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„Wenn wir eine Fabrik betreiben können, können wir auch ein Land betreiben.“

Inter­view mit Raul Godoy, Arbeit­er aus der beset­zten Fab­rik Zanon in Argen­tinien

„Wenn wir eine Fabrik betreiben können, können wir auch ein Land betreiben.“

// Inter­view mit Raul Godoy, Arbeit­er aus der beset­zten Fab­rik Zanon in Argen­tinien //

Raul Godoy (Jahrgang 1965) ist Arbeit­er in der Lack­abteilung der Keramik­fab­rik Zanon in der patag­o­nis­chen Stadt Neuquén in Argen­tinien. Er ist auch stel­lvertre­tender Vor­sitzen­der der Neuquén­er Gew­erkschaft der Keramikar­bei­t­erIn­nen (SOECN). Er spielte eine führende Rolle beim Arbeit­skampf in Zanon in den Jahren 2001-02, der in der Beset­zung der Fab­rik durch die Belegschaft mün­dete. Seit 2002 pro­duzieren die Zanon-Arbei­t­erIn­nen unter Arbei­t­erIn­nenkon­trolle und haben ihr Unternehmen in „FaS­in­Pat” (Fábri­ca Sin Patrones – Fab­rik ohne BesitzerIn­nen) umge­tauft.

Zanon ist in vie­len Teilen der Welt bekan­nt, weil die Zanon-Arbei­t­erIn­nen seit 2002 unter Arbei­t­erIn­nenkon­trolle pro­duzieren. Kannst du ein biss­chen über die Fab­rik erzählen?

Zanon ist die größte und auch die mod­ern­ste Keramik­fab­rik auf dem Kon­ti­nent. Hier wer­den vor allem Fliesen pro­duziert, die in mehr als 25 Län­der exportiert wer­den. Bis zu 1.500 Men­schen kön­nten hier arbeit­en. Momen­tan sind wir 470 Arbei­t­erin­nen und Arbeit­er, die die Fab­rik in Eigen­regie am Laufen hal­ten.

Aber wie war die Sit­u­a­tion der Fab­rik bis zum Jahr 2001? Hat­te sie davor schon eine beson­dere Kampf­tra­di­tion?

In Zanon gab es so gut wie keine Kampf­tra­di­tion. Die Fab­rik wurde im Jahr 1980, also unter der Mil­itärdik­tatur, gegrün­det und von Anfang an gab es eine eis­erne Kon­trolle über die Arbeits­diszi­plin. Nach dem Sturz der Dik­tatur wurde eine Gew­erkschaft organ­isiert, aber sie war durch die Gew­erkschafts­bürokratie kon­trol­liert. Die Gew­erkschafts­führerIn­nen hat­ten immer Abmachun­gen mit dem Unternehmen: Wenn der Besitzer Lui­gi Zanon fünf Arbei­t­erIn­nen ent­lassen wollte, hat er 20 Ent­las­sun­gen angekündigt, damit diese Gew­erkschaft dann 15 Arbeit­splätze „ret­ten” kon­nte. Später, als wir die Fab­rik beset­zt hat­ten, gab es mehrere Räu­mungsver­suche durch Streik­brecherIn­nen und SchlägerIn­nen – in deren Rei­hen sahen wir auch diese Gew­erkschafts­bürokratIn­nen wieder!

Was waren die ersten Schritte beim Arbeit­skampf in den Jahren 2001-02?

Im Jahr 2001 explodierte eine Sit­u­a­tion, die sich jahre­lang ange­bah­nt hat­te. In unserem Fall kon­nten wir die Interne Kom­mis­sion [unge­fähr ver­gle­ich­bar mit einem Betrieb­srat] bere­its im Jahr 1998 den Hän­den der Gew­erkschafts­bürokratie entreißen. Weil wir uns nicht öffentlich tre­f­fen kon­nten, organ­isierten wir Fußball-Spiele am Woch­enende, um die Kol­le­gen für eine oppo­si­tionelle Betrieb­srat­sliste zu gewin­nen.

