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“Wir hoffen nur am Ende nicht irgendwo einen Toten zu finden, den wir vergessen haben”

Die Initiative „Aktion Notaufnahmen retten” organisiert bundesweit die Vernetzung von Beschäftigten. Die Situation in den Kliniken ist dramatisch schlecht, analysieren drei Aktive im Interview.

“Wir hoffen nur  am Ende nicht irgendwo einen Toten zu finden, den wir vergessen haben”
Foto: Gorodenkoff / shutterstock.com

Lisa Sommer, Leonie Richter und Via Berger arbeiten in Notaufnahmestellen in Berlin und sind aktiv in der Initiative „Notaufnahme retten”. Sie besteht derzeit aus Kolleg:innen verschiedener zentraler Notaufnahmestellen in Berlin, Münster und München. Die drei Beschäftigten erzählen im Interview von ihrem Alltag und Forderungen. Mehr informationen zur Initiative. 

Ihr arbeitet alle drei in der Notaufnahme. Würdet ihr diese freiwillig als Patientinnen aufsuchen?

Lisa: Wenn es sich vermeiden lässt: Nein, auf keinen Fall. Du spielst ja auch nicht freiwillig Russisch Roulette. Die Rettungsstellen sind permanent unterbesetzt, so dass Patient:innen wegen fehlenden Personals oft nicht gerettet werden können. In jeder Klinik. In ganz Deutschland.

Wie hat sich die Situation mit der Pandemie verändert?

Leonie: Es wird in den Medien viel über die Überlastung der Intensivstationen geredet. Aber über Normalstationen oder uns in der Notaufnahme so gut wie gar nicht. Bei uns kommen fast alle Corona-Patient:innen vorbei, die ins Krankenhaus eingeliefert werden. Und wenn die Stationen voll sind, stauen sich die Patient:innen in der Notaufnahme, ohne dass wir sie adäquat versorgen können. Zum Höhepunkt der vierten Welle warteten die Krankenwagen teilweise eineinhalb Stunden vor dem Eingang.

Entspannt die neue Corona-Politik die Situation?

Lisa: Nein, am Ende wird die Pandemie auf unseren Rücken ausgetragen. Nach zwei Jahren Corona gibt es so wenig Krankenhauspersonal wie noch nie. Es gibt nicht nur zu wenig Schnelltests, sie sind auch noch unsicher (60 Prozent Treffsicherheit). Immer noch sagen Patient:innen zu mir, dass sie noch nie einen so tiefen Abstrich bekommen haben, wie wir ihn machen. Es gibt viel zu wenig Impfaufklärung. Auf der einen Seite denken Geboosterte, sie könnten sich nicht mehr anstecken, auf der anderen gibt es immer noch zu viel Ungeimpfte. Die Bürgermeisterin Giffey erklärt das dann mit ihrem rassistischen Mist (Giffey hatte angedeutet, dass Migrant:innen öfter skeptisch gegenüber Impfungen seien, Anm. KgK) Aber Corona ist nur die Kirsche auf der Torte.

Was meinst du damit?

Via: Auch vor der Pandemie kam es wegen des akuten Personalmangels schon täglich zu Gefährdungen von Patient:innen in allen Notaufnahmen. Manchmal fehlt uns sogar die Zeit, die Priorität in der Behandlung von neuankommenden Patient:innen richtig zuzuweisen. Da kann es schonmal passieren, dass der offene Bruch unter der Jacke nicht gesehen wird. Bereits 2008 haben die Fachgesellschaften der Pflege eine verbindliche Personalbemessung für die Notaufnahmen gefordert. Und erneut in den Jahren 2010, 2014 und 2018. Doch die Situation hat sich eher verschlechtert als verbessert.

Wie sieht eine normale Schicht in der Notaufnahme aus?

