Deutschland

„Wir werden weiterkämpfen!“ – Erklärung von Fabio V. vor Gericht

Der 18-jährige Italiener Fabio V. sitzt seit über vier Monaten in Untersuchungshaft in Hamburg. Ihm wird nichts konkretes vorgeworfen – lediglich, dass er sich an Protesten gegen die G20 beteiligt hat. Am Dienstag gab Fabio diese Erklärung vor dem Amtsgericht Altona ab, wie Panorama berichtete. Wir fordern die sofortige Freilassung von Fabio und allen G20-Gefangenen!

„Wir werden weiterkämpfen!“ – Erklärung von Fabio V. vor Gericht

Frau Rich­terin, Frau Schöf­fin, Herr Schöffe, Frau Staat­san­wältin, Herr Jugendgericht­shelfer,

Sie müssen heute über einen Mann urteilen. Sie haben ihn als „aggres­siv­en Krim­inellen“ und als „respek­t­los gegenüber der Men­schen­würde“ beze­ich­net. Mich per­sön­lich küm­mert es nicht, mit welchen Attribut­en Sie mich benen­nen. Ich bin nur ein Junge mit einem starken Willen.

Zunächst ein­mal möchte ich sagen, dass die Herrschaften Poli­tik­er, Polizeikom­mis­sare und Staat­san­wälte wahrschein­lich glauben, dass sie den Dis­sens auf den Straßen aufhal­ten kön­nen, indem sie ein paar Jugendliche fes­t­nehmen und einsper­ren. Wahrschein­lich glauben diese Herrschaften, dass das Gefäng­nis aus­re­icht, um die rebel­lis­chen Stim­men aufzuhal­ten, die sich über­all erheben. Wahrschein­lich glauben diese Herrschaften, dass die Repres­sion unseren Durst nach Frei­heit aufhal­ten wird. Unseren Willen, eine bessere Welt zu erschaf­fen.

Nun gut, diese Herrschaften täuschen sich. Sie liegen falsch, das beweist auch die Geschichte.

Denn wie ich mussten bere­its unzäh­lige junge Men­schen Gerichtsver­fahren wie dieses hier durch­leben.

Heute ist es Ham­burg, gestern war es Gen­ua und davor wiederum war es Seat­tle.

Sie ver­suchen, die Stim­men der Rebel­lion, die sich über­all erheben, mit allen „legalen“ Mit­teln und „prozess­rechtlichen Maß­nah­men“ einzu­gren­zen.

Wie dem auch sei, wie auch immer die Entschei­dung des Gericht­es laut­en wird, sie wird nichts an unserem Protest ändern. Denn noch viele junge Män­ner und Frauen, die von den gle­ichen Ide­alen angetrieben wer­den, wer­den auch weit­er­hin über­all in Europa auf die Straßen gehen, ohne sich dabei um die Gefäng­nisse zu küm­mern, die Sie mühevoll ver­suchen, mit poli­tis­chen Gefan­genen zu füllen.

Aber kom­men wir nun zum Punkt, Frau Rich­terin, Frau Staat­san­wältin, Frau Schöf­fin, Herr Schöffe, Herr Jugendgericht­shelfer.

Kom­men wir zum Punkt.

Wie Sie sich vorstellen kön­nen, werde ich heute in Bezug auf die Sache, wegen der ich angeklagt bin, von meinem Recht zu schweigen Gebrauch machen. Aber ich möchte etwas über die Beweg­gründe sagen, weswe­gen ein junger Arbeit­er aus ein­er abgele­ge­nen Stadt in den östlichen Voralpen nach Ham­burg gekom­men ist. Er tat dies, um sein Miss­fall­en am G20-Gipfel zum Aus­druck zu brin­gen.

G20. Allein der Name an sich hat etwas Per­vers­es.

