Jugend

Wer soll das bezahlen?

Zu Beginn des kommenden Halbjahres wird der Preis des Semestertickets in München um satte 15,7 Prozent angehoben. Ohne große Öffentlichkeit wurde das schon im April dieses Jahres ausgemacht. Die Studierendenvertretungen stimmten dabei dem „Kompromiss“ zu. Doch warum soll mehr für die ständig gesperrte Stammstrecke und die immer verspäteten Busse gezahlt werden?

Wer soll das bezahlen?

„Prüfe die Rechnung, du musst sie bezahlen“, sagte schon Bertold Brecht. Selten war es so einfach wie hier: Um stolze 15,40 Prozent erhöht sich der Gesamtpreis des Semestertickets in München für das kommende Wintersemester. Der Sonderfahrschein für Studierende wurde im Wintersemester 2013/14 eingeführt. Er wird aus einem Soli-Beitrag finanziert, den alle Hochschulangehörigen zusammen mit dem Studienbeitrag zahlen müssen. So darf man mit dem Studierendenausweis das ganze Wochenende und unter der Woche von 18 Uhr am Abend bis 6 Uhr in der Früh innerhalb des Münchner Verkehrsverbundes (MVV) den Öffentlichen Nahverkehr benutzen. Wer zu den übrigen Zeiten legal unterwegs sein will, muss noch eine so genannte IsarCardSemester kaufen.

Der Soli-Beitrag wird nun von 62,50 Euro auf 65 Euro erhöht – eine Steigerung um 4 Prozent. Doch das ist nichts gegen die Erhöhung der zusätzlichen IsarCardSemester: Hier explodiert der Preis von 157 Euro auf 189 Euro, eine Teuerung um satte 20,4 Prozent. Als das Semesterticket eingeführt wurde, zahlte man nur 59 Euro für das Soli-Ticket und 141 Euro für das Upgrade. Der Gesamtpreis erhöhte sich binnen drei Jahren damit um krasse 27 Prozent. Da wird nur eine Frage laut: wer soll das bezahlen?

BAföG und Reallöhne wachsen deutlich langsamer

Ungefähr ein Drittel der Studierenden bekommt BAföG, knapp zwei Drittel arbeiten neben dem Studium. Das BAföG wird nur selten erhöht. Nach einer Erhöhung im Jahr 2010 wird es nun im kommenden Wintersemester um sieben Prozent erhöht werden. Eine regelmäßige Anhebung gibt es nicht. Die arbeitenden Studierenden verdienen monatlich im Durchschnitt 323 Euro. Auch die Reallöhne stiegen im Zeitraum von 2014 bis 2016 lediglich um 7 Prozent. Wer soll also eine Erhöhung um 27 Prozent bezahlen?

Die Studierendenvertretungen der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), der Technischen Universität München (TUM) und der Hochschule München einigten sich auf einen „Kompromiss“ mit der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), der Deutschen Bahn (DB), der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) und dem MVV. Die MVG verlangte sogar eine Steigerung um 20 Prozent, während MVV eine Teuerung um 15 und die Studierenden um 4 Prozent verlangten. Somit bliebt dieser „Kompromiss“ sogar über dem mittleren Steigerungsvorschlag.

Die MVG argumentiert, dass das Ticket ohne Preissteigerung nicht finanzierbar sei. Das über die Stadtwerke München zur Landeshauptstadt gehörende Unternehmen, dessen Aufsichtsratsvorsitzender der Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ist, wirtschaftet schon seit Jahren mit Gewinn. Und auch die Stadt selbst hat im Jahr 2015 einen Überschuss von 340 Millionen Euro erwirtschaftet. Warum das Ticket dann so stark steigen muss, ist nur damit zu erklären, dass wohl einige in den Konzernspitzen die Taschen nicht voll genug bekommen.

Kostenloser Öffentlicher Nahverkehr für alle

Und für das viele Geld wird es auch nicht mehr Leistung geben. Jedes Jahr steigt die Einwohnerzahl Münchens um gut 25.000 Menschen – einen Plan dafür haben weder MVG noch die S-Bahn-Betreiberin DB. Dabei fällt der Münchner Nahverkehr bei jedem kleinsten Windstoß in sich zusammen. Vor einigen Monaten sorgte eine Taube, die einen Kurzschluss an einer Oberleitung der Stammstrecke verursachte, für stundenlanges Verkehrschaos.

Doch nicht nur Studierende sollten in den Genuss vergünstigter Fahrscheine kommen. Vor allem junge Arbeiter*innen und prekär Beschäftigte leiden unter den hohen Fahrpreisen. So gibt es immer noch kein Ticket für Auszubildende. Ganz zu schweigen davon, dass Geflüchtete fast völlig vom Öffentlichen Nahverkehr ausgegrenzt werden.

Öffentlicher Nahverkehr muss kostenlos sein. Die Stadt sollte ihn für alle öffnen – ohne dabei Gewinn zu machen, den sich Funktionäre in die Taschen stecken. Er wird sowieso schon aus unseren Löhnen gezahlt – sei es durch Steuern oder durch das, was sich die Bosse von unseren Löhnen zu viel nehmen. Also, wer soll das bezahlen: die Bosse!

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