Als Interne Kom­mis­sion began­nen wir, Ent­las­sun­gen und Sus­pendierun­gen zu brem­sen und an den Gen­er­al­streiks teilzunehmen, die von den Gew­erkschaft­szen­tralen aus­gerufen wur­den. Doch bei diesen Protesten hat­ten wir unser eigenes Pro­gramm, das sich von den bürokratis­chen Zen­tralen unter­schied. Im Jahr 2000 eroberten wir dann auch die lokale Keramikar­bei­t­erIn­nen-Gew­erkschaft SOECN zurück.

Und du bist jet­zt der Gew­erkschaftsvor­sitzende?

Ich hat­te diesen Posten mehrere Jahre inne. Aber wir haben für unsere Gew­erkschaft ein sehr demokratis­ches Statut ver­ab­schiedet, das neben einem durch­schnit­tlichen Arbei­t­erIn­nen­lohn für alle Funk­tionärIn­nen und auch das Rota­tion­sprinzip für alle Funk­tio­nen vor­sieht. Deswe­gen ist jet­zt ein ander­er Kol­lege Vor­sitzen­der und ich bin stel­lvertre­tender Vor­sitzen­der.

Es war der Tod eines Zanon-Arbeit­ers, der einen qual­i­ta­tiv­en Sprung in der Kampf­bere­itschaft der Belegschaft mit sich brachte. Kannst du davon erzählen?

Daniel Fer­ras, ein Arbeit­er in der Fab­rik, starb am 16. Juli 2000 in den Armen von einem Basis­delegierten, weil das geset­zlich vorgeschriebene medi­zinis­che Gerät im Betrieb nicht vorhan­den war. Dieses Ereig­nis löste den ersten „wilden Streik” – um den deutschen Begriff zu ver­wen­den – aus, den wir als neu gewählte Gew­erkschafts­führung anleit­eten. Bei diesem „Streik der neun Tage” haben wir die Fab­rik neun Tage lang mit Streik­posten und Zel­ten vor dem Tor block­iert. Dort ent­stand auch die Frauenkom­mis­sion und auch gab es die ersten Straßenbe­set­zun­gen. Wir hat­ten den Rück­halt von beina­he 100% der Belegschaft. Es war das erste Mal in der Geschichte der Fab­rik, dass ein Streik dieses Aus­maßes stat­tfand; es war das erste Mal, dass die Belegschaft als Ein­heit han­delte. Das war der wirk­liche Anfang des Prozess­es, denn da wurde den Arbei­t­erIn­nen klar, dass wir für das Unternehmen nur Zahlen sind.

Als wir Jahre später die Fab­rik über­nah­men, um unter Arbei­t­erIn­nenselb­stver­wal­tung zu pro­duzieren, riefen wir Daniels Mut­ter an. Sie arbeit­et bis heute bei uns. Daniel hat­te näm­lich seine Fam­i­lie, vor allem seine Mut­ter, finanziell unter­stützt, denn sein Vater und seine Brüder waren arbeit­s­los. Daniel war ein prekär beschäftigter Lei­har­beit­er, als er starb. Wir haben für die Rechte von allen Arbei­t­erIn­nen – ob fest angestellt oder nicht – gekämpft, und Daniel war trotz seines prekären Sta­tus bei jedem Streik, bei jed­er Ver­samm­lung und bei jed­er Demon­stra­tion dabei. Deswe­gen ist er bis heute ein Sym­bol unseres Kampfes.

Wie kam es schließlich im Jahr 2001 zum Beset­zungsstreik?

