Unsere Klasse

„Wir müssen gegen diese Prekarisierung der Minijobs, der Minilöhne und der Minirenten kämpfen“

Auf der Gorillas-Demonstration am vergangenen Dienstag sprach Anai Paz als prekär Beschäftigte und Aktivistin von Klasse Gegen Klasse über ihre Erfahrungen mit prekärer Arbeit, die Sackgasse des nachhaltigen Konsums und die Notwendigkeit, die vielen Kämpfe zu verbinden.

foto: Michaela Kobsa-Mark, independent documentary filmmaker

Anai Paz arbeitet in einem Berliner Biosupermarkt, ist bei Klasse Gegen Klasse aktiv und begleitet seit einem halben Jahr den Arbeitskampf beim Lieferdienst Gorillas. Viele der Beschäftigten, die gegen Entlassungen, für bessere Arbeitsbedingungen und einen Betriebsrat kämpfen, kennt sie inzwischen sehr gut. Dementsprechend emotional war sie, als sie am vergangenen Dienstag auf der Demonstration der Gorillas-Beschäftigten die Bühne betrat. „Ich muss sagen, dass ich heute sehr glücklich und emotional bin. Für mich persönlich war es eine große Reise, und ich bin einigen von euch nahegekommen, und ich würde sagen, wir haben in diesem Kampf so viel voneinander gelernt“, sagte sie gleich zu Beginn ihrer Rede.

Ihre Rede hielt sie auf Englisch, im Kampf bei Gorillas die wichtigste Verkehrssprache. Die deutsche Übersetzung der gesamten Rede findet sich unten.

In ihrer Rede erklärte sie nicht nur ihre Solidarität oder stellte politische Forderungen. Sie ging vielmehr von ihren eigenen Erfahrungen mit prekärer Arbeit, der Erschöpfung, den körperlichen Belastungen und den miesen Löhnen aus – eine Gemeinsamkeit mit Kurierfahrer:innen: „Wir haben so viele Dinge gemeinsam – unsere Wut, unsere Erschöpfung und Unterdrückung. Aber auch unseren Widerstand und unseren Kampf. Ihr arbeitet auf Fahrrädern, wir sitzen oder stehen eine ganze Schicht lang, nonstop.“

Sie erzählte, dass sie Kolleg:innen habe, die ihr ganzes Leben lang im Einzelhandel gearbeitet hätten und schon längst in Rente sein sollten, aber weiterhin arbeiten würden, weil ihre Renten nicht reichten. Dass sich Anai sich mit einer solchen Aussicht nicht abfinden wird, war jedoch schnell deutlich, als sie rief: „Unsere Wut ist stark und wächst von Tag zu Tag. Wir müssen gegen diese Prekarisierung der Minijobs, der Minilöhne und der Minirenten kämpfen!“

Dass Bio und Nachhaltigkeit automatisch gute Arbeitsbedingungen und Löhne bedeuten würden, nannte sie „eine dreckige Lüge“. Eine Konsumkritik verdecke lediglich die wahren Verursacher der Klimakrise, der Ausbeutung und der Unterdrückung: „Das sind die großen industriellen Konzerne, die Staaten und ihre Regierungen“, so Anai. Auch Rassismus gehöre in den Biosupermärkten zum Alltag. Racial Profiling werde im Einzelhandel Stunde um Stunde reproduziert und normalisiert.

Von der kommenden Ampelregierung erhofft sie sich wenig. „Die neue Regierung will die Arbeitszeiten verlängern. Sie nennt es ‚Flexibilisierung der Arbeitszeiten‘. Was für eine nette, verlogene Formulierung!“, so die junge Arbeiterin. „Das heißt, wir werden bis zu 12 Stunden arbeiten. Was ist das für eine Scheiße?“

Trotz all dieser Angriffe fehlt Anai nicht der Mut: „Wir brauchen jeden Tag das, was hier, genau jetzt, in diesem Moment passiert! Wir brauchen mehr politische, wilde und gewerkschaftliche Streiks und ihr Gorillas-Kurier:innen habt uns gezeigt, dass es möglich ist, sogar in diesen prekären Sektoren!“ Anai weiter: „Und lasst uns dafür kämpfen, dass auch unsere Gewerkschaften sich anschließen und ihre Basis mobilisieren.“

Ebenso kämpferisch schloss sie ihre Rede:

Denn wenn sich die Arbeiter:innenklasse und die Unterdrückten zusammenschließen, sind sie eine unaufhaltsame Kraft. Wir halten diese Gesellschaft am Laufen und haben die Macht, für eine neue Gesellschaft zu kämpfen. An injury to one is an injury to all of us! Mit meiner und all unseren Fäusten in der Luft sagen wir: Die vereinten Arbeiter:innen werden niemals besiegt!
In die abschließende Parole fielen viele der Anwesenden ein.