20 Men­schen, Män­ner und Frauen, welche die reich­sten Indus­trielän­der der Welt vertreten, ver­sam­meln sich um einen Tisch. Sie sitzen alle zusam­men, um über unsere Zukun­ft zu entschei­den. Ja, ich habe es richtig gesagt: „unsere“ Zukun­ft. Meine Zukun­ft, die Zukun­ft aller Men­schen, die heute hier in diesem Saal sitzen, sowie die Zukun­ft weit­er­er sieben Mil­liar­den Men­schen, die auf unser­er schö­nen Erde wohnen.

20 Men­schen entschei­den über unser Leben und unseren Tod.

Selb­stver­ständlich ist die Bevölkerung zu diesem net­ten Ban­kett nicht ein­ge­laden. Wir sind nichts anderes als die dumme Schaf­sh­erde der Mächtig­sten der Welt. Hörige Zuschauer dieses The­aters, in dem eine Hand­voll Men­schen die ganze Men­schheit in der Hand hat.

Frau Rich­terin, ich habe lange darüber nachgedacht, bevor ich nach Ham­burg gekom­men bin.

Ich habe an Her­rn Trump gedacht und an seine Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka, die sich unter der Flagge der Demokratie und der Frei­heit für die Polizis­ten der ganzen Welt hal­ten. Ich habe an die vie­len Kon­flik­te gedacht, die der amerikanis­che Riese in jed­er Ecke des Plan­eten ans­tiftet. Von Nahost bis nach Afri­ka. Alles mit dem Ziel, die Kon­trolle über die eine oder andere Energiequelle zu erlan­gen. Nicht so wichtig, dass dann immer die gle­ichen ster­ben: Zivilis­ten, Frauen und Kinder.

Ich habe auch an Her­rn Putin gedacht, den neuen Zaren Rus­s­lands, der in seinem Land sys­tem­a­tisch die Men­schen­rechte ver­let­zt und sich über jegliche Art von Oppo­si­tion lustig macht.

Ich habe an die Saud­is und an ihre auf Ter­ror grün­den­den Regierun­gen gedacht, mit denen wir west­liche Län­der riesige Geschäfte machen.

Ich habe an Erdoğan gedacht, der seine Geg­n­er foltert, tötet und einsper­rt.

Ich habe auch an mein eigenes Land gedacht, in dem jede Regierung mit Geset­zes­dekreten pausen­los die Rechte von Stu­den­ten und Arbeit­nehmern beschnei­det.

Kurzum, das sind sie, die Haupt­darsteller des prächti­gen Ban­ketts, das im let­zten Juli in Ham­burg stattge­fun­den hat. Die größten Kriegstreiber und Mörder, die unsere heutige Welt ken­nt.

Bevor ich nach Ham­burg kam, habe ich auch an die Ungerechtigkeit gedacht, die unseren Plan­et zer­stört. Es scheint mir schon fast banal zu wieder­holen, dass 1% der reich­sten Bevölkerung der Welt genau so viel Reich­tum besitzt wie 99% der ärm­sten Bevölkerung zusam­men. Es scheint mir schon fast banal zu wieder­holen, dass die 85 reich­sten Men­schen auf der Welt genau so viel Reich­tum besitzen wie 50% der ärm­sten Bevölkerung der Welt zusam­men. 85 Men­schen gegenüber 3,5 Mil­liar­den. Nur ein paar Zahlen, die aus­re­ichen, um eine Vorstel­lung zu bekom­men.

Und dann, Frau Rich­terin, Frau Schöf­fin, Herr Schöffe, Frau Staat­san­wältin, Herr Jugendgericht­shelfer, bevor ich nach Ham­burg kam, habe ich an meine Stadt gedacht: an Fel­tre. Das ist der Ort, an dem ich geboren wurde, an dem ich aufgewach­sen bin, an dem ich leben möchte. Es ist ein kleines mit­te­lal­ter­lich­es Städtchen, das wie ein Juwel in die östlichen Voralpen ein­ge­lassen liegt. Ich habe an die Berge gedacht, die sich bei Son­nenun­ter­gang rosa fär­ben. An die wun­der­schö­nen Land­schaften, die ich das Glück habe aus dem Fen­ster meines Zuhaus­es sehen zu kön­nen. An die umw­er­fende Schön­heit dieses Ortes.