Im Jahr 2001 explodierte die argen­tinis­che Wirtschaft, mit einem bru­tal­en Fall des Brut­toin­land­spro­duk­ts, der Tausende Fab­rikss­chließun­gen und Mil­lio­nen Ent­las­sun­gen mit sich brachte, und auch die Enteig­nung der Erspar­nisse von Tausenden Kleinan­legerIn­nen. Das rief einige wirk­lich rev­o­lu­tionäre Tage her­vor, die die Regierung von De La Rúa zu Fall bracht­en und ver­schieden­ste kämpferische Bewe­gun­gen entste­hen ließen: Arbeit­slose block­ierten Straßen (das war die „Piquetero”-Bewegung), Volksver­samm­lun­gen etablierten sich in großen Städten, Arbei­t­erIn­nen beset­zten ihre Fab­riken usw. In unserem Fall gab es ab Okto­ber 2001 eine Beset­zung, weil der hoch ver­schuldete Lui­gi Zanon die Fab­rik schließen und fast die gesamte Belegschaft auf die Straße set­zen wollte.

Wie seid ihr von der Fab­rikbe­set­zung zur Pro­duk­tion unter Arbei­t­erIn­nenkon­trolle überge­gan­gen?

Es war ein sehr schwieriger Prozess. Einige von uns waren von Anfang an von diesem Ziel abso­lut überzeugt. Aber die Mehrheit der Arbei­t­erIn­nen hielt das für eine zu große Her­aus­forderung. Schließlich ging es darum, das Pri­vateigen­tum zu ver­let­zen und Polizeire­pres­sion sowie Gericht­sprozesse zu riskieren (was wir am Ende auch hat­ten).

Unsere Posi­tion damals war, die Erfahrung durchzu­machen und das Protest­tem­po der Mehrheit der Kol­legIn­nen zu respek­tieren. Fünf Monate ver­bracht­en wir in Zel­ten außer­halb und inner­halb der Fab­rik. Aber in der Zeit saßen wir nicht ein­fach herum, son­dern bilde­ten Arbeit­skom­mis­sio­nen: eine Pressekom­mis­sion; eine Sol­i­dar­ität­skom­mis­sion, in der Kol­legIn­nen von ver­schiede­nen Organ­i­sa­tio­nen mitar­beit­eten; eine Sicher­heit­skom­mis­sion, die die Beset­zung vertei­digte und sich später in die Fab­rikwache ver­wan­delte; eine Frauenkom­mis­sion, die von Arbei­t­erin­nen der Fab­rik sowie Ehe­frauen, Müt­tern, Töchtern organ­isiert wurde; und noch einige mehr.

Daraus ent­stand eine spek­takuläre Arbei­t­erIn­nen­mil­i­tanz: Eine Rei­he von AktivistIn­nen gewan­nen Erfahrun­gen, die für den Auf­bau der Arbei­t­erIn­nenkon­trolle genutzt wur­den. Während dieses Streiks began­nen wir, die Waren im Lager zu verkaufen, um unsere ausste­hen­den Löhne zu bekom­men – und als die Lager­hallen leer wur­den, beschloss die Belegschaftsver­samm­lung am 2. März 2002 die Wieder­auf­nahme der Pro­duk­tion in Eigen­regie.

Wie funk­tion­iert die Fab­rik ohne BesitzerIn­nen?

Von Anfang an funk­tion­ierte es mit direk­ter Arbei­t­erIn­nen­demokratie. Die gesamte Belegschaft organ­isierte sich in ein­er Art Arbei­t­erIn­nen­rat mit einem/r Koor­di­na­torIn für jede Abteilung, der/die von seinen/ihren Kol­legIn­nen gewählt wird und jed­erzeit abwählbar ist, und dann zwei oder drei Gen­er­alko­or­di­na­torIn­nen, die von der großen Ver­samm­lung gewählt wer­den.

Es gibt jeden Monat eine Ver­samm­lung von allen Arbei­t­erIn­nen, um alle wichti­gen Entschei­dun­gen zu tre­f­fen: Das bet­rifft wirtschaftliche und soziale Fra­gen, Fra­gen der Pro­duk­tion, Fra­gen der Poli­tik usw. Aber auch banale Sachen wie die Länge unser­er Mit­tagspausen entschei­den wir gemein­sam in der Ver­samm­lung. Dort gibt es volle Mei­n­ungs- und auch Frak­tions­frei­heit. Res­o­lu­tio­nen wer­den mit ein­fach­er Mehrheit angenom­men.