Die ganze Rede in deutscher Übersetzung:

„Hallo zusammen!

Mein Name ist Anai und ich arbeite im Supermarkt. Genauer gesagt bei Bio Company, einem Epizentrum falscher grüner Versprechen und Ausbeutung.
Ich bin politisch aktiv und organisiert bei Klasse Gegen Klasse und der Revolutionären Internationalistischen Organisation (RIO). Meine Genoss:innen und ich unterstützen diesen Kampf bei Gorillas seit einem halben Jahr. Ich muss sagen, dass ich heute sehr glücklich und emotional bin. Für mich persönlich war es eine große Reise, und ich bin einigen von euch nahegekommen, und ich würde sagen, wir haben in diesem Kampf so viel voneinander gelernt. Heute möchte ich meine eigenen Erfahrungen als prekär Beschäftigte mit euch teilen und euch zeigen, wie wichtig es ist, all diese Kämpfe miteinander zu verbinden.

Gorillas und Einzelhandelsangestellte: Wir haben so viele Dinge gemeinsam – unsere Wut, unsere Erschöpfung und Unterdrückung. Aber auch unseren Widerstand und unseren Kampf. Ihr arbeitet auf Fahrrädern, wir sitzen oder stehen eine ganze Schicht lang, nonstop. Seit ich im Supermarkt arbeite, leide ich unter chronischen Rückenschmerzen, die trotz ärztlicher Behandlung nicht besser werden. Nur 12 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel haben keine Rückenschmerzen, was bedeutet, dass Wirbelsäulenschmerzen die Krankheit Nummer eins unter uns sind. Dazu kommen Dauerstress, Müdigkeit und Erschöpfung. Alle meine Kolleg:innen leiden unter demselben Problem. Dieses System macht uns krank und bringt uns um. Mein Schmerz bricht gerade jetzt, wo ich diese Rede halte, auf und unter meinem Rücken durch. Ich schlucke den Schmerz – die Schmerzmittel, die ich in meiner Tasche, in meinem Portemonnaie, auf meinem Nachttisch, in meinen Gedanken und bei der Arbeit finde.

Wegen Corona ist der Druck in unserem Job immens gestiegen. Wir sind besorgt, unseren Arbeitsplatz zu verlieren, haben Angst, uns mit dem Virus anzustecken, und sind insgesamt an unsere Grenzen gestoßen. Unsere Filiale ist seit Monaten unterbesetzt. Die Mitarbeiter:innen kündigen, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist und die Bedingungen so schlecht sind. Unser Betriebsrat wird seit Jahren kooptiert, nur die Führungskräfte sitzen bequem in ihren warmen Büros und tun nichts, absolut nichts, um unsere Situation als Arbeiter:innen zu verbessern. Ich ermutige alle Gewerkschaften, wie meine, die NGG, unsere Kämpfe zu unterstützen und wilde Streiks zu legalisieren.

Unsere Löhne sind ein Witz, der uns an der Armutsgrenze hält. Kolleg:innen, die ihr ganzes Leben lang im Einzelhandel gearbeitet haben und schon längst in Rente sein sollten, arbeiten weiterhin in meinem Laden, weil ihre Renten nicht ausreichen, um die Grundbedürfnisse zu decken. Mit lächerlichen Prämien versuchen die Geschäftsleitung und die Chef:innen, unsere Unzufriedenheit und Wut zu beschwichtigen, aber unsere Wut ist stark und wächst von Tag zu Tag. Wir müssen gegen diese Prekarisierung der Minijobs, der Minilöhne und der Minirenten kämpfen. Als Arbeiter:innen sollten wir selbst entscheiden können, wie wir arbeiten wollen, und wir sollten die Kontrolle über die Produktionsmittel haben, nicht der Markt oder die Bosse, denn wir wissen aus eigener Erfahrung am besten, was gut für uns ist. Für einen Lohn, der zum Leben reicht, gegen befristete Verträge und Outsourcing!

Die Leute assoziieren Bio und Nachhaltigkeit automatisch mit guten Arbeitsbedingungen und Löhnen, aber das ist eine dreckige Lüge! Ich muss mich jeden Tag umherbewegen und schwere Kisten mit ‚grünen‘ Produkten und Versprechungen auspacken, die dann zum doppelten, dreifachen Preis verkauft werden: wofür??? Damit du dich beim Kauf gut fühlst und glaubst, dass du mit deiner individuellen Superheld:in-Supermarkt-Aktion die Welt vor der Apokalypse retten wirst? Damit sich die Bosse und Kapitalist:innen die Taschen füllen, während wir immer ärmer werden. Wacht auf! Der Kapitalismus wird niemals grün sein! Im Gegenteil, der Kapitalismus zerstört, tötet und unterdrückt alles, was er auf seinem Weg findet. Der Mythos und unsinnige Diskurs des ‚bewussten Konsums‘, des ‚nachhaltigen Lebens‘: Das passt perfekt zum neoliberalen Credo der Herrschenden. Diese Konsumkritik verdeckt die wahren Verursacher der Klimakrise, der Ausbeutung und der Unterdrückung – das sind die großen industriellen Konzerne, die Staaten und ihre Regierungen. ‚Die Macht der Konsument:innen kann die Welt verändern‘, heißt es. Ich würde es anders formulieren: ‚Die Macht der Arbeiter:innen und der Unterdrückten kann die Welt verändern.‘