Und dann habe ich an die Flüsse in meinem schö­nen Tal gedacht, die von den vie­len Unternehmern geschän­det wer­den, die Genehmi­gun­gen haben wollen, um dort Elek­tro-Wasser­w­erke zu bauen, unbeachtet der Schä­den, die sie der Umwelt und der Bevölkerung zufü­gen. Ich habe an die Berge gedacht, die vom Massen­touris­mus befall­en wer­den und zu einem grausi­gen Mil­itärübungsplatz gewor­den sind.

Ich habe an den wun­der­schö­nen Ort gedacht, an dem ich lebe und der an skru­pel­lose Geschäftemach­er ver­scher­belt wird. Genau­so wie viele andere Täler in jed­er Ecke des Plan­eten, in denen die Schön­heit im Namen des Fortschritts zer­stört wird.

Angetrieben von all diesen Gedanken hat­te ich mich also entsch­ieden, nach Ham­burg zu kom­men und zu demon­stri­eren. Hier­her zu kom­men, war für mich mehr eine Pflicht als ein Recht.

Ich habe es für richtig gehal­ten, mich gegen diese gewis­senlose Poli­tik zu erheben, die unsere Welt in den Abgrund treibt.

Ich habe es für richtig gehal­ten zu kämpfen, damit zumin­d­est etwas auf dieser Welt ein biss­chen men­schlich­er, würde­voller, gerechter wird.

Ich habe es für richtig gehal­ten auf die Straße zu gehen, um daran zu erin­nern, dass die Bevölkerung eben keine Schaf­sh­erde ist und dass sie in Entschei­dung­sprozesse involviert wer­den muss.

Die Entschei­dung, nach Ham­burg zu kom­men, war eine partei­is­che Entschei­dung. Es war die Entschei­dung, mich auf die Seite von denen zu stellen, die um ihre Rechte kämpfen. Und gegen die, die sie ihnen weg­nehmen wollen. Es war die Entschei­dung, mich auf die Seite der Unter­drück­ten zu stellen. Und gegen die Unter­drück­er. Es war die Entschei­dung, gegen die kleineren und größeren Mächti­gen zu kämpfen, die unsere Welt behan­deln, als wäre sie ihr Spielzeug. Und denen es dabei egal ist, dass immer die Bevölkerung ihren Kopf dafür hin­hal­ten muss.

Ich habe meine Entschei­dung getrof­fen und habe keine Angst davor, wenn es einen Preis geben wird, den ich ungerechter­weise dafür zahlen muss.

Nichts­destotrotz gibt es noch etwas, das ich Ihnen sagen möchte, ob Sie mir es glauben oder nicht: Gewalt mag ich nicht. Aber ich habe Ide­ale und ich habe mich entsch­ieden, für sie zu kämpfen.

Ich bin noch nicht fer­tig.

In ein­er his­torischen Zeit, in der über­all auf der Welt neue Gren­zen entste­hen, neue Zäune mit Stachel­draht aufge­baut und von den Alpen bis zum Mit­telmeer neue Mauern errichtet wer­den, finde ich es wun­der­voll, dass Tausende junger Men­schen aus jedem Teil Europas bere­it sind, gemein­sam in ein­er einzi­gen Stadt für ihre Zukun­ft auf die Straße zu gehen. Über jede Gren­ze hin­aus. Mit dem einzi­gen Ziel, die Welt etwas bess­er zu machen als wir sie vorge­fun­den haben.

Denn, Frau Rich­terin, Frau Schöf­fin, Herr Schöffe, Frau Staat­san­wältin, Herr Jugendgericht­shelfer, wir sind nicht die Schaf­sh­erde von zwanzig mächti­gen Herrschaften. Wir sind Frauen und Män­ner, die das Recht haben wollen, über ihr eigenes Leben selb­st zu entschei­den.

Dafür kämpfen wir. Und dafür wer­den wir weit­erkämpfen.

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