Wie hat sich die Gew­erkschaft im Laufe dieser Proteste ver­wan­delt?

Unsere Gew­erkschaft hat ihr Pro­gramm in Wirk­lichkeit schon vor der Krise radikalisiert. Wir haben unsere Poli­tik auf eine klare klassenkämpferische Basis gestellt: Für Ein­heit in den Rei­hen der Arbei­t­erIn­nen­klasse, für die Fes­te­in­stel­lung aller Kol­legIn­nen mit befris­teten Verträ­gen, für gle­ichen Lohn für gle­iche Arbeit usw.

Angesichts der aktuellen kap­i­tal­is­tis­chen Krise haben wir unser Pro­gramm nochmal ver­tieft: Wir sagen ganz klar, dass die Kap­i­tal­istIn­nen die Krise zahlen müssen. Wenn ein Unternehmen behauptet, unter den Fol­gen der Krise zu lei­den, fordern wir die Öff­nung der Geschäfts­büch­er der let­zten Jahre. Und wenn die UnternehmerIn­nen sagen, dass sie das nicht machen kön­nen, dann sagen wir, dass sie gehen sollen und wir führen die Pro­duk­tion unter Arbei­t­erIn­nenselb­stver­wal­tung weit­er.

Wie reagierte die Bevölkerung Neuquéns auf die Beset­zung?

Sehr pos­i­tiv. Die Bevölkerung ver­stand, dass unser Kampf legit­im war. Wir ver­bracht­en Monate damit, unseren Kampf über die ver­schiedene Kom­mis­sio­nen bekan­nt zu machen, wir verteil­ten Fly­er und Bul­letins, wir bat­en um Unter­stützung für den Streik­fonds und wir erk­lärten den Kon­flikt. Aber noch wichtiger war, dass wir die Forderun­gen von allen Arbei­t­erIn­nen und Armen erhoben haben, z.B. demokratis­che Forderun­gen, und nicht nur für uns selb­st gekämpft haben. Dadurch ent­stand eine riesige Sol­i­dar­itäts­be­we­gung. Außer­dem haben wir immer betont, dass die Fab­rik den arbei­t­en­den und armen Com­mu­ni­tys Neuquéns gehört. Wir haben sehr viele Keramikpro­duk­te an Kranken­häuser, Schulen und Woh­nun­gen für obdachlose Men­schen gespendet, und das hat unser Bünd­nis mit anderen Arbei­t­erIn­nen und der Bevölkerung gefes­tigt.

Ihr habt beson­ders mit der Bewe­gung arbeit­slos­er Arbei­t­erIn­nen, den Piqueteros, zusam­mengear­beit­et. Wie hat das funk­tion­iert?

Eine wirk­lich rev­o­lu­tionäre Allianz ent­stand, die ein enormes Poten­tial hat­te, denn es vere­inigte diejeni­gen, die immer durch die Regierun­gen, die UnternehmerIn­nen und die Gew­erkschafts­bürokratie ges­pal­ten wer­den. In Neuquén baut­en wir auf Ini­tia­tive der Keramikar­bei­t­erIn­nen-Gew­erkschaft eine Regionale Koor­dinierung auf, die Keramikar­bei­t­erIn­nen mit Arbeit­slosen von ver­schiede­nen Piquetero-Bewe­gun­gen, Beschäftigten im öffentlichen Gesund­heitssek­tor, LehrerIn­nen, Studieren­den und linken Parteien vere­inigte. Bei jedem Räu­mungsver­such gab es große Mobil­isierun­gen dage­gen in der Stadt.

Diese Ein­heit bedeutete ganz konkret: Als bei Zanon neue Arbeit­splätze geschaf­fen wur­den – die Belegschaft ist von 271 zur Zeit der Beset­zung auf 470 angewach­sen –, gin­gen diese Jobs an arbeit­slose Kol­legIn­nen von ver­schiede­nen Piquetero-Bewe­gun­gen. Heute arbeit­en diese Kol­legIn­nen bei uns als Wach­schutz.