Lisa: Vor einigen Tagen war ich die einzige examinierte Pflegekraft in meiner Schicht. Mit zwei Medizinischen Fachangestellten musste ich nicht nur die Patient:innen versorgen, die mit einem Pickel am Arsch in die Notaufnahme kommen, sondern auch acht Intensivpflichtige. Vier von ihnen mussten intubiert und beatmet werden. Aber wir haben nur drei Beatmungsgeräte in der Notaufnahme, sodass ich einen Patienten 30 Minuten per Hand beatmen musste. Auf der Intensivstation gibt es, wenn es gut läuft, einen Betreuungsschlüssel von eins zu zwei. Das heißt, eine Pflegekraft auf zwei Patient:innen. Ich musste acht gleichzeitig betreuen.

Aber das ist doch keine normale Schicht…

Leonie: Es gibt viel zu viele Schichten, wo wir nur hoffen, am Ende nicht irgendwo einen Toten zu finden, den wir vergessen haben. Vom Management wird uns dann gesagt, dass wir uns die Arbeit auf der Notaufnahme selber ausgesucht hätten und dass es auf der Notaufnahme „manchmal ein bisschen spannend sein kann“ und wir gefälligst dankbarer sein sollten für den Job. Es seien ja nur einzelnen Schichten, die besonders krass sind und deshalb könnte ja nicht permanent genug Personal vorbehalten werden. Bei der Feuerwehr würde keiner auf die Idee kommen, Stellen zu streichen, wenn es mal nicht brennt.

Warum ist gerade in den Notaufnahmen die Situation so schlimm?

Via: Das liegt zu einem großen Teil an der Krankenhausfinanzierung durch Fallpauschalen. Die Fälle werden zum größten Teil auf Normalstationen abgerechnet. Wenn ein:e Patient:in zehn Mal mit Bauchschmerzen in die Notaufnahme kommt, kann das nur einmal abgerechnet werden. Für die Behandlung von Menschen ohne Krankenversicherung oder festen Wohnsitz gibt es auch keine Vergütung. Wir haben bei uns im Haus monatlich rund 10.000 Kontakte mit Patient:innen, die nicht berechnet werden können. Notaufnahmen sind in allen Kliniken hoch defizitär.

Werden die Personalkosten seit der Pflegereform nicht direkt  von den Krankenkassen übernommen?

Leonie: Nicht in der Notaufnahme. Wir sind nicht als Pflege, sondern nur als „Funktionsdienst“ eingestuft. Auch der Pflegeschlüssel wurde von Jens Spahns Reförmchen nicht für die Notaufnahmen festgelegt. Das erste Mal, dass ein solcher Pflegeschlüssel zumindest auf dem Papier erkämpft wurde, war letztes Jahr mit dem Tarifvertrag Entlastung in Berlin. Wir wollen die Kampagnel in Notaufnahmen in ganz Deutschland ausweiten. Es braucht eine gesetzliche Regelung für eine andere Krankenhausfinanzierung und mehr Personal in den Notaufnahmen.

Was wollt ihr mit der Kampagne erreichen?

Via: Wir wollen bundesweit Beschäftigte der Notaufnahmen zusammenbringen, um gemeinsam für mehr Personal und eine andere Finanzierung der Krankenhäuser zu kämpfen. Es ist uns wichtig, alle Berufsgruppen der Notaufnahmen zusammen zu bringen: Assistenzärzte, Pflegekräfte, Medizinische Fachangestellte, und Sanitäter:innen, sowie Reinigungskräfte. Es hilft wenig, wenn nur eine Berufsgruppe Verbesserungen bekommt. Derzeit arbeiten wir an einer Bundespetition. Wir bereiten aber auch die Gründung eines Vereines vor.

Was muss sich ändern?

Lisa: Wir brauchen verbindliche Personalschlüssel, die ausreichend sind, um Notfälle stemmen zu können. Nicht nur in der Pflege, sondern in allen Berufsgruppen wie in der Notaufnahme. Wir sitzen alle im selben sinkenden Boot. Dafür muss sich das Finanzierungssystem der Krankenhäuser ändern. Solange die Versorgung von Patient:innen der Marktwirtschaft unterworfen ist, kommen wir aus diesem Teufelskreis nicht raus.

Dieses Interview erschien in gekürzter Form zuerst in der Jungen Welt

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