Die sogenannte ‚Toleranz‘ und ‚Vielfalt‘ haben in allen Geschäften oberste Priorität und sind Teil der Grundsätze der Bio Company. Gleichzeitig gehört Rassismus zum Alltag in den Supermärkten. BIPoC, Menschen mit Kopftuch und andere werden als Hauptverdächtige bei Diebstählen betrachtet und kontrolliert. Racial Profiling wird im Einzelhandel Stunde um Stunde reproduziert und normalisiert. Die Regierung und ihre Parteien sind für die systematischen und strukturellen rassistischen Gesetze verantwortlich.

Apropos Regierung: Die neue Regierung will die Arbeitszeiten verlängern. Sie nennt es ‚Flexibilisierung der Arbeitszeiten‘. Was für eine nette, verlogene Formulierung! Das heißt, wir werden bis zu 12 Stunden arbeiten. Was ist das für eine Scheiße? Ich bin und wir sind nach acht Stunden völlig erschöpft und fertig! Das ist völlig verrückt und ein schwerer Angriff auf unsere Klasse. Die Regierung ist schuld, weil sie diese Bosse und Unternehmen unterstützt, um solche Angriffe zu ermöglichen. Und die Regierung mit ihren Gesetzen ist auch schuld daran, dass so viele von euch Rider:innen entlassen wurden und dass wir alle an der Armutsgrenze leben. Was ist also unsere Antwort darauf? Passiv zu Hause sitzen? Wir brauchen Mobilisierungen, Streiks und Generalstreiks gegen diese Angriffe. Und wir alle müssen uns, wie Gorillas es uns gezeigt hat, an unseren Arbeitsplätzen organisieren.

Egal ob es um das Thema Miete geht (wir haben ‚Deutsche Wohnen und Co. Enteignen‘ hier), oder um Rechte für Migrant:innen (wie Migrantifa) oder die Rechte von FLINTA, oder um Kämpfe und Streiks in wichtigen Bereichen der Gesellschaft wie dem Einzelhandel, bei den Pflegekräften, der Krankenhausbewegung oder den großen Industrieunternehmen:
Wir brauchen jeden Tag das, was hier, genau jetzt, in diesem Moment passiert! Wir brauchen mehr politische, wilde und gewerkschaftliche Streiks und ihr Gorillas-Kurier:innen habt uns gezeigt, dass es möglich ist, sogar in diesen prekären Sektoren! Sogar in diesem steifen, starren Land voller Gesetze im Interesse der herrschenden Klasse. Ihr seid ein Leuchtturm, der scheint und so viele von uns inspiriert. Ihr habt meine Kolleg:innen und mich inspiriert, als wir uns vor ein paar Wochen mitten in einer Schicht unterhalten haben, um wild gegen unsere Arbeitsbedingungen zu streiken. Und mitten in dieser Diskussion haben wir euch und euren Mut erwähnt.

Lasst uns dieses Bündnis weiter ausbauen und mit dieser Kraft die Gerichtsverfahren, die in den nächsten Monaten stattfinden werden, unterstützen. Lasst uns zusammenarbeiten, um mehr Bündnisse von Arbeiter:innen zu organisieren. Und lasst uns dafür kämpfen, dass auch unsere Gewerkschaften sich anschließen und ihre Basis mobilisieren.
Seht euch an, was wir heute Abend organisiert haben. Es sieht verdammt schön und so verdammt mächtig von hier aus! Wir sollten das hier, hier heute Abend, zur neuen Normalität machen! Unsere Kräfte und Kämpfe bündeln, auf den Straßen Einheit schaffen gegen die Angriffe von Staat und Kapital.

Und das nicht nur in Deutschland: Die Arbeiter:innenklasse und auch die Lieferarbeiter:innen kämpfen in den letzten Jahren auf allen Kontinenten gegen die Bosse und die Kapitalist:innen. Was für ein schönes Bild! Findet ihr nicht auch? Denn wenn sich die Arbeiter:innenklasse und die Unterdrückten zusammenschließen, sind sie eine unaufhaltsame Kraft. Wir halten diese Gesellschaft am Laufen und haben die Macht, für eine neue Gesellschaft zu kämpfen. An injury to one is an injury to all of us! Mit meiner und all unseren Fäusten in der Luft sagen wir: Die vereinten Arbeiter:innen werden niemals besiegt!”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.