Gab es auch eine Zusam­me­nar­beit mit den indi­ge­nen Völk­ern in der Region?

Auf jeden Fall. Damit zeigten wir, dass die Beziehun­gen unter Arbei­t­erIn­nen und Unter­drück­ten sich nicht nach der Aus­beu­tungslogik, son­dern nach sozialen Kri­te­rien gestal­ten. Wir respek­tieren die Rechte der indi­ge­nen Völk­er und wir unter­stützen ihre Forderun­gen nach Anerken­nung, ihre Kämpfe gegen die Ölkonz­erne usw.

Als die meis­ten Zulief­er­er uns boykot­tierten und keine Roh­ma­te­ri­alien verkauften, die wir für die Her­stel­lung von Keramik braucht­en, set­zte sich das Volk der Mapuche über seine Kon­föder­a­tion mit der Fab­rik in Verbindung und stellte seine Län­dereien und seinen Ton zu Ver­fü­gung, damit wir weit­er­ar­beit­en kon­nten. Heutzu­tage haben wir eine Rei­he von Keramikpro­duk­ten, die „Mapuche” heißt, in der die einzel­nen Pro­duk­te nach den kämpferischsten Mapuche-Führern benan­nt sind.

In den Jahren 2001-02 gab es Hun­derte beset­zte Betriebe in Argen­tinien. Was macht­en die Zanon-Arbei­t­erIn­nen im Rah­men dieser Bewe­gung?

Per­ma­nent arbeit­eten wir dafür, eine Koor­dinierung von jedem Betrieb, der wiederer­obert wurde oder noch im Kampf stand, hinzukriegen. Wir sind durch das gesamte Land gereist, um jeden Betrieb zu besuchen, und mehrmals haben wir große, nationale Tre­f­fen organ­isiert. Doch auch die Regierung ver­suchte auf ihre Art, diese entste­hende Bewe­gung zu vere­in­nah­men.

Von Zanon aus gaben wir die Parole aus: „Wenn sie einen angreifen, greifen sie alle an” und riefen alle Organ­i­sa­tio­nen zur bedin­gungslosen Vertei­di­gung von jedem beset­zten Betrieb gegen jegliche Art von Räu­mung oder Repres­sion auf. Wir forderten ein nationales Enteig­nungs­ge­setz, um alle Arbei­t­erIn­nenselb­stver­wal­tung­spro­jek­te zu legal­isieren.

In Argen­tinien gibt es kaum noch wiederer­oberte Betriebe. Warum hat Zanon über­lebt, während viele andere Betriebe scheit­erten?

Das hat ver­schiedene Gründe. Es gab eine sehr starke Poli­tik der Regierung, um dieses kämpferische Phänomen kalt zu stellen. Sie gab tropfen­weise Unter­stützung für beset­zte Betriebe, die ohne­hin von ihren BesitzerIn­nen aufgegeben wor­den waren. Dem schlossen sich ver­schiedene Organ­i­sa­tio­nen und AktivistIn­nen an, die im Laufe der Zeit sich der offiziellen, „kirch­ner­is­tis­chen” [Anhän­gerIn­nen vom ehe­ma­li­gen Präsi­den­ten Nés­tor Kirch­n­er] Poli­tik anpassten. (Das ist übri­gens der gle­iche Prozess der Vere­in­nah­mung, den viele Piquetero-Organ­i­sa­tio­nen, Volksver­samm­lun­gen, Gew­erkschaften und sog­ar Men­schen­recht­sor­gan­i­sa­tio­nen durch­macht­en.)

In unserem Fall gab es immer eine selb­st­be­wusste Arbei­t­erIn­nenselb­stver­wal­tung, die auf Klasse­nun­ab­hängigkeit basierte. Unsere Poli­tik war immer, die Zusam­me­nar­beit mit anderen Sek­toren, die sich im Kampf befan­den, zu suchen. Wir wussten aber, dass keine Arbei­t­erIn­nenselb­stver­wal­tung gut funk­tion­ieren kann, wenn es im Land Mil­lio­nen Arbeit­slose bzw. Arbei­t­erIn­nen mit mis­er­ablen Löh­nen gibt, wenn wir im Rah­men des kap­i­tal­is­tis­chen Mark­tes in Konkur­renz mit großen Konz­er­nen ste­hen, die im Gegen­satz zu uns über enorme Men­gen von Kap­i­tal ver­fü­gen. Deswe­gen kämpften wir die ganze Zeit für die Enteig­nung der Fab­rik und die Ver­staatlichung unter Arbei­t­erIn­nenkon­trolle.

