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“Wir brauchen mehr, effektivere, spontanere Streiktage” – Interview mit einem Amazon-Arbeiter

Arbeiter*innen bei Amazon kämpfen seit mehr als drei Jahren für einen Tarifvertrag. Nicht wenige wünschen sich einen kämpferischeren Kurs von der Gewerkschaft ver.di. Ein Interview mit Bert Hoffmann (Name geändert), Arbeiter und ver.di-Mitglied bei Amazon in Bad Hersfeld.

Gestern war wieder ein Streik bei Ama­zon im hes­sis­chen Bad Hers­feld. Wie lief es?

Heute gab es zum ersten Mal seit Langem wieder einen Streik­tag. Etwa 400 Kolleg*innen waren draußen – ein Erfolg. Aber einige, die son­st immer mit draußen waren, haben sich entsch­ieden trotz­dem zu arbeit­en.

Die ersten Streiks bei Ama­zon in Deutsch­land fan­den vor dreiein­halb Jahren in Hers­feld statt. Inzwis­chen haben tausende Arbeiter*innen an acht Stan­dorten am Arbeit­skampf teilgenom­men. Wie läuft es dieses Jahr?

Im Moment läuft eigentlich gar nichts. Mehr als heiße Luft kommt zur Zeit nicht von ver.di. Im laufend­en Jahr gab es ver­hält­nis­mäßig wenige Streik­tage – wahrschein­lich weniger als zehn. Die Gew­erkschaft möchte die Streik­tage dieses Jahr wohl eher ger­ing hal­ten. Aber damit kann man keinen Kampf gewin­nen.

Ama­zon bre­it­et sich schnell auf dem deutschen Markt aus und eröffnet neue Ver­sandzen­tren für Prime-Kund*innen. Was passiert dort?

Wenn es nach Ama­zon gin­ge, wür­den sie die ganze Welt beherrschen und den sta­tionären Einzel­han­del kaputt machen. Die Ver­sandzen­tren, die auss­chließlich Prime-Bestel­lun­gen bear­beit­en, sind meis­tens in Bal­lungszen­tren wie zum Beispiel Berlin. Hier kön­nen die Kund*innen ihre Waren mit ein­er speziellen App inner­halb von Stun­den geliefert bekom­men. Da ver­sucht man natür­lich mit allen Mit­teln die Bestel­lun­gen so schnell wie möglich zu bear­beit­en. Das bedeutet viel Stress und Zeit­druck für die Mitarbeiter*innen.

Was kön­nte die Gew­erkschaft ver.di jet­zt machen?

Wir soll­ten uns erst­mal fra­gen, was wir Mit­glieder machen kön­nen! Oder speziell ich. Denn ver.di ist eine Mit-Mach-Gew­erkschaft – da sollte man sich natür­lich als Allererstes selb­st mit ein­brin­gen und auch mal den Mund auf­machen.

Aber auch ver.di sollte den Mit­gliedern entsprechend zuhören und sie wertschätzen. Denn sie sollte nicht vergessen, dass die Basis­ar­beit von Kolleg*innen vor Ort gemacht wird. Diese wis­sen ganz genau, wie der Hase im jew­eili­gen Ver­sandzen­trum läuft und nicht umgekehrt.

Wie ist die Stim­mung in der Belegschaft?

Viele streik­ende Kolleg*innen ver­ste­hen die Logik und die Strate­gie nicht, die ver.di zur Zeit fährt. Viele Möglichkeit­en wer­den ein­fach gar nicht aus­genutzt, die Ama­zon in die Bre­douille brin­gen kön­nten. Viele sind auch der Mei­n­ung, dass die “Nadel­stich­tak­tik” von einzel­nen Streik­ta­gen nichts bringt. Wir soll­ten Ama­zon immer deutsch­landweit bestreiken.

Sobald ein Stan­dort in Deutsch­land bestreikt wird, set­zt Ama­zon die ganze Logis­tik in Kraft und legt die Aufträge auf die anderen Ver­sandzen­tren um – sog­ar bis nach Frankre­ich, Polen oder Eng­land. Deshalb kann es dann auch zu Ver­spä­tun­gen bei den Liefer­un­gen kom­men, weil sie län­gere Trans­portwege haben oder ein­fach nicht hin­ter­her kom­men.

Die Stim­mung ist eigentlich gar nicht so gut. Viele ver­trauen ver.di ein­fach nicht mehr oder sind nicht mehr mit der Gew­erkschaft zufrieden. Manche Leute streiken nicht mehr oder treten aus ver.di aus, weil sie das Ver­hal­ten der Gew­erkschaft nicht mehr hin­nehmen wollen. Der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirke hat Ama­zon zur Chef­sache gemacht – aber mehr als Parolen und heiße Luft kam da nie rüber.

Was wäre nötig, das Blatt in diesem sehr lan­gen Arbeit­skampf zu wen­den?

Man sollte Ama­zon viel mehr unter Druck set­zen und den Kuschelkurs been­den. Wir befind­en uns im Arbeit­skampf und nicht beim Kaf­feeklatsch. Dafür brauchen wir mehr, effek­ti­vere und spon­tanere Streik­tage – am Besten deutsch­landweit. Das ist nicht nur meine Mei­n­ung, son­dern die von vie­len Kolleg*innen hier.

One thought on ““Wir brauchen mehr, effektivere, spontanere Streiktage” – Interview mit einem Amazon-Arbeiter

  1. Sonia Rudolph sagt:

    Als ehe­ma­lige MA( vor 8Jahren qua­si entsogt wor­den) sowie Betrieb­srats und Auf­sis­chtrats Miet­glied sehe Ich,wenn die Streiks so weit­er vor sich hin­duem­peln, keinen Erfolg in der Sache.
    Ich kenne organ­isierte Exkol­le­gen die keine Lust mehr haben mitzu­machen !!
    Wie der zitierte Kol­lege sagte,:nur ein gemein­samer Streik ALLER Stand­torte kann NOCH Fruechte tra­gen!!
    Ver­di sollte mehr Energie zeigen und nicht nur grosse Reden schwingen(zB Kol­lege BZIRSKE)

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