken abwerfen. Als die Bewegung der Arbeiter*innen und Frauen* aber nicht siegreich war, traf sie die besondere Rache des Mursi- und dann des neuen Militärregimes. Nichtsdestoweniger haben die Frauen* in Ägypten und im gesamten arabischen Raum zum wiederholten Male bewiesen, dass sie selbstbewusste Subjekte ihrer Kämpfe sind – was westliche Islamophobie, die auch „feministisch“ verkleidet ist, oftmals bestreitet, wenn sie Frauen* aus Mittel- und Nahost als passive Opfer einer „barbarischen“ Kultur darstellt.

Der westliche Imperialismus (USA, Deutschland und andere Großmächte), der zuvor Mubarak stützte, arrangiert sich jetzt mit der repressiven Militärdiktatur. Er bringt nirgendwo „Demokratie und Freiheit“, besonders nicht für die Frauen*, sondern lediglich eine weitere Komponente der Unterdrückung, die sie zusätzlich angreift.

In der Abschlussdebatte wurde die Wichtigkeit einer anti-imperialistischen und antirassistischen Antikriegsbewegung für den Kampf der Frauen* und Arbeiter*innen besprochen. Die aktuellen Kriege, an denen Deutschland sich beteiligt, sind in mehrfacher Hinsicht Kriege gegen die Frauen*: Erstens, die Bomben auf Syrien und die Unterstützung reaktionärer Diktator*innen werden in der Zivilbevölkerung Frauen* töten. Zweitens, sie bedeuten ein riesiges „Rekrutierungsprogramm“ für ultra-reaktionäre Gruppen wie den IS, der Frauen* versklavt. Drittens, der Krieg bedeutet eine Militarisierung und reaktionäre Wende im Inneren, wo bestehende Rechte wieder angegriffen werden: Prekär beschäftigte Frauen* und überwiegend weibliche* Auszubildende in Sozialberufen werden die Kosten des Kriegs zu tragen haben.

Die Frauen*kämpfe aus Rojava und Ägypten sind eine wichtige Inspiration für uns. Wir wollen zusammen mit allen Unterdrückten, zum Beispiel mit den Geflüchteten, in Deutschland gegen Abschiebung in Diktaturen, Armut und Krieg, für eine bessere Welt kämpfen. Uns trennen weder Religionen noch Kulturen. Der feministische Kampf als Kampf gegen Unterdrückung sollte sich auch gegen Krieg, Abschiebung und Prekarisierung richten.

Eine wichtige Frage blieb am Ende umstritten: Mit welcher Strategie können Kapitalismus und Patriarchat am wirksamsten bekämpft werden? Der Workshoptag hat dazu verschiedene Ansätze geliefert. Wir von Waffen der Kritik befinden uns selbst in einem andauernden Diskussionsprozess über die richtige Strategie und das Verhältnis von Unterdrückung und Ausbeutung. Die produktiven Debatten des Workshops möchten wir mit allen Interessierten fortsetzen und daraus Schlussfolgerungen für die Praxis ziehen.

Literaturtipps aus den Workshops

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