Vor weni­gen Wochen hat das Par­la­ment der Prov­inz Neuquén die Enteig­nung der Fab­rik beschlossen. Wie kam das zu Stande?

In der Nacht zum 13. August beschloss das Par­la­ment, die Fab­rik zu enteignen und unser­er Koop­er­a­tive FaS­in­Pat [„Fab­ri­ca Sin Patrones – Fab­rik ohne BesitzerIn­nen] zu über­tra­gen. Am Nach­mit­tag vor der Abstim­mung haben über 3.000 Men­schen zum Par­la­ment demon­stri­ert. Unter ihnen waren VertreterIn­nen kämpferisch­er Belegschaften aus dem ganzen Land, z.B. von der U‑Bahn von Buenos Aires. Obwohl der patag­o­nis­che Wind bis zu 60 km/h stark war, har­rten Hun­derte von uns bis in die frühen Mor­gen­stun­den vor dem Par­la­ment aus, bis das Abstim­mungsergeb­nis bekan­nt gegeben wurde.

Sind eure Forderun­gen also erfüllt?

Nicht ganz. Das Gesetz sieht vor, dass die Prov­inz 23 Mil­lio­nen Pesos [etwa vier Mil­lio­nen Euro] an die Gläu­bigerIn­nen des ehe­ma­li­gen Besitzers zahlt. Wir sind der Mei­n­ung, dass diese Schulden von der Fam­i­lie Zanon gemacht wur­den und nicht vom Staat über­nom­men wer­den sollen.

Die Enteig­nung ist nur eine Teil­lö­sung, aber eine, die uns erlaubt, weit­er für unser endgültiges Ziel zu kämpfen, näm­lich die Ver­staatlichung der Fab­rik. Zumin­d­est ist jet­zt mit den Räu­mungsver­suchen und den legalen Prob­le­men Schluss – in den let­zten acht Jahren gab es fünf Ver­suche, uns mit Gewalt zu räu­men.

Wir wollen, dass Zanon defin­i­tiv im Dienst der Bevölkerung ste­ht. Aber dass erst­mal einem Kap­i­tal­ist wie Lui­gi Zanon das Eigen­tum weggenom­men wurde, ist ein gigan­tis­ch­er Schritt.

Wie sieht euer endgültiges Ziel aus?

Wir fordern die Ver­staatlichung unter Arbei­t­erIn­nenkon­trolle, damit wir die Fab­rik bei voller Kapaz­ität betreiben und viele neue Arbeit­splätze schaf­fen kön­nen. Wir brauchen ein öffentlich­es Baupro­gramm, denn allein in der Prov­inz Neuquén fehlen bis zu 40.000 Woh­nun­gen. Eine ver­staatlichte Keramik­fab­rik kön­nte ein wichtiger Teil der Lösung dieses Prob­lems sein.

Du bist Arbeit­er bei Zanon und ein Führungsmit­glied der Gew­erkschaft, aber auch Mit­glied der trotzk­istis­chen „Partei der Sozial­is­tis­chen Arbei­t­erIn­nen“ (PTS). Welche Rolle spielte Eure Partei in diesem Kampf?

Ich glaube, dass die PTS eine fun­da­men­tale Rolle spielte. Viele Kämpfe gehen ver­loren, weil eine Per­spek­tive und eine Strate­gie fehlen. Fun­da­men­tal war, dass wir aus der his­torischen Erfahrung wussten, eine Rei­he von zen­tralen Forderun­gen in den laufend­en Kampf einzubrin­gen: die Öff­nung der Geschäfts­büch­er, die direk­te Demokratie mit Frak­tions­frei­heit, die Beset­zung und die Enteig­nung der Fab­rik. Das gab uns nicht nur ein konkretes Pro­gramm, son­dern auch einen organ­isatorischen Rah­men, um unseren Kampf im ganzen Land – bei ver­schiede­nen Sek­toren der Arbei­t­erIn­nen­klasse und an den Uni­ver­sitäten – bekan­nt zu machen und mit einem Streik­fonds zu unter­stützen. Unsere Arbei­t­erIn­nenselb­stver­wal­tung ist nicht vom Him­mel gefall­en – wir stützten uns auf die Erfahrun­gen ver­schieden­ster Kämpfe, sowohl Siege wie Nieder­la­gen, von vie­len Gen­er­a­tio­nen, die im Laufe der let­zten 200 Jahre ihre Leben für die Sache der Arbei­t­erIn­nen geopfert haben.

In den let­zten Monat­en haben wir eine Rei­he von Fab­rikbe­set­zun­gen in vie­len Län­dern gese­hen. Nor­maler­weise dauern diese Aktio­nen nur einige Tage oder Wochen – aber es gibt auch Fälle, beson­ders in Frankre­ich, wo BesitzerIn­nen und Man­agerIn­nen fest­ge­hal­ten wer­den. Welche Lehren bietet die Erfahrung von Zanon für diese Beset­zun­gen?

Es ist eine gute Nachricht, dass Arbei­t­erIn­nen am Anfang ein­er neuen, his­torischen Krise des Kap­i­tal­is­mus ihre Kampfmeth­o­d­en radikalisieren, genau­so wie die Kap­i­tal­istIn­nen und die Regierun­gen dies tun: Die Herrschen­den radikalisieren ihre Meth­o­d­en, und das bedeutet Mil­lio­nen Arbeit­slose und Hungernde, Mil­lio­nen Ent­las­sun­gen und Sus­pendierun­gen, Repres­sion und Ver­fol­gung gegen diejeni­gen, die kämpfen. Die Meth­o­d­en der Herrschen­den radikalisieren sich auch in Form von Kriegen und Mil­itärein­sätzen wie in Afghanistan, im Irak oder gegen die Palästi­nenserIn­nen. Solche Erschei­n­un­gen wer­den in den kom­menden Jahren immer häu­figer vorkom­men.

Unsere Alter­na­tiv­en müssen wir auch radikalisieren, damit die Kap­i­tal­istIn­nen die Krise ganz konkret bezahlen müssen: Geschäfts­büch­er müssen geöffnet wer­den, damit die Arbei­t­erIn­nen und die Bevölkerung sehen kön­nen, wie die Prof­ite dieser Unternehmen in den let­zten fünf Jahren aus­sa­hen. Fab­riken, die schließen oder mas­siv Leute auf die Straße wer­fen, müssen enteignet und im Dienst der lokalen Bevölkerung in Gang geset­zt wer­den. Das ist aber nur ein Anfang: Es geht auch um die Forderung nach einem öffentlichen Infra­struk­tur­pro­gramm, um Woh­nun­gen für obdachlose Fam­i­lien zu schaf­fen. Wir müssen den vie­len Plä­nen zur Ret­tung von Unternehmen eine klare Abfuhr erteilen, denn sie sind nichts anderes als Garantien für die Prof­ite der Kap­i­tal­istIn­nen.

Welche Bedeu­tung hat die Erfahrung der Zanon-Arbei­t­erIn­nen vor dem Hin­ter­grund der kap­i­tal­is­tis­chen Krise?

Der Kap­i­tal­is­mus ver­rot­tet, aber er wird nicht von alleine stürzen. Er muss gestürzt wer­den. Alles, was er anzu­bi­eten hat, ist weit­ere Mis­ere und mehr Bar­barei. Die Arbei­t­erIn­nen und vor allem diejeni­gen, die die Aus­beu­tung des Men­schen durch den Men­schen bekämpfen wollen, müssen die Rechte der Arbei­t­erIn­nen­klasse und der Bevölkerung vertei­di­gen – vor allem müssen wir eine Alter­na­tive aufzeigen.

Aus dieser Sicht glaube ich, dass unser Pro­jekt der Arbei­t­erIn­nenselb­stver­wal­tung, die seit mehr als acht Jahren läuft, ein Beispiel von der Macht unser­er Klasse ist. Es ist ein kleines Labor, das zeigt, wozu Arbei­t­erIn­nen in der Lage sind. Jahre­lang sagen uns die Herrschen­den, dass wir resig­nieren oder höch­stens für Krümel kämpfen müssen; Sie haben uns gesagt, dass wir keine Alter­na­tiv­en haben, und sie haben soviel Skep­tizis­mus bei uns eingepflanzt, dass viele linke oder radikale Organ­i­sa­tio­nen ihre Pro­gramme und ihre Ziele zurück­geschraubt haben.

Diese neue Krise bedeutet eine enorme Dro­hung, weil sie fürchter­liche Auswirkun­gen auf unsere Lebens­be­din­gun­gen haben wird. Doch gle­ichzeit­ig ist sie eine große Chance für unsere Klasse, das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem zu been­den.

Als ihr die Beset­zung im Jahr 2001 begonnen habt, hast du sicher­lich nicht erwartet, acht Jahre drin zu ver­brin­gen. Also was erwartest du in den kom­menden Jahren?

Unsere Parole war immer: Wenn wir eine Fab­rik betreiben kön­nen, kön­nen wir auch ein Land betreiben.

Diese neun Jahre des Kampfes haben all meine mil­i­tan­ten Überzeu­gun­gen bestätigt. Über die 15 Jahre, die ich in dieser Fab­rik arbeite, kon­nte ich die poli­tis­che Entwick­lung mein­er Kol­legIn­nen beobacht­en.

Am Anfang war eine ver­all­ge­mein­erte Apathie, ein fürchter­lich­er Kor­po­ra­tivis­mus, eine „rette sich, wer kann”-Haltung, ein enormer Indi­vid­u­al­is­mus, und vor allem eine riesen­große Skep­sis. Diese Stim­mung hielt sich jahre­lang, auf­grund von Schlä­gen vom Unternehmen, des Ver­rates der Gew­erkschafts­bürokratie usw.

Doch sobald sich die Ver­hält­nisse in der Fab­rik änderten, änderte sich der Humor, der Lebens­mut, die Moral – die gle­ichen Arbei­t­erIn­nen, die kurze Zeit davor wie Schafe wirk­ten, führten eine Kampf­maß­nahme aus, die bis heute einen his­torischen Charak­ter hat.

Das lag aber nicht nur an der Dynamik des Kampfes: Dafür war es notwendig, dass wir in jed­er Ver­samm­lung, selb­st in jed­er Unter­hal­tung für eine rev­o­lu­tionäre Strate­gie argu­men­tiert und gekämpft haben. Am Anfang haben die Arbei­t­erIn­nen es nicht ver­standen – sie haben es ganz klar abgelehnt – aber in der Hitze der Krise und des Kampfes wur­den dieses Pro­gramm und diese Strate­gie voll­ständig aufgenom­men.

Dieses Batail­lon von Arbei­t­erIn­nen hat ein Pro­gramm, das von mehreren Gen­er­a­tio­nen von Arbei­t­erIn­nen in unzäh­li­gen Kämpfen her­aus­gear­beit­et wurde, in eine lebendi­ge Real­ität ver­wan­delt. Doch wir haben immer noch eine schwierige Auf­gabe vor uns. Andere Sek­toren müssen Schritte wie unsere machen. Also soll unsere Erfahrung weit­er­ver­mit­telt wer­den.

Aus mein­er Sicht brauchen wir vor allem eine poli­tis­che Führung der Arbei­t­erIn­nen – einen wirk­lichen Gen­er­al­stab –, die für diese Per­spek­tive in Argen­tinien und rund um die Welt kämpfen